Digitalisierung in der Prävention und Gesundheitsförderung„Angebote der Setting-Prävention: ab 2024 auf einer innovativen Online-Plattform“

Die DIFA (kurz für: Digitale Infrastruktur für Angebote in der Setting-Prävention) ermöglicht erstmalig, Angebote der Setting-Prävention auf einer digitalen Plattform zentral und niedrigschwellig zu bündeln. Die Plattform soll künftig der Ort sein, an dem überregional Beratungen, Schulungen, Moderation, Projektmanagement und Vernetzung leicht und effizient stattfinden. Sie richtet sich an alle, die gesundheitsförderliche Projekte in der Setting-Prävention anbieten und nutzen. Initiator der Plattform ist der Verband der Privaten Krankenversicherung e. V. (PKV-Verband) – eine Mitgliedsorganisation der BVPG.  Im Interview erläutert Dr. Timm Genett, Geschäftsführer Politik im PVK-Verband, die Hintergründe und Planungen für die Umsetzung der DIFA.

Herr Dr. Genett, warum braucht es eine DIFA?

Digitale Gesundheitslösungen gewinnen mehr und mehr an Relevanz. Dazu zählen nicht mehr nur Apps zur individuellen Verhaltensänderung, sondern auch digital unterstützte Angebote im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention in Settings wie Schulen, Pflegeeinrichtungen oder Jugendhilfen. Wie wichtig diese Angebote sind und wie groß die Entwicklungs- und Innovationsbedarfe sind, hat sich vor allem während der SARS-CoV-2-Pandemie gezeigt. Digitale und hybride Angebote sind nicht mehr wegzudenken und werden in vielen Bereichen Mittel der Wahl sein.

2020 haben wir Pathways Public Health GmbH mit einer Expertise zur Recherche und Analyse für eine digitale Plattform in der Setting-Prävention beauftragt. Ein zentrales Ergebnis: Digitale Angebote der Setting-Prävention sind oft schwer auffindbar, selten miteinander verknüpft und häufig nicht in dem Umfang und der Qualität verfügbar, den sich Nutzende wünschen. Bisher gibt es keine technische Lösung, die alle Leistungen der Setting-Prävention gut abbildet. So entstand die Idee, eine digitale Infrastruktur für diese Setting-Angebote zu entwickeln: die DIFA. Sie soll der digitale Ort für möglichst viele settingbezogene Präventionsangebote nach § 20a SGB V bzw. § 5 SGB XI werden – egal ob für Kitas, Schulen, Vereine oder Pflegeeinrichtungen.


Wer profitiert von der DIFA?

Wir möchten eine Plattform entwickeln, die zur Teilnahme an Präventionsangeboten motiviert und verschiedenste Bedürfnisse berücksichtigt. Daher wurden zunächst Interviews und Workshops mit Expertinnen und Experten aus den Bereichen digitale Versorgung, Pflege, Bildung und Prävention durchgeführt. Daraus konnten wir die zentralen Anforderungen an eine Plattform ableiten: Die Plattform soll multifunktional sein und Schulung, Beratung, Projektmanagement und Vernetzung digital oder hybrid ermöglichen. Außerdem wünschen sich die befragten Personen Trainings für einen geschulten Umgang mit digitalen Angeboten und den damit verbundenen Technologien. Denn digitale (Gesundheits-)Kompetenzen können wir nicht bei allen voraussetzen.

Weiterhin besteht der Wunsch nach einer gut auffindbaren und leicht verständlichen Übersicht aller analogen, hybriden und digitalen Angebote der PKV und deren Partnerinnen und Partner. Mit unserer Plattform möchten wir eine Antwort auf diese Anforderungen liefern: Leistungserbringende sollen settingbezogene Präventionsleistungen auf der Plattform entwickeln und anbieten können, Leitungskräfte aus Settings (z. B. leitende Angestellte in Pflegeeinrichtungen oder Kita-Träger) sollen Präventionsprogramme auffinden, initiieren sowie managen können und verschiedenste Gruppen von Nutzenden (z. B. Pflege- und Lehrkräfte, Eltern oder Schülerinnen und Schüler) an den Angeboten teilnehmen können.

Die Plattform wird aber nicht nur für uns und unsere Kooperationspartnerinnen und -partner nutzbar sein, sondern auch für weitere Akteurinnen und Akteure aus dem Bereich der Gesundheitsförderung. Angestrebt wird eine so genannte White Label-Lösung: Entwickelnde und Anbietende von Setting-Programmen sollen künftig große Teile der Plattform im eigenen Corporate Design und nach ihren Nutzungsvorstellungen (z. B. Inhalte, Farben, Logos) beziehungsweise gemäß den Bedarfen der teilnehmenden Gruppen gestalten können.  


Was ist das Innovative an der neuen Plattform?

Ein wichtiges Element der Plattform werden die Projekträume sein. Nutzende werden diese nach ihren eigenen Bedarfen gestalten können. Mithilfe verschiedenster Tools findet hier Beratung, Schulung und Vernetzung statt – alles an einem Ort und optimal aufeinander abgestimmt.

Das auf Moodle basierende Learning Management System ist State-of-the-art. Dank seines Open Source-Ansatzes ist sichergestellt, dass es kontinuierlich verbessert und weiterentwickelt wird. Durch die Eigenentwicklung ermöglicht die Plattform erstmals Projektmanagement-Tools in Moodle – hier schaffen wir einen deutlichen Mehrwert gegenüber vorhandenen technischen Lösungen.

Die Plattform ist ein partizipatives Kooperationsprojekt: Die nutzerzentrierte Umsetzung der Plattform übernimmt IBM iX Berlin GmbH. Die Präventionsprogramme, die wir mit vier unserer Kooperationspartnerinnen und -partner entwickeln, dienen als Pilotprojekte für die DIFA. . Die vier Teams entwickeln parallel erste digitale Angebote – von E-Learnings über digitale Beratungskonzepte bis hin zu individuellen Online-Coachings. Hierbei handelt es sich um das WIR – Walk In Ruhr, Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin, DSPN – Dein Starker Partner für Netzwerke GmbH & Co. KG, die Schwulenberatung Berlin gGmbH und die contec GmbH, die Unternehmens- und Personalberatung in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft.

Nicht nur das Endprodukt selbst, also die multifunktionale Plattform, hat Innovationscharakter. Auch mit dem Prozess der Entwicklung als umfassendes Verbundprojekt gehen wir neue Wege. So ist es stark multiprofessionell und -perspektivisch ausgerichtet, um auf verschiedene Bedürfnisse und Anforderungen zu antworten. Pathways Public Health GmbH ist mit dem Verbundpartnermanagement betraut. Sie managen Informationen, Risiken und Chancen im Projektverlauf, koordinieren Aufgaben und Termine, vermitteln und coachen die Projektpartnerinnen und -partner sowie weitere Stakeholder.


Wie stellen Sie die Qualität der DIFA sicher?

Die Qualität der Plattform sichern wir durch zwei Evaluationen, die fortlaufend Gestaltungs- und Optimierungsimpulse an das Entwicklungsteam herantragen. Hiermit sind Univation, die Universität für Weiterbildung Krems sowie das August-Wilhelm Scheer Institut betraut. Ein Fachbeirat begleitet das Vorhaben seit August 2022. Dieser setzt sich aus Organisationen aus den Bereichen Prävention und Digitalisierung zusammen – viele Perspektiven kommen so zusammen. Im Beirat vertreten sind u. a. die Bundesvereinigung für Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG), das Bundesministerium für Gesundheit (BMG), der Deutsche Landkreistag (DLT), die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und der Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung e.V.


Wann wird die DIFA verfügbar sein?

2023 erfolgt ein sogenannter softer Launch – ab dann können unsere Pilotpartnerinnen und -partner Schulung, Beratung und Vernetzung anbieten und durchführen. Die öffentliche Webseite mit Informationen zu ihren Präventionsprogrammen ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht für die breite Öffentlichkeit zugänglich. Es folgt zunächst eine Evaluationsphase unter Berücksichtigung von weiteren Tests unter den Nutzenden. Im Anschluss stellen weitere PKV-Partnerinnen und -partner ihre Angebote auf der Plattform ein, wobei diese parallel entsprechend der Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer weiterentwickelt wird. Im Anschluss an diese zweite Phase erfolgt 2024 der offizielle Launch und somit die Verfügbarkeit der Plattform für die breite Öffentlichkeit. Ab diesem Zeitpunkt können auch andere Institutionen auf die White Label-Variante der Plattform zugreifen und diese für ihre Zwecke nutzen und weiterentwickeln.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG).

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Dr. Timm Genett, seit 2005 beim Verband der Privaten Krankenversicherung e.V. (PKV-Verband) tätig; seit 2015 als Geschäftsführer Politik. Seit 2015 ehrenamtlich stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Gesundheitswissen. Von 2000 bis 2005 Büroleiter des Bundestagsabgeordneten Günter Baumann (CDU/CSU). Studium der Geschichte, Politik und Philosophie in Münster, Berlin und Turin. Promotion über den Soziologen Robert Michels.

Der Verband der Privaten Krankenversicherung e.V. (PKV-Verband) ist freiwilliges Mitglied der Nationalen Präventionskonferenz (NPK) und investiert jährlich rund 22 Millionen Euro in die Lebensweltenprävention. Um die Lebensbedingungen der Menschen nachhaltig zu verbessern, arbeitet die PKV mit einem großen Netzwerk von Partnerinnen und Partnern zusammen. Dabei setzt der Verband verstärkt auf innovative digitale Technologien.

Transkulturell sensible Gesundheitsförderung„Transkulturell sensible Gesundheitsförderung partnerschaftlich gestalten!“

Eine transkulturell sensible Gesundheitsförderung kann die Erreichbarkeit vulnerabler Zielgruppen erleichtern und zum Gelingen von Maßnahmen beitragen. Ramazan Salman, Geschäftsführer des Ethno-Medizinischen Zentrums (EMZ), spricht in unserem Interview über das seit Jahren erfolgreich eingesetzte „Gesundheitsprojekt MiMi – mit Migranten, für Migranten“ und die „MiMi-Integrationstechnologie für Gesundheitsförderung“, die im EMZ entwickelt wurde.

Gemeinsam mit der BVPG engagiert sich der Ramazan Salmanim Beirat des Projekts GeniAl (Gemeinsam bewegen – Gesund leben im Alter) des Deutschen Olympischen Sportbundes e.V. (DOSB), das das Ziel verfolgt, die Zugangswege zu älteren Migrantinnen und Migranten zu verbessern und geeignete Angebote zur Gesundheitsförderung zu entwickeln.

Jeder Kulturkreis hat andere Zugänge zu Prävention und Gesundheitsförderung. Transkulturelle Kompetenz und Sensibilität rücken verstärkt in den Fokus fachlichen Handelns. Wie lassen sich Migrantinnen und Migranten erfolgreich erreichen?

In Deutschland leben 22,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, sie bilden aktuell rund 26,7 Prozent der Bevölkerung. Die Zusammensetzung dieser Bevölkerungsgruppe ist kulturell, religiös, sozial und sprachlich von extremer Diversität geprägt.

Studien zeigen, dass bei Menschen mit Migrationshintergrund die Gesundheitskompetenz (Health Literacy) im Durchschnitt geringer ist als bei der Gesamtbevölkerung.

Das Ethno-Medizinische Zentrum e.V. (EMZ) hat sich deshalb als Migrationsorganisation zum Ziel gesetzt, die Gesundheitskompetenz von Menschen aus dem migrantischen Umfeld zu verbessern, um deren Gesundheitsrisiken zu mindern. Wir helfen ihnen seit 1989 dabei, sich im komplexen deutschen Gesundheitssystem zurechtzufinden, fördern gesunde Lebensweisen und tragen zu transkultureller Sensibilität und Handlungskompetenz im Gesundheitswesen bei.

Wir haben durch unsere Arbeit erfahren, dass Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchtete Informationen benötigen, um ihrerseits die kulturellen, religiösen, sozialen und gesundheitlichen Sichtweisen und Werte des Aufnahmelandes zu verstehen. Die Überwindung von Barrieren ist also eine Aufgabe auf Augenhöhe, in der gemeinsam „Anpassungsleistungen“ beziehungsweise „Integrationsmotivation erfolgen muss. So können auf der einen Seite transkulturell sensible Handlungskompetenz und auf der anderen Seite Gesundheitskompetenz aufgebaut werden und im Ergebnis Vertrauen und Compliance entstehen.


Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland stehen den Herausforderungen einer zunehmend von Diversität geprägten Gesellschaft gegenüber. Das Ethno-Medizinische Zentrum verfügt mit seinen transkulturellen Gesundheitskompetenz-Ansätzen über umfangreiche Erfahrungen in der Förderung von Gesundheitskompetenz und gesundheitlicher Chancengleichgleichheit bei Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchteten – insbesondere durch den Einsatz des „MiMi-Programms“.

Das MiMi-Programm ist eine soziale Schlüsseltechnologie zur Entwicklung transkultureller Gesundheitskompetenz, Etablierung gesunder Lebensweisen und zur Förderung gesellschaftlicher Teilhabe. Es fördert die Inanspruchnahme von Leistungen des öffentlichen Gesundheitswesens und den Zugang zu muttersprachlichen, transkulturell sensiblen Gesundheitsinformationen für Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchtete.

