Prävention und Gesundheitsförderung im Alter„Gesundheitsförderung und Prävention sind in allen Lebensphasen von größter Bedeutung“

Wie können wir gesund altern? Welche Voraussetzungen sind dafür notwendig? Und welche Bedeutung haben dafür Prävention und Gesundheitsförderung?
Laut Statistischem Bundesamt ist der demografische Wandel in Deutschland längst angekommen: Jede zweite Person ist hierzulande älter als 45 und jede fünfte Person älter als 66 Jahre. Die Vereinten Nationen haben das aktuelle Jahrzehnt als „Dekade des gesunden Alterns“ benannt. Gemeinsam mit der WHO, der Weltbank und weiteren Organisationen werden nun Maßnahmen zur Verbesserung des Lebens älterer Menschen, ihren Familien und den Gesellschaften, in welchen sie leben, entwickelt und umgesetzt.
Mit dem Psychologen und Gerontologen Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg und Vorsitzender der Altersberichtskommission der Bundesregierung sowie Mitglied des Deutschen Ethikrates, haben wir darüber gesprochen, wie „gesundes Altern“ in Deutschland gelingen kann.

An Ihrem Institut wird schon seit langen zu Altersbildern und zu „Ageism“ geforscht, also der Diskriminierung aufgrund des Alters. Was hat sich in Bezug auf Altersbilder im Kontext von Gesundheit und Gesundheitsverhalten besonders durch die Corona-Pandemie verändert?

Altersbilder haben wir sowohl in nationalen als auch in internationalen Kontexten untersucht, wobei wir Interviews mit Angehörigen unterschiedlicher Generationen ebenso geführt haben wie mit Medienvertreterinnen und -vertretern sowie mit Expertinnen und Experten unterschiedlicher Gebiete der Gerontologie und der Medizin. Hinzu traten Analysen von Zeitungsartikeln in großen Tageszeitungen. Wenn ich einmal auf die Folge von Untersuchungen in den vergangenen drei Jahrzehnten blicke, dann möchte ich konstatieren: Die gesellschaftliche und auch die individuelle Sicht auf das Alter ist lange nicht mehr in dem Maße von Verletzlichkeit, Verlusten und gesellschaftlichen Belastungen bestimmt, wie dies noch vor 20, 25 Jahren der Fall war.


Warum?

Die Entwicklungsmöglichkeiten und die Ressourcen im Alter werden heute deutlich stärker zur Kenntnis genommen und artikuliert. Einen Beitrag im nationalen Kontext – ich sage ausdrücklich: einen Beitrag – bildete der Fünfte Altenbericht der Bundesregierung, der sich ausdrücklich mit den Potenzialen des Alters befasste und in meinen Augen die öffentliche – und hier auch die politische – Diskussion zu Fragen des Alters mitgeprägt hat. Ähnliches gilt für den Siebten Altenbericht, der sich mit neuen (produktiven) Sorgestrukturen in den Kommunen beschäftigt und gezeigt hat, wie groß die Initiativen sind, die hier auch von alten Menschen ausgehen.

Mit Blick auf die Corona-Pandemie hat sich auch die Sicht des Alters in einer Richtung präzisiert: die Verletzlichkeit oder Verwundbarkeit bzw. Vulnerabilität vor allem des hohen Alters wurde wieder stärker in den Blick genommen. Und sie musste in den Blick genommen werden, weil ja nur zu deutlich wurde, dass die Risiken der Infektion wie auch des symptomreichen, wenn nicht sogar letalen Verlaufs im hohen Alter deutlich erhöht sind. Dass hier die Frage nach „besonderem Schutz“ alter Menschen adressiert wurde, war nur verständlich. Aber: Die Art und Weise, wie mit alten Menschen umgegangen wurde, wie diese angesprochen wurden, wie hier „Schutz“ verordnet und verwirklicht wurde – dies haben nicht wenige alte Menschen, und das völlig zu Recht, als eine Form der Demütigung erlebt.


Was hätte man tun sollen?

Hier hätte ungleich differenzierter gehandelt und argumentiert werden müssen. Man denke nur an die „Schließung“ von Pflegeheimen, die bisweilen wie eine uneinnehmbare Festung erscheinen mussten, was übrigens auch auf Seiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Zumutung und große Belastung erlebt wurde. Was deutlich wird: Auch gegenüber alten Menschen ist eine hochdifferenzierte, nicht nur kognitiv, sondern auch existenziell und emotional ansprechende Information und Aufklärung zu wählen, die die einzelnen Schritte genau begründet.

Und: In Phasen der Pandemie erweist sich eine umfassende Konzeption von „Gesundheitsverhalten“ als notwendig: Wo Schutz ist, muss zugleich auch Aktivierung und Teilhabe sein. Körperliche, kognitive, ästhetische, emotionale und sozialkommunikative Aktivierung erweisen sich in Phasen der Pandemie geradezu als unerlässlich, wenn einem Verlust von Ressourcen entgegengewirkt werden soll. Anders ausgedrückt: Auch in solchen Phasen zeigt sich, wie wichtig das Gesundheitsverhalten – verbunden mit und motiviert durch entsprechende Angebote – ist.


Von den Vereinten Nationen wurde jüngst das Jahrzehnt des gesunden Alterns (UN Decade of Healthy Ageing 2021 -2030) ausgerufen. Mit Unterstützung der WHO sind u. a. Maßnahmen intendiert, die unsere Denkweise und unser Handeln in Bezug auf das Alter verändern sollen. Zudem sollten die Angebote zur primären Gesundheitsversorgung altersgerecht sein und die Fähigkeiten und Ressourcen älterer Menschen gezielt gefördert werden. Woran müssen wir in Deutschland vorrangig arbeiten, damit „gesundes Altern“ möglich ist? Welche Rolle haben dabei Prävention und Gesundheitsförderung?

Ich möchte dies sehr klar beantworten: Unser Gesundheitssystem betont zu einseitig die Kuration und fängt somit im Hinblick auf die „Förderung von Gesundheit“ viel zu spät an. So wichtig und unerlässlich Kuration ist, da gibt es ja gar nichts zu deuteln, so wichtig sind die rechtzeitig betriebene Gesundheitsförderung und Prävention. Es geht eben nicht nur darum, Pathologie zu verringern, sondern es geht auch darum, gesundheitliche Ressourcen –- kognitiv, verhaltensbezogen, emotional –aufzubauen und kontinuierlich zu stärken.

Zudem geht es darum, Risikofaktoren – im Verhalten, in der Umwelt – zu erkennen und zu lindern oder ganz abzubauen. Diese Ziele sollten wir übrigens über den gesamten Lebenslauf verfolgen. Gesundheitsförderung und Prävention sind in allen Lebensphasen von größter Bedeutung.


In einer aktuellen Studie „Älter werden in Balance“ wurden sogenannte „Daseinsthemen“ definiert. Was macht das Leben im Alter lebenswert?

Es war dies eine Studie, die wir in jahrelanger, enger Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verwirklicht haben und die auch eine Grundlage dafür bildet bzw. weiterhin bilden soll, gesundheitsbezogene Botschaften in die Öffentlichkeit und dabei auch in unterschiedliche Lebenswelten zu bringen. Die Vorbereitungen zur Veröffentlichung sind nun abgeschlossen und wir vermuten, dass wir Ende des Jahres mit der entsprechenden Publikation herauskommen werden.

Ja: die Daseins- oder Lebensthemen waren für uns in dieser Studie zentral. Welches sind die zentralen Anliegen, Werte und Perspektiven, die das Erleben und Verhalten alter Menschen beeinflussen? Mit einer Stichprobe von 400 Personen können und wollen wir hier keine Repräsentativität beanspruchen, und doch eröffnen uns die Ergebnisse die Möglichkeit, den „Erlebenshintergrund und Sinnhorizont“ im Alter noch besser zu verstehen und seine Bedeutung auch für das Gesundheitsverhalten aufzuzeigen.


Worauf kommt es an?

Drei Aspekte seien hier stellvertretend angeführt. Erstens: Die Erfahrung, eine Aufgabe zu haben, kann für die Lebensbindung, für das Sinnerleben, für das Wohlbefinden alter Menschen nicht hoch genug bewertet werden. Was dabei als Aufgabe erscheint, variiert von Person zu Person erheblich. Aber die große Bedeutung des erlebten Aufgabencharakters für die innerpsychische Situation ist unumstritten. Zweitens: Viele Menschen praktizieren das, was ich eine kreative Sorge für und um andere Menschen nennen möchte. Ich möchte nicht allein Umsorgter sein, nein: ich möchte die Sorge erwidern können, mithin mein Leben in den Dienst von etwas stellen. Dieses Motiv beobachten wir übrigens auch bei vielen Menschen am Ende ihres Lebens.

In dem gerade erschienenen Buch „Vom Leben und Sterben im Alter. Wie wir das Lebensende gestalten können“ habe ich entsprechende Überlegungen und Befunde angeführt ebenso wie in dem 2017 erschienenen Buch „Lebensphase hohes Alter: Verletzlichkeit und Reife“. Drittens: Die innerpsychische Situation ist in hohem Maße belastet, wenn sich bei Menschen eine stärker oder stark ausgeprägte Pflegebedürftigkeit entwickelt, vor allem aber, wenn sich das Erleben von Einsamkeit ausbildet. Eine (unfreiwillige) Isolation und Einsamkeit, verbunden mit dem Erleben, von anderen Menschen nicht mehr gebraucht zu werden, keine Aufgabe mehr zu haben, führt vielfach zu der Überzeugung, „aus der Welt gefallen“ zu sein.


Der Achte Altersbericht der Bundesregierung „Ältere Menschen und Digitalisierung“ ist 2020 erschienen. Warum widmete sich der Altersbericht dieser Thematik und was hat Sie besonders überrascht?

Zum einen zeigt sich, dass Mobilität, Partizipation, Kommunikation, sicheres Wohnen sowie Leistungen in den Bereichen Gesundheit und Pflege heute nicht mehr an digitaler Technologie und entsprechenden Produkten vorbeigehen können. Zum anderen mehren sich die Befunde, die deutlich machen, dass – unter der Bedingung einer überzeugenden Anleitung, aber auch unter der Bedingung der Mitwirkung bei der Produktdefinition und -entwicklung – digitale Techniken von alten Menschen sehr gut und funktional in ihre Lebens- und Handlungswelt „inkorporiert“ werden können – um einmal dieses Wort zu wählen.

Schließlich durfte die Gruppe alter Menschen in der Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung nicht fehlen. Dabei durften wir uns als Kommission – die übrigens ausgezeichnet zusammengestellt war und hocheffektiv arbeitete – darüber freuen, dass wir zu jenen gehörten, die schon früh mit einem konzeptionell fundierten und praxisnahen Bericht an die Öffentlichkeit gelangt sind.


Welches sind die wichtigsten Erkenntnisse?

Für uns war in dem Bericht auch sehr wichtig, auf mögliche Risiken einer digitalen Spaltung, das heißt der Spaltung zwischen den verschiedenen Sozialschichten, hinzuweisen. Zudem haben wir darauf hingewiesen, dass ethische Fragen auch die Mitwirkung alter Menschen bei der Identifikation, der Entwicklung sowie der Anwendung von Produkten bedeutet. Zudem müssen Fragen des Datenschutzes sensibel adressiert und höchst überzeugend beantwortet werden. Und schließlich gilt: der unmittelbare Kontakt zwischen Menschen, eine leibnahe Pflege, Therapie und Rehabilitation dürfen nicht durch die digitale Technik ersetzt werden; der digitalen Technik kommt hier eine – allerdings sehr bedeutende – komplementäre Funktion zu.


Auch die 20. BVPG-Statuskonferenz beschäftigt sich mit dem Thema Alter, speziell mit der psychischen Gesundheit in dieser Lebensphase. Wie wichtig ist das Thema „psychische Gesundheit im Alter“ für den Bereich Prävention und Gesundheitsförderung aus Ihrer Sicht?

Es geht bei der Betrachtung der psychischen Gesundheit im Alter zunächst darum, organische, emotionale, soziale und existenzielle Ursachen oder Einflussfaktoren von psychischen Krankheiten zu differenzieren. Diese Differenzierung ist notwendig mit Blick auf Gesundheitsförderung und Prävention.


Das heißt?

Beginnen wir mit den verschiedenen Formen der Demenz, die auf organische – vaskuläre und / oder neuronale – Ursachen zurückzuführen sind. Mittlerweile wissen wir viel über das präventive Potenzial der gezielten Aktivierung von kognitiven und körperlichen Funktionen in früheren Lebensjahren wie auch der Vermeidung oder Kontrolle von Herz-Kreislauf- sowie von Stoffwechselerkrankungen mit Blick auf unterschiedliche Demenzformen. Setzen wir fort mit den sich im Lebenslauf chronifizierenden psychischen Störungen, die eine fundierte psychotherapeutische Behandlung erforderlich machen, die gegebenenfalls im Alter noch einmal wiederholt werden muss: hier stehen emotionale Faktoren sowie Faktoren der Persönlichkeit im Zentrum.

Weiterhin sind soziale Einflüsse zu beachten, die sich auch aktuell negativ auf die psychische Gesundheit auswirken: ein im Alter besonders wichtiger Einfluss sind Isolation und Einsamkeit, auf die mit einer psychologischen Intervention ebenso geantwortet werden sollte wie mit der Schaffung natürlicher, niedrigschwelliger Begegnungsangebote in der Kommune. Zu den existenziellen Einflüssen rechne ich Sinnkrisen, die zum Beispiel aus einem hochkonfliktreichen Lebensrückblick wie auch aus der Erfahrung, keine Aufgabe mehr zu haben, erwachsen können, zudem aus der zunehmend bedeutender werdenden Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit. Hier sind nicht nur psychologische und psychotherapeutische, sondern auch hochreflektiere seelsorgerische sowie sozialkulturelle Angebote wichtig.

Der Gesundheits- wie auch der Krankheitsbegriff blieben in allen Lebensaltern unzureichend, würden sie nicht ausdrücklich die psychische Gesundheit mitbedenken. Das Gleiche gilt für Gesundheitsförderung und Prävention. Zudem halte ich eine Soziopsychosomatik, die durch eine existenzielle Dimension erweitert wird, für unerlässlich, wenn Fragen der Gesundheit und der Krankheit, der Gesundheitsförderung und Prävention erörtert werden.

Die Fragen stellten Linda Arzberger und Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.


Lesen Sie dazu auch:

Interview zum Thema „Geschlechtersensible Prävention und Gesundheitsförderungmit Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione, Universität Bielefeld und Radboud Universität in Nijmegen (NL).

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

Weitere Informationen zur BVPG-Statuskonferenz „Psychische Gesundheit in der dritten Lebensphase“ finden Sie hier.

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Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse | Seit 1997 Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, Vorsitzender der Altersberichtskommission der Bundesregierung, seit 2016 Mitglied des Deutschen Ethikrates; Mitglied in weiteren internen und externen Kommissionen.

Prävention und Gesundheitsförderung im Setting Hochschule„Gesundheitsförderung im Setting Hochschule hat großes Potenzial!“

Gesundheitsförderung im Setting Hochschule zu verankern, ist eine der Aufgaben des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbandes e.V. (adh). Der Dachverband der Hochschulsporteinrichtungen erreicht insgesamt 2,4 Mio. Studierende, rund 550.000 Bedienstete sind beim adh tätig und mit 203 Mitgliedshochschulen ist fast jede zweite Hochschule in Deutschland Mitglied beim adh. Julia Berschick, studentisches Vorstandsmitglied, und Felicitas Horstmann, Projektleitung Gesundheitsförderung, sprechen im BVPG-Interview über die Neuausrichtung des Verbandes, den Vorteil von Sport und Bewegung beim Studieren und die Bedeutung des Studentischen Gesundheitsmanagements im gesamtgesellschaftlichen Kontext.