Die Implementierung eines MiMi-Programms in einer Kommune beziehungsweise einem Standort dauert erfahrungsgemäß zwölf bis 18 Monate. Die MiMi-Gesundheitsmediatorinnen und -mediatoren erfüllen Mindestanforderungen in Bezug auf Bildung, Sprachkenntnisse und Berufserfahrung und in der Regel ist ihr persönlicher Integrationsgrad weit fortgeschritten.

Für das MiMi-Programm wurde ein umfassender standardisierter Lehrplan erstellt. Die Schulungen werden als „Executive Education“ in deutscher Sprache abgehalten und befähigen zur Planung, Durchführung und Evaluation von Gruppenveranstaltungen.

Im Rahmen der MiMi-Kampagnen und Informationsveranstaltungen für Migrantinnen und Migranten werden mehrsprachige Gesundheitswegweiser-Broschüren, in denen die Teilnehmenden schriftliche Informationen in ihrer Muttersprache erhalten, verbreitet. Diese „Health Guides“ stehen in bis zu 18 Sprachen als Schwerpunkthefte zu den jeweiligen gesundheitlichen Handlungsfeldern und Themen des MiMi-Programms zur Verfügung.

Weitere wichtige Bausteine des MiMi-Programms sind Evaluations- und Forschungsmaßnahmen, Fortbildungsangebote für Fachkräfte öffentlicher Gesundheit, sowie Maßnahmen zur öffentlichen und politischen Kommunikation von Gesundheitskompetenz mit und für Migrantinnen und Migranten.

Die Vernetzung relevanter Akteurinnen und Akteure sowie das Prozessmanagement des MiMi-Programms stellen die größte Herausforderung dar. Mit dem MiMi-Programm wirkt das EMZ, ausgehend von seiner Bundeszentrale in Hannover und seinen Dependancen, dem MiMi Lab Berlin, dem Münchner MiMi-Integrationszentrum Bayern, dem Projektzentrum MiMi-Delta in Mannheim und dem Projektzentrum MiMi-Reha in Hamburg, in elf Bundesländern.


Welche Reichweiten hat das MiMi-Programm erzielt?

In den letzten 15 Jahren wurden gemeinsam mit über 400 Kooperationspartnerinnen und -partnern mehr als 2.800 Mediatorinnen und Mediatoren an über 70 Projektstandorten ausgebildet und 15.200 Gruppenveranstaltungen in 55 Sprachen und Dialekten durchgeführt, die von mehr als 200.000 Migrantinnen und Migranten besucht wurden. Zählt man die rund 940.000 verteilten Gesundheitsratgeber hinzu, wurden insgesamt fast 1.2 Mio Begünstigte erreicht. Wir haben auch MiMi-Projekte an zahlreichen Standorten in Österreich, Dänemark, Belgien oder der Türkei durchgeführt, die in diesen Zahlen nicht berücksichtigt sind.

Das EMZ kann im Rahmen seiner Arbeit auf weitreichende wissenschaftliche Kooperation und Unterstützung von Hochschuleinrichtungen im In- und Ausland bauen. Hierzu zählen u. a. die Bevölkerungsmedizin der Medizinische Hochschule Hannover, mit der ein Forschungsprojekt im Rahmen des Programms zur MiMi-Suchtprävention durchgeführt wurde. Das Institute for Transcultural Health Sciences der Dualen Hochschule Baden-Württemberg begleitet und evaluiert unser, von der Bundesintegrationsbeauftragten gefördertes, bundesweites, MiMi-Programm zur Gewaltprävention und das Leibniz-Institut für Präventionsforschung an Universität Bremen ist für die Evaluation unseres MiMi-Programms zur Gesundheitsförderung in Deutschland zuständig, das vom Bundesministerium für Gesundheit unterstützt wird. Im Rahmen von EU-Projekten, darunter vom BIBB geförderte Erasmusmaßnahmen, kooperieren wir u. a. mit der Technischen Hochschule auf Zypern, der Universität von Valencia und der SAPIENZA Universität in Rom.

Die Evaluation und Qualitätssicherung unserer MiMi-Programme zur medizinischen Rehabilitation, die wir gemeinsam mit Deutschen Rentenversicherungen durchführen, werden durch gemeinsame Forschungsaktivtäten des EMZ mit dem Zentrum für Bevölkerungsmedizin und Versorgungsforschung der Universität zu Lübeck gesichert.


Gemeinsam mit BVPG-Vorstandsmitglied Sieglinde Ludwig sind Sie im Beirat des DOSB-Projekts GeniAl (Gemeinsam bewegen – Gesund leben im Alter), das gesundheitspräventive Maßnahmen für ältere Migrantinnen und Migranten entwickeln und nachhaltig implementieren soll.

Wir unterstützen das Projekt GeniAl und den DOSB dabei, gesundheitsförderliche Maßnahmen für Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund weiterzuentwickeln. Es ist ein Kernvorhaben des Nationalen Aktionsplans Integration (NAP-I), das bis Ende 2023, gefördert durch das Bundesministerium des Inneren und für Heimat (BMI), Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) umgesetzt werden soll.

Die große Herausforderung beim Thema Gesundheitsförderung und Gesundheitsvorsorge älterer Menschen mit Migrationshintergrund ist die Erreichbarkeit. Wir haben gemeinsam mit dem Kooperationsnetzwerk des Projekts festgestellt, dass mit konkreten Maßnahmen, die sich stark an den Interessen und Erfahrungen der Betroffenen orientieren und mit ihnen gemeinsam entwickelt werden – zum Beispiel gemeinsam „gesund“ zu kochen – die Zielgruppe am besten erreicht und motiviert werden kann.

Auch spielen geschlechterbezogene sensible Vorgehensweisen eine wichtige Rolle. Hier wird es von den Betroffen als weniger angenehm empfunden, und eher mit Scham erlebt, dass beispielsweise Männer das Training von Frauen übernehmen. Das mag auch bei der Mehrheitsbevölkerung vorkommen, ist aber bei einem viel größeren Anteil der migrantischen Bevölkerung festzustellen.

Es hat sich bei der Umsetzung der bisherigen Maßnahmen herausgestellt, dass in Strukturen des Sportwesen sehr effektive Zugänge zu Migrantinnen und Migranten möglich sind. In diesem Rahmen konnten beispielsweise für Frauen Informationsabende über Brustkrebs und für die Männer über Prostatakrebs organisiert werden, die auf großen Zuspruch trafen. Auch finden Seniorinnen, die meistes verwitwet und häufig sehr einsam sind, in diesen Zusammenhängen neue Freundschaften und treffen auf Menschen mit ähnlichen Interessen.

Das sind wichtige Entwicklungen für migrantische Seniorinnen und Senioren, denn der Sport selbst setzt schon seit Jahrzehnten erfolgreich Integrationsprogramme um und hat geeignete weitflächige Infrastrukturen.


Die Corona-Pandemie hat noch einmal deutlich gemacht, dass Nachholbedarf bei der Umsetzung einer transkulturell sensiblen Gesundheitsförderung besteht. Welche Lücken müssen geschlossen werden, damit Menschen mit Migrationshintergrund in ihren Lebenswelten besser erreicht werden können?

Gesundheit ist ein wesentlicher Schlüssel, um sich im Sozialgefüge zu bewegen und die eigenen Möglichkeiten nutzen und einbringen zu können. Dies gilt in verstärktem Maße für Menschen mit Migrationshintergrund. Damit sie gesund leben oder sich im Bedarfsfall kompetent und sicher im Versorgungssystem bewegen können, benötigen sie ein hohes Maß an Gesundheitskompetenz.

Wichtigstes Ziel einer transkulturell sensiblen Gesundheitsförderung ist es deshalb, die Lebensbedingungen, Bedarfe und Interessen der migrantischen Bevölkerung in das eigene institutionelle und professionelle Handeln zu inkludieren. Dies bedeutet, dass in allen Angeboten gesundheitlicher Regelversorgung sprachliche, soziale und kulturelle Unterschiede in ihrer ganzen Vielfältigkeit angemessen berücksichtigt werden. Auf der Basis von Erfahrungen in Zeiten der Pandemie gilt dies nicht nur für die bisherigen analogen, sondern zunehmend auch für neuen digitalen Zugangswege.


Wie gelingt eine transkulturell sensible Gesundheitsförderung in der Praxis?

Ein transkulturell sensibler und kompetenter Umgang mit Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchteten kann beispielsweise durch Weiterbildungen des Personals oder durch den konzeptionell und finanziell gesicherten Einsatz von versierten Gemeindedolmetscherinnen und -dolmetschern gesichert werden.

Die zunehmende kulturelle Diversität der Bevölkerung sollte sich in der Personalzusammensetzung des Gesundheitswesens widerspiegeln. Hierfür wird mehr Personal mit Migrationshintergrund als bisher und ein entsprechendes „Diversity Management“ beziehungsweise transkulturelle Personalentwicklung benötigt.

Ein bewährter, zugehender Weg die Gesundheitskompetenz der Migrantinnen und Migranten zu stärken und sie für Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention zu erreichen, ist die Ausbildung von Gesundheitsmediatorinnen und -mediatoren für die muttersprachliche Informationsvermittlung in den migrantischen Lebenswelten (Transkultureller Setting-Ansatz). Die „dienstältesten“ und einzigen bundesweiten Angebote sind im MiMi-Programm des Ethno-Medizinischen Zentrum zusammengefasst. Es sind jedoch viele weitere gute Projekte auf regionaler Ebene entstanden, so beispielsweise mit Mediator:innen, „Lots:innen“, „Stadtteilmüttern“ oder „Gesundheitsmangerinnen“, die zu verschiedensten Gesundheitsthemen in migrantischen Communities wirken.

Letztlich gilt es, sensibel dafür zu sein, Migration als „Normalfall mit speziellen Herausforderungen und Potentialen“ und nicht als „defizitäre Sonderform der Lebensgestaltung“ zu begreifen. Die Förderung der transkulturellen Gesundheitskompetenz in den migrantischen Communities und die Sicherstellung kompetenter transkulturell sensibler Angebote der Gesundheitsförderung erfolgt idealerweise nicht nur für, sondern im partnerschaftlichen Zusammenwirken mit Migrantinnen und nach Möglichkeit auch mit deren Selbstorganisationen. Wie sagt man so schön: „Der Weg ist das Ziel!“


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Ramazan Salman | Diplom-Sozialwissenschaftler, seit 1992 Geschäftsführer des Ethno-Medizinischen Zentrums e.V., Erfinder der MiMi-Integrationstechnologie. 2022 Verleihung der „Europamedaille“ des Landes Bayern für die Verdienste zur Gesundheit in Europa. Seit 2017 Mitglied des Global Future Council des World Economic Forum. 2015 vom European Forum zum „Pionier des Europäischen Gesundheitswesen“ ernannt. Träger des Bundesverdienstkreuzes. Mitglied im Editorial Board des WHO-Newsletters „Migration and Health“. Herausgeber zahlreicher Bücher zu Migration, Gesundheit und Integration.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: Klimawandel„Klimawandel und Gesundheit können zum positiven Narrativ werden“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht Klimawandel als größte Gesundheitsbedrohung der Menschheit und macht mit dem Motto des Weltgesundheitstages 2022 „Our Planet, our health“ („Unser Planet, unsere Gesundheit“) auf die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels aufmerksam. Auch das Präventionsforum 2022 widmete sich unter dem Titel „Klimawandel und Gesundheit – Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten“ diesem wichtigen Thema.

Mit der Gesundheitswissenschaftlerin und Epidemiologin Prof. Dr. Susanne Moebus, Direktorin des Instituts für Urban Public Health am Universitätsklinikum Essen und Keynote-Speaker des Präventionsforums, haben wir über die gesundheitlichen Auswirkungen und Herausforderungen der klimatischen Veränderungen gesprochen.

Welche aktuellen Forschungsergebnisse gibt es in Bezug auf Klima und Gesundheit?

Wir befinden uns mitten im Wandel – die Erderwärmung mit global gravierenden Auswirkungen ist längst Realität, die Ursache dafür ist die menschliche Aktivität. Dazu gibt es einen breiten wissenschaftlichen Konsens.

Wichtige und sehr gute Informationen sind im Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) von 2022 zu finden, insbesondere Kapitel 8 zu Gesundheit und Wohlbefinden. Darüber hinaus finden sich auch im World Health Organization Health and Climate Change Survey Report von 2021 hilfreiche wissenschaftlich-basierte Informationen.

Und in naher Zukunft mit dem Blick auf Deutschland der neue Sachstandsbericht „Klimawandel und Gesundheit (KlimGesundAkt)“ vom Robert Koch Institut. Der Bericht wird ab Herbst 2022 und bis 2023 in Form von thematischen Artikeln in einer Beitragsreihe „Klimawandel und Gesundheit“ des Journal of Health Monitoring (JoHM) veröffentlicht. Hierzu werden themenbezogene Artikel im Journal Health Monitoring erscheinen – inklusive die Adressierung der sozialen Determinanten der gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels sowie Handlungsempfehlungen und Konsequenzen für Public Health, was für mich wichtige Punkte darstellen.