Seit 2017 kooperiert der adh mit der Techniker Krankenkasse (TK), um mehr Bewegung in den Studienalltag zu bringen. Was soll sich durch die Initiative „Bewegt studieren – Studieren bewegt! 2.0“ verändern?

Felicitas Horstmann: Aufgrund des Erfolgs der ersten gemeinsamen Initiative, die von 2017 bis 2019 umgesetzt wurde, ist die zweite Runde im Jahr 2020 mit 50 bundesweit geförderten Projekten gestartet. Ziel der Initiative 2.0 ist es, nicht nur den Alltag von Studierenden bewegter zu gestalten, sondern auch das Gesundheitsmanagement an Hochschulen durch den Hochschulsport voranzutreiben. Zu diesem Zweck wird, neben den geförderten Projekten, der Hochschulsport als Akteur im Gesundheitsmanagement gestärkt und qualifiziert.

Im Juni dieses Jahres startete die Qualifizierungsreihe „Gesundheitsmanagement im und durch den Hochschulsport“, deren Ziel die Kompetenzentwicklung im Handlungsfeld Gesundheitsmanagement im Setting Hochschule ist. Mit ihr sollen vor allem die Besonderheiten des Hochschulsports im Vergleich zu anderen Akteurinnen und Akteuren der Gesundheitsförderung an Hochschulen herausgestellt und berücksichtigt werden.

Gleichzeitig hat sich der adh zum Ziel gesetzt, das Themenfeld „Gesundheitsförderung“ im Verband strategisch weiterzuentwickeln, um den Hochschulsporteinrichtungen eine weitere Legitimationsebene zu eröffnen und sie politisch zu stärken.


Was sind die größten Herausforderungen bei der Implementierung eines Gesundheitsmanagements an Hochschulen?

Felicitas Horstmann: Eine der größten Herausforderungen sind die Vielfalt und Menge an Akteurinnen und Akteuren im Setting Hochschule, die zudem unterschiedliche Aufgaben und Ziele haben. So gibt es neben dem Hochschulsport weitere zentrale Einrichtungen – wie beispielsweise das Studierendenwerk oder den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) –, die beim Aufbau eines Gesundheitsmanagements beteiligt werden sollten. Es braucht Fingerspitzengefühl und ein diplomatisches Geschick, um die verschiedenen Akteurinnen und Akteure des Handlungsfeldes an einen Tisch zu holen und eine gemeinsame Strategie zu entwickeln.

Darüber hinaus gelten Studierende, entgegen der vorherrschenden Studienlage, weiterhin als gesunde Bevölkerungsgruppe und stehen nicht im Fokus der Gesundheitspolitik. Folglich fehlt es vielerorts an den notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen, um das Studentische Gesundheitsmanagement (SGM) als Teil des hochschulischen Gesundheitsmanagements aufzubauen.


Warum lohnt sich Studentisches Gesundheitsmanagement ? Was sind die Vorteile?

Felicitas Horstmann: Es gibt viele Gründe für die Implementierung eines Studentischen Gesundheitsmanagements. Bezugnehmend zur Eingangsfrage möchte ich beispielhaft die Ergebnisse einer online-basierten Querschnittsuntersuchung anführen. Die Studie wurde im Rahmen der Initiative 1.0 innerhalb des Projekts „BeTaBalance – bewegt studieren zwischen Berg und Tal“ der Universität Tübingen im Jahr 2018 durchgeführt.

Untersucht wurde der Einfluss sportlicher und körperlicher Aktivität auf die akademische Leistungsfähigkeit. Die Studie zeigt, dass Studierende, die die Empfehlungen für ausdauerorientierte körperliche Aktivität erfüllen, also 150 Minuten/Woche bei moderater oder 75 Minuten/Woche bei hoher Intensität, eine höhere Funktionsfähigkeit im Studium aufweisen als Studierende, die diese Bewegungsempfehlungen nicht erfüllen. Dieser positive Effekt auf die Funktionsfähigkeit im Studium konnte sowohl für Sportaktivitäten in der Freizeit als auch für das „aktive Pendeln“ mit dem Fahrrad gezeigt werden.

Darüber hinaus konnten Ergebnisse aus anderen Studien bestätigt werden: Das Aktivitätsverhalten kann einen Einfluss auf die Beschwerdewahrnehmung von Studierenden haben. So berichteten Studierende, die die ausdauerorientierten Empfehlungen erfüllen, signifikant seltener von Beschwerdeformen wie Konzentrationsbeschwerden, Niedergeschlagenheit oder Rückenschmerzen. Dies ist insofern von Bedeutung, da Beschwerden stark mit der Funktionsfähigkeit im Studium korrelieren. Folglich lassen die Studienergebnisse vermuten, dass körperliche Aktivität einen gewissen Teil des negativen Zusammenhangs zwischen Beschwerden und Funktionsfähigkeit im Studium abpuffern kann.

Da es sich bei den entscheidenden Bewegungsformen vor allem um strukturierte Sportaktivitäten handelt, deutet dies auf die Wichtigkeit des Sportverhaltens als Bewältigungs- und Erholungsmaßnahme hin.


Also kann Sport beim Studieren helfen?

Felicitas Horstmann: Ja, Sport kann einen Einfluss auf den akademischen Erfolg haben. Die Befunde des Projektteams aus Tübingen zeigen, dass Bewegung durchaus ein Baustein von vielen verschiedenen weiteren Bedingungen ist, der zu einer erfolgreichen Gestaltung des Studiums beiträgt. Bewegung ist dabei als eines der Puzzleteile mit zu berücksichtigen, wenn es um die Förderung des Studienerfolgs und die Vermeidung von Studienabbrüchen geht.

Solche empirischen Befunde, wie die der Querschnittsanalyse, die eine Verknüpfung zwischen Gesundheit, Gesundheitsverhalten und Parametern des akademischen Erfolgs darstellen, liefern wichtige Argumente. Die konsequente Verbindung der Bewegungsförderung mit akademischen Argumenten ist vor allem für die immanente Handlungslogik von Bildungseinrichtungen relevant. Bewegungsfördernde Maßnahmen im Studentischen Gesundheitsmanagement, wie sie auch vom genannten Projekt „BeTaBalance 2.0“ an der Universität Tübingen angeboten werden, sind damit nicht nur über den gesundheitlichen Nutzen von körperlicher Aktivität begründbar, sondern auch durch Beziehungen zu einer erfolgreichen Gestaltung des Studiums.

Krisen können auch Chancen sein – welche Chancen sehen Sie durch die Corona-Pandemie für die Gesundheitsförderung an Hochschulen?

Julia Berschick: Die Pandemie hat als eine Art Brennglas fungiert und viele gesellschaftliche Probleme hervorgehoben. Als Gesundheitskrise hat sie deutlich gemacht, wie wichtig die eigene Gesundheit ist und welchen Stellenwert Gesundheitsförderung haben sollte. Körperliche Aktivität in diesem Zusammenhang ist eine wichtige Strategie bei der Bewältigung von Krisen und kann nachhaltig zu einer gesteigerten Resilienz beitragen. Studien zeigen beispielsweise, dass körperlich aktivere Menschen weniger unter den psychischen Folgen der Pandemie-bedingten Einschränkungen leiden.

Hinzu kommt, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus unter anderem zur sozialen Vereinsamung beigetragen haben. Dieser Umstand könnte den Bewegungsmangel zusätzlich verstärkt haben, weil Anlässe und Motivation für Bewegung fehlten. Wir stehen also weiterhin großen Herausforderungen gegenüber, insbesondere was die Langzeitfolgen der Pandemie betrifft. Gesundheitsförderung sollte hierbei als Teil der Lösung verstanden werden und in allen Lebenswelten Berücksichtigung finden.


Studierende sind die potenziellen Führungskräfte von morgen. Kann es durch den Hochschulsport gelingen, deren Gesundheitskompetenz zu steigern und den Weg zu ebnen, damit Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) zukünftig selbstverständlicher und flächendeckender in der Arbeitswelt umgesetzt wird?

Julia Berschick: Auf jeden Fall! Gesundheitsförderung im Hochschulsektor hat ein über das Setting hinausgehendes Potenzial: Studierende, als zukünftige Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sowie als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren eines gesundheitsorientierten Lebensstils, besitzen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen, die Kultur und Wertehaltungen. Nicht nur in Unternehmen, sondern auch in Organisationen, Schulen, Kitas oder auf kommunaler Ebene können Studierende gesundheitsförderliches Verhalten beeinflussen. Dieser Effekt wird insbesondere durch die im Hochschulsystem gemachten Erfahrungen determiniert. Gesundheitsbezogene Einstellungen können durch spezielle Angebote erweitert und gefestigt werden.

Dies zeigt sich eindrucksvoll in zahlreichen Projekten aus der Initiative 2.0. Durch Lehrmodule, Zertifizierungsprogramme, Workshopangebote und Aufklärungskampagnen werden den Studierenden an einigen Hochschulen Gesundheits- bzw. Bewegungskompetenzen vermittelt. Außerdem werden sie befähigt, selbstbestimmte Entscheidungen zur Förderung ihrer Gesundheit zu treffen und eine Teilhabe an beziehungsweise eine Mitsprache bei gesundheitsrelevanten Diskussionen, Themen und Fragestellungen einzufordern.


Was fordern Sie von der Gesundheitspolitik in der kommenden Legislaturperiode in Bezug auf Gesundheitsförderung im Setting Hochschule?

Julia Berschick: Im Juni 2019 wurde der erste Präventionsbericht der Nationalen Präventionskonferenz (NPK) veröffentlicht. Trotz des gesetzlichen Einbezugs der Lebenswelt Hochschule in das Präventionsgesetz und die Bundesrahmenempfehlungen der NPK bleiben Hochschulen im ersten Präventionsbericht weitestgehend unberücksichtigt.

In Zukunft sollten Hochschulen und der Hochschulsport nicht nur qua Gesetz, sondern vor allem auch bei der praktischen Umsetzung der nationalen Präventionsstrategie, insbesondere aufgrund ihrer wichtigen zuvor beschriebenen Funktion als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, stärker einbezogen werden. Zudem sollten Hochschulen Berücksichtigung im GKV-Leitfaden Prävention und in den Landesrahmenvereinbarungen finden. Nicht zuletzt sollte die Gruppe der jungen Erwachsenen Gegenstand der Überlegungen auf Gesundheitskongressen und beim jährlichen Präventionsforum der NPK sein, um das Potenzial derer zu entfachen, „die unser Land für seine Zukunft so sehr braucht“, wie es Bundespräsident Walter Steinmeier in seiner Rede an die Studierenden in Deutschland am 12. April 2021 treffend formuliert hat. An Argumenten für Gesundheitsförderung im Setting Hochschule mangelt es jedenfalls nicht!


Können wir uns vielleicht ein Beispiel an anderen Ländern nehmen? Falls ja, an welchen und weshalb?

Julia Berschick: Vorreiter ist definitiv die Initiative „European University for Well-Being (EUniWell), ein Zusammenschluss verschiedener europäischer Universitäten und Partner, die einen holistischen Ansatz verfolgen und nicht nur das Individuum, sondern auch die Gesellschaft und Umwelt in den Fokus rücken. Adressiert wird hierbei das Wohlbefinden aller Hochschulangehörigen, aber auch der Gesellschaft im Allgemeinen.

Neben dem Gesundheitsverhalten einzelner Personen auch die strukturellen Bedingungen in den Blick zu nehmen und nachhaltige Veränderungen anzuschieben, ist zwar kein neuer Ansatz. Dennoch findet die Verhältnisprävention bislang wenig Beachtung in der Lebenswelt Hochschule. Hierin besteht ein großes Potenzial für die Gesundheitsförderung an Hochschulen, das es in Zukunft auszuschöpfen gilt!

Ein weiteres Beispiel ist der Active Campus Europe, ein europaweites Projekt der bewegungsorientierten Gesundheitsförderung für Studierende und Beschäftigte. Nicht zu vergessen das European Network of Academic Sport Service (ENAS), ein Netzwerk von europäischen Hochschulen, das einen Austausch und Unterstützung unter anderem zu gesundheitsbezogenen Themen und Maßnahmen ermöglicht.


Die Fragen stellten Linda Arzberger und Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitskompetenz (HealthLiteracy). Interview mit Prof. Dr. Kevin Dadaczynski, Professor für Gesundheitskommunikation und -information an der Hochschule Fulda, und Dr. Orkan Okan, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdiziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung an der Universität Bielefeld.

Prävention und Gesundheitsförderung –Schwerpunkt Gesundheitskompetenz (HealthLiteracy). Interview mit den HLS-GER 2 – Studienleiterinnen, Prof. Dr. Doris Schaeffer und Dr. Eva-Maria Berens vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld.

Interview zum Thema „Geschlechtersensible Prävention und Gesundheitsförderungmit Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione, Universität Bielefeld und Radboud Universität in Nijmegen (NL).

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Julia Berschick | Bewegungs- und Medienwissenschaftlerin; studentisches Vorstandsmitglied im Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband e.V. (adh); Projektkoordinatorin Studentisches Gesundheitsmanagement an der Universität Regensburg; Arbeitsschwerpunkte: strategische Weiterentwicklung des Themenfelds Gesundheitsförderung; Studentisches Engagement; Nachhaltigkeit.

Felicitas Horstmann | Sport- und Gesundheitswissenschaftlerin; Projektleiterin für Gesundheitsförderung beim Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband e.V. (adh); Arbeitsschwerpunkte: Betreuung der gemeinsamen Initiative mit der Techniker Krankenkasse „Bewegt studieren – Studieren bewegt! 2.0“; Qualifizierungsmaßnahmen Gesundheitsmanagement; Organisationsentwicklung.

Der Allgemeine Deutsche Hochschulsportverband e.V. (adh) ist der Dachverband der Hochschulsporteinrichtungen in Deutschland und repräsentiert 2,4 Mio. Studierende sowie 550.000 Bedienstete an seinen 203 Mitgliedshochschulen. Die Bundesgeschäftsstelle des Verbands hat ihren Sitz auf dem Campus der Hochschule Darmstadt in Dieburg.

Geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention„Geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention als Chance!“

Die geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention sollte zunehmend in Forschung, Lehre und Präventionsmaßnahmen berücksichtigt werden. Sie verfolgt das Ziel, die geschlechtsbedingte Ungleichheiten von Gesundheitschancen zu reduzieren. Seit April 2021 hat die Universität Bielefeld die erste Professur für „Geschlechtersensible Medizin“ in Deutschland eingerichtet und mit Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione besetzt, die nun eine transnationale Brückenprofessur innehat: Sie leitet zudem auch den Lehrstuhl für Gender in Primary and Transmural Care (Geschlecht in der allgemeinmedizinischen und sektorenübergreifenden Versorgung) am Radboud University Medical Center in Nijmegen, Niederlande. Ein Gespräch über divers zusammengesetzte Teams, Stereotypen und erfolgreiche internationale Ansätze. 

Welche Chancen ergeben sich durch eine geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention?

Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass „ein Ansatz für alle“ sehr häufig nicht funktioniert. Menschen erleben unterschiedliche Lebensumstände, aus denen sich unterschiedliche Gesundheitsbedarfe ergeben.

Wir wissen, dass es Geschlechterunterschiede gibt, dass Frauen und Männer unterschiedliche Zugänge haben können zum Gesundheitssystem, das trifft auf Deutschland zu, aber auch auf viele andere Länder.

Die geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention ist eine Chance, denn sie zielt darauf ab, Menschen passgenauer anzusprechen, ihre Lebenswelt miteinzubeziehen und mehr Diversität möglich zu machen. Es geht darum, Angebote so zu gestalten, dass sie Menschen ansprechen können und sie dort besser abholen zu können, wo sie sich befinden. Wir versuchen die Unterschiede zwischen verschiedenen Geschlechtern und innerhalb der Gruppe eines Geschlechtes zu verstehen und durch diese Transparenz bessere Informations- und Aufklärungsmöglichkeiten zu schaffen.