Insgesamt möchte ich darauf hinweisen, dass die Adressierung klimawandelbedingter Gesundheitsgefährdungen keinesfalls „nur“ auf Aspekte wie Hitze, Dürre, UV-Strahlung, Überflutungen oder biologische Krankheitserreger begrenzt sein sollte. Sämtliche derzeit anstehenden Maßnahmen sowohl für Mitigation als auch Anpassung – und damit der riesigen Transformationsprozesse – müssten sowohl auf deren Auswirkungen auf die Gesundheit der verschiedenen Populationsgruppen als auch auf Gerechtigkeit, im Sinne von Gesundheit für alle, überprüft werden.

So bedarf es der Überprüfungen der Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise hinsichtlich ihrer gesundheitsfördernden oder -schädigenden Komponenten. Maßnahmen sollen also dahingehend abgeklopft werden, ob sie als gesundheitsfördernd beziehungsweise -erhaltend gelten können, insbesondere durch die Reduktion von Belastungen oder den Zugang zu Ressourcen.


Welche Personengruppen sind von den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels besonders betroffen und wie können diese erreicht werden?

Würden ab sofort Maßnahmen nach bestem Wissen und Gewissen gezielt und gerecht umgesetzt werden, die erforderlich sind, um den Klimawandel zu minimieren, dürfte eigentlich keine Personengruppe mehr besonders betroffen sein.

Da dies leider erstmal ziemlich unwahrscheinlich ist und die verschiedenen Bedarfe und Bedürfnisse der verschiedenen Populationsgruppen nicht berücksichtigt werden, sind es eher die typischen Gruppen: (multi-)morbide Menschen und Menschen mit schweren Einschränkungen in allen Altersklassen und die sozial schwächsten Populationsgruppen (aller Altersklassen). Natürlich auch Kinder und Jugendliche insgesamt, da ihre körperliche Aktivität, Aufenthalt im Freien, Zukunftsperspektiven, Lernfähigkeit beeinträchtigt sein werden.

Besonders betroffen sind sicherlich körperlich tätige Arbeitnehmende – im Übrigen ein schon längst vorhandenes Problem. Die hier aufgezählten Gruppen lassen sich dann noch nach Bildung und Sozialschicht differenzieren, sodass jeweils diejenigen mit geringen und den geringsten Bildungschancen und Einkommen etc. nochmals betroffener sind als diejenigen mit größeren Ressourcen im Rücken.


Welche Lebenswelten sind dabei besonders zu beachten?

Ich kann mir gerade keine besonders betroffene Lebenswelt vorstellen. Ich denke, alle Lebenswelten müssen geschützt und intensiv auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet werden.

Aus meiner Perspektive ist die nachhaltigkeitsorientierte Transformation von urbanen Räumen eine der dringlichsten Herausforderungen. Deshalb steht für mich die Stadt inklusive der öffentlichen städtischen Räume, die die verschiedenen Lebenswelten ja auch räumlich verbinden, im Fokus – wobei ich Stadt immer in Verbindung mit dem Land meine.

Eine Voraussetzung für Gesundheit in der Stadt ist dabei ein Paradigmenwechsel von Krankheitsbekämpfung zu Gesundheitsförderung: durch 1) Stärkung von Ressourcen und Potenzialen für ein gesundes Leben in Städten, 2) eine Verankerung von Gesundheitsförderung durch sektorübergreifende Stadtplanung bzw. -entwicklung sowie 3) eine Förderung der Gesundheitskompetenz der Stadtbevölkerung.


Welche Public Health-Akteurinnen und -Akteure bzw. bestehenden gesundheitsfördernden Strukturen in Bund, Länder und Kommune haben eine Schlüsselfunktion?

Bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise müssen alle Akteurinnen und Akteure aktiv werden! Auf jeder Ebene, in jedem Bereich kann und muss überprüft werden, welchen Einfluss der eigene Bereich auf den Klimawandel hat und wie der eigene Bereich Maßnahmen planen und durchführen oder auch unterstützen kann, damit die Klimakrise bewältigt wird.

Echte Schlüsselakteurinnen und -akteure können sich aber noch entwickeln und zwar dann, wenn Public Health es schafft, Allianzen mit den Bereichen Umwelt, Wirtschaft, Stadtplanung/Architektur, Verkehr etc. einzugehen. Die so gewonnenen Synergien können zu Schlüsselelementen bei der Bewältigung der vielen Folgen des Klimawandels werden.


Wie können die (Gesundheits-)Kompetenzen für klimasensibles Handeln für Akteurinnen und -Akteure in Bund, Ländern und Kommunen verbessert werden?

Wie gesagt – nur durch Kooperationen, Allianzen und Nutzung und Anwendung der geballten eigenen Expertise und in Kooperation mit der Expertise anderer Disziplinen und Verwaltungsbereichen.

Es gibt bereits viele Aktivitäten der genannten Akteurinnen und Akteure. Die meisten bisherigen Anpassungsmaßnahmen sind allerdings fragmentiert, klein und sektorspezifisch – und darauf ausgerichtet, auf aktuelle Auswirkungen oder kurzfristige Risiken zu reagieren. Sie konzentrieren sich eher auf die Planung als auf die Umsetzung.

Eine klimaresiliente und gesundheitsförderliche Entwicklung wird ermöglicht, wenn Regierungen, die Zivilgesellschaft und der Privatsektor integrative Entscheidungen treffen, die der Risikominderung, der Gleichheit und der Gerechtigkeit Vorrang einräumen, und wenn Entscheidungsprozesse, Finanzmittel und Maßnahmen über alle Regierungsebenen, Sektoren und Zeitrahmen hinweg integriert werden. Das Stichwort ist hier: Gesundheit und Klima in allen Politikbereichen.


Welche Chancen ergeben sich durch Klimaschutzanpassungen für Städte und Kommunen?

Vorteile für die Gesundheit und das Wohlbefinden ergeben sich aus einem weit verbreiteten, gerechten Zugang zu erschwinglichen erneuerbaren Energien, aktivem Verkehr, wie zu Fuß gehen und Rad fahren, grünen Gebäuden und naturbasierten Lösungen wie grüner und blauer (Anm.: Wasser) städtischer Infrastruktur sowie aus dem Übergang zu einer kohlenstoffarmen, auf das Wohlbefinden und die Gerechtigkeit ausgerichteten Wirtschaft, die mit den Zielen der nachhaltigen Entwicklung im Einklang steht.

Eine Zusammenführung der Klima- und der Gesundheitsperspektive eröffnet die Chance, Klimaschutzanpassungen positiver zu „erzählen“. Wenn Public Health die Maßnahmen aktiv mitgestaltet beziehungsweise in die Planungsprozesse einbezogen wird, dann können sogenannte Co-Benefits generiert werden. Es steht allerdings noch aus, zu prüfen, in welchen Bereichen Public Health in Klimaschutz und -anpassung, außer in den Bereichen Mobilität und Ernährung, noch Co-Benefits liefern kann.

Und es muss noch ausformuliert werden, inwieweit Public Health die Umsetzung von Klimaschutz und ‑anpassung erleichtern kann, beispielsweise indem durch die Gesundheitsperspektive positive Botschaften formuliert werden. Das Narrativ der Klimakrise, das oftmals negativ konnotiert ist mit Angst, Bedrohung, Katastrophe und Verzicht, könnte durch die verstärkte Aufmerksamkeit auf Gesundheit in eine positive Erzählung überführt werden: weg von der Verzichtskultur hin zu einer Gewinnkultur.

Die Kommunen könnten davon profitieren, indem es ihnen gelingt, durch interdisziplinär gestaltete Klimaschutzanpassungen gesundheitsfördernde und gesundheitserhaltende Lebensumwelten zu schaffen, die nachhaltig sind und Chancen für bestmögliche Gesundheit für alle bieten.


Die Fragen stellten Ulrike Meyer-Funke und Inke Ruhe, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Klimawandel:

Interview mit Dr. Ina Zimmermann, Leiterin des Bereichs Gesundheitsförderung/Gesundheitsplanung im Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg und Mitglied im Sprecher*innenrat des Gesunde Städte-Netzwerks.

Interview mit Jörg Freese, Beigeordneter für Jugend, Schule, Kultur und Gesundheit, Deutscher Landkreistag.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Susanne Moebus | Biologin, Gesundheitswissenschaftlerin und Epidemiologin; Professorin für Urbane Epidemiologie, Direktorin des Instituts für Urban Public Health, Universitätsklinikum Essen. Ehemalige Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention, Mitglied u.a. im Use & Access Komitee der NAKO Gesundheitsstudie, der Steuerungsgruppe Zukunftsforum Public Health (ZfPH), Leiterin Forschungsfeld „StadtGesundheit“ Kompetenzfeld Metropolenforschung (KoMet) der Universitätsallianz Ruhr.


Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: Wellbeing„We need a systemic change to protect the wellbeing of people and planet“

Population wellbeing and economic growth are intertwined and mutually reinforcing, as published by the Council of the European Union in 2019. This year, the European network of health promotion organisations, EuroHealthNet, published “An Economy of Wellbeing for health equity” (dossier in german: “Eine Ökonomie des Wohlergehens für die Gesundheitliche Gerechtigkeit“) presenting an alternative approach to our current economic system. But why do we need to rethink the existing roles of public health, and what role do prevention and health promotion measures play at a community level? With Caroline Costongs, Director of EuroHealthNet, and keynote speaker at BVPG-status conference 2022, we talked about Health in All Policies, the wellbeing of people and planet, and an “Economy of Wellbeing”.

This year, EuroHealthNet published a paper titled, „An Economy of Wellbeing for health equity”, what was the reason for this publication?

First, thank you for the interview and for picking up on our publication, which indeed is important to us. The way in which we live, work and play is becoming increasingly unsustainable. Childhood obesity, for example, is rising to concerning levels. As recently reported one in three children in the WHO European region are now overweight or obese. This is simply not acceptable.

Shockingly, recent statistics from Wageningen University in the Netherlands, found that only 3 percent of all foods marketed to children can be classified as healthy. They also highlighted that 79 percent of all supermarket food is unhealthy, mostly processed, or ultra-processed food, containing high levels of fat, salt, and/or sugar. Not only is this nutrient-poor food damaging to our health, but its production process is also having significant environmental impacts through increases in greenhouse gas emissions, land, and freshwater use and so on. Though this is only one example from one sector, there is much more evidence that illustrate our unsustainable and unhealthy ways of living.

For example, the inequalities gap in Europe is staggering. One in four children within the European Union is at risk of poverty or social exclusion. This is fuelled through complex and multiple practices and policy action ranging from inadequate public services, to gentrification, and higher pollution levels in deprived areas. Profit making is too often at the cost of people and planet, while this doesn’t need to be the case. There are emerging examples of how commercial and profitable activities can be decoupled from the use of fossil fuels. Other examples show how businesses can thrive on healthy and well-paid workers. The Economy of Wellbeing concept encourages the developments of such practices and provides a clear vision, which we at EuroHealthNet promote through our policy paper.


EuroHealthNet proposes the use of an alternative model to the current economic model through an “Economy of Wellbeing”. What is behind it and why might it be advisable for us to follow this approach?

The “Economy of Wellbeing” is actually an approach that was developed in Finland by one of our member organisations, SOSTE, and has since been taken further by the Finnish government. The government were brave and visionary in proposing this approach – which was presented during their Presidency of the Council of the European Union in 2019 – which ultimately led to Council Conclusions on the Economy of Wellbeing.

The model illustrates how the economy and wellbeing are two sides of the same coin. We simply cannot have one without the other. It builds on the widespread notion that the gross domestic product (GDP) cannot fully assess our economies alone and that new indicators and methodologies are needed to measure societal progress. It also presents arguments as to why wellbeing must be included in all governmental policies and decision making. In that sense it is complementary to earlier “Health in All Policies” concept (and presented by Finnish EU Council Conclusions in 2006).

Despite this, the concept has not come without its critics, with some arguing that the Economy of Wellbeing doesn’t sufficiently prioritise the wellbeing of the planet. However, as the health of people and planet are intrinsically linked, the model would equally work for both environmental and social sustainability as reflected by Kate Raworth’s doughnut model of social and planetary boundaries.

As health promoters we should aim for such a systemic change, one that benefits the health of everyone. We need to develop our capacities to advocate for such an approach at all levels, from local, regional to federal decision tables, contributing with sound evidence and solutions. Only then, by upstream engagement, our more downstream activities (which are also important) will pay off.


What would have to change in concrete terms to promote and maintain our health and the health of the planet in the long term while achieving sustainable and long-term economic growth?

The COVID-19 pandemic laid bare the various failures of our current economic and welfare systems. The severity of COVID-19 rose due to the already existing socio-economic and health inequalities that are present in our society in addition to the high levels of people who live with chronic diseases. Families living in low-quality housing and in deprived areas suffered more. Emerging data highlights an increase in calls relating to domestic violence with many women and children experiencing abuse and violence. Individuals with mental health problems or other health problems received delayed care, and so on.

Social services have been hollowing out since the financial crisis in 2008 and we are now facing the backlash as a result. Building back the resilience of people can only be done through a consistent prioritisation of investment in people’s wellbeing – starting from the early years (first 1000 days and early childhood education and care), throughout the life course until long term care. Several EU policies and strategies, such as the European Pillar of Social Rights and the new European Care Strategy are examples that are paving the way forward to a fairer future.

Prioritising actions that mitigate the climate crisis is also key. Phasing out fossil fuels, creating a responsible use of natural resources and protecting and promoting biodiversity, to name a few, is required if we are to safeguard the environment.

The European Green Deal, including the European Union’s (EU) Farm to Fork Strategy and Fit for 55 packages, demonstrate that actions are being taken at EU level to achieve climate neutrality. However, more needs to be done to take forward the Economy of Wellbeing, if we are to hit all the targets outlined within the United Nation’s 2030 Agenda and Sustainable Development Goals.

The pandemic alone has led to various rigorous actions that were taken in the course of the last two years. When there is a crisis and political will, important measures can be taken. . However, the question remains: How big does a crisis need to be (taking into consideration the current threat of climate crisis, food insecurity, social inequities, and under-valuation of essential workers), before real political action is taken?

Political action needed is one that reflects this paradigm change of the Economy of Wellbeing, rethinking economic growth as a concept that includes social and environmental goals on an equal footing.


For many, this sounds impossible or difficult to implement. How can an “Economy of Wellbeing for health equity” be translated into reality and what is the role of prevention and health promotion at the community level?

We should not become overwhelmed with the scope of the change needed, but rather focus on the added value we can bring – through the strengthening of our community health approaches.

However, we also need to be more ambitious. For example, we should make sure health promoting services get better funded. More and more public and private investors are keen to invest in programmes with green, social or health impacts. We need to stand ready with a pipeline of attractive solutions and clear and concrete proposals for action. In addition, Health promoters must not underestimate the potential power of legislation and make better use of our legislative systems.

There are many initiatives already in place that we can use as strong examples of societal impact. Evidence-based interventions from WHO through its Best Buys, have had previous successes with smoking bans, along with case studies on the taxation on unhealthy and unsustainable products, green and healthy procurement laws, and advertising bans.

We need to pro-actively engage with finance and legal actors to achieve the Economy of Wellbeing. We also need to make sure that our solutions address the real needs, and do not unintentionally worsen inequalities. We must co-create these solutions with targeted groups across the social gradient. This requires meaningful participation, giving communities a vested interest in their success, and opportunities for evaluation. By the way, there are already many local initiatives existing that benefit both health equity and the environment and organised by local communities. We should embrace, encourage and embed such initiatives in municipal public health and health promotion strategies and support them in the shift to an Economy of Wellbeing.


Where is this already being implemented?

A range of countries are already working with the Economy of Wellbeing concept, such as in New Zealand where, for example they have dedicated wellbeing budgets at national government.

In Europe, it is of course Finland who are leading by example, as they strive towards developing an Economy of Wellbeing roadmap to achieve a better balance between the societal dimensions for a more sustainable and fairer development. I am part of an international expert group Finland has set up on this concept.

The United Kingdom is also showing progress. In Scotland, for example, they have developed a Wellbeing Economy Monitor to measure how the country’s economy contributes to improving ideals that people value, such as health, equality, fair work, and environmental sustainability which the government uses to guide decision making. In Iceland they have a wellbeing framework with 39 indicators. Wales adopted a legal Act, namely, the “Well-being of Future Generations Act” that ensures the sustainability of future generations through environment, economy, society and culture – with a specific Commissioner and accountability processes in place.

There are ample experiences and good practices out there that we can learn from. All of these countries are part of the international Wellbeing Economy Governments network, and of other partnerships that have started to emerge in this area, such as WeAll, of which EuroHealthNet is also a member.

For Germany, which of course is a much bigger country, adopting an Economy of Wellbeing approach should also be feasible. The new Public Health Services Act (ÖGD) provides a great opportunity to rethink the roles of public health, health promotion and disease prevention in communities but also at national level. Important topics to consider are health inequalities, mental health, and climate change as part of a wider paradigm change such as the Economy of Wellbeing and how regional and local levels can best be supported.


To achieve health and well-being of the population, the concept of “Health in All Policies” (HiAP) – among others a focus topic of the BVPG – is considered promising. What are the intersections between these two concepts?

Addressing interlinked problems requires an intersectoral approach – encouraging system-thinking, setting common goals and joint financing. “Health in All Policies” is a key concept from the perspective of the health sector.

We should consider the health impacts in all other sector policies and understand how to best approach this together to advance health. However, I find this concept less capable to bring other sectors together. Other sectors have their own sectoral priorities and are not necessarily inspired by health as an overarching goal. EuroHealthNet has tried with a new concept “Health for All Policies” but even that doesn’t greatly facilitate cooperation.

The Economy of Wellbeing has a much bigger potential. Taking wellbeing as a horizontal ambition and vision to decide on trade-offs for the best outcomes for people and planet, the concept can be utilised to consider the interlinkages between sector challenges and include system-thinking as a mindset.

Finally, it is also a vision for the wellbeing of our planet which is so urgently needed and currently lacking in the HiAP approach. However, at EuroHealthNet, we embrace both concepts, depending on the context of our work, to achieve a more resilient, equitable and sustainable societies. It is worth mentioning that at the 10th WHO Global Health Promotion Conference, a charter on wellbeing was issued, which I encourage you to have a look at too as well as our short film on the Economy of Wellbeing of course!


The questions were posed by Linda Arzberger, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (Federal Association for Prevention and Health Promotion).

Lesen Sie dazu auch:

Interview mit Prof.in Dr. Dagmar Starke, kommissarische Leiterin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf (AÖGW) und BVPG-Vorstandsmitglied: „In einem modernen ÖGD wird Gesundheitsförderung zum Coachingprozess“.

Weitere Informationen zur BVPG-Statuskonferenz „Die Bedeutung des ÖGD für die kommunale Prävention und Gesundheitsförderung“ erhalten Sie hier.

Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch: Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Caroline Costongs | Director of EuroHealthNet; she oversees EuroHealthNet’s Framework Agreement with the European Commission (2022-2026) and leads on EuroHealthNet’s MoU with WHO Europe (2021-2026). Priority areas include: health promotion across the life-course, NCDs prevention, food policy, climate change and health, mental health, digital health literacy and the Economy of Wellbeing; active in various EU and WHO fora, as well as in Advisory Boards of European projects and is a member of the ICC – International Council for the European Public Health Conference; international background with more than 25 years of experience in public health and health promotion; M.Sc. in Public Health from the University of Maastricht.

Brussels-based, EuroHealthNet is a non-profit partnership of organisations, agencies and statutory bodies working to contribute to a healthier Europe by promoting health and health equity between and within European countries. EuroHealthNet achieves this through its partnership framework by supporting members’ work in EU and associated states through policy and project development, networking, and communications. It has connections with national and regional governments, as well as with the European institutions, and therefore a good understanding of how evidence and information on health equity can be introduced in current policy making agendas. The current President of EuroHealthNet is Prof. Dr. Martin Dietrich, acting director of BZgA, the Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Germany.

Neue Präsidentin der BVPG: Dr. Kirsten Kappert-Gonther„Es muss einfacher werden, einen gesunden Alltag zu leben!“

Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung (BVPG) hat eine neue Präsidentin: Auf der diesjährigen Mitgliederversammlung, die virtuell am 10. Mai 2022 stattfand, wurde Dr. Kirsten Kappert-Gonther (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied des Bundestags und stellvertretende Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, zur neuen Präsidentin gewählt.

Im BVPG-Interview spricht die Ärztin über die Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes, die Umsetzung der BVPG-Schwerpunktthemen 2021-2023, klimasensible Gesundheitspolitik und die Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes.

Als Brückeninstanz setzt sich die BVPG seit fast 70 Jahren für Strukturverbesserungen im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung ein. Was sind Ihre Ziele als neue Präsidentin?

Gesundheit konstituiert sich im Wesentlichen im Alltag, also in den Lebenswelten. Während meiner 25-jährigen ärztlichen Tätigkeit habe ich immer wieder erlebt, welchen maßgeblichen Einfluss auf unsere Gesundheit die Bedingungen haben, unter denen wir arbeiten und wohnen. Das gilt explizit auch für die seelische Gesundheit.

Zudem ist soziale Gerechtigkeit ein grundlegender Baustein für bessere Gesundheitschancen. Die Klimakrise ist die größte Gesundheitskrise, mit der wir konfrontiert sind. Und andersrum gilt: Was das Klima schützt, tut auch uns gut. Deswegen brauchen wir Städte für Menschen statt für Autos, gutes und gesundes Essen in Kita und Schule und sichere Arbeitsschutzbedingungen. Es muss einfacher werden, einen gesunden Alltag leben zu können. Dafür setze ich mich mit der BVPG und ihren Mitgliedsorganisationen ein!


Bewegungsmangel, Übergewicht, gesteigertes Suchtverhalten, erhöhter Medienkonsum, Einsamkeit – durch die Pandemie sind die Risiken für gesundheitliche Probleme der Bevölkerung größer geworden. Einige Bevölkerungsgruppen sind stärker betroffen als andere. Wo sollte angesetzt werden, damit sich die gesundheitlichen Ungleichheiten nicht weiter verschärfen?

Es ist richtig, dass die Pandemie, aber auch die beiden anderen großen Krisen – die Klimakrise und der Krieg gegen die Ukraine – unsere seelische und körperliche Gesundheit unter Druck setzen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich eine Zunahme seelischer Erkrankungen. Dabei müssen wir bedenken, dass seelische Wunden sich häufig erst umfassend zeigen, wenn die akuten Drucksituationen nachlassen.

Das heißt: Es ist dringend notwendig, jetzt sekundärpräventiv tätig zu werden! Zu Recht sprechen Sie auch das Thema Einsamkeit an. Orte, die unwahrscheinliche Begegnungen wahrscheinlicher machen, können dabei helfen, Einsamkeit entgegenzuwirken. Dafür muss der öffentliche Raum ganz bewusst mit Grünflächen, Bänken und Bewegungsmöglichkeiten gestaltet werden.


Im Koalitionsvertrag finden sich Vorhaben für den Bereich Gesundheit in Deutschland, u. a. die Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes. Auch die BVPG hat als Dachverband zusammen mit ihren Mitgliedsorganisationen ein Positionspapier veröffentlicht. Welche weiteren Themen sind für Sie richtungweisend in der 20. Legislaturperiode?

Die Reform des Präventionsgesetzes halte ich für sehr wichtig. Der Schwerpunkt auf die Alltagswelten und die Verhältnisprävention muss gesetzlich abgebildet werden. Rücken- und Kochkurse sind für Einzelne sicherlich hilfreich, aber sie sind weniger nachhaltig als die Gesundheitsförderung, die im Alltag, quasi automatisch, entsteht.


Zu den thematischen Schwerpunkten der BVPG 2021-2023 gehören die Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) und der Gesundheitskompetenz sowie die Verankerung von Gesundheit in allen Politikbereichen (Health in All Policies, HiAP). Dies sind Zielsetzungen, die auch für Sie von großer Bedeutung sind.

Ja, absolut. Der ÖGD birgt einen noch ungehobenen Schatz. Dafür müssen sich die öffentlichen Gesundheitsdienste zu Public Health-Zentren weiterentwickeln, die auch für die regionale Steuerung von Prävention und Gesundheitsförderung eine zentralere Rolle einnehmen.

Und der Health-in-All-Policies-Ansatz ist dabei der zentrale Ansatz für eine zukunftsfähige Politik. Annähernd jede politische Entscheidung hat einen Einfluss auf unsere Gesundheit, ob Entscheidungen in der Verkehrspolitik, Landwirtschaft oder Energiepolitik. Darum wünsche ich mir einen Gesundheitscheck für alle Gesetze.

Die BVPG kann das Bewusstsein dafür fördern, dass Gesundheit weit mehr ist als gute Versorgung im Krankheitsfall.


Die Themen „Klimawandel und Gesundheit“ stehen in einem engen Zusammenhang. In diesem Jahr u. a. als Schwerpunkt der WHO zum Weltgesundheitstag, den die BVPG in Deutschland betreut, als auch beim Präventionsforum 2022, mit dessen Durchführung die BVPG seitens der Nationalen Präventionskonferenz beauftragt ist.

Klimaschutz ist Gesundheitsschutz. Dieses Wissen setzt sich immer mehr durch. Die Erderhitzung gefährdet unsere Gesundheit, körperlich und seelisch. Es gibt zunehmend mehr Hitzetote in den heißen Sommern. Vor allem alte und chronisch kranke Menschen sind gefährdet, aber auch Menschen, die in schlecht gedämmten Wohnungen unter dem Dach leben oder im Freien arbeiten.

Infektionskrankheiten nehmen zu, die Gefahr weiterer Pandemien wächst durch die Klimakrise. Auch die seelische Gesundheit wird durch die Klimakrise belastet. Traumafolgestörungen nach Extremwetterereignissen oder auch ansteigende Aggressivität durch Hitze sind hier Beispiele. Das Gute ist, dass Maßnahmen, die das Klima schützen, auch unserer Gesundheit helfen. Mobilität zu Fuß oder mit dem Rad reduziert Emissionen und Feinstäube in der Atemluft und somit Atemwegserkrankungen. Gleichzeitig ist die Bewegung gesund und macht glücklich.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der BVPG, zum Positionspapier „Eckpunkte der zur Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. zur Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes (PrävG)“.  