Bereits ab dem 10. Lebensjahr differenzieren sich Mädchen und Jungen in ihrem Gesundheitsverhalten. Was bedeutet das für Angebote zur Gesundheitsförderung und Prävention?

Ich denke, es gibt hierbei verschiedene Ebenen, die man betrachten sollte.  Einerseits gibt es potenzielle geschlechtsspezifische Unterschiede und Präferenzen, auf der anderen Seite muss man sich aber fragen, inwiefern diese Differenzierung gesellschaftlich und durch mediale Darstellung befördert wird.

Was sind die Hintergründe für unterschiedliche Bereitschaft zur sportlichen Aktivität, warum wird Sport unterschiedlich aufgenommen? Gibt es Unterschiede bei der Körperwahrnehmung bei Mädchen und Jungen? Oder in bedienten Stereotypen? Wie gehen wir mit nicht-binären Menschen oder Transpersonen und Sport um? Gibt es überhaupt Vorbilder – in der Familie oder im sozialen Umfeld? Ich denke, da spielen ganz viele Faktoren eine Rolle.

Unter anderem geht es auch darum, wie wir den Sport gesellschaftlich vorleben. In den USA war Fußball immer ein Frauensport, das war in Deutschland oder in den Niederlanden nicht so. Heute ist die Frauenfußballnationalmannschaft neben den USA eine der erfolgreichsten der Welt, einhergehend mit neuen, weiblichen Vorbildern. Natürlich spielt hierbei die mediale Inszenierung, meist mit dem Ziel der Vermarktung, eine große Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Wir sehen also, wie letztendlich kommerzielle Aspekte die subjektive Entscheidung, sich sportlich zu betätigen, beeinflussen – und das womöglich auf geschlechtsspezifische Art.

Diese Vermischung von öffentlichem Einfluss und privater Entscheidung birgt natürlich Herausforderungen. Wir müssen einerseits in unsere sportlichen Angebote diese Geschlechtertrennung mit aufgreifen, um überhaupt sportliche Aktivität zu fördern. Andererseits müssen wir schauen, wie wir in Zukunft Stereotypen entgegenwirken können – indem wir zum Beispiel sehr früh, im Kindergarten- und Grundschulalter, schon unterschiedliche Beispiele und Vorbilder zeigen, Stereotypen aufdecken und neue Ansätze anbieten.

Kinder werden nicht mit Stereotypen geboren. Sie passen sich an das an, was sie sehen und was ihnen mitgeteilt wird. Da haben wir zwei Möglichkeiten anzusetzen: Einerseits haben die Familien großen Einfluss. Was wird vorgelebt, wie wird es thematisiert? Und weiter: Wie könnte durch Aufklärungskampagnen und Informationsangebote in den Kitas, in den Schulen, unterstützt werden?

Ein weiterer, bereits erwähnter Teil, sind die Medien und deren Einfluss. Heutzutage spielen vor allem im Alltag der Kinder und Jugendlichen soziale Medien eine sehr wichtige Rolle. Welche Bilder werden auch hier aufgegriffen und verbreitet und wie kann man die jungen Nutzer/innen über die Dynamiken, denen sie hierbei ausgesetzt sind, aufklären?


Ihre neue Arbeitsgruppe „Geschlechtersensible Medizin“ wird von einem divers zusammengesetzten zivilgesellschaftlichen Beirat, bestehend aus Patient/innen, potentiellen Nutzer/innen von Präventionsleistungen und weiteren Interessengruppen beraten. Was erhoffen Sie sich durch diese Zusammensetzung?

Unsere interdisziplinäre Arbeitsgruppe wird als Team relativ breit aufgestellt sein. Auch meine Arbeitsgruppe in den Niederlanden besteht aus Mediziner/innen, Psycholog/innen, Sozialwissenschaftler/innen, Designer/innen und Medienexpert/innen. Neben dieser breiten internen Aufstellung möchten wir uns gerne zusätzlich von Nutzer/innen, Kostenträger/innen, Vertreter/innen aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst unterstützen lassen.

Ich erhoffe mir von diesem Beirat, dass er uns mit unterschiedlichen Perspektiven und Problematiken konfrontiert. Diese Menschen sind Expertinnen und Experten in ihren Bereichen, die uns die Grenzen unserer Ansätze aufzeigen können und sicherstellen können, dass unsere Projekte bei tatsächlichen Bedarfen anschließen. In den Niederlanden ist diese Vorgehensweise nicht nur üblich, sondern eine Voraussetzung, wenn man Forschungsförderung beantragt.

Es ist doch einleuchtend, dass wir nicht alles selber wissen können, dass wir unseren Input breiter einholen müssen und auf diese Weise einen „Resonanzkörper“ haben, der uns unterstützen kann. Unabhängig davon halte ich es auch für eine Möglichkeit, unseren gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen. Wir versuchen die Versorgung für alle Geschlechter so gut wie möglich zu gestalten und dazu möchten wir auch differenzierte Meinungen einholen.


Welche Vorteile haben divers zusammengesetzte Teams?

Diverse Teams bringen meist innovativere Produkte hervor, die häufig langfristig erfolgreicher sind. Die Beleuchtung aus verschiedenen Perspektiven und die Identifikation von blinden Flecken von Anfang an kann die Erfolgschancen potenziell steigern. Man kann potenzielle „Fehler“ früher aufdecken und sie konstruktiv nutzen, um bessere Lösungen zu entwickeln.

In den Niederlanden ist es generell so, dass alle Dinge in diversen Gruppen erst einmal breit diskutiert werden. Es ist immer ein Prozess der Konsensfindung. Das dauert manchmal anfänglich etwas länger, allerdings geht es in der anschließenden Umsetzung oft viel schneller.

Wir müssen nun schauen, was wir davon in Deutschland in unserem Bereich nutzen können. Die beiden Wissenschaftssysteme sind in vielen Teilen unterschiedlich und haben beide ihre Vor- und Nachteile. Ich hoffe durch die „Brücken“-Struktur die erfolgreichsten Ansätze aus beiden Systemen zusammenbringen zu können. Es ist, sozusagen, ein organisations-bezogener Lernprozess.


Präventionsangebote sind oftmals nur dann wirksam, wenn sie passgenau auf die Zielgruppe zugeschnitten sind. Können Sie uns erfolgreiche Beispiele einer geschlechtersensiblen Umsetzung von Prävention und Gesundheitsförderung in Lebenswelten nennen?

Es gibt einige Studien, v.a. im Forschungsbereich Herz-Kreislauf, im Gewichtsmanagement und im Bereich körperlicher Aktivität in den Lebenswelten der Menschen.

Beispielsweise gibt es das männerspezifische Programm „Football Fans in Training (FFIT)“ aus England. Vorab wurde sehr viele Jahre in Männlichkeitsforschung investiert. Aus diesen Erkenntnissen entstand dann ein dreimonatiges Bewegungs- und Ernährungsprogramm für übergewichtige Männer, in das die Lebenswelt, die Gruppenbildung und auch der Abbau von Scham einbezogen wurde. Das standardisierte Programm wurde in einer klinischen Studie evaluiert, die seinen Langzeiterfolg belegen konnte. Die Interventionsgruppe konnte selbst nach Ablauf der Intervention ihren Gewichtsverlust halten. Das Ernährungs- und Bewegungsverhalten von übergewichtigen Männern in ihrer Lebenswelt wird unter dem Titel „Euro-FFIT“ nun in mehreren europäischen Ländern weiter untersucht und eventuell lokal angepasst.

Ähnlich arbeitet das Programm „Wise Woman“ aus den USA, das neben der Erforschung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens auch auf kardiovaskuläre Prävention durch Risikoreduktion abzielt. Dieses Programm berücksichtigt die Lebenswelt der Menschen und zusätzlich auch intersektionale Aspekte. Es richtet sich spezifisch an nicht- bzw. unterversicherte Frauen im Alter von 40-65 Jahren mit geringem Einkommen. Wise Woman wurde in mehreren Bundesstaaten in den USA an die lokalen Gegebenheiten angepasst und in bereits bestehende Strukturen integriert mit langfristigen Erfolgen.

Diese Beispiele zeigen, dass geschlechtersensible Programme sehr erfolgreich sein können, wenn sie genug differenziert sind, wenn also eine selektierte Gruppe angesprochen wird.

Ich denke im Bereich der zielgruppenspezifischen, partizipativen, geschlechtersensiblen Prävention können wir viel von der Aidspräventionsforschung lernen. Wie hat man zum Beispiel Menschen dazu gebracht, Kondome zu benutzen? Das funktioniert nicht mit Scham. Es funktioniert mit Aufklärung, es funktioniert, wenn man die Menschen dort abholt, wo sie sich befinden. Es wurden zum Beispiel ganz spezifische Interventionen entwickelt: In der homosexuellen Szene in San Francisco wurden beispielsweise Community-Organizer und Bar-Besitzer mit einbezogen. Sie hatten bestehende Netzwerke, waren in ihrer Rolle respektiert und konnten Menschen direkt ansprechen.

Diese Erfahrungen zeigen ganz klar, dass ein breiter geschlechtersensibler Ansatz, der auf Akzeptanz der Umstände und nicht auf Scham aufbaut, sehr erfolgreich sein kann. Es zeigt uns, wie wichtig die Einbindung von Geschlechtsaspekten als Querschnittsthemen im Design von Präventionsmaßnahmen ist.


Sie arbeiten mit einem internationalen Netzwerk von Fachleuten der geschlechtersensiblen Medizin und gehörten in den vergangenen Jahren der von der Europäischen Kommission (EU) geförderten Fachgruppe „Gendered Innovations 2“ an. Was waren die Ziele?

Bei der EU-Fachgruppe „Gendered Innovations 2“ ging es um zwei Aspekte: Es ging darum, bestehende Methoden weiterzuentwickeln und neue auszuarbeiten und die Begutachtungsprozesse der EU-Kommission transparenter zu gestalten.

Der Hintergrund ist folgender: Die EU-Kommission hat nicht die Befugnis, die Politik der Mitgliedsstaaten zu beeinflussen. Aber sie kann im Bereich „Gender Dimension“ Vorreiter sein. Die geschlechtersensible Forschungspolitik und -finanzierung auf EU-Ebene hat somit einen Leuchtturmeffekt. Neben den Strategien in der Forschungsförderung werden EU-Mitgliedsstaaten Unterstützung und Ressourcen im Bereich der Kommunikation, z.B. in Form von Webseiten und Trainings, angeboten, falls sie diesen Weg auch einschlagen wollen.


In manchen Ländern wird eine geschlechtersensible Herangehensweise in der Prävention und Gesundheitsförderung bereits umgesetzt. Was können wir von unseren internationalen Nachbarn lernen?

Ich denke, die Einbettung in die Lebenswelten ist extrem wichtig. Wir können viel aus dem globalen Süden lernen. Wenn wir uns anschauen, wie geschlechtersensibel, wie personenbezogen Gesundheitsleistungen dort gestaltet werden, um mit den Menschen in der Community ins Gespräch zu kommen, um Gesundheitsförderung und Prävention zu entwickeln – da können wir noch viel lernen. Es gibt zum Beispiel die „Promotores da Saude“ in Südamerika oder „Community Health Workers“ in vielen afrikanischen Ländern.

Das sind Menschen, die eine Ausbildung in grundlegenden Gesundheitsthemen bekommen und dann im Rahmen des Dorfes oder der Dörfer, in denen sie leben, die Menschen beraten. Sie organisieren zum Teil auch spezifische Veranstaltungen, aber viel der Präventionsaufklärung, die sie leisten, passiert im Alltag. Auf dem Marktplatz, beim Wasserholen, beim gemeinsamen Essen bereiten. Sie vermitteln dabei wichtige Gesundheitskenntnisse und -kompetenzen und finden aufgrund ihrer „Insider“-Rolle ganz leicht den Zugriff und die richtigen Worte.

Uns steht häufig eine Fülle von Informationen zur Verfügung und die Aufgabe besteht darin, diese verständlich und strukturiert an die Menschen zu vermitteln. Wie sich jetzt auch während der Pandemie gezeigt hat, haben wir zum Teil große Kommunikationsschwierigkeiten mit vielen und diversen Communities – und das sind nicht nur diejenigen, die Sprachbarrieren haben. Wenn es um einen Zugang zu den Lebenswelten geht, denke ich, dass wir sehr gut beispielsweise von Afrika oder Südamerika lernen können.


Inwiefern?

Dort werden Menschen erreicht, die innerhalb der Community sehr angesehen sind. Diese wiederum können Informationen weitergeben, die wir mit unseren Kanälen offensichtlich nicht erreichen. Es sind Ansätze, die viel mehr auf Zwischenmenschlichkeit basieren und Netzwerkeprozesse beinhalten, die wir so in Deutschland noch viel weniger nutzen.

Besonders im Bereich der geschlechtersensiblen Prävention hat sich gezeigt, wie die Einbindung der Lebenswelt und von Menschen, die Anerkennung innerhalb der Zielgruppe haben, sehr hilfreich sein kann. Wir müssen einerseits unsere Wahrnehmung von Expertise erweitern und überlegen, wie wir „Insider“ als Übersetzer von Präventionswissen einbinden können. Geschlechtersensible Ansätze, die Gruppendynamiken, Scham, Stereotypen und unterschiedliche Erwartungen berücksichtigen, können hier sicherlich einen innovativen Ansatz für die Zukunft darstellen.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Prävention und Gesundheitsförderung –Schwerpunkt Gesundheitskompetenz (HealthLiteracy). Interview mit den HLS-GER 2 – Studienleiterinnen, Prof. Dr. Doris Schaeffer und Dr. Eva-Maria Berens, vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld.

Prävention und GesundheitsförderungSchwerpunkt gesundheitliche Chancengleichheit (HealthEquity). Interview mit Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit.

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Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione | Internistin, Master of Public Health und Organisationsberaterin. Professur für Geschlechtersensible Medizin an der Universität Bielefeld (DE) und Lehrstuhl für Gender in Primary and Transmural Care an der Radboud Universität in Nijmegen (NL). Mitglied der EU Expert*innengruppe „Gendered Innovations 2“. Schwerpunkte: Implementierung geschlechtersensibler Medizin, Methodenentwicklung und Prävention geschlechtsbasierter Diskriminierung.

Prävention und Gesundheitsförderung - 200 Jahre Sebastian Kneipp„Sebastian Kneipp hat den Präventionsgedanken in den Mittelpunkt gestellt“

Ein Pionier der Prävention und Gesundheitsförderung feiert Jubiläum: Anlässlich des 200. Geburtstags von Sebastian Kneipp werden die Verdienste des bekannten Pfarrers und Naturheilkundlers für sein ganzheitliches Gesundheitskonzept in diesem Jahr mit vielen Aktivitäten gewürdigt. Der amtierende Präsident des Kneipp-Bundes e.V., Joachim K. Rudolph, im BVPG-Interview, wie es Sebastian Kneipp weltweit gelungen ist, Menschen in allen Lebenswelten für Prävention und Gesundheitsförderung zu begeistern. Allen voran die Mitglieder des Kneipp-Bundes e.V., der 1897 gegründet wurde und sich die größte nicht-kommerzielle Gesundheitsorganisation in Deutschland nennen darf. Hierzu zählen nicht nur die rund 500 Kneipp-Vereine in allen Bundesländern, sondern auch inzwischen mehr als 700 Kitas, Schulen, Seniorenheime und andere Settings, die vom Kneipp-Bund zertifiziert sind. Welche Aktivitäten im Jubiläumsjahr geplant sind, wie die Lehre Kneipps im 21. Jahrhundert fortgesetzt und als moderne Medizin weiterentwickelt wird, erfahren Sie in unserem BVPG-Interview.

Herr Rudolph, herzlichen Glückwunsch zum Jubiläumsjahr „Kneipp 2021“! Sie haben viel vor – auch die Bundesregierung beteiligt sich anlässlich des 200. Geburtstags von Sebastian Kneipp mit einer Fördersumme. Welche Aktivitäten sind deutschlandweit geplant?

Vielen Dank für die Glückwünsche! Das Interesse der Bundesregierung an unserem Jubiläumsjahr „Kneipp 2021“ und die finanzielle Unterstützung empfinden wir als große Wertschätzung. Wir würdigen ja nicht nur den Pfarrer und Naturheilkundler Sebastian Kneipp, der den Präventionsgedanken in den Mittelpunkt seiner Lehre gestellt hat, sondern auch den Begründer eines anerkannten, ganzheitlichen Gesundheitskonzepts, das von der deutschen UNESCO-Kommission auf die deutsche Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. Insofern war Sebastian Kneipp auch Visionär, der durch sein vorausschauendes Denken die Welt veränderte.

Das Jahr „Kneipp 2021 – 200. Geburtstag von Sebastian Kneipp“ feiern wir mit einem bunten Strauß an Aktivitäten. Neben Mitmachaktionen für die Bürgerinnen und Bürger ist es uns ein Anliegen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf den hohen Stellenwert von Prävention und Gesundheitsförderung zu lenken.

Am 2. Mai hat unser großer Jubiläumsauftakt als Hybridveranstaltung stattgefunden. Die Aufzeichnung, inklusive der Live-Zuschaltung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und vielen VIPs, kann dauerhaft bei YouTube angeschaut werden.


Vor 200 Jahren, am 17. Mai 1821, wurde Sebastian Kneipp in Stephansried in Oberschwaben geboren.

Der Sebastian Kneipp Tag am 17. Mai ist ja schon lange im Gesundheitstage-Kalender der BZgA eingetragen und wird jedes Jahr bundesweit gefeiert.

Zum diesjährigen Jubiläum finden für die gesamte Bevölkerung deutschlandweite Aktionstage zu den fünf Elementen Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen und Lebensordnung statt. Alle Termine befinden sich auf unserer Jubiläumswebseite – www.kneipp2021.de.

Weiterhin wird eine von der Charité durchgeführte Studie zur Kneippschen Hydrotherapie gefördert. Die Ergebnisse werden im Rahmen eines wissenschaftlichen Symposiums am 30. Oktober vorgestellt und diskutiert.

Für Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 16 veranstalten wir einen bundesweiten Kreativ-Wettbewerb, die „Kneipp-Challenge“. Hier geht es um die eigenen Gesundheitsstrategien und Verhaltensregeln in Zeiten der Pandemie. Beteiligen können sich Schulklassen, aber auch einzelne.

Und schließlich beginnen wir mit der Umsetzung eines lang ersehnten Vorhabens – der Erstellung eines digitalen und interaktiven online-Verzeichnisses aller Kneipp-Anlagen in Deutschland.


Wie hat es der Pfarrer Sebastian Kneipp erreicht, weltweit Menschen in allen Lebensphasen und in allen Gesellschaftsschichten bis heute für Prävention und Gesundheitsförderung zu begeistern und zu „Kneippianerinnen und Kneippianern“ zu machen?

Sebastian Kneipp war ein Menschenfreund und „ein Mann des Volkes“. Er kam selber aus sehr ärmlichen Verhältnissen, war aber dennoch fest entschlossen, seinen Traum, Pfarrer zu werden, umzusetzen. Hierfür hat er hart gearbeitet und musste dabei auch schwere Rückschläge überwinden. Entsprechend seines Leitspruchs „Gesundheit für alle“ hat er sich Zeit seines Lebens besonders auch für die ärmeren Menschen eingesetzt und seine Lehre stetig weiterentwickelt.

Die Basis hierfür bildet ein niedrigschwelliges Gesundheitskonzept. Als Wohltäter gründete er in Bad Wörishofen die Kneippschen Stiftungen und in seinen vielen Vortragsreisen fesselte er mit seiner einfachen, aus dem Herzen kommenden Sprache. In Folge kam es zur verstärkten Gründung von Kneipp-Vereinen. Er reiste aber auch durch ganz Europa, wobei ihn Schätzungen zufolge ca. eine Million Zuschauer erlebt haben sollen. So wurde er bis in die USA hin berühmt.


Die Kneippschen Naturheilverfahren messen sich auch an der heutigen Wissenschaft: Vor Kurzem wurde ein systematischer Review der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Wirkung der Kneipp-Therapie in Auftrag gegeben.

Lassen Sie mich gleich zu Beginn betonen: Die wissenschaftliche Erkenntnislage zur Wirkung der Kneipp-Therapie ist in manchen Bereichen noch lückenhaft. Während es zu den Elementen Heilpflanzen (Phytotherapie), Bewegung (Physiotherapie) und zunehmend auch zur Lebensordnung (Ordnungstherapie/Mind-Body-Medizin) schon einiges an Forschung gibt – zum Teil sind diese Elemente ja auch schon in die konventionelle Medizin integriert – mangelt es vor allem an Studien zur Hydrotherapie. Nebenbei bemerkt – es gibt rund 120 verschiedene Wasseranwendungen! Die meisten dieser Studien sind durch Stiftungsprofessuren erfolgt, dies kann und darf aber kein Dauerzustand sein.

Vor allem nicht angesichts der Zunahme an lebensstilbedingten, chronischen Erkrankungen und, ganz aktuell, der zu bewältigenden gesundheitlichen Langzeitfolgen der Pandemie. Wir verbinden daher unser Jubiläumsjahr mit dem Appell an die Bundesregierung, in der kommenden Legislaturperiode einen Etat für die weitere Erforschung dieser Methoden bereitzustellen.


Worum geht es bei der geplanten Studie?

Bei der geplanten Studie handelt es sich um eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit, ein Review, der Charité-Universitätsmedizin, die den aktuellen Forschungsstand zur Kneippschen Hydrotherapie zusammenfasst. Die Erkenntnisse sollen dieses Jahr im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht und bei unserem wissenschaftlichen Symposium am 30. Oktober in Berlin im breiteren Kreis diskutiert werden. Wir wollen hiermit auch zeigen, wie lohnend es ist, in die Erforschung der klassischen Naturheilverfahren als Beitrag zu Prävention und Gesundheitsförderung zu investieren.


Wie gelingt es, die Lehre Sebastian Kneipps und die Kneippschen Naturheilverfahren aktuell zu halten und an heutige Lebensweisen und Ansprüche anzupassen? Und, noch weitergedacht: Wo sehen Sie die Kneippsche naturkundliche Gesundheitslehre in der Zukunft?

Die Kneippsche Gesundheitslehre wurde stetig auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse weiterentwickelt. Auch wenn unsere Wurzeln in der Traditionellen Europäischen Medizin liegen, sind sie heute unverzichtbarer Bestandteil einer modernen Medizin. Unser Ansatz basiert auf dem Prinzip der Salutogenese, unsere Angebote sind niedrigschwellig. Sie setzen sehr stark auf die Verantwortung jedes Einzelnen, regelmäßig etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Gesund bleiben heißt auch „aktiv bleiben“. Auch die vielen Angebote unseres Aus- und Weiterbildungsinstituts Sebastian-Kneipp-Akademie spiegeln die aktuellen Entwicklungen wider – bei uns gibt es keinen Stillstand.

Die Kneippschen Naturheilverfahren leisten daher einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Und das nicht nur in Deutschland. Wir sind ja auch über die Grenzen hinaus aktiv, so beispielsweise im europäischen Umfeld, aber auch in Asien, Südkorea und China, und vereinzelt auch in Nord- und Südamerika. Hier versucht sich unsere internationale Konföderation Kneipp Worldwide auch verstärkt in die Diskussion über „Globale Gesundheit“ mit einzubringen.


In Zeiten der Pandemie ist eine Stärkung des Immunsystems besonders wichtig. Am besten also gleich mit dem Kneippen anfangen. Wie lautet Ihr persönlicher Praxistipp für unsere Leserinnen und Leser?

Abhärtung, gesunde Ernährung, Bewegung und eine gesunde Tagesstruktur sind wichtige Faktoren zur Stärkung des Immunsystems. Für mich persönlich gehört die morgendliche kalte Dusche zum Start in den Tag. Entscheidend ist, dass man seine Lieblingsanwendung auch wirklich jeden Tag betreibt. Auf die Regelmäßigkeit und die gesunde Balance kommt es an.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Dr. Katharina Böhm, Geschäftsführerin der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE).

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Joachim K. Rudolph | Dipl.-Oec., Joachim K. Rudolph begann seine „Kneipp-Karriere“ 1993 im Vorstand im Kneipp-Verein Berlin und ab 1994 als 2. Vorsitzender beim neugegründeten Landesverband Berlin-Brandenburg. 2008 gründete er den eigenen Kneipp-Verein Niederbarnim in Bernau, dem er bis heute vorsitzt. Außerdem ist er Geschäftsführer der Kneipp-Kita Spandau. Seit Oktober 2009 gehört Joachim Rudolph als Vizepräsident dem Bundespräsidium an. Anfang 2021 übernahm er das Präsidentenamt des Kneipp-Bundes e.V. für den ausgeschiedenen Klaus Holetschek, MdL.

Der Kneipp-Bund e.V. ist mit seinen rund 500 Kneipp-Vereinen und 700 zertifizierten Einrichtungen die größte private deutsche Gesundheitsorganisation. Seit 1897 setzt sich der Dachverband für einen gesunden und naturverbundenen Lebensstil ein und erreicht insbesondere durch das ehrenamtliche Engagement der Kneipp-Vereine rund 200.000 Menschen, die regelmäßig mit den Kneippschen Naturheilverfahren in Berührung kommen. Im Dezember 2015 wurde das „Kneippen als traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps“ von der Deutschen UNESCO Kommission in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Health in All Policies„Die Umsetzung von Health in All Policies erfordert die Beteiligung ALLER!“

Um Gesundheit und Wohlbefinden der Bevölkerung zu erlangen, gilt das Konzept „Gesundheit in allen Politikbereichen“ (Health in All Policies, HiAP) als vielversprechend. Einige Länder in Europa, wie z.B. Finnland, und weltweit, wie z.B. Neuseeland, zeigen erste Erfolge mit der Umsetzung einer intersektoralen Gesundheitspolitik. In Deutschland gibt es bereits erste Ansätze. Auch das Präventionsforum, der Informations- und Erfahrungsaustausch zwischen der Nationalen Präventionskonferenz und der Fachöffentlichkeit, widmete sich im Jahr 2020 diesem Fachthema. Nun ist ein erstes deutschsprachiges Standardwerk mit dem Titel „Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Konzept Health in All Policies und seine Umsetzung in Deutschland“ erschienen. Unsere Interviewpartnerin ist die Mitherausgeberin Dr. Katharina Böhm, Geschäftsführerin der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE).

Frau Böhm, Sie sind Mitherausgeberin des ersten Standardwerkes zum Thema Health in All Policies, kurz HiAP, in Deutschland. Wo stehen wir?

Genau das wollten wir mit dem Buch herausfinden! Der HiAP-Ansatz ist ja nicht neu. Die Forderung nach intersektoraler Zusammenarbeit findet sich schon in der Erklärung von Alma Atta, die dann in der Ottawa Charta zur einer Forderung nach einer gesundheitsförderlichen Gesamtpolitik (healthy public policies) weiterentwickelt wurde. Der HiAP-Ansatz geht noch einen Schritt weiter, indem er die Komplexität moderner Gesellschaften und der damit einhergehenden, eher netzwerkartigen Politikgestaltung berücksichtigt.

HiAP bedeutet eine strategische Zusammenarbeit aller Politikebenen und –felder (whole of government) sowie eine Zusammenarbeit aller Sektoren, also staatlich, gesellschaftlich und privat (whole of society).


Was heißt das nun für Deutschland?

Obwohl der HiAP-Ansatz nicht neu ist, wissen wir ziemlich wenig über die Umsetzung in Deutschland, weil es hierzu kaum Forschung gibt. Zudem gibt es viele Initiativen und Maßnahmen, die den Gedanken von HiAP verfolgen, ohne dass dies dabei explizit gemacht wird. Unser Buch ist eine Art Bestandsaufnahme der Umsetzung von HiAP in Deutschland.

Wir haben deshalb Expertinnen und Experten aus vielen unterschiedlichen Politikfeldern gefragt, welche Rolle Gesundheit in ihrem Politikfeld spielt und welche Herausforderungen und Chancen sie in der Berücksichtigung von Gesundheitsaspekten sehen. Zusätzlich haben wir Praxisbeispiele recherchiert, um möglichst viele unterschiedliche Umsetzungsbeispiele aufzeigen zu können.

Die Beiträge in unserem Band zeigen, dass es viele HiAP-Aktivitäten auf allen politischen Ebenen gibt. Gleichzeitig machen sie aber auch deutlich, dass die HiAP-Umsetzung in Deutschland erst am Anfang steht.

Woran machen Sie das fest?

Gesundheit und gesundheitliche Chancengleichheit werden in Deutschland bislang in kaum einem Politikfeld umfassend und systematisch berücksichtigt. Es gibt einige Politikfelder, wie beispielsweise Umweltschutz und Bildung, in denen Gesundheit in gesetzlichen Grundlagen und Konzepten mitverankert ist. Es gibt aber auch viele Politikfelder, in denen der Gesundheitsbezug auf einzelne Themen beschränkt bleibt. Wenn Gesundheit berücksichtigt wird, dann oft eher mit dem Ziel der Vermeidung von Gesundheitsgefahren und/oder einem Fokus auf medizinische oder verhaltensbezogene Maßnahmen. Eine gesundheitsförderliche Perspektive findet sich selten.

Die Praxisbeispiele in unserem Buch beschreiben zudem, wie schwierig es oftmals ist, intersektorale Kooperationen umzusetzen. Sie machen aber gleichzeitig auch Mut, dass eine Umsetzung gelingen kann, wenn politischer Wille, eine offene Haltung und Transparenz sowie die Berücksichtigung der Bedürfnisse und Ressourcen aller Beteiligten gegeben sind.

Mit der Konzertierten Aktion Pflege (KAP) und der Offensive Psychische Gesundheit (OPG) ist ressortübergreifende Zusammenarbeit in Deutschland bereits vorzufinden, auch das Präventionsgesetz spielt eine Rolle in der Implementierung von HiAP. Sind das denn nicht bereits Schritte in die richtige Richtung?

Ja, das stimmt. Bei den beiden genannten Initiativen ist durch die Beteiligung mehrerer Bundesministerien, zahlreicher Sozialversicherungsträger, Verbände und anderer zivilgesellschaftlichen Akteure sowohl ein whole of government- als auch ein whole of society-Ansatz verwirklicht. Die OPG hat sich zudem zum Ziel gesetzt, eine Bestandsaufnahme der Präventionsangebote in Deutschland zu machen, gemeinsame Ziele zu definieren und die bestehenden Angebote besser zu vernetzen. Am Ende des Prozesses könnte somit eine von vielen Akteuren getragene Strategie zur Verbesserung der Prävention psychischer Erkrankungen stehen.


Wo sehen Sie hemmende Faktoren, die einer breiteren Umsetzung des HiAP-Ansatzes im Wege stehen?

Das Präventionsgesetz zeigt sehr deutlich die Hürden bei der Umsetzung von HiAP in unserem föderalen System. Das Gesetz verpflichtet ausschließlich die Sozialversicherungsträger, in der Gesundheitsförderung und Prävention tätig zu werden. Andere relevante Präventionsakteure sind zwar zum Teil im Gesetz genannt, konnten aber aufgrund der begrenzten Handlungsmacht des Bundes bei der Gesundheitsförderung und Prävention nicht vom Gesetzgeber zum Handeln verpflichtet werden.