Interview mit Prof.in Dr. Dagmar Starke, kommissarische Leiterin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen (AÖGW) und BVPG-Vorstandsmitglied, über die Bedeutung des ÖGD als zentralen Akteur für die kommunale Prävention und Gesundheitsförderung.

Informationen zum Weltgesundheitstag 2022 mit dem Schwerpunkt „Klima und Gesundheit“ erhalten Sie hier.

Interviews zu „Klima und Gesundheit“ mit Dr. Ina Zimmermann, Leiterin des Bereichs Gesundheitsförderung/Gesundheitsplanung im Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg und Mitglied im Sprecher*innenrat des Gesunde Städte-Netzwerks, und mit Jörg Freese, Beigeordneter für Jugend, Schule, Kultur und Gesundheit, Deutscher Landkreistag.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Dr. Kirsten Kappert-Gonther | Seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages (Bündnis 90/Die Grünen) und seit Januar 2022 stellvertretende Vorsitzende des Gesundheitsausschusses. Von 2011 bis 2017 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft und Sprecherin für Gesundheitspolitik der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Von 2005 bis 2017 eigene Praxis für Psychotherapie in Bremen; Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt ÖGD„In einem modernen ÖGD wird Gesundheitsförderung zum Coachingprozess“

Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) erlebt durch den Pakt ÖGD eine enorme Aufwertung und die Chance, sich neu auszurichten. Die 21. BVPG-Statuskonferenz in Kooperation mit der BVPG-Mitgliedsorganisation Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf (AÖGW) widmet sich dieser Tatsache und beleuchtet, welche Bedeutung dem ÖGD als zentralem Akteur für die kommunale Prävention und Gesundheitsförderung zukommt.

Über die Weiterentwicklung des ÖGD haben wir mit Prof.in Dr. Dagmar Starke, kommissarische Leiterin der AÖGW und BVPG-Vorstandsmitglied, gesprochen. 

In der Gesundheitspolitik nimmt die Stärkung von Public Health oder Öffentlicher Gesundheit eine bedeutsame Rolle ein. Was heißt das für den ÖGD von Morgen, was sind die Herausforderungen und Möglichkeiten?

Die „neue“ Aufmerksamkeit der Politik gegenüber Public Health/Öffentlicher Gesundheit kann erst der Anfang einer Neuorientierung sein. Wir dürfen nicht aus dem Blick verlieren, dass diese insbesondere dadurch zustande gekommen ist, dass wir eine Pandemie haben mit einem Virus, dessen Eigenheiten anfangs noch recht unbekannt waren und damit ein großes Risiko für die Gesundheit der Bevölkerung darstellten.

Heute wissen wir mehr darüber und verfügen über wirksame Impfstoffe, die zumindest sehr schwere Krankheitsverläufe weitestgehend verhindern, dennoch dürfen wir das Bedrohungspotential nicht außer Acht lassen. Insbesondere sind die nicht intendierten Folgen absichtsvollen Handelns, etwa die starken Kontaktbeschränkungen in der ersten Welle der Pandemie und die Konsequenzen beispielsweise im Bereich häuslicher Gewalt, psychischer Beeinträchtigungen aber auch einer Zunahme von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen zu berücksichtigen.

Der ÖGD steht sowohl mit Blick auf die SARS-CoV-2-Pandemie als auch zusätzlichen Herausforderungen, etwa die Versorgung von Geflüchteten aus der Ukraine und anderen Teilen der Welt, vor großen Aufgaben, insbesondere die Verminderung ungleicher Gesundheitschancen aufgrund struktureller Benachteiligung sollten im Fokus kommunaler Prävention und Gesundheitsförderung stehen.

Hinzu kommen die Herausforderungen infolge der Klimakrise. Hier ist einerseits das Handeln auf politischer Ebene gefragt, national wie international. Gleichzeitig sind kommunal Entscheidungstragende gefragt, die Klimakrise ernst zu nehmen und ressort- und sektorübergreifend in allen Entscheidungsprozessen zu berücksichtigen.

Ein Gedanke wäre, nicht nur die Gesundheitsfolgenabschätzung als regelhaften Prozess für politische Entscheidungen zu institutionalisieren, sondern diese um eine Klimafolgenabschätzung zu erweitern. Der ÖGD als zahlenmäßig größter Public Health Akteur vor Ort kann zudem flankierende Maßnahmen auf kommunaler Ebene initiieren oder zumindest anregen – wie beispielsweise Wasserspender in Schulen, Schattenspender in Innenstädten und Hitzeaktionspläne. Darüber hinaus muss der ÖGD seine bereits jetzt vorhandenen Möglichkeiten nutzen, wie etwa im Rahmen des Städtebaus und der Stadtentwicklung, und auch dazu Stellung nehmen.


Der ÖGD ist prädestiniert dazu, einen partnerschaftlichen Prozess mit allen kommunalen Akteuren zu initiieren und zu koordinieren, um das Potenzial der Kommune als Dach-Setting voll auszuschöpfen und die Gesundheit vor Ort zu fördern. Welche Hürden müssen überwunden werden, damit der ÖGD diese Rolle vor Ort zukünftig noch besser ausfüllen kann?

Die wesentlichsten Hürden sind die gesetzliche Verankerung dieser Aufgaben in den Gesundheitsdienstgesetzen sowie die personelle Ausstattung. Nachdem Nordrhein-Westfalen lange Zeit das einzige Bundesland war, das kommunale Vernetzungsstrukturen in kommunalen Gesundheitskonferenzen gesetzlich verankert hatte, haben mittlerweile mit Baden-Württemberg und Hessen weitere Länder hier einen gesetzlichen Rahmen geschaffen. In anderen Bundesländern gibt es zwar teilweise vergleichbare Strukturen wie etwa die Gesundheitsregionen in Bayern und Niedersachsen, aber eben leider eher in Form von Projekten denn institutionalisiert.

Weitere Aspekte sind die Initiierung und Implementierung solcher Strukturen, deren politische Legitimation sowie die Verbindlichkeit von Handlungsempfehlungen. Dazu ist es gleichermaßen notwendig, dass die Kommunen eine entsprechende Gesundheitsberichterstattung aufbauen und damit in die Lage versetzt sind, daten- und bestenfalls evidenzbasiert Empfehlungen zu formulieren.

Die Zusammenarbeit in solchen vernetzten Strukturen muss dabei auf Augenhöhe erfolgen, und Partialinteressen sollten hinter gemeinsamen Zielen zurückstehen. Dies ist gleichsam verbunden mit einer hohen Kooperationsbereitschaft und einer qualifizierten Moderation der Netzwerke.

Auch müssen im ÖGD die Kompetenzen für ein Public Health Management sowie für die Strategieformulierung weiterentwickelt werden.


Bereits mit dem „Leitbild für einen modernen Öffentlichen Gesundheitsdienst“ aus dem Jahr 2018 wurden die Weichen für die zukünftige Ausrichtung des ÖGD gestellt. Der Pakt ÖGD setzt das fort: So soll der ÖGD nicht nur für den Infektionsschutz, sondern auch als kommunaler Akteur u. a. zur nachhaltigen Herstellung und Sicherung gesundheitlicher Chancengleichheit zuständig sein. Wie kann das gelingen?

Diese Zielsetzung ist an sich nicht neu, entsprechende Forderungen sind schon in der Ottawa Charta formuliert worden und leider nach wie vor aktuell.

Für diese Aufgaben sind zunächst einmal gute Kenntnisse der Bevölkerung notwendig sowie eine qualifizierte, kleinräumige Gesundheitsberichterstattung, die sich bestenfalls auf verschiedene Datenquellen stützen kann und nicht nur auf die amtlichen Statistiken.

Hinzu kommen entsprechende (digitale) Kompetenzen, diese Daten zu verknüpfen, auszuwerten und zu interpretieren. Zur Umsetzung sind ein kompetenter Umgang mit Planungsinstrumenten und die Bereitschaft, die Grundprinzipien der Gesundheitsförderung, namentlich Teilhabe, Empowerment und Partizipation ernst zu nehmen, unabdingbar.

Das heißt: Der ÖGD muss sich selbst eine anwaltschaftliche Rolle verschreiben und Communities in Veränderungsprozessen unterstützen. Gesundheitsförderung wird damit bestenfalls zu einem Coachingprozess.

Gleichzeitig müssen diese Prozesse flankiert werden von einer konsequenten Weiterentwicklung des Health in All Policies-Ansatzes innerhalb der Kommune, aber auch auf Landes- und Bundesebene. Das bedeutet, egal ob im Bildungsbereich, in der Stadtentwicklung oder mit Blick auf die Umwelt: Die Bedeutung von Gesundheit muss innerhalb von Planungsprozessen systematisch berücksichtigt werden!


Wie machen sich die Entwicklungen bezüglich des Paktes ÖGD in der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen bemerkbar?

Wir verzeichnen eine enorme Entwicklung der Teilnehmendenzahlen in allen Aus- und Weiterbildungen, vor allem in der Weiterbildung zur/zum Fach(zahn)ärzt:in für Öffentliches Gesundheitswesen, bei den Hygiene- und Lebensmittelkontrolleur:innen als auch bei der Weiterbildung zur sozialmedizinischen Assistent:in.

Gleichzeitig haben wir Anfang 2022 einen Run auf unser eLearning-Angebot „Impfen zum Schutz gegen COVID-19“ erlebt, weil die niedergelassenen Zahn- und Tiermedizinerinnen und -mediziner eine Fortbildung nachweisen mussten, um impfen zu dürfen.

Auch die Fachforen zum Pakt für den ÖGD mit unterschiedlichen Schwerpunkten, zum Beispiel im Bereich der Digitalisierung, hatten ebenfalls hohe Teilnehmendenzahlen und die Webseminare in Kooperation mit dem Robert Koch-Institut zu aktuellen Themen der Versorgung Geflüchteter aus der Ukraine oder Affenpocken haben ebenfalls Rekordzahlen erreicht.

Zugleich sind auch alle anderen Fortbildungsthemen nachgefragt, sodass wir schon jetzt deutlich über den Zahlen von 2019 liegen. Und last but not least tragen wir mit einer Reihe von Projekten zu unterschiedlichen Themenkomplexen dazu bei, die Wissenschaftsbasierung des ÖGD zu stärken.

Dies alles können wir nur bewältigen, weil wir ebenfalls über den Pakt ÖGD die Möglichkeit haben, unser Personal aufzustocken. So ist zur Sicherung der Qualität und Bewältigung der hohen Nachfrage unser Team stark angewachsen.


Welche Auswirkungen zeigen sich in der Praxis des ÖGD? Welche Rückmeldungen erhalten Sie?

Die Rückmeldungen sind sehr unterschiedlich: Im Vordergrund steht die Gewinnung qualifizierten Personals, wobei natürlich weder Fach(zahn)ärztinnen und -ärzte ÖGW noch Hygienekontrolleurinnen bzw. -kontrolleure auf dem freien Markt verfügbar sind. Sie alle müssen entsprechend aus- und weitergebildet werden, was die große Nachfrage bei der AÖGW mit sich bringt. Hinzu kommt, dass die Gesundheitsämter berichten, dass ein gegenseitiger Abwerbeprozess mit Unterstützung von Headhuntern und Beratungsfirmen von statten geht. Das ist ein Nebeneffekt, der alles andere als angenehm ist.

Bei einigen Ämtern sehen wir, dass neben Ärztinnen und Ärzten auch Gesundheitswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler und weitere Kolleginnen und Kollegen mit Public Health-Qualifikation eingestellt und gerade die weiter oben genannten Bereiche wie Gesundheitsberichterstattung, Planung und Koordination besetzt werden. Allerdings sind die Sorgen groß, da ein Großteil der neuen Stellen befristet ist. So könnte am Ende der Paktlaufzeit die Situation möglicherweise schlimmer sein als zuvor, denn wir haben zudem auch eine bedeutende demografische Entwicklung im ÖGD erwarten.

Ich denke, dass sich alle eine langfristige Perspektive wünschen und es nicht bei diesem „einen Pakt“ bleiben kann. Es wäre schön, wenn Bund und Länder hierzu bald ins Gespräch kommen könnten.


Die Fragen stellten Dr. Beate Grossmann und Linda Arzberger, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Weitere Informationen zur BVPG-Statuskonferenz „Die Bedeutung des ÖGD für die kommunale Prävention und Gesundheitsförderung“ erhalten Sie hier.

Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch: Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies.

Interview mit Caroline Costongs, Direktorin von EuroHealthNet (EHN): „We need a systemic change to protect the wellbeing of people and planet“.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Prof.in Dr. phil. Dagmar Starke I Seit 2022 kommissarische Leiterin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf; Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Public Health e.V. (DGPH) und der BVPG; Arbeitsschwerpunkte: Öffentliches Gesundheitswesen, (Sozial-) Epidemiologie, Gesundheitsförderung, Public Health-Forschung.

Die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf ist eine öffentlich-rechtliche Bildungsinstitution, die von den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen finanziert wird. Sie wurde 1971 als bundesweit einzige länderübergreifende Einrichtung zur Aus-, Fort- und Weiterbildung aller Beschäftigten im Öffentlichen Gesundheitsdienst gegründet. Ferner gehört die angewandte Forschung im Bereich des Öffentlichen Gesundheitswesen zu ihren Aufgaben.

Positionspapier der BVPG zur Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes„Das Präventionsgesetz weiterentwickeln – mit den Eckpunkten der BVPG“

Zur Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes (PrävG) in der 20. Legislaturperiode hat die BVPG Anfang dieses Jahres eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Mit dem Vorstand und den Mitgliedsorganisationen des Dachverbandes wurde gemeinsam ein Positionspapier erarbeitet und auf der Mitgliederversammlung vom 10. Mai 2022 verabschiedet.

Beate Grossmann, Geschäftsführerin der BVPG, erläutert die „Eckpunkte zur Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes“ sowie die Rolle der BVPG bei der Umsetzung der Nationalen Präventionsstrategie.

Viele Jahre forderte die Fachwelt ein Gesetz zur Stärkung von Prävention und Gesundheitsförderung, das folgende Erfordernisse regeln sollte: Gesundheitsförderung und Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu gestalten, Qualitätsentwicklung, Evaluation und Forschung auszubauen und auf Dauer zu stellen, die Auswirkungen sozialer Benachteiligung auf die Gesundheit vor allem durch verhältnispräventive Maßnahmen zu mildern und die für Prävention und Gesundheitsförderung bis dahin zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel deutlich zu erhöhen.

Den Vorgaben des Koalitionsvertrages vom 27. November 2013 entsprechend und unter Berücksichtigung der föderalen Kompetenzordnung durch das Grundgesetz trat am 17. Juli 2015 das „Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention“ – kurz Präventionsgesetz (PrävG) – nach drei gescheiterten Anläufen in den vorausgegangenen drei Legislaturperioden dann endlich in Kraft.

Es intendiert im Wesentlichen, die für Prävention und Gesundheitsförderung zur Verfügung stehenden Finanzmittel zu erhöhen, Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten zu stärken sowie die betriebliche Gesundheitsförderung insbesondere für kleine und mittelständische Betriebe zu intensivieren. Um das zu erreichen, wurden Vorgaben eingeführt, die die Kooperation der Sozialversicherungsträger untereinander, aber auch mit anderen Akteuren stärken sollen. Insbesondere die Krankenkassen werden in die Pflicht genommen: Sie müssen Mehrleistungen für Prävention und Gesundheitsförderung erbringen (§ 20 Abs. 6 SGB V) und ihre Leistungen in gemeinsamen kassenübergreifenden Koordinierungsstellen (§ 20b Abs. 3 SGB V) auf Landesebene in Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmensorganisationen in den Betrieben anbieten.

Seither hat sich viel getan, Prävention hat an Bedeutung gewonnen, wird umfassender interpretiert und viele Akteure haben damit begonnen, gute Ansätze und Projekte niedrigschwellig zu etablieren. Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) teilt daher im Wesentlichen die Einschätzung der Bundesregierung zum Ersten Bericht der Nationalen Präventionskonferenz (NPK) über die grundsätzlich gute Entwicklung der Prävention und Gesundheitsförderung (Erster Präventionsbericht – Bundestagsdrucksache 19/26140 vom 14.01.2021); insbesondere dahingehend, dass das Präventionsgesetz bisher zielgerichtet umgesetzt wird und einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung der lebensweltlichen Prävention und Gesundheitsförderung leistet.

Für diese – nunmehr 20. – Legislaturperiode steht u. a. auch die Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes an. Dies betrifft die BVPG insofern direkt, als sie laut Gesetz (§ 20e Abs. 2 SGB V) mit der Durchführung des Präventionsforums im Auftrag der NPK betraut ist.

Das in der Regel einmal jährlich in Form einer eintägigen Veranstaltung zusammenkommende Präventionsforum soll die fachliche Rückkoppelung der NPK mit der Fachöffentlichkeit ermöglichen, womit im Umkehrschluss die Mitwirkung der Fachöffentlichkeit an der Entwicklung der Nationalen Präventionsstrategie in Form einer fachlich-sachlichen Beratung der NPK gewährleistet werden soll.

Die BVPG hat daher zu Beginn des Jahres 2022 in einem intensiven Abstimmungsprozess im Vorstand und mit den 132 Mitgliedsorganisationen „Eckpunkte zur Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes (PrävG)“ formuliert und auf der Mitgliederversammlung am 10. Mai 2022 verabschiedet.

Zu den folgenden drei Punkten wird Fortentwicklungsbedarf gesehen, um die Umsetzung des PrävG noch stärker auf gesundheitsförderliche Lebenswelten (Verhältnisprävention via Setting-Ansatz) auszurichten sowie die Zusammenarbeit von Präventionsakteuren und die Bündelung zahlreicher Präventionsmaßnahmen zu intensivieren:

  1. Die Finanzierung von Prävention und Gesundheitsförderung dauerhaft und umfassend absichern und verlässliche Kooperationsvereinbarungen schaffen
  2. Die Qualität von Prävention und Gesundheitsförderung weiter verbessern
  3. Die Beteiligungsmöglichkeiten der Organisationen der Zivilgesellschaft intensivieren und ausweiten

So wird u. a. empfohlen, Präventionsleistungen innovativ, digital und barrierefrei auszubauen sowie solche Leistungen zu stärken, die an strukturellen Rahmenbedingungen ansetzen. Zudem sollte die NPK um Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft erweitert und die Beratungsfunktion des Präventionsforums aufgewertet und verbindlicher gestaltet werden.

Durch das BVPG-Eckpunktepapier werden also insbesondere die zwar kompetenzrechtlich erklärbare, aber nicht befriedigende einseitige Verteilung der finanziellen Lasten auf die Schultern der gesetzlichen Krankenversicherung, die nur ansatzweise gelungene Gestaltung eines ressortübergreifenden Ansatzes und eine im Prinzip eher schwache Konstruktion von verbindlicher Zusammenarbeit der verschiedenen Beteiligten adressiert.

Festzuhalten bleibt damit grundsätzlich, dass für die Umsetzung eines nachhaltigen gesamtgesellschaftlichen Ansatzes ein anderes Präventionsgesetz notwendig wäre, das das Zusammenwirken aller relevanten Akteure – auch der Landes- und kommunalen Ebene – sowie deren finanzielle (Mit-)Verantwortung regelt. Voraussetzung für ein solches Gesetz wäre die Zustimmung im Bundesrat – oder aber die gesetzgeberische Kompetenz des Bundes müsste weitergehend sein als bisher.

Es gilt also, den weiteren Verlauf der Umsetzung des Präventionsgesetzes kritisch-konstruktiv zu begleiten. Dieser anspruchsvollen Aufgabe stellt sich die BVPG gerne.


Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitskompetenz: Interview mit Prof. Dr. Jürgen Pelikan, Leiter der internationalen Gesundheitskompetenz-Studie HLS19.

Informationen zu den Aufgaben und Zielen der BVPG finden Sie hier.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Dr. Beate Grossmann | Seit 2016 Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG). Zuvor war sie dort als stellvertretende Geschäftsführerin, wissenschaftliche Referentin und Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Frau Dr. Grossmann ist Mitglied in nationalen Gremien, Autorin zahlreicher Veröffentlichungen und angefragt für vielfältige Beratungs-, Gutachtens-, Vortrags- und Moderationstätigkeiten.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Gesundheitskompetenz„Es gibt viel Verbesserungspotenzial im Bereich der Gesundheitskompetenz“

Wie steht es um die bewegungs-, ernährungs- und suchtbezogene Gesundheitskompetenz in Deutschland? Welche wirksamen Ansätze gibt es, um Bewegungsmangel, Übergewicht oder einem übermäßigen Konsum von Suchtmitteln vorzubeugen? Wie können vulnerable Zielgruppen erfolgreich erreicht werden?

Antworten darauf geben die BVPG-Vorstandsmitglieder Christine Kreider, Referentin für Prävention bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS), Dr. Andrea Lambeck, Geschäftsführerin des BerufsVerbandes Oecotrophologie e.V. (VDOE) und Dr. Mischa Kläber, Ressortleiter für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement beim Deutschen Olympischen Sportbund e.V. (DOSB).

Bewegungsmangel, Übergewicht/Adipositas und der Konsum von Suchtmitteln nehmen zu. Die Pandemie hat die Situation weiter verschärft. Wie steht es um bewegungs-, ernährungs- und suchtbezogene Gesundheitskompetenz in Deutschland?

Christine Kreider (DHS): Suchtprävention trägt mit ihrer vielfältigen Arbeit zur Entwicklung und Steigerung der Gesundheitskompetenz bei. Sie ist ein wichtiger Baustein, um die Bevölkerung vor suchtbezogenen Schäden zu schützen. Abhängigkeitserkrankungen und riskante Nutzungsmuster entwickeln sich meist schleichend, über einen langen Zeitraum. Insofern ist es schwierig, zum jetzigen Zeitpunkt schon Aussagen hinsichtlich der Pandemie zu treffen. Die Corona-Krise ist für wissenschaftliche Untersuchungen in diesem Feld vergleichsweise „jung“.

Wie verschiedene Studien zeigen, nimmt eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung die Coronapandemie als belastend wahr. Die Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit hängt eng mit den zu den unterschiedlichen Zeitpunkten geltenden Maßnahmen zusammen. Sie hat sich also im Verlauf der letzten beiden „Corona“-Jahre durchaus verändert.

Als Konsequenz liegt die These nahe, dass auch Suchtmittel vermehrt als Strategien genutzt werden, um mit diesen sich ständig ändernden, psychosozialen Belastungen umzugehen. Gerade vulnerable Gruppen sind besonders gefährdet, durch die Pandemie eine Konsumstörung oder ein abhängiges Verhalten zu entwickeln – das belegen die aktuell vorliegenden Daten. Diesen Zielgruppen müssen wir uns mit unserer Arbeit nun mehr denn je widmen!

Dr. Andrea Lambeck (VDOE): Ernährung und Gesundheit sind Trendthemen – und das nicht erst seit der Pandemie. Das Interesse rund um Ernährung und Lebensmittel hat in den letzten Dekaden kontinuierlich zugenommen und wurde durch die Pandemie noch verstärkt – insbesondere das Bewusstsein für die Herkunft sowie die Verbreitung und Zubereitung von Lebensmitteln. Auch die Frage, ob und wie eine gesundheitsfördernde Ernährung oder ein guter Ernährungszustand vor einer Infektion schützen oder den Verlauf einer Erkrankung beeinflussen, bewegt seither viele Menschen.

Das starke Interesse an Ernährung und Lebensmitteln führt dazu, dass zu diesen Themen extrem viel kommuniziert wird, sowohl in den klassischen Medien als auch in Social Media. Viele Menschen nehmen für sich in Anspruch, hier kompetent zu sein und kommunizieren als teilweise selbst ernannte „Expertinnen und Experten“. Besonders viel Aufmerksamkeit erlangen jedoch oftmals gerade die Influencerinnen und Influencer, die wenig fundierte, dafür aber unterhaltsame Informationen präsentieren. Folglich differieren die Informationen zu Ernährung und Gesundheit von wissenschaftsbasiert bis weltanschaulich-orientiert.

Die ernährungsbezogene Gesundheitskompetenz variiert dementsprechend, ebenso das ernährungsbezogene Gesundheitsverhalten. Folglich haben auch die ernährungsmitbedingten Gesundheitsprobleme/Erkrankungen eher zu- als abgenommen.

Dr. Mischa Kläber (DOSB): Das seit Jahren bestehende Problem des zunehmenden Bewegungsmangels hat sich durch die Corona-Pandemie zweifelsohne weiter zugespitzt. Diesbezüglich besteht absoluter Handlungsbedarf! Im ersten Corona-Jahr 2020 wurden allein bei Sportvereinen rund 800.000 Austritte verzeichnet, so viel wie noch nie. Auch das Deutsche Sportabzeichen legten im ersten Pandemiejahr lediglich 400.000 Sportbegeisterte ab. Im Vergleich zu den Vorjahren ist dies ein Rückgang von über 50 Prozent.

Insbesondere bei den größten Verlierern der Pandemie, bei den Kindern und Jugendlichen, brachen die Abnahmezahlen beim Sportabzeichen stark ein. Hier setzt die im letzten Jahr gestartete MOVE-Kampagne der Deutschen Sportjungend an, deren Ziel es ist, speziell Kinder und Jugendliche wieder oder auch neu für den Vereinssport zu gewinnen. Hinweisen möchte ich auch auf die kürzlich erschienen und flankierenden Informationsmaterialien des Bundesministeriums für Gesundheit zur Bewegungsförderung für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in den Lebenswelten Schule, Kindertagesstätte und Sportverein.


Über welche Strategien zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz können insbesondere vulnerable Zielgruppen erfolgreich erreicht werden?

Christine Kreider: Im Bereich der Suchtprävention ist es wichtig, fachlich fundierte Informationen zielgruppengerecht aufzubereiten und über entsprechende Kanäle zu streuen. Wir müssen die Zielgruppen dort abholen, wo sie sind und die Botschaften ansprechend und verständlich adressieren. Dazu gehört auch, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zu informieren und entsprechende Materialien für ihre suchtpräventive Arbeit bereitzustellen.