Eine Präventionsstrategie im Sinne von HiAP würde aber eine Beteiligung ALLER Akteure, von den Kommunen über die Länder bis hin zu den zivilgesellschaftlichen Akteuren aus allen gesundheitsrelevanten Bereichen erfordern. Diese müssten in einem partizipativen Prozess auf Grundlage einer umfassenden Bestands- und Bedarfsanalyse gemeinsame Ziele definieren. Danach müssten entsprechende, abgestimmte Maßnahmen für die einzelnen politischen Ebenen und Akteure formuliert werden. Von einer solchen Gesamtstrategie sind wir in Deutschland aber noch sehr weit entfernt. Hier sind andere Länder wie Neuseeland oder die Niederlande schon sehr viel weiter.

Sie schreiben, dass die Maßnahmen sich bislang eher am Gesundheitsschutz als an der Gesundheitsförderung orientieren. Wie kann es gelingen, dass die gesundheitsförderlichen Aspekte noch mehr Beachtung finden?

Grundsätzliches Ziel muss es sein, die gesamte Bevölkerung mit einem salutogenen Gesundheitsverständnis vertraut zu machen und über die Determinanten von Gesundheit zu informieren. Dies gilt insbesondere für Fachexpertinnen und Fachexperten anderer Politiksektoren. Sie müssen befähigt werden, gesundheitsförderlich zu handeln.

Gleichzeitig benötigen wir Gesundheitsexpertinnen und Gesundheitsexperten, die über Fachexpertise in anderen Bereichen verfügen, um dort bei Entscheidungsprozessen eine gesundheitsförderliche Sichtweise einbringen zu können. Dies sind zwei der zentralen Erkenntnisse, die wir bei der Arbeit an dem Sammelband gewonnen haben.

Zudem müssen Prozesse etabliert werden, die bei allen relevanten Entscheidungen sicherstellen, dass Gesundheit in einem umfassenden Verständnis mitgedacht wird.


Am Ende des Buches bündeln Sie Ihre Erkenntnisse in acht Thesen.

Ja, zwei hatte ich gerade genannt:

  • Akteure anderer Politikfelder sind mit einem salutogenen Gesundheitsverständnis vertraut zu machen.
  • Gesundheitsexpertinnen und Gesundheitsexperten benötigen Policy-Wissen für die Kooperationen.

Die anderen sechs Thesen lauten:

  • HiAP bedarf der politischen Unterstützung.
  • Kommunen sind Vorreiter bei der Umsetzung von HiAP.
  • HiAP erfordert eine Politikfelder und -ebenen übergreifende Strategie.
  • Die Sustainable Development Goals und deren Umsetzung bieten einen guten Bezugspunkt, um HiAP voranzubringen.
  • Ein erhöhter Problemdruck bietet die Chance, HiAP substanziell weiterzuentwickeln.
  • HiAP erfordert häufig die Aushandlung gegenläufiger Interessen.

Für die Menschen, die im Feld der Gesundheitsförderung und Prävention tätig sind, sind das alles vermutlich keine überraschenden Ergebnisse. Mit unserem Sammelband zielen wir aber vor allem auch auf Interessierte, die nicht aus dem Gesundheitsfeld kommen und sich eventuell das erste Mal mit dem Thema auseinandersetzen. Wir wollen mit diesen Thesen den intersektoralen Austausch anregen und die Diskussion um die Umsetzung von HiAP in Deutschland voranbringen!

Nun gibt es ja den Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst, der die Gesundheitsämter in den nächsten Jahren auf vielen Ebenen stärken soll. Was ist denn aus Ihrer Sicht notwendig, damit der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) in Zukunft eine stärkere Rolle bei der Umsetzung von HiAP einnehmen kann?

Zum einen braucht es Fachkräfte mit vielfältigen Expertisen, die die Aufgabe übernehmen können, Gesundheitsinteressen bei Fachentscheidungen in anderen Ressorts, beispielsweise bei Stadtentwicklungsprozessen, der Umweltplanung oder Sozialplanung, zu vertreten. Zum anderen bedarf es auch einer Stärkung der Steuerungsrolle des ÖGD auf kommunaler Ebene.

HiAP ist ein strategischer Prozess, der strukturiert, moderiert und organisiert werden muss. Diese Aufgaben kann der ÖGD aber nur übernehmen, wenn ausreichend Ressourcen und entsprechendes Fachpersonal vorhanden sind!


Die Fragen stellte Linda Arzberger, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Dr. Katharina Böhm | Seit Juli 2020 Geschäftsführerin der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE); davor Juniorprofessorin für Gesundheitspolitik an der Ruhr-Universität Bochum mit den Arbeitsschwerpunkten: kommunale Gesundheitspolitik, Präventionspolitik, Health in All Policies und internationaler Gesundheitssystemvergleich.

Die Hessische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE) wurde 1958 mit dem Ziel gegründet, die Gesundheit der hessischen Bevölkerung zu verbessern. Sie versteht sich als Brückeninstanz zwischen Praxis, Wissenschaft und Politik und wirkt als Interessensvertretung für Gesundheitsförderung. Die HAGE initiiert und koordiniert die Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention u. a. in den Bereichen Gesundheitliche Chancengleichheit, Gesund aufwachsen, bleiben und altern.

Interview zum Weltgesundheitstag 2021 – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit„Die Chancen für ein gesundes Leben sind in Deutschland ungleich verteilt“

Im 19. Jahrhundert als Antwort auf die wachsende soziale Not der Menschen entstanden, setzen sich die Wohlfahrtsverbände für die Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit insbesondere von sozial benachteiligten Menschen ein. Anlässlich des diesjährigen Weltgesundheitstages mit dem Schwerpunkt „Gesundheitliche Chancengleichheit“ erläutern vier Vertreterinnen und Vertreter der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege – Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik, Deutscher Caritasverband, Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik Diakonie Deutschland und Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband – ihre Strategien zur Erreichbarkeit vulnerabler Zielgruppen und sprechen über die Relevanz von Prävention und Gesundheitsförderung.

Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Strategien bzw. Maßnahmen, um vulnerable Zielgruppen erfolgreich zu erreichen?

Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes: Präventionsstrategien und -maßnahmen sollten als langfristig angelegte Vorhaben verstanden werden, die an individuellen Verhaltensweisen und gleichzeitig unbedingt auch an gesellschaftlichen Strukturen ansetzen. Ziel sollte die Gestaltung gesundheitsfördernder Lebens- und Wohnbedingungen sein. Um dies zu erreichen, müssen alle relevanten Akteurinnen und Akteure – die Sozialversicherungsträger, der Bund, die Länder und Kommunen – aber auch die Bürgerinnen und Bürger miteinbezogen werden.

Da gesundheitsfördernde Konzepte bei den Lebenswelten ansetzen müssen, um speziell benachteiligte Menschen zu erreichen, ist es aus Sicht der Arbeiterwohlfahrt (AWO) wirksam und zielführend, den Ansatz der Quartiersentwicklung, als Baustein sozialräumlicher Arbeit, mit dem Thema Prävention zu verknüpfen. Als Verband der Freien Wohlfahrtspflege ist die AWO mit ihren Einrichtungen und Diensten vor Ort tief in den Lebenswelten der Menschen verankert und setzt mit dem Ansatz der Quartiersentwicklung unmittelbar im Wohnumfeld an. So gelangt Unterstützung dorthin, wo sie benötigt wird.


Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik, Deutscher Caritasverband: Auffindbarkeit und Durchlässigkeit sind Eigenschaften, die ich hervorheben möchte, um erfolgreiche Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung für vulnerable Gruppen zu kennzeichnen. Gerade sie – Menschen in der Obdachlosigkeit, Menschen mit besonderen psychischen Belastungen, Menschen mit sehr geringen Bildungsvoraussetzungen – werden nicht erreicht, wenn der Nutzungsmöglichkeit des Angebots eine aufwändige Such- und Anmeldeprozedur vorausgeht.

Ein Erfolgsbeispiel sind für mich die Babylotsendienste. Sie sind in der Geburtsklinik „einfach da“, wenn das Baby zur Welt kommt und wenn sich die jungen Eltern in den Unterstützungsstrukturen zurechtfinden müssen. Ohne Einkommen und Belastungssituation detailliert erhoben zu haben, gehen sie auf die Mütter zu und öffnen ihnen die Tür in das System Früher Hilfen. Da-Seins-Vorsorge im allerbesten Wortsinn.


Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik, Diakonie Deutschland: Es sind sehr unterschiedliche Gruppen in unterschiedlichen Lebenslagen, die unter dem Begriff der vulnerablen Gruppen gefasst werden. Das macht allgemeine Aussagen schwer. Sie werden der Besonderheit der jeweiligen Gruppe nicht gerecht, insbesondere nicht den einzelnen Personen, die so zusammengefasst werden.

Aus diesem Sachverhalt kann man meines Erachtens schon drei Dinge ableiten:

Erstens ist es wichtig, gemeinsam mit den betroffenen Menschen zu arbeiten und nicht über sie zu bestimmen. Am Beispiel der gesundheitlichen Versorgung von sehr alten Menschen, die oftmals mehrere chronische Krankheiten haben, vielleicht in ihrer Selbständigkeit eingeschränkt oder auch sozial isoliert leben, kann man die Situation deutlich machen: Je nach Kontext, je nach Problemkonstellation und vor allen Dingen je nach den Wünschen der betroffenen Menschen stehen ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Maßnahmen im Vordergrund. Oftmals ist es auch etwas anderes als eine medizinische Untersuchung. Es ist vielleicht die Teilnahme an einem Gesprächskreis, einem Gottesdienst oder der Besuch der Stadtteilbücherei. Begegnung und Teilhabe sind gerade bei eingeschränkter Selbstständigkeit wichtig und zugleich ein Anliegen von Prävention.

Zweitens kommt dem öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) eine wichtige Rolle zu. Meines Erachtens sollte es die Aufgabe eines gut aufgestellten ÖGDs sein, auch die Bedarfe von Gruppen zu identifizieren, die am Rande des gesundheitlichen und sozialen Regelsystems stehen.

Drittens, um vulnerable Gruppe erfolgreich zu erreichen, brauchen wir Dienste, die die Lebenswirklichkeit der Menschen kennen und sie auch in ihren „Settings“ aufsuchen. Im Bereich der Arbeit mit suchtabhängigen Menschen kann das etwa die Straßensozialarbeit sein. Wenn wir bei der Gruppe hochaltriger Menschen bleiben, wäre der präventive Hausbesuch ein gutes Instrument, um in einem ersten Gespräch zu informieren, zu beraten und gemeinsam Leistungen zu erschließen.


Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband: Die Chancen für ein gesundes und langes Leben sind in Deutschland extrem ungleich verteilt. Die sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen folgt dabei der sozialen Schichtung von Gesellschaft – Einkommen, Bildung, Stellung im Beruf. Versuche, das Gesundheitsverhalten durch Information, Erziehung, Kurse, Kampagnen und Aufklärung zu verändern, führen zu nur geringen und meist auch nicht nachhaltigen Erfolgen. Und auch Verbesserungen der medizinischen Versorgung können dieses Problem nur geringfügig vermindern.

Wir wissen, dass wir vor allem nicht-medizinische Interventionen und Strategien der Prävention und Gesundheitsförderung brauchen, die insbesondere bei sozial benachteiligten Menschen Erkrankungen verhüten oder zeitlich verschieben. Bei den Bemühungen um Schaffung von gesundheitlicher Chancengleichheit sind partizipative Lebenswelt-Interventionen, also der Setting-Ansatz, eine Schlüsselstrategie. Diese sind bislang der beste Zugang, um Verhältnisse und Verhaltensanreize zu verändern, Gesundheitsbelastungen zu senken und gleichermaßen Gesundheitsressourcen zu steigern.

Solche Interventionen entfalten erst dann ihre Wirksamkeit, wenn sie nicht nur auf die Veränderung der Lebensweise bzw. des Verhaltens abzielen, sondern auch materielle und sozial belastende ebenso wie stärkende Faktoren und Anreize der physischen und sozialen Umwelt einbeziehen. Kontextkenntnisse sowie aktive Mitwirkung von Zielgruppen sind dabei unerlässlich. Damit wird an den tatsächlichen Bedürfnissen der Zielgruppe angesetzt und direkte Partizipation bei der Gestaltung der eigenen Lebensbedingungen ermöglicht. Die Wohlfahrtsverbände als Träger von Lebenswelten für sozial benachteiligte Menschen sind ein unverzichtbarer Akteur, der dazu beitragen kann, diese Zielgruppen zu erreichen.



Für wie relevant erachten Sie Ansätze der Prävention und Gesundheitsförderung, um gesundheitlichen Ungleichheiten frühzeitig und effizient entgegenzuwirken?

Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes: Der Gesundheitszustand wird neben dem Gesundheitsverhalten, sprich unserer individuellen Lebensweise, auch maßgeblich über die Lebensverhältnisse beeinflusst. In zahlreichen Studien konnten gravierende Auswirkungen von erschwerten Lebenslagen auf den Gesundheitszustand nachgewiesen werden: Menschen in schwieriger sozialer Lage sterben früher und verbringen wesentlich weniger Jahre bei guter Gesundheit als jene mit höherem sozioökonomischem Status. Deshalb sollten insbesondere sozial benachteiligte Menschen frühzeitig in den Fokus von Gesundheitsförderung und Prävention treten.

In anwaltschaftlicher Funktion für sozial benachteiligte Menschen setzt sich die AWO mit Nachdruck für gleiche Gesundheitschancen ein. Alle Menschen müssen die gleichen Chancen auf eine gute gesundheitliche Versorgung haben – unabhängig von Herkunft, Alter, Behinderung oder Geldbeutel.

Eine gerechte Gesundheitsversorgung ist ein wesentlicher Baustein für ein starkes Miteinander der Menschen innerhalb der Gesellschaft. Um gesundheitlichen Ungleichheiten frühzeitig entgegen zu wirken, müssen lokale Strategien der Gesundheitsförderung und Prävention partizipativ mit den Menschen entwickelt und umgesetzt werden. Es geht vor allem darum, die Voraussetzungen für Beteiligung zu schaffen, damit Menschen ermächtigt werden, ihre gesundheitsbezogenen Belange wahrzunehmen und mitzugestalten.


Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik, Deutscher Caritasverband: Soziale Ungleichheit und gesundheitliche Risiken sind vielfältig miteinander verbunden und verstärken sich gegenseitig. Das hat zuletzt die Corona-Pandemie überdeutlich sichtbar gemacht. Daher müssen Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut und Maßnahmen präventiver Gesundheitsförderung als zusammengehörige Bausteine einer ganzheitlichen Teilhabechancenpolitik verstanden werden – Stichwort „gesundheitsfördernde Gesamtpolitik“, „Health in All Policies“.

Konkret heißt das aus der Perspektive der Wohlfahrtsverbände: Vor Maßnahmen der Verhaltensprävention, die beim einzelnen Menschen ansetzen, müssen dringend die Verhältnisse in den Blick genommen werden, in denen die Menschen leben. Um die gesundheitliche Chancengleichheit zu ermöglichen, ist die Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse dringend notwendig – die Angebote der sozialen Daseinsvorsorge müssen ein dichtes Netz bilden, keinen Flickenteppich.


Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik, Diakonie Deutschland: Der Abbau von gesundheitlicher Ungleichheit ist ein wichtiges Ziel und ein wesentliches Kriterium für die Beurteilung von präventiven Maßnahmen. Präventive Maßnahmen, die in den diversen Handlungsfeldern zum Tragen kommen, können oftmals die soziale Ungleichheit nur etwas kompensieren. Aber auch dann lohnen sie sich.

Drei Aspekte müssen wir im Blick behalten, wenn wir das Ziel – gesundheitliche Ungleichheit abzubauen – verfolgen:

Erstens müssen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Wie groß die Bedeutung von Arbeit, Einkommen, Wohn- und Lebensbedingungen sind, wurde in der Corona-Epidemie eklatant deutlich. Deswegen ist Präventionspolitik unbedingt in eine übergreifende Politik der Verbesserung von Lebenslagen einzubetten.

Zweitens und drittens folgt aus dieser Erkenntnis: Einerseits müssen Prävention und Gesundheitsförderung die Mündigkeit der Menschen stärken, auch dann, wenn Expertinnen und Experten das Ergebnis des mündigen Handelns nicht angemessen finden. Andererseits ist eine Überforderung der Menschen zu vermeiden, wie sie in Zeiten der Selbstoptimierung leicht geschieht. Dabei wird das soziale Geflecht, in dem wir eingebunden sind, oftmals ausgeblendet.

Eine lebenslagenbezogene Prävention erfolgt im besten Fall in der Tradition der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung: Sie kann zum gemeinsamen Handeln aller Politikbereiche anregen und die Förderung von Gesundheit besser gestalten.


Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband: Im lebensweltbasierten Präventionsansatz liegen große Potenziale für die Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung, die konsequente Umsetzung in der Praxis ist jedoch mit Schwierigkeiten verbunden. Dies liegt nicht nur daran, dass die konsequente Umsetzung des Setting Ansatzes mit viel Einsatz und Arbeit verbunden ist. Viel schwerer wiegt der Umstand, dass es bislang immer noch an der Verankerung eines systematischen Ansatzes zur Sicherung und Förderung von Gesundheit mangelt. Bevölkerungsbezogene Gesundhaltung und insbesondere die Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen muss als eigenständiges Politikziel nicht nur benannt, sondern auch multisektoral und nachhaltig umgesetzt werden.

Prävention und Gesundheitsförderung alleine können sozial bedingte Ungleichheit und die ungleichen Gesundheitschancen, die daraus resultieren, jedoch nicht heilen. Gesundheit betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche und kann deshalb nur gesamtgesellschaftlich bewältigt werden. Wir wissen mittlerweile aus zahlreichen Studien, dass ökonomische Ungleichheit den sozialen Zusammenhalt schwächt und Gesellschaften auf vielen Ebenen schadet. Maßnahmen müssen also eine gerechtere Gesellschaft zum Ziel haben und deshalb auch die Verringerung der großen und wachsenden Ungleichheit von Einkommen, Bildungschancen, Arbeits- und Wohnqualität etc. einschließen.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Brigitte Döcker | Seit 2010 Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes e.V. Die Diplom-Erziehungswissenschaftlerin ist vor allem für die Themen Gesundheit und Pflege, Migration und das Qualitätsmanagement zuständig. Das langjährige AWO-Mitglied Döcker war zuvor bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW)  sowie langjährig bei der AWO in Berlin tätig. Sie ist Mitglied im Präsidium des Deutschen Vereins sowie der Mitgliederversammlung und Vorsitzende der Sozialkommission I der BAGFW.

Die Arbeiterwohlfahrt wird bundesweit von über 312.000 Mitgliedern, 82.000 ehrenamtlich engagierten Helferinnen und Helfern sowie rund 237.000 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern getragen. Seit einem Jahrhundert kämpft sie für Gerechtigkeit und Solidarität, Vielfalt und Frauenrechte und macht sich stark für eine solidarische Gesellschaft, in der Menschen in Notlagen auf die Unterstützung der Gemeinschaft zählen können.

Eva M. Welskop-Deffaa | Seit 2017 Vorständin Sozial- und Fachpolitik des Deutschen Caritasverbandes e.V. Die Diplom-Volkswirtin war zuvor Leiterin der Abteilung Gleichstellung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (bis 2012) und 2013-2017 Mitglied im ver.di-Bundesvorstand, dort zuständig für Sozialpolitik, Arbeitsschutz und Migration. Eva M. Welskop-Deffaa ist Mitglied im Präsidialausschuss des Deutschen Vereins, im Aufsichtsrat der Aktion Mensch und Vorsitzende des Beirats der Stiftung Digitale Chancen.

Der Deutsche Caritasverband e.V. ist der Dachverband der organisierten Caritas und der größte Wohlfahrtsverband in Deutschland. Knapp 700.000 Menschen arbeiten bundesweit beruflich in den rund 25.000 Einrichtungen und Diensten. Mehrere hunderttausend Ehrenamtliche unterstützen dabei. Die Caritas ist weltweit in mehr als 200 Ländern vertreten. Hier macht sie sich stark für Solidarität und soziale Gerechtigkeit: gegen Diskriminierung, Gewalt und Armut.

Maria Loheide | Seit 2012 Vorständin Sozialpolitik der Diakonie Deutschland e.V. und verantwortet die Arbeit der sozialpolitischen Zentren. Maria Loheide nimmt Funktionen in den Netzwerkorganisationen, in denen die Diakonie mitarbeitet, wahr. Sie hat den Vorsitz der Sozialkommission II der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege inne und ist Vizepräsidentin des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge.

Die Diakonie Deutschland e.V.  ist die soziale Arbeit der evangelischen Kirchen. Bundesweit sind etwa 599.282 hauptamtliche Mitarbeitende in rund 31.600 ambulanten und stationären Diensten der Diakonie wie Pflegeheimen und Krankenhäusern, Beratungsstellen und Sozialstationen mit 1,18 Millionen Betten/Plätzen beschäftigt. Der evangelische Wohlfahrtsverband betreut und unterstützt jährlich mehr als zehn Million Menschen. Etwa 700.000 freiwillig Engagierte sind bundesweit in der Diakonie aktiv.

Prof. Dr. rer. pol. Rolf Rosenbrock | Seit 2012 ehrenamtlicher Vorsitzender des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband e.V. Seine Themen sind sozial bedingte Ungleichheiten von Gesundheitschancen, Präventionspolitik sowie Steuerung und Finanzierung der Krankenversorgung. Der Wirtschafts-, Sozial- und Gesundheitswissenschaftler betreibt seit den 70er Jahren Gesundheitsforschung und Politikberatung.

Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e.V.  ist Dachverband für über 10.000 rechtlich selbstständige Mitgliedsorganisationen, die in vielen Sozial- und Gesundheitsbereichen tätig sind. Mit seinen 15 Landesverbänden und mehr als 280 Kreisgeschäftsstellen unterstützt der Paritätische die Arbeit seiner Mitglieder.
Er repräsentiert und fördert seine Mitgliedsorganisationen in ihrer fachlichen Zielsetzung und ihren rechtlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Belangen. Durch verbandseigene Institutionen trägt er bei zur Erhaltung, Zusammenarbeit und Neugründung von Organisationen und Einrichtungen der Sozialarbeit.

Interview zum Weltgesundheitstag 2021 - Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit„Gesundheitliche Chancengleichheit ist unabhängig von Status, Herkunft und Geschlecht“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzt mit dem Motto „Building a fairer, healthier world“ zum diesjährigen Weltgesundheitstag am 7. April den Schwerpunkt auf gesundheitliche Chancengleichheit. Zum Weltgesundheitstag 2021 haben wir mit Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit, ein Interview geführt. Der Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit ist im Jahr 2003 von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gegründet worden. Heute gehören dem Verbund deutschlandweit 74 Organisationen an. Er verfolgt die Leitziele: Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit in Deutschland und Unterstützung der Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Gruppen.

Herr Bräunling, auf welche Erfolge des Kooperationsverbundes sind Sie besonders stolz?

Grundsätzlich erst einmal: Der Kooperationsverbund setzt sich dafür ein, dass jeder Mensch, unabhängig von Einkommen oder sozialem Status, die besten Möglichkeiten bekommen soll, um gesund zu sein und zu bleiben. Seit seiner Gründung vor knapp zwanzig Jahren konnte der Verbund wichtige Beiträge zum Strukturaufbau und zur Verbesserung der Qualität in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung leisten.

Nennen möchte ich den Good Practice-Ansatz zur Qualitätsentwicklung. Hier konnten zwölf allgemein anerkannte Kriterien für soziallagenbezogene Gesundheitsförderung entwickelt und bereits eine große Anzahl von Good Practice-Beispielen in allen Handlungsbereichen ausgezeichnet werden. Die Kriterien wie beispielsweise Zielgruppenbezug, niedrigschwellige Arbeitsweise, Vernetzung oder Qualitätsmanagement bedingen sich stets gegenseitig. Sie helfen, Maßnahmen besser zu planen und umsetzen zu können.

In allen Bundesländern wurden im Rahmen des Kooperationsverbundes Koordinierungsstellen Gesundheitliche Chancengleichheit (KGC) aufgebaut. Sie tragen wesentlich zur Koordination und Unterstützung von Aktivitäten zur soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung vor Ort, also in den Kommunen, Quartieren und Lebensräumen der Menschen, bei.

Und drittens: Im kommunalen Partnerprozess, der den Titel „Gesundheit für alle” trägt, entwickeln immer mehr Kommunen integrierte Strategien, sogenannte Präventionsketten, zur Förderung der Gesundheit und setzen diese vor Ort um.


Seit Beginn der Corona-Pandemie, die vor über einem Jahr auch Deutschland erreichte, sind die Herausforderungen größer geworden – oft wird von einer Verstärkung der sozialen Ungleichheiten durch COVID-19 gesprochen. Wie haben Sie Ihre Arbeit an die aktuelle Situation angepasst?

Gerade im ersten Lockdown sind viele kreative Ansätze entstanden, um mit der Pandemie und ihren Folgen umzugehen. Der Kooperationsverbund hat auf dem Austauschportal inforo die vielfältigen Aktivitäten sichtbar gemacht, die sich an Menschen in schwieriger sozialer Lage richteten. So konnte eine soziale Nähe trotz physischer Distanz hergestellt werden. Das hat sehr ermutigend gewirkt!

Mittlerweile liegt nun unser Augenmerk darauf, Forschungsergebnisse, die Auswirkungen der Pandemie insbesondere auf vulnerable Gruppen belegen, bekannt zu machen und in die Diskussion zu bringen.


Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft wagen. Wie könnte die Vision für das Motto „Building a fairer, healthier Germany“ erreicht werden, also eine Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit in Deutschland?

Der Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit teilt die Vision der WHO von einer solidarischen Gesellschaft, in der alle Menschen das Grundrecht auf ihren bestmöglichen Gesundheitsstatus genießen. Dieser ist unabhängig von sozialem Status, Herkunft, Alter und Geschlecht!

In einer solchen Gesellschaft wird die Förderung der Gesundheit und des Wohlergehens der Menschen nicht alleinige Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) sein. Es ist eine Aufgabe für alle Fachbereiche, die dann übergreifend zusammenarbeiten. Auch die Zivilgesellschaft wird stärker denn je mit einbezogen. Die prioritären Gesundheitsziele sind die Förderung des sozialen Zusammenhalts und die Beteiligung aller am Leben in der Gemeinschaft.

Grafische Darstellung der Lebenswelt "Quartier/Stadtteil"

Konkret sieht das so aus: Vielfältige Angebote und Initiativen unterstützen wohnortnah und koordinierende Netzwerke werden in allen Kommunen eine Selbstverständlichkeit. Vermittelnde Hilfen, die wir heute noch als wunderbare Pilotprojekte kennenlernen, beispielsweise die „Stadtteilmütter“ oder Gesundheitsfachkräfte in Lebenswelten, werden dann – in der Stadt ebenso wie in ländlichen Räumen – Regelangebote sein.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit. Interview mit Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik Deutscher Caritasverband, Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik Diakonie Deutschland und Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Stefan Bräunling | Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit, die bei Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. angesiedelt ist. Arbeitsschwerpunkte Gesundheitsförderung im Quartier, Gesundheitsförderung bei Erwerbslosen. Publikation: Böhm, K. et al. (Hrsg.): Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Konzept Health in All Policies und seine Umsetzung in Deutschland. Springer VS, 2020.; Dipl.-Psych. und MPH.

Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit | Gesundheitliche Chancengleichheit in Deutschland verbessern und die Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Gruppen unterstützen – das sind die Leitziele des bundesweiten Kooperationsverbundes. Dem von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) initiierten Verbund gehören 74 Organisationen an. Der Verbund fördert vorrangig die Qualitätsentwicklung in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung und die ressortübergreifende Zusammenarbeit.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Gesundheitskompetenz„Es besteht großer Handlungsbedarf, die Gesundheitskompetenz zu verbessern“

Gesundheitskompetenz (Health Literacy) beschreibt die Fähigkeiten, gesundheitsrelevante Informationen ausfindig zu machen, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden. Mit der repräsentativen Studie HLS-GER (Health Literacy Survey Germany) wurde 2014 eine erste Datengrundlage zur Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland geschaffen. Nun liegen mit der Wiederholungsbefragung HLS-GER 2 aktuelle Daten vor, die zeigen, dass sich die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland weiter verschlechtert hat. Mit den Studienleiterinnen Professorin Dr. Doris Schaeffer und Dr. Eva-Maria Berens, beide vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld, sprechen wir über die über die Ergebnisse und die Konsequenzen von HLS-GER 2.

2014 wurde die erste repräsentative Studie zur Gesundheitskompetenz in Deutschland (HLS-GER) durchgeführt: 54 Prozent der Befragten wiesen hierzulande eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz auf. Die aktuelle Health Literacy Studie HLS-GER 2 hat nun neue Daten erhoben und auch die digitale Gesundheitskompetenz (eHealth Literay) untersucht. Die Ergebnisse wurden soeben veröffentlicht. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?

Die Gesundheitskompetenz hat sich insgesamt verschlechtert, mittlerweile liegt der Anteil geringer Gesundheitskompetenz bei fast 60 Prozent. Die digitale Gesundheitskompetenz, also die Fähigkeiten, im Internet relevante Gesundheitsinformation zu finden, zu verstehen, beurteilen und umzusetzen, wurde mit einem neu im Rahmen des M-POHL (Measuring Population and Organizational Health Literacy) Netzwerks der WHO Europa entwickelten Instruments untersucht. Im Ergebnis zeigt sich, dass sie noch schlechter ausgeprägt ist als die allgemeine Gesundheitskompetenz. Drei Viertel der Befragten, rund 76 Prozent, weisen danach eine geringe digitale Gesundheitskompetenz auf.

Besonders die Beurteilung der Vertrauenswürdigkeit und Neutralität digitaler Informationen wird als schwierig erachtet. Für über 82 Prozent der Bevölkerung ist es (sehr) schwierig zu beurteilen, wie vertrauenswürdig die gefundenen Informationen sind. Fast ebenso viele Befragte finden es (sehr) schwer einzuschätzen, ob hinter den Informationen kommerzielle Interessen stehen. Auch genau die digitale Gesundheitsinformation zu finden, nach der man sucht, scheint für viele Menschen nicht einfach zu sein.


Die Nutzung verschiedener digitaler Informationsangebote wie Apps, Social Media und Webseiten wurde in HLS-GER 2 genauer betrachtet. Wo liegen die Präferenzen?

Insgesamt ist die Bedeutung des Internets bzw. digitaler Medien als Informationsquelle gestiegen, aber die Gesundheitsprofessionen und insbesondere Ärztinnen und Ärzte spielen nach wie vor eine wichtige Rolle als Informationsinstanz. Sie stehen nach wie vor an erster Stelle bei den bevorzugten Informationsquellen.