Ein Beispiel: Die bundesweite Aktionswoche Alkohol bietet eine geeignete Plattform, um ganz unterschiedliche Zielgruppen für die Risiken des Alkoholkonsums zu sensibilisieren. Die Präventionskampagne findet vom 14. bis 22. Mai 2022 statt. Im Fokus steht die Sucht-Selbsthilfe unter der zentralen Frage: „Wie ist deine Beziehung zu Alkohol?“

Dr. Andrea Lambeck: Ernährung ist ein wichtiges Handlungsfeld im Bereich von Gesundheitsförderung und Prävention. Viele etablierte Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention konnten während der Pandemie jedoch nicht in gewohnter Form angeboten werden: Insbesondere die Maßnahmen in den Lebenswelten wie Kita, Schule, Betrieb, Kommune wurden eingeschränkt. Seit jeher schwer zu erreichende Zielgruppen waren somit noch schwerer zu erreichen. Somit hat die Pandemie die gesundheitliche Chancengleichheit auch in dieser Hinsicht negativ beeinflusst.

Die Kommunikation von Ernährungsinformationen über Massenmedien konnte dieses Defizit nicht ausgleichen, auch weil die transportierten Informationen nur zum Teil einer Verbesserung der Gesundheitskompetenz dienen. Um die Chancen der Medien zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz zu nutzen, ist ein stärkeres Bewusstsein bei den Verantwortlichen erforderlich: Bei der Auswahl von Expertinnen und Experten muss auf ein Mindestmaß an Qualifikation geachtet werden, um die Seriosität und Glaubwürdigkeit der verbreiteten Informationen sicherzustellen!

Dr. Mischa Kläber: Vor dem Hintergrund der gesundheitlichen Chancengleichheit bieten die Strukturen des gemeinnützigen (Breiten)Sports besonders gute Bedingungen dafür, Bewegungsangebote für alle zu schaffen und zugänglich zu machen. Denn um vulnerable Gruppen zu erreichen, braucht es eine zielgruppenspezifische Ansprache und Angebote, die sich an den Besonderheiten und Bedürfnisse der Zielgruppe orientieren.

Seit mehr als 30 Jahren setzt sich der DOSB mit dem Bundesprogramm Integration durch Sport“, das mit jährlich rund 10 Millionen Euro durch den Bund gefördert wird, für Integration in und durch Sport ein. Im Bereich der vulnerablen Gruppen gibt es jedoch großen Bedarf, zusätzliche gesundheitsfördernde Maßnahmen zu erarbeiten.

Hervorzuheben ist beipielsweise, dass wir als DOSB über das „GeniAl-Projekt: Gemeinsam bewegen – Gesund leben im Alter“(gefördert von Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) und Bundesministerium für Gesundheit (BMG) modellhaft Zugangswege und Angebote für ältere Menschen mit Einwanderungsgeschichte mit einer Projektlaufzeit bis Ende 2023 entwickeln, erproben und evaluieren können. Der Kerngedanke dabei ist eine Verbindung aus niederschwelligen Bewegungsangeboten in der Lebenswelt und der Zusammenarbeit mit Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus der Peer-Group.


Welche wirksamen, evaluierten Ansätze zur Stärkung der Gesundheitskompetenz gibt es?

Christine Kreider: Es ist erwiesen, dass ein Policy-Mix aus verhaltens- und verhältnispräventiven Maßnahmen am wirksamsten ist, um gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Schäden vorzubeugen, die mit dem Gebrauch legaler und illegaler Suchtstoffe sowie den Folgen süchtigen Verhaltens verbunden sind.

Wirksame, evaluierte Maßnahmen finden sich beispielsweise in der Datenbank der Grünen Liste Prävention. Es gibt eine Vielzahl empfehlenswerter Ansätze, wie etwa „MOVE – Motivierende Kurzintervention bei konsumierenden Jugendlichen“ oder das „SKOLL Selbstkontrolltraining – Ein suchtmittelübergreifender Ansatz der Prävention und Frühintervention für Jugendliche und Erwachsene“.

Dr. Andrea Lambeck: Insbesondere niederschwellige Angebote in den Lebenswelten und eine Kombination aus Verhaltens- und Verhältnisprävention haben sich als wirksam bewährt, werden jedoch häufig durch gegenläufige Informationen zum Zusammenhang von Ernährung/Lebensmitteln und Gesundheit konterkariert. Insofern erscheint Ernährungsbildung, insbesondere in Kita und Schule, als ein nachhaltig erfolgreicher Ansatz zur Vermittlung von Ernährungskompetenz.

Dr. Mischa Kläber: An dieser Stelle ist das Qualitätssiegel SPORT PRO GESUNDHEIT von Bundesärztekammer und DOSB zu nennen, welches im Rahmen von Präventionskursen die bewegungsbezogene Gesundheitskompetenz in den Vordergrund stellt. Das Siegel wird seit mehr als 20 Jahren erfolgreich umgesetzt, ist in weiten Teilen von den Krankenkassen zur Kostenübernahme zertifiziert und hat schon viele tausende Menschen erreicht, die Neu- oder Wiedereinsteigende in Sportvereinen werden möchten.

Daneben bietet das „Rezept für Bewegung“ von Bundesärztekammer, Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) und DOSB – seit kurzem auch unterstützt durch die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) – die Möglichkeit, vulnerable Zielgruppen auch über ärztliche Beratung zu erreichen.

Spannend ist auch ein weiterer Ansatz, der sich im Rahmen des Projekts „Im Alter IN FORM“ der BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e.V. und des Deutschen Turner-Bunds (DTB) zeigt: dieser bietet die Möglichkeit einer Fortbildung zu Bewegungstreffleitenden, um mit älteren Menschen einfache Bewegungsübungen auszuführen sowie die Gesundheitskompetenz auch in Bezug auf die Ernährung zu stärken.

Wird das Setting Kommune betrachtet, so kann beispielsweise durch attraktive und niederschwellig Angebote das Bewegungsverhalten gefördert werden – wie bspw. beim DOSB-Projekt „Platzwechsel. Bewege Dein Leben“. Kommunen sowie Städte und Stadtteile können bewegungsfreundliche Strukturen schaffen, um so den Menschen in ihrem gewohnten Lebensumfeld einfache Möglichkeiten zu körperlicher Aktivität zu bieten. Nichtsdestotrotz müssen bestehende Programme und Projekte fortlaufend evaluiert, als auch neue implementiert und ebenfalls wissenschaftlich begleitet werden.


Welche Strukturverbesserungen sind in den Bereichen Bewegung, Ernährung, Sucht notwendig, um eine Stärkung/Verbesserung der Gesundheitskompetenz zu erzielen?

Christine Kreider: Strukturelle Maßnahmen sind eine zentrale Säule der Suchtprävention. Da gibt es gerade in Deutschland noch viel Verbesserungspotenzial! Wenn wir im Bereich der Suchthilfe über Verhältnisprävention sprechen, meinen wir Rahmenbedingungen, die folgende Ziele erreichen:

  • Suchtmittelkonsum legaler oder illegaler Substanzen und problematische Verhaltensweisen vermeiden oder weitestgehend hinauszögern
  • Früherkennung und -intervention bei riskanten Konsum- und Verhaltensmustern
  • Missbrauch und Abhängigkeiten reduzieren

Verhältnisprävention gewährleistet dabei das Funktionieren verhaltensbezogener Maßnahmen und sorgt für deren Nachhaltigkeit. In der Suchtprävention gibt es unterschiedliche „Stellschrauben“. Exemplarisch lassen sie sich am Beispiel Alkohol skizzieren – dem in Deutschland am meisten konsumierten Suchtstoff:

  1. Preiserhöhung: Der Preis für alkoholische Getränke beeinflusst den Gesamtkonsum in der Bevölkerung und damit auch das Ausmaß alkoholbezogener Probleme. Preispolitische Maßnahmen zeigen insbesondere bei Jugendlichen eine messbare Veränderung. Auch bei denjenigen, die häufig Alkohol konsumieren, ist dieser Effekt messbar.
  2. Regulierung des Alkoholkonsums im öffentlichen Raum: Im öffentlichen Raum Alkohol zu trinken, ist auf geeignete Räume/Plätze zu beschränken. Belästigungen, Schädigungen, Bedrohungen und Gewaltanwendungen gegen Personen und Sachen wird so vorgebeugt.
  3. Verfügbarkeit einschränken: Alkohol sollte nur hochschwellig zugänglich sein. Hierzu ist das Angebot in den Verkaufsstellen anzupassen: die Abgabe alkoholischer und nicht-alkoholischer Getränke ist zu trennen. Auch die 24-Stunden-Verfügbarkeit ist deutlich einzuschränken. Hiermit wird u.a. ein weiterer und wichtiger Beitrag zur Gewaltprävention geleistet.
  4. Werbung und Sponsoring verbieten: Das Marketing für Alkoholprodukte darf Minderjährige nicht erreichen. Untersuchungen zeigen, dass die Bewerbung alkoholischer Getränke einen messbaren Einfluss auf den Konsum von Kindern und Jugendlichen hat. Die Werbung für Alkohol, z.B. über Banner- und Trikotwerbung, ist in jedem Fall von Sportereignissen zu trennen!

Dr. Andrea Lambeck: Problematisch ist, dass sich im Bereich des Handlungsfeldes Ernährung innerhalb der Gesundheitsförderung und Prävention, aber auch darüber hinaus bis hin zur Ernährungstherapie, unterschiedlichste Akteure betätigen und nur ein Teil über die erforderliche fachliche und methodische Kompetenz verfügt. Es gibt in Deutschland bis heute keinen Schutz der Berufsbezeichnung „Ernährungsberatung“, so dass jede beziehungsweise jeder Dienstleistungen in diesem Bereich anbieten kann.

Zur Strukturverbesserung sind zum einen eine Qualitätssicherung für die kommunizierten Ernährungsinformationen und zum anderen ein Fokus auf qualifizierte Fachkräfte als Absender von Ernährungsinformationen erforderlich. Im Sinne des gesundheitlichen Verbraucherschutzes muss die Qualifikation der Anbietenden ebenso wie die Qualität der jeweiligen Ernährungsinformationen sichtbar und leicht erkennbar sein. Der Zugang zu qualitätsgesicherten Informationen beziehungsweise zu qualifizierten Angeboten der Gesundheitsförderung und Prävention muss allen Menschen möglich sein! Dies gilt insbesondere, da durch Missverständnisse in der Ernährungskommunikation oder „falsche“ Empfehlungen gesundheitliche Nachteile entstehen können.

Dr. Mischa Kläber: Für die Zukunft braucht es für das Themenfeld (Breiten)Sport, Bewegung und Gesundheit eine bundesweite Koordinierungsstelle, die die Kooperation, Koordination sowie Vernetzung aller relevanten Partnerinnen und Partner ausbauen und stärken soll.

Als gutes Beispiel sei hier die Bearbeitung des Themas Ernährung genannt, welches auf Bundesebene eine klare Verantwortung hat. Mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) findet diese Thematik eine ministeriale Heimat und wird im Rahmen von IN FORM fachgerecht finanziell und personell bearbeitet. Zudem gibt es das Bundeszentrum für Ernährung, das die Bevölkerung durch strukturierte Öffentlichkeitsarbeit aufklärt und informiert. Vergleichbares braucht es auch für (Breiten)Sport und Bewegung, um die breite Bevölkerung anzusprechen und die Relevanz in die Öffentlichkeit zu tragen, etwa in Form eines Bundeszentrums für Bewegung.

Neben einer Koordinierungsstelle braucht es zudem eine klare Zielperspektive in Form eines nationalen Gesundheitsziels „Bewegungsmangel reduzieren“. Die weitreichenden Folgen der Pandemie hinsichtlich Bewegung, Ernährung und Sucht gilt es jetzt dringend in einem breiten Bündnis aus Politik, gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren und der Zivilgesellschaft anzugehen!


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitskompetenz:

Interview mit Prof. Dr. Jürgen Pelikan, Leiter der internationalen Gesundheitskompetenz-Studie HLS19.

Interview mit den (Health Literacy Survey) HLS-GER 2-Studienleiterinnen Prof. Dr. Doris Schaeffer und Dr. Eva-Maria Berens vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld. 

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Christine Kreider | Seit 2018 Referentin für Prävention bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS); seit 2015 bei der DHS (Tätigkeitsschwerpunkte: Suchtprävention und Frühintervention zum Thema „Alkohol“, Verhältnisprävention, Schutz vulnerabler Zielgruppen und geschlechtergerechte Gesundheitsförderung und Prävention); Studium der Health Communication (B. Sc.) und Public Health (M. Sc.). Seit 2020 Vorstandsmitglied der BVPG.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) ist die zentrale Dachorganisation der deutschen Suchthilfe und Sucht-Selbsthilfe. Nahezu alle Träger der ambulanten Suchtberatung und -behandlung, der stationären Versorgung und der Sucht-Selbsthilfe sind in der DHS vertreten. Gemeinsam mit ihren Mitgliedsverbänden bildet die DHS ein starkes und qualifiziertes Netzwerk im Bereich der Suchtprävention, Suchtberatung, Suchtbehandlung und Sucht-Selbsthilfe. 