Blickt man auf die Präferenzen und Nutzungshäufigkeiten der verschiedenen digitalen Informationsangebote, zeigt sich ein sehr heterogenes Bild. So werden Internetseiten zum Thema Gesundheit von fast zwei Dritteln der Bevölkerung genutzt, aber etwa 35 Prozent suchen nie im Internet nach Informationen zum Thema Gesundheit. Das ist ein wichtiges Ergebnis, denn bei aller Aufmerksamkeit, die die Digitalisierung derzeit erhält, sollte nicht vergessen werden, dass immerhin mehr als ein Drittel der Bevölkerung nie Internetseiten zum Thema Gesundheit ansteuert.

Andere digitale Informationsangebote werden von deutlich weniger Personen genutzt. Knapp 40 Prozent der Bevölkerung informieren sich über soziale Medien bzw. Online-Foren oder frequentieren sie zum Austausch. Mit den Gesundheitsprofessionen wie beispielsweise Ärztinnen und Ärzten oder Pflegefachpersonen interagieren bislang nur fast 16 Prozent der Bevölkerung digital.

Gesundheits-Apps auf dem Handy, um z. B. den Kalorienverbrauch zu kontrollieren, die Medikamenteneinnahme zu unterstützen oder körperliche Aktivität zu messen, werden lediglich von etwa 30 Prozent bzw. 20 Prozent der Bevölkerung genutzt.

Insgesamt sind digitale Informationsangebote zwar auf dem Vormarsch, doch große Teile der Bevölkerung werden nicht durch sie erreicht. Allen voran sind hier Menschen mit geringer Bildung und Menschen ab 65 Jahren zu nennen. Sie nutzen alle digitalen Informationsangebote seltener als jüngere oder gut gebildete Menschen.

Menschen mit Migrationshintergrund hingegen nutzen die Möglichkeiten zur digitalen Gesundheitsinformation auffällig häufig, insbesondere soziale Medien werden von fast 45 Prozent genutzt. Zusammengefasst zeigt sich, dass die Präferenzen für einzelne (digitale) Informationsquellen und auch deren Nutzungshäufigkeit in verschiedenen Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich sind.


Vor dem Hintergrund der Pandemie bekommen die Ergebnisse der HLS-GER 2 noch einmal ein ganz anderes Gewicht. Hat Corona die Relevanz der (digitalen) Gesundheitskompetenz noch weiter verstärkt?

Während der Corona Pandemie hat die Nutzung digitaler Gesundheitsinformations- und Kommunikationsmöglichkeiten zugenommen, wie unsere Zusatzerhebung zeigt. Auch der Anteil hoher digitaler Gesundheitskompetenz ist gestiegen. Wichtig ist jetzt zu beobachten, ob die zunehmende Akzeptanz bzw. Nutzung digitaler Angebote und auch die verbesserte digitale Gesundheitskompetenz nur eine Momentaufnahme darstellen oder ob sich diese Entwicklung langfristig bestätigt und festigt.


Bislang fehlte es an international vergleichenden bevölkerungsrepräsentativen Daten zur eHealth Literacy. Wie sieht der europäische Vergleich aus?

Solche Daten sind mit der internationalen Studie HLS19 zu erwarten, an der 17 Länder teilnehmen, auch Deutschland. Die Ergebnisse werden voraussichtlich im Herbst 2021 veröffentlicht. Erst dann werden wir wissen, wie der Vergleich konkret ausfällt. Schon jetzt deuten andere Studien an, dass wir nicht auf den ranghöchsten Plätzen stehen dürften.


Niedriger Bildungs- und Sozialstatus und geringe Lese- und Schreibfähigkeit sowie hohes Alter sind mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz assoziiert. Die Daten des HLS-GER 2 sollen dazu beitragen, die Digitalisierung im Gesundheitswesen nutzerzentriert voranzubringen. Wie könnte das nun erreicht werden?

Dass Deutschland bei der Digitalisierung aufholen muss, ist kein Geheimnis und spiegelt sich auch in den dargestellten Daten wider. Das gilt ebenso für die digitale Gesundheitskompetenz. Hier besteht großer Handlungsbedarf, um die digitale Gesundheitskompetenz zu verbessern und auch um den bestehenden Entwicklungsrückstand im Vergleich zu anderen Ländern aufzuholen.

Dabei ist wichtig, bestehende soziale Unterschiede und Ungleichheiten zu beachten und Gruppen mit auffällig hohem Anteil an geringer Gesundheitskompetenz, wie Menschen mit geringer Bildung und niedrigem Sozialstatus oder ältere Menschen gezielt zu adressieren und zu fördern. Zu bedenken ist dabei, dass ihnen vielfach der Zugang zu digitalen Medien fehlt und ergo auch strukturelle und kontextbezogene Interventionen erforderlich sind.

Zudem ist wichtig, nicht allein die Bevölkerung in den Blick zu nehmen, sondern auch wichtige Mediatoren, so besonders die Ärztinnen und Ärzte, die ja, wie erwähnt, nach wie vor wichtigste Anlaufadresse bei Gesundheitsinformationsfragen sind, ebenso andere Gesundheitsprofessionen, aber auch die Familie und das soziale Netz. Sie alle sind wichtige Anlaufstellen für Patientinnen und Patienten und können und sollten zur Stärkung der digitalen Gesundheitskompetenz beitragen. Allerdings benötigen auch sie dazu gezielte Fördermaßnahmen.


Der Nationale Aktionsplan zur Förderung der Gesundheitskompetenz (NAP) wurde 2018 veröffentlicht. Er enthält 15 Empfehlungen in vier Handlungsfeldern und benennt vier Prinzipien für die Umsetzung. Eine davon ist, die Forschung zur Gesundheitskompetenz auszubauen. Inwiefern hilft der HLS-GER 2 dabei, auch die weiteren Empfehlungen des Aktionsplans umzusetzen?

Der HLS-GER 2 liefert eine Fülle von Daten, die als Grundlage dafür dienen können, empirisch gesicherte Interventionen für unterschiedliche Zielgruppen zu entwickeln und auch die Empfehlungen der Nationalen Aktionsplans weiter umzusetzen. Wir selbst werden uns in den kommenden Monaten intensiv mit der Frage befassen, wie die Studienergebnisse konkret für die Umsetzung des Nationalen Aktionsplans zur Förderung der Gesundheitskompetenz genutzt werden können und welche neuen Akzentsetzungen sie nahelegen. Das Thema digitale Gesundheitskompetenz wird dabei sicher eine prominente Rolle spielen.

Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Mehr zur Studie HLS-GER 2 erfahren Sie hier.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitskompetenz. Interview mit Prof. Dr. Kevin Dadaczynski, Professor für Gesundheitskommunikation und -information an der Hochschule Fulda, und Dr. Orkan Okan, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung an der Universität Bielefeld und Co-Chair der Global Working Group Health Literacy der IUHPE.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Prof. Dr. Doris Schaeffer | Senior-Professorin an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld, Leitung des Interdisziplinären Zentrums für Gesundheitskompetenzforschung (gem. mit Prof. Dr. Ullrich Bauer) der Universität Bielefeld. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Gesundheitskompetenz, Patienteninformation und -beratung, Bewältigung und Versorgung bei chronischer Krankheit und Pflegebedürftigkeit. Sie vertritt Deutschland im Action Network on Measuring Population and Organizational Health Literacy (M-POHL) der WHO-Europa und leitet zahlreiche Studien zur Gesundheitskompetenz.

Dr. Eva-Maria Berens | Gesundheitswissenschaftlerin und Mitarbeiterin am Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung der Universität Bielefeld. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Gesundheitskompetenz, Migration und Gesundheit sowie soziale Ungleichheit und Gesundheit. Sie koordiniert die Studien HLS-GER 2 und HLS-MIG.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Arbeitswelt„Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit sind entscheidende Grundlagen allen Wirtschaftens“

Gesundheit und Arbeitsleistung hängen eng miteinander zusammen. Wie können Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit – und hier insbesondere die Prävention und Gesundheitsförderung – weiter verbessert werden? Mit dem Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit e.V. (Basi), Dr. Christian Felten, sprechen wir über Gesundheitsförderung im Homeoffice, den Erwerb von Gesundheitskompetenz und was es mit der „Vision Zero“ bei dem diesjährigen Kongress A+A, dem weltweit führenden Marktplatz für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit, auf sich hat.

In diesem Jahr findet wieder die A+A als größtes Treffen der Akteure des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und weltweit führender Marktplatz für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit statt. Um welche Themen wird es schwerpunktmäßig gehen?

Das Thema Corona-Pandemie wird auf dem A+A Kongress 2021 natürlich einen großen Raum einnehmen. Dabei geht es aber nicht nur um Infektionsschutz und Homeoffice. Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben hat sich als Folge der Corona-Pandemie insgesamt dramatisch verändert – ganze Branchen liegen zur Zeit nieder und es ist nicht abzusehen, wann sie sich wieder erholen. Aber eines ist in der Pandemie ganz deutlich geworden: Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit sind entscheidende Grundlagen allen Wirtschaftens.

Auf dem Kongress werden deshalb strategische Themen prominent zu finden sein: Wie sieht die Arbeit in Zukunft aus, was macht „Gute Arbeit“ aus und wie können wir Sicherheit, Gesundheit und Nachhaltigkeit auch innerhalb weltweiter Lieferketten gewährleisten? Eine wichtige Rolle kann in diesem Zusammenhang der Denkansatz der „Vision Zero“ spielen – einer umfassenden Präventionskultur mit dem erklärten Ziel, tödliche und schwere Arbeitsunfälle sowie Berufskrankheiten gänzlich zu vermeiden.  

In den Fachveranstaltungen wird der Kongress die ganze Breite des Themenspektrums Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit widerspiegeln. Das reicht von Fragen der technischen Sicherheit von Maschinen und Anlagen über die Einbettung des Arbeitsschutzes in betriebliche Managementsysteme, dem sicheren Umgang mit Gefahrstoffen bis zu Fragen der ergonomischen Gestaltung der Arbeit und der Betrieblichen Gesundheitsförderung. Nach wie vor von großer Bedeutung für die Betriebe ist der umfassende und konkrete Blick auf die Arbeitsbedingungen bei der Gefährdungsbeurteilung.


Durch die Pandemie verlagert sich das Arbeiten immer mehr ins Homeoffice. Was empfehlen Sie zur sicherheits- und gesundheitsgerechten Ausgestaltung des Arbeitsplatzes?

Nach der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung hat der Arbeitgeber den Beschäftigten im Fall von Büroarbeit oder vergleichbaren Tätigkeiten anzubieten, diese Tätigkeiten in deren Wohnung auszuführen, wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstehen. Arbeitgebende müssen in diesem Zusammenhang die mit der Tätigkeit im Homeoffice verbundenen Gefährdungen durch eine Gefährdungsbeurteilung ermitteln und entsprechende Maßnahmen treffen: Es darf als Endziel keine unterschiedlichen Standards für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit in Betrieb und Homeoffice, zwischen Großbetrieb und Kleinbetrieb geben.

Es beginnt bei der Schaffung guter Voraussetzungen mit der Beantwortung der Frage: Welche technischen und ergonomischen Bedingungen müssen aufgrund der Gefährdungsbeurteilung zunächst geschaffen werden? Zusätzlich sind insbesondere die psychischen Gefährdungen zu berücksichtigen, die sich bei der Arbeit zu Hause ergeben können. Weiterhin sollten gemeinsam klare Regelungen zu Arbeitszeiten, Arbeitspausen und Erreichbarkeit festgelegt werden. Ausführliche Hinweise zur ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung und Nutzung der Arbeitsmittel geben die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen.

Was ist dabei nach Altersgruppen und auch genderspezifisch zu berücksichtigen?

Es scheint so zu sein, dass die Beschäftigten mit zunehmendem Alter immer besser mit dem Arbeiten im Homeoffice zurechtkommen – oder salopp gesagt: je älter, desto Homeoffice. Laut einer repräsentativen Umfrage vom April 2020 geben rund 67 Prozent der über 50-Jährigen an, gut zu Hause arbeiten zu können. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es nur 30,1 Prozent, die nach eigenen Angaben gut klarkommen. Dieses Ergebnis verwundert, sagt man den Jüngeren doch eine deutlich höhere Affinität zu moderner Kommunikationstechnik nach. Aber offenbar ist der sichere und routinierte Umgang mit der Technik nur ein Faktor für gutes Arbeiten.

Junge Berufsanfänger wie zum Beispiel Auszubildende oder Trainees müssen ja erst noch lernen, was überhaupt zu erledigen ist und mit welcher Priorität.  Erfahrenen Mitarbeitenden fällt es erheblich leichter, eigenständig zu arbeiten – Stichwort Selbstmanagement. Insgesamt hilft Berufserfahrung sehr dabei, allein mit seinen Aufgaben klar zu kommen.

Bei jüngeren Mitarbeitenden sind zudem der Wunsch und die Erfordernisse nach Feedback meist deutlich stärker ausgeprägt. Führungskräfte und hilfsbereite, kompetente Kolleginnen und Kollegen sind weit weg.

Die fehlende Trennung von Berufs- und Privatleben ist laut einer Studie der TU Chemnitz für gut ein Viertel der im Homeoffice Arbeitenden eine Belastung. Vor allem Frauen mit kleinen Kindern erleben dies als sehr anstrengend und stressig, so dass hier die Burnout-Gefahr besonders hoch ist.

Besonders Führungskräfte sind in dieser Situation gefordert, Feedback in Einzelgesprächen oder Chats – wo immer möglich – zu geben und zu organisieren. Und, ganz wichtig: Bei solchen Gesprächen darf es nicht nur um die Arbeitsaufgaben gehen. Auch das persönliche Befinden soll angesprochen werden können, wenn dies gewünscht wird.


In einer für Deutschland repräsentativen Stichprobe wiesen 54 Prozent der Befragten eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz auf. Inwiefern kann das Setting „Arbeit“ durch entsprechende Angebote zu einer Verbesserung der Gesundheitskompetenz beitragen?

Grundsätzlich kann man sagen: Wer im Betrieb auf den Erhalt seiner Gesundheit achtet, wird dies auch eher in seiner Freizeit tun! Das Setting Arbeitswelt kann also erheblich zur Verbesserung der gesamten Gesundheitskompetenz beitragen.

Nun sind wir aber in einer Zeit großer Umbrüche in der Arbeitswelt. Es entstehen neue Arbeitsformen wie Smart Factory, automatisierte Logistik, Co-working Spaces, Homeoffice und Instant Offices – um nur einige zu nennen.

Zeitliche und örtliche Flexibilität wird von den Beschäftigten in immer größerem Umfang erwartet. Gleichzeitig können sie mit den klassischen Instrumenten des Arbeitsschutzes immer schlechter erreicht werden.

In diesen neuen Arbeitsstrukturen müssen die Beschäftigten eine grundlegende Sicherheits- und Gesundheitskompetenz besitzen, um für sich selbst sorgen zu können. Die Fähigkeiten und Möglichkeiten des Einzelnen müssen gestärkt werden, um im Arbeitsalltag im Sinne gesundheitsförderlicher Arbeit zu entscheiden und zu handeln. Dies umfasst die Sensibilisierung, die „Selbstachtsamkeit“, die handlungsorientierte Aktivierung für Fragen der Gesundheit sowie auch die Fähigkeit der Führungskräfte, entsprechend gesundheitsförderlich zu führen.


Gerade kleine und Kleinstunternehmen haben oft nicht die Möglichkeiten, präventive Maßnahmen umzusetzen. Was raten Sie ihnen?

Zunächst vorweg: Kleine und Kleinstunternehmen haben ja nicht per se schlechtere Arbeitsbedingungen.

Gerade im Handwerk ist die überschaubare Größe durchaus auch ein Vorteil. Die Betriebe sind oft flexibel, aus Tradition familiennah und weit anpassungsfähiger als andere. Damit bestehen gute Voraussetzungen, Arbeit gesundheitsgerecht zu organisieren. Andererseits haben sie häufig keine Personalabteilung und oft wenig zeitliche und personelle Ressourcen, um sich aktiv mit ihren Arbeitsprozessen zu beschäftigen und diese gesundheitsförderlich und innovativ zu gestalten. Sie haben schon genug damit zu tun, die Aufgaben des klassischen Arbeitsschutzes zu erfüllen, wie zum Beispiel eine sinnvolle Gefährdungsbeurteilung mit entsprechenden Maßnahmen durchzuführen.

Nicht jede präventive Maßnahme ist zwangsläufig mit großen Investitionen verbunden. Und sie sollte gut gewählt sein! Kleine Unternehmen wissen oft zu wenig über die Möglichkeiten, die zum Beispiel die Träger der Sozialversicherungen ihnen bieten. Dabei können die großen Institutionen wie Krankenkassen, Unfallversicherung, Kammern mit ihren ausgeprägten Beratungsstrukturen helfen.  

Ich rate den Unternehmen, sich an diese Institutionen zu wenden und sich beraten zu lassen. Sie helfen zum Beispiel auch schon bei der systematischen Bedarfserhebung oder auch ganz elementar durch praktische Einkaufsführer zu geprüften Produkten.


In der Arbeitswelt scheinen Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit und Gesundheitsförderung immer noch nicht so richtig zusammengefunden zu haben – trotz der durch das Präventionsgesetz vorgesehenen verbesserten Kooperationsmöglichkeiten. Was könnte helfen, die Situation weiter zu verbessern?

Beide waren in der Vergangenheit wie Schiffe auf See in der Nacht. Zwar waren die Lichter gesetzt, man sah sich aus der Ferne, aber es gab keinen weiteren Austausch und jeder fuhr seinen Kurs weiter. Mit dem Präventionsgesetz ist ein großer Anfangsschritt in Richtung Stärkung der Kooperation gemacht worden. Um im Bild zu bleiben: Man kann jetzt längsseits gehen und den Kurs gemeinsam fortsetzen.

Wir müssen den gegebenen gesetzlichen Rahmen nun weiter ausfüllen und die Institutionen mit ihren jeweiligen Stärken noch mehr in den Dienst der gemeinsamen Sache stellen. Auch wenn viele Akteure in ähnlicher Weise aktiv sind, glaube ich, dass über die Ziele, Methoden, Angebote und berechtigten Interessen der Institutionen immer noch vieles unbekannt ist.

Der Austausch und das „voneinander Lernen“ ist und bleibt der Schlüssel zu einer besseren Kooperation. Das gilt auch in den Betrieben: Hier ist eine weitere Zusammenarbeit zwischen den nach ASiG (Arbeitssicherheitsgesetz)-tätigen Akteuren und denjenigen der innerbetrieblichen Gesundheitsförderung erforderlich.

Um die gegenseitige Akzeptanz zu erhöhen, sollten sich die Akteure auf gemeinsame Kernkonzepte zur Orientierung am tatsächlichen Bedarf und – ganz wichtig – zur Qualitätssicherung der Angebote auf dem Gebiet der Gesundheitsförderung verständigen.

Die öffentliche Aufmerksamkeit für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit und der betrieblichen Gesundheitsförderung kann durch gemeinsame Botschaften und übergreifende kohärente Konzepte zum Nutzen aller Akteure und vor allem aller Beschäftigten in den Betrieben erhöht werden. Das gilt verstärkt für eine Zeit, in der sich die Grenzen des Arbeitens im Betrieb und mobil oder zu Hause langsam auflösen. Dabei sollte nach wie vor klar bleiben, von welcher Seite welche Kernkompetenzen zur Prävention beigesteuert werden.

Die Basi möchte mit dem alle zwei Jahre stattfindenden Kongress der A+A dazu einen attraktiven Rahmen bieten, diese Fragen zu diskutieren. Dabei können ganz sicher gangbare Wege einer weiteren Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen klassischer Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit und der betrieblichen Gesundheitsförderung gefunden werden.


Die Fragen stellten Dr. Beate Grossmann und Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung Schwerpunkt Arbeitswelt & Pflege. Interview mit Prof. Dr. Gudrun Faller und Prof. Dr. Tanja Segmüller, Hochschule für Gesundheit Bochum. 

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies, Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

Möchten Sie über Neues und Wissenswertes zu Prävention und Gesundheitsförderung auf dem Laufenden gehalten werden? Hier können Sie unseren monatlich erscheinenden Newsletter bestellen.

Dr. Christian Felten | Biochemiker; Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit e.V. (Basi). Zuvor leitete er u.a. das Kompetenzfeld „Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren & Vision Zero“ der Berufsgenossenschaft (BG) Verkehr. Dr. Felten ist Vizepräsident im Vorstand des „Besonderen Ausschusses für Prävention“ der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) und der „Internationalen Sektion für Prävention im Transportwesen“.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit e.V. (Basi) – engagiert für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. 86 Organisationen und Einrichtungen arbeiten zusammen, um Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu verbessern. Mit dem A+A Kongress, veranstaltet die Basi eine der wichtigsten Veranstaltungen zu aktuellen Themen rund um Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Deutschland und weltweit. Der A+A Kongress 2021 findet vom 26.-29. Oktober statt.

Prävention und GesundheitsförderungGemeinsam Gesundheit fördern: Der neue BVPG-Vorstand stellt sich vor

Der neue Vorstand der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) wurde am 4. November 2020 auf der Mitgliederversammlung gewählt. Elf Expertinnen und Experten aus der Prävention und Gesundheitsförderung prägen in den kommenden drei Jahren die Arbeit der BVPG – Grund genug, mehr darüber zu berichten: Mit diesem Blogbeitrag stellt sich das Vorstandsteam persönlich vor.

Ute Bertram; Präsidentin (1. Reihe, 1. v. l.), derzeit kommunalpolitisch und ehrenamtlich tätig, davor Mitglied im Deutschen Bundestages (2013-2017), Mitglied im Ausschuss für Gesundheit:

„Die BVPG stellt eine seit über 60 Jahren etablierte und bewährte Plattform dar, von der aus ein wirkungsvoller Beitrag für die Gesundheit unserer Bevölkerung geleistet werden kann. Ich sehe die Ziele meiner Präsidentschaft für die BVPG vorrangig darin, sowohl die Bundesvereinigung als Ratgeberin gegenüber dem Gesetzgeber zu stärken als auch als gesellschaftliche Akteurin Gesundheitsförderung und Prävention in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Wir sind eine Gesellschaft des langen Lebens, zugleich aber auch geprägt von sogenannten „westlichen Zivilisationskrankheiten“. Von daher gilt für mich: Stärkung des Grundsatzes „Prävention vor Rehabilitation vor Pflege“ und Stärkung der Gesundheitskompetenz in den Familien, Kitas und Schulen, denn schon im Kindesalter werden sehr oft die Präferenzen für eine gesunde oder ungesunde Lebensführung entwickelt.“


Oliver Blatt, Vizepräsident (1. Reihe, 2. v. l.), Leiter der Abteilung Gesundheit im Verband der Ersatzkassen e.V. (vdek):

„In meinem beruflichen Kontext setze ich mich dafür ein, dass sich die medizinische, rehabilitative und pflegerische Versorgung der GKV-Versicherten auf hohem Niveau weiterentwickelt. Leistungen zur Prävention und Gesundheitsförderung nehmen dabei einen immer wichtigeren Stellenwert ein.

Es gilt, Prävention in allen Bereichen und bei allen Zielgruppen „mitzudenken“. Besonders bei den vulnerablen Zielgruppen müssen präventive Leistungen besser und früher ankommen. Ich möchte mit meinem Engagement in der sehr gut vernetzten BVPG dazu beitragen, dass alle relevanten Player ihre Verantwortlichkeiten ernst nehmen, besser zusammenarbeiten und dabei vor allem die vulnerablen Zielgruppen stärker in den Fokus nehmen.“


Britta Susen, Vizepräsidentin (1. Reihe, 3. v. l.), Leiterin des Dezernats Versorgung und Bevölkerungsmedizin der Bundesärztekammer (BÄK):

„Die BVPG gibt mir wesentliche Impulse zur Unterstützung von Ärztinnen und Ärzten bei der Implementierung gesundheitsförderlicher und primärpräventiver Maßnahmen in der haus- und fachärztlichen Versorgung und zur interprofessionellen Zusammenarbeit mit Akteuren des Gesundheits- und Sozialbereichs auch außerhalb des SGB V.

Damit können wir gemeinsam einen gesellschaftlichen Beitrag zur Stärkung der Prävention von Erkrankungen und zur Senkung von Behandlungskosten leisten. Zugleich sehe ich in der BVPG eine wertvolle Plattform, um die Bedeutung sowie die Qualität von Prävention und Gesundheitsförderung weiter zu befördern.“


Thomas Altgeld, Schatzmeister (1. Reihe, 4. v.l.), Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. (LVG & AFS):

„Die BVPG kann und soll sich als Sprachrohr für mehr Gesundheit entwickeln und sich verstärkt für „Health in All Policies“ einsetzen – ein Politikverständnis, das es bislang schwer hat in Deutschland, aber die meisten Gesundheitspotenziale heben kann.

Wenn Gesundheit als Querschnittsanforderung an unterschiedliche Sektoren – z.B. Wirtschafts-, Verkehrs-, Landwirtschafts- oder Bildungspolitik – definiert wird und nicht nur teure Versorgung im Krankheitsfall organisiert wird mit einer kleinen Nebenspielwiese Prävention, dann lässt sich gesundheitliche Chancengerechtigkeit herstellen.“


Prof. Dr. Gudrun Faller, Beisitzerin (2. Reihe, 1. v. l.), Professorin für Kommunikation und Intervention im Kontext Gesundheit und Arbeit an der Hochschule für Gesundheit Bochum (hsg Bochum):

„Die BVPG zu erhalten und zu verbessern das Potenzial, sich gemeinsam mit ihren Mitgliedsorganisationen dafür einzusetzen, dass mehr gesundheitliche Chancengleichheit verwirklicht wird und die Kräfte in diesem Sinne gebündelt werden.

Als Gesundheitswissenschaftlerin ist es mir wichtig, diese Belange im Vorstand zu vertreten und die BVPG mit meinem Fachwissen, meinen Forschungserfahrungen und meiner Methodenkompetenz zu unterstützen.“


Dr. Mischa Kläber, Beisitzer (2. Reihe, 2. v. l.), Ressortleiter für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement beim Deutschen Olympischen Sportbund e.V. (DOSB):

„Durch meine langjährige Arbeit im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention sowohl in der Wissenschaft als auch im DOSB ist es zugleich zu meiner ganz persönlichen Mission geworden, Menschen in Bewegung zu bringen und besonders die Strukturvoraussetzungen für Gesundheitsförderung und Prävention zu verbessern.

Folglich ist mir – ganz im Sinne des Präventionsgesetzes – insbesondere an deutlich mehr Kooperation, Koordination und Vernetzung der relevanten Akteure bzw. Organisationen gelegen. Gemeinsam bringen wir Deutschland in Bewegung und sorgen für eine noch bessere Zusammenarbeit in der Gesundheitsförderung und Prävention!.“


Christine Kreider, Beisitzerin (2. Reihe, 3. v. l.), Referentin für Prävention bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS):

„Prävention ist erst dann richtig gut, wenn wir zusammen daran arbeiten und sie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstehen. Die BVPG bietet hierfür eine hervorragende Plattform. Gerade hinsichtlich verhältnispräventiver Bemühungen gibt der Verein den idealen Rahmen, um gemeinsam und somit stärker auftreten zu können.“


Dr. Andrea Lambeck, Beisitzerin (3. Reihe 1. v. l.), Geschäftsführerin BerufsVerband Oecotrophologie e.V. (VDOE):

„Gerne möchte ich den BVPG-Vorstand dabei unterstützen, die Mitglieder und Kooperationspartner aus Praxis, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zielgerichtet und im Sinne des optimalen Ressourceneinsatzes zu vernetzen, nicht nur im Bereich der Ernährung, sondern in allen Handlungsfeldern der Prävention und Gesundheitsförderung.

Hier sehe ich ein großes Potenzial für Synergien, welches ich gerne für die BVPG und ihre Mitglieder nutzen möchte, um letztlich weitere Strukturverbesserungen im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland zu erreichen.“


Sieglinde Ludwig, Beisitzerin (3. Reihe, 2. v. l.), Leiterin der Abteilung Gesundheit und Leiterin des Fachbereichs Gesundheit im Betrieb bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung e.V. (DGUV):

„Mir liegt es am Herzen, Prävention und Gesundheitsförderung gesamtgesellschaftlich voranzubringen, die Qualität der Gesundheitsförderungsmaßnahmen zu sichern sowie eine Kultur der Prävention in den verschiedenen Settings (KiTa‘s, Schulen, Berufsschulen, Hochschulen, Kommunen, Betrieben usw.) auf- bzw. auszubauen.

Es sollte – gerade vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Situation – wieder mehr Miteinander geben. Nur gemeinsam können wir nämlich das Ziel „Health in All Policies“ verwirklichen; und hierzu möchte ich mit der BVPG einen Beitrag leisten.“


Dr. Ute Teichert, Beisitzerin (3. Reihe, 3. v. l.), Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf; Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V. (BVÖGD):

„Prävention und Gesundheitsförderung sind als gesetzliche Aufgaben an kommunalen Gesundheitsämtern verankert. Sie haben direkten Zugang zu verschiedenen Lebenswelten, wie Kindertagestätten und Schulen, aber auch zu medizinischen Einrichtungen. Eine bessere Verzahnung verschiedener Akteure vor Ort erscheint mir sinnvoll.

Dabei spielt die BVPG eine wesentliche Rolle, da sie als bundesweit übergreifende Organisation multiprofessionell und auch sektorenübergreifend aufgestellt ist und damit wichtige Initiativen starten kann.

Durch mehrere Kooperationsveranstaltungen in den letzten Jahren zwischen der BVPG und der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen konnten bereits erste Impulse in diese Richtung gesetzt werden.“


Dr. med. Gabriele Windus, Beisitzerin (3. Reihe, 4. v. l.), Leiterin des Referats Gesundheitsförderung, Humangenetik, Arzneimittel, Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung :

„In die Vorstandsarbeit für die BVPG möchte ich meine Erfahrungen in der Gesundheitsverwaltung bzw. Politikberatung einbringen. Gesundheitsförderung benötigt neben Committment und guten Ideen vor allem verlässliche Kooperationsstrukturen und Netzwerke, damit verbindliche Absprachen auch effizient greifen und für erfolgsversprechende Vorhaben genutzt werden können.“

Primär- und Sekundärprävention gerade der nicht übertragbaren Krankheiten sind mit kurzfristigen Anstrengungen nicht wirksam zu leisten. Dies kommt besonders zum Tragen, wenn aktuelle dramatische Ereignisse wie derzeit die Pandemie viele andere Probleme in den Hintergrund drängen. Gezielte Ansprache der richtigen Adressaten und mit ganzheitlichem Blick vorbereitete politisch tragfähige Vorschläge sind mein persönliches Anliegen.“


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Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies, Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung (BVPG) mit Geschäftsstelle in Bonn wurde 1954 gegründet und ist ein gemeinnütziger, politisch und konfessionell unabhängiger Verband. 132 Organisationen sind zur Zeit Mitglieder der BVPG, darunter vor allem Bundesverbände des Gesundheitswesens (wie z.B. die Bundesärztekammer, die Spitzenverbände der Sozialversicherungsträger sowie Verbände der Heil- und Hilfsberufe), aber auch Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Bildungseinrichtungen und Akademien, die einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich „Prävention und Gesundheitsförderung“ aufweisen. Die BVPG ist „Brückeninstanz“ zwischen den Kooperationspartnern aus Praxis, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik und ab 2016 gemäß § 20e (2) des Präventionsgesetzes mit der Durchführung des Präventionsforums beauftragt.