Dr. Andrea Lambeck | Seit 2018 des Geschäftsführerin des BerufsVerbandes Oecotrophologie e.V. (VDOE). Arbeitsschwerpunkte: Kommunikation, Management im Bereich Ernährung und Gesundheit. Ehrenämter: Sprecherin des Vorstands des 5 am Tag e. V. Seit 2020 Vorstandsmitglied der BVPG.

Der BerufsVerband Oecotrophologie e.V. (VDOE) setzt sich als berufspolitische Vertretung für alle ein, die Oecotrophologie, Ernährungs-, Haushalts-, Lebensmittelwissenschaften oder ein vergleichbares Studium abgeschlossen haben oder studieren. Derzeit repräsentiert der VDOE rund 4.000 Mitglieder. Vorrangige Ziele sind die Erschließung von Arbeitsgebieten für die Berufsgruppe sowie die Sicherung und Förderung ihres qualifikationsgerechten Einsatzes.

Dr. Mischa Kläber | Seit 2012 Ressortleiter für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Lehrbeauftragter für die Themenfelder Sportorganisationen sowie Sport und Gesundheit am Institut für Sportwissenschaft der TU Darmstadt. 2009 – 2012 Wissenschaftlicher Assistent (Habilitand) an der TU Darmstadt, 2006 – 2009 Promotions­stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes. 2009 Promotion in der Sportwissenschaft. Seit 2020 Vorstandsmitglied der BVPG.

Der Deutsche Olympische Sportbund e.V. (DOSB) mit Sitz in Frankfurt am Main ist ein eingetragener Verein (e.V.) und die größte Personenvereinigung Deutschlands. Mit seinen 100 Mitgliedsorganisationen, in denen über 27 Millionen Mitglieder in rund 90.000 Sportvereinen organisiert sind, ist der DOSB der größte Bewegungsanbieter in Deutschland und versteht sich zugleich als „Anwalt für Bewegung“. Daher bringt sich der DOSB seit Jahrzehnten in entsprechenden Netzwerken und Bundesgremien ein.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Klimawandel„Die Folgen des Klimawandels auf die Gesundheit werden stärker spürbar“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt den Klimawandel als größte gesundheitliche Bedrohung der Menschheit und stellt den diesjährigen Weltgesundheitstag am 7. April unter das Motto „Our planet, our health“ („Unser Planet, unsere Gesundheit“). Einblicke in Strategien und Maßnahmen zum Klima- und Gesundheitsschutz, insbesondere zum Schutz vor Hitzewellen, gibt Dr. Ina Zimmermann, Leiterin des Bereichs Gesundheitsförderung/Gesundheitsplanung im Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg und Mitglied im Sprecher*innenrat des Gesunde Städte-Netzwerks.

„Die Folgen des Klimawandels werden auch in Deutschland stärker spürbar: Hohe Temperaturen und Hitzewellen führen in den Kommunen und besonders in Städten zunehmend zu Gesundheitsproblemen der Bevölkerung.

Zu den Risikofaktoren zählen soziodemografische Faktoren wie Alter, finanzielle Lage, Bildungsniveau oder sprachliche Barrieren, individuelle Faktoren wie Vorerkrankungen oder lebensweltliche Bedingungen wie die Wohn- und Lebenssituation der Menschen. Daher besitzt die Anpassung an Hitzeereignisse zur Vermeidung hitzebedingter Gesundheitsschäden eine hohe und vor dem Hintergrund des Klimawandels drängende gesundheitspolitische Relevanz.

Kommunale Hitzeaktionspläne richten sich daher vor allem auf besonders hitzevulnerable Gruppen wie Kleinkinder und Säuglinge sowie ältere Menschen, Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen, Menschen mit psychischen oder chronischen Erkrankungen, suchtkranke und/oder wohnungslose Menschen. Gerade für sie stellen Hitzewellen eine teils extreme gesundheitliche Herausforderung dar, die zu ernsthaften Erkrankungen und im schlimmsten Fall sogar zum Tod führen kann.

Während der Corona-Pandemie kam und kommt es zusätzlich zu einer Verstärkung von Gesundheitsrisiken durch Hitze, denn gerade vulnerable Gruppen können sich nicht ausreichend davor schützen. Bei fehlenden Grünflächen im unmittelbaren Wohnumfeld bieten sich insbesondere auch für Kinder nicht genügend Möglichkeiten für Bewegung und Abkühlung im Freien. Auch ältere, mobilitätseingeschränkte und chronisch erkrankte Menschen trauen sich möglicherweise aus Angst vor einer Ansteckung nicht nach draußen. Auch die regelmäßige Unterstützung und Hilfestellung durch jüngere Personen bleibt dann häufig aus.

Menschen in sozioökonomisch benachteiligten Quartieren wohnen häufiger in Wohnungen mit einem niedrigeren energetischen Standard, unzureichender Dämmung und Kühlung.

Die Pandemiesituation unterstreicht mehr denn je, dass Klimaanpassungsstrategien auf kommunaler Ebene notwendig sind. Innerhalb von Stadtverwaltungen kommt den Gesundheitsämtern eine wichtige Aufgabe zu.

Das Gesunde Städte-Netzwerk engagiert sich auch als Mitglied im Healthy Cities Netzwerk der WHO Europa und hat begonnen, sich diesem Problem zu stellen und negative gesundheitliche Folgen des Klimawandels in den Kommunen abzuwenden und abzumildern.

Dazu haben bereits einige Mitglieds-Kommunen Hitzeaktionspläne verabschiedet und viele arbeiten daran. Dresden und Mannheim sind aktuelle Beispiele. Auch die wissenschaftliche Unterstützung ist dabei von Bedeutung: Kooperationen mit Hochschulen und Universitäten haben begonnen.

Ziel von kommunalen Hitzeaktionsplänen ist es

  • das Wohlbefinden der Bevölkerung in Hitzeperioden zu erhöhen oder wenigstens zu erhalten, die Kompetenz der Bevölkerung mit Hitze umzugehen zu steigern,
  • die gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Mortalität in der Bevölkerung durch Hitze zu vermindern,
  • der Überlastung des Gesundheitssystems durch hitzebedingte Erkrankungen und Notfälle entgegenzuwirken sowie
  • die Bevölkerung vor Gefahren durch Hitzewellen zu warnen und zu sensibilisieren

Das Gesunde Städte-Netzwerk ist eine Lernplattform zum Austausch von Erfahrungen und zur Qualifikation für kommunale Gesundheitsförderung und Prävention. Es hat daher in seinen Veranstaltungen, seinen Kooperationen und seinen Medien das Thema Hitzeschutz und Gesundheit hoch auf seine Agenda gesetzt.

Immer mehr Kommunen, auch im Gesunde Städte-Netzwerk, verpflichten sich mit neuen Leitbildern auf eine vorbildliche nachhaltige Lebensqualität mit hoher Sicherheit als Grundlage für ein gesundes, glückliches Leben für alle Menschen. Dazu gehört auch die klimagerechte – demnächst klimaneutrale – und resiliente Stadt.

Wir laden alle Kommunen ein, sich mit dem Gesunde Städte-Netzwerk auf den Weg zu machen!“

Kontakt für den Sprecher*innenrat des Gesunde Städte-Netzwerk: Dr. Ina Zimmermann.


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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Klimawandel: Interview mit Jörg Freese, Beigeordneter für Jugend, Schule, Kultur und Gesundheit, Deutscher Landkreistag.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Dr. Ina Zimmermann | Sozialwissenschaftlerin, Leiterin des Bereichs Gesundheitsförderung/Gesundheitsplanung im Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg, Mitglied im Sprecher*innenrat des Gesunde Städte-Netzwerk sowie im Beirat zur Beratung zukunftsfähiger Strukturen im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) des Bundesministeriums für Gesundheit.

Das Gesunde Städte-Netzwerk Deutschland versteht sich als kommunales Sprachrohr auf der Bundesebene für die kompetente Gestaltung einer lebensweltlichen Gesundheitsförderung durch integrierte Handlungsansätze und bürgerschaftliches Engagement. Im Juni 1989 in Frankfurt am Main gegründet, umfasst das Gesunde Städte-Netzwerk der Bundesrepublik Deutschland heute 92 Mitgliedskommunen, mit insgesamt über 24 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Besonderheit: Sowohl auf Bundesebene als auch vor Ort wirken kommunale Verwaltungen und zivilgesellschaftliche Initiativen, Vereine und Träger aus der Gesundheits- und Selbsthilfearbeit gleichberechtigt zusammen.


Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Klimawandel„Klimawandel und Gesundheit dürfen nicht isoliert betrachtet werden“

Unter dem Motto „Our Planet, our health“ („Unser Planet, unsere Gesundheit“) setzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beim Weltgesundheitstag 2022 den Fokus auf den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Gesundheit. Um Bedingungen für das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Menschen zu schaffen, nehmen Kommunen eine Schlüsselrolle ein. Über die Herausforderungen des Klimawandels für den ländlichen Raum sprechen wir mit Jörg Freese, Beigeordneter für Jugend, Schule, Kultur und Gesundheit, Deutscher Landkreistag.

„Die deutschen Landkreise haben einige wesentliche Kompetenzen für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen wie auch für Prävention und Gesundheitsförderung der Bevölkerung. Beide Aufgabenbereiche sollte man nicht mehr isoliert betrachten. Denn die Veränderungen, insbesondere der massive Klimawandel, bedrohen unsere natürliche Lebensgrundlagen, aber auch die Gesundheit jedes Individuums.

Daher sind die bereits 2019 formulierten Empfehlungen zum Fortschritt von Klimaschutz und Klimaanpassung im deutschen Gesundheitswesen auch für die Landkreise von Bedeutung: Die systematische und flächendeckende Umsetzung von Hitzeschutzplänen zur Reduktion von hitzebedingten Gesundheitsrisiken, die Reduktion des CO2-Fußabdrucks des deutschen Gesundheitssektors und die Integration von Klimawandel und Gesundheit in Aus-, Fort- und Weiterbildung von Gesundheitsberufen.

Jedem ist klar, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben, bevor die Umsetzung beispielsweise von flächendeckenden Hitzeschutzplänen Realität geworden ist. Denn sollen sie wirksam sein, so ist es notwendig, die Interessen verschiedenster Gruppen im Gemeinwesen zusammenzuführen und auf gemeinsame Ziele zu vereinen. Das erfordert eine Überzeugungsarbeit, die vor allem auch Zeit kostet.

Die Landkreise setzen in ihrem Verantwortungsbereich viele Maßnahmen um, die der Verhältnisprävention zuzurechnen sind. Aufgrund der dünneren Besiedlung in den Landkreisen gegenüber Ballungsräumen treten zwar andere Probleme auf als beispielsweise in Großstädten. Dennoch müssen auch die Landkreise und ihre kreisangehörigen Städte und Gemeinden dafür Sorge tragen, dass die gesamte Bevölkerung bei Hitze durch geeignete Maßnahmen sowohl der Bauleitplanung als auch durch den Ausbau von Grünflächen und weiteren Maßnahmen geschützt wird.

Wichtig ist auch die Kooperation zwischen Ballungsräumen und ländlichen Regionen. Eine Politik, die darauf gerichtet ist, die Herstellung vor allem auch erneuerbarer Energien und beispielsweise Stromtrassen erneut vorrangig in die ländlichen Räume zu verlagern und damit die Lasten einseitig dort zusammenzuführen, um in Großstädten möglichst „klimaneutral“ leben und arbeiten zu können, wird nicht funktionieren.

Es muss eine sinnvolle und gerechte „Arbeitsteilung“ zwischen dicht und weniger dicht besiedelten Räumen in Deutschland erfolgen. Hierfür muss die Bundesregierung die richtigen Rahmenbedingungen setzen. Dies ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Akzeptanz von Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels und zur Energiewende – und damit auch ein wesentlicher Beitrag zum Gesundheitsschutz der Bevölkerung in Deutschland.

Für die Landkreise sind Krankenhäuser, die häufig auch in eigener Trägerschaft vorgehalten sind, die wichtigsten Einrichtungen des Gesundheitswesens. Krankenhäuser sind aber auch große Energieverbraucher. Diese Tatsache muss für die Landkreise vor allem als Träger von eigenen Krankenhäusern eine zunehmende Rolle spielen. Dann wird dies ein weiterer Beitrag für den Gesundheitsschutz sowohl der Menschen, die im Krankenhaus und im Gesundheitswesen allgemein arbeiten als auch für die Patientinnen und Patienten – und damit die Bevölkerung insgesamt.“


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Jörg Freese | Diplom-Verwaltungswirt (FH), seit 2008 Beigeordneter beim Deutschen Landkreistag und dort verantwortlich für Kinder- und Jugendhilfe, Schule und Kultur sowie Gesundheit. Zuvor stellvertretender Geschäftsführer Landkreistag Mecklenburg-Vorpommern. Nach dem Studium Tätigkeit bei der Landeshauptstadt Kiel.

Der Deutsche Landkreistag ist der kommunale Spitzenverband der Landkreise auf Bundesebene. Er vertritt die Interessen der Landkreise gegenüber Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat.