Interview: mHealth in der Prävention und Gesundheitsförderung – Reflexion des digitalen Wandels„Ethik von mHealth ist mehr als die Diskussion von Daten und Datenschutz“

Regelmäßig werden ethische Bedenken hinsichtlich mHealth geäußert – insbesondere mit Blick auf den Datenschutz, die Intransparenz und den möglichen Bias der Algorithmen. Eine kritisch reflektierende Betrachtung von mHealth stößt jedoch darüber hinaus auf weitere Fragen, die mit der Vulnerabilität der Nutzenden zusammenhängt. Unsere Interviewpartnerin ist Dr. med. Verina Wild, stellvertretende Direktorin am Institut für Ethik, Theorie und Geschichte der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Leiterin der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsgruppe „META“ zu ethischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Aspekten mobiler Gesundheitstechnologien. Auf der 18. BVPG-Statuskonferenz „Digitalisierung und Gesundheitsförderung: Schwerpunkt mHealth“ hat sie zum Thema „mHealth: Refexion des digitalen Wandels“ referiert.

Für mHealth-Angebote gibt es derzeit kein einheitliches Gesetz. Wo liegt das Problem?

Zunächst einmal möchte ich auf die neue Digitale-Gesundheitsanwendungen-Verordnung (DiGAV) hinweisen, die derzeit als Referentenentwurf vom Bundesministerium für Gesundheit vorliegt. Hier werden die Technologien reguliert, deren Kosten in Zukunft durch das ebenfalls neue Digitale Versorgung-Gesetz (DGV) rückerstattet werden können. Es tut sich also einiges im gesetzlichen Bereich. 

Aber Sie haben Recht, es ist nicht so einfach. Zu Beginn unseres BMBF-geförderten Forschungsprojektes „META“ (mHealth: Ethische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte im technologischen Zeitalter) baten wir eine angehende Juristin, für uns die Gesetzeslage zu mHealth zusammenzustellen. Das war sehr anspruchsvoll, da mHealth-Angebote viele verschiedene juristische Bereiche betreffen. Das erstreckt sich von Haftungs- und Patentfragen über IT-Recht bis hin zu Regelung von Prävention, Medizin, Medizinprodukten und biomedizinischer Forschung. Wenn man an Datenmissbrauch und an bestimmte Formen von Hacking denkt, wird auch das Strafrecht relevant. Es sind also verschiedene Rechtsgebiete betroffen, das erschwert die Regulierung von mHealth-Angeboten. 

Bei dem Nachdenken über Gesetze ergeben sich außerdem definitorische Schwierigkeiten: Wie grenzt man zum Beispiel Wellness- und Lifestyle- von Medizinprodukten ab? Eine der zentralen Fragen dahinter ist: Was ist denn Gesundheit, was ist Krankheit? Eigentlich bräuchten wir die Klärung dieser Fragen, um bestimmen zu können, welches mHealth Angebot für welches Ziel steht und wie es jeweils reguliert werden sollte. Aber wir haben in unserer Forschung festgestellt, dass die verschiedenen Anwendungsbereiche (z.B. Wellness, Prävention, Gesundheitsförderung, Krankheitsmanagement) sowohl praktisch als auch theoretisch schwierig voneinander abgrenzbar sind.

Ein zusätzliches Problem ist der geographische Fokus: Ist es überhaupt möglich, etwas national zu regulieren, was nicht auf Deutschland begrenzbar ist? Schließlich sind ja die mHealth-Angebote, die Entwickler, die Anbieterplattformen, die weiterführenden Interessengruppen aus dem Bereich Social Media oder Marketing häufig international aufgestellt. Nutzende laden sich Apps aus aller Welt herunter und vernetzen sich auf Social Media völlig selbstverständlich unabhängig geographischer Grenzen. 

Weitere Herausforderungen liegen unter anderem in der Schnelligkeit und Dynamik der Entwicklungszyklen und in der Adaptierbarkeit, die mHealth ja gerade so attraktiv machen. Wollen wir beispielsweise Qualitätsstandards festlegen – was wir ja derzeit vielerorts versuchen zu tun – müssen wir diese Dynamik mitberücksichtigen. Es ist aber noch nicht klar, wie. Wie gehen wir mit Apps um, die anhand bestimmter Qualitätsstandards zertifiziert wurden, an denen aber regelmäßig Softwareupdates vorgenommen werden?


Gesundheitsethiker sehen neben dem Datenschutz auch den Umgang mit den Unmengen an erhobenen Daten kritisch. Welche Probleme gibt es aus Ihrer Sicht in diesem Bereich?

Es wäre gut, wenn die „Unmengen an Daten“ einen Sinn und Nutzen für die Allgemeinheit haben könnten, wenn ihre Auswertung zum Beispiel zu epidemiologischem Erkenntnisgewinn führen würde oder zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung oder auch zur besseren Erhebung und Evaluation von Nebenwirkungen von Medikamenten, usw. Allerdings ist es nicht klar, wie der Zugang zu diesen Daten und ihre sinnvolle vernetzte Analyse organisiert werden könnte. Die Daten sind kompartimentalisiert, das heißt, Teile der „Unmengen an Daten“ gehören einem, Teile einem anderen. Sie sind nicht frei verfügbar. Wenn wir uns vorstellen, dass die Daten in einem open access-Verfahren z.B. für Forschende und Gesundheitsorganisationen zugänglich sein sollen, dann müssten die einzelnen Anbieter, die sie sammeln, sie auch bereitstellen. Die Daten sind aber ihr höchstes Gut. Jemand, der mit Daten Profit macht, ist vielleicht nicht so einfach bereit, sie zur Verfügung zu stellen. 

Als eine weitere Möglichkeit zur Nutzung von Daten wird die Datenspende diskutiert. Hier soll also jemand, dessen Daten erhoben werden, sie für einen allgemein sinnvollen Zweck (wie epidemiologische Forschung) zur Verfügung stellen. Auch hier ist es nicht klar, ob und wie eine solche Spende ethisch einzuschätzen ist – vorausgesetzt, es besteht Interesse daran, sie umzusetzen und sie ist technisch und juristisch möglich. Kann man die Menge und Art der erhobenen Daten einschätzen, wenn man kein Experte für Datenanalyse ist? Eigentlich müsste man als Datenspender ja verstehen, welche Daten wie erhoben werden und was mit ihnen gemacht wird. Das ist einerseits so komplex, dass wir hier wahrscheinlich noch viel mehr Aufklärung und Bildung brauchen. Andererseits ist heute teilweise noch gar nicht bekannt, was in Zukunft mit Daten und Vernetzung von Datensätzen überhaupt möglich sein wird und ob Anonymität langfristig gewährleistet sein kann – viele meinen wahrscheinlich eher nicht. Es müsste also sehr genau definiert sein, an wen die Daten zu welchem Zweck gespendet werden und wie der Schutz der spendenden Person auch langfristig gewährleistet ist. 

Ein anderer Aspekt sind mögliche Biases in den zunehmend riesigen Datensätzen. Wir wissen heute ja, dass sich zum Beispiel der Herzinfarkt bei Frauen anders auswirkt als bei Männern, aber lange Zeit wurde das in der Medizin ignoriert. Es gibt auch heute noch zahlreiche Beispiele solcher „Biases“ in Hinblick auf Geschlecht, Hautfarbe oder anderes. Diese Fehler in der Medizin werden heutzutage teilweise in die Algorithmen von mHealth-Technologie eingeschrieben. Bei der Nutzung dieser von vorneherein gebiasten Technologie werden dann Nutzerdaten gesammelt. Diese Daten dienen dazu, die sogenannten “lernenden” Algorithmen weiter zu füttern und eigentlich zu verbessern. Wenn dieser Prozess aber von vorneherein falsch angelegt ist, kann sich ein solcher Fehler immer tiefer in die Algorithmen einschreiben und letztendlich nur noch schwer zu korrigieren sein. Es gibt einerseits noch viel zu wenig Sensibilität für diese Biases, die vermieden werden sollten und andererseits wissen wir, dass Daten und Graphiken gerne geglaubt wird. So sehr übrigens, dass manche der App und ihren Angaben mehr glauben als empirischen Befunden oder komplexeren Erklärungsansätzen für die „Wirklichkeit“.


In der für Deutschland repräsentativen Stichprobe wiesen 54,3 % der Befragten eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz auf. Was bedeutet dies für die Nutzung von mHealth-Anwendungen? Oder anders gefragt: Wie beeinflusst mHealth das Verhältnis von Eigenverantwortung für Gesundheit und Gerechtigkeit?

Im öffentlichen Diskurs über mHealth (zum Beispiel im Bereich von Politik, Medien, Beschreibung und Marketing von mHealth) sehe ich eine sehr positive Auslegung der Begriffe Empowerment, Partizipation, Eigenverantwortung für Gesundheit. Es ist auch aus ethischer Sicht auf den ersten Blick gut, wenn gesunde oder kranke Nutzende beteiligt sind an ihrem Gesunderhaltungs- oder Genesungsprozess oder in ihrem Krankheitsmanagement, wenn sie sich damit identifizieren, wenn sie motiviert sind, wenn sie verstehen, was passiert und sich selbst gestärkt und gehört fühlen. All dies steckt in den Begriffen Empowerment, Partizipation und Eigenverantwortung für Gesundheit. 

Diese Begriffe dürfen aber nicht nur als positiver Effekt von mHealth schlagwortartig behauptet werden, sondern es muss auch belegbar so stattfinden, um wirklich als „gut“ bewertet zu werden. Hier ist u.a. die von Ihnen angesprochene Gesundheitskompetenz ganz zentral. Nur jemand, der weiß, worum es geht, kann auch wirklich eigenverantwortlich und „empowered“ entscheiden und handeln. Manche Nutzende verstehen aber nicht, was mit den Daten passiert oder wie Algorithmen geschrieben werden und funktionieren. Sie fühlen sich vielleicht durch die Technologien überfordert, unter Druck, überwacht oder kontrolliert. Das wäre dann gar kein Empowerment, im Gegenteil. Wie und ob Empowerment und Partizipation sich tatsächlich einstellt und auch als positiv empfunden wird, muss die Forschung erst noch besser herausfinden. 

Aber auch gesamtgesellschaftlich müssen wir uns fragen, was sinnvoll ist und wo womöglich Grenzen der Eigenverantwortung liegen. Die Frage, ob mHealth „gerecht“ ist, hört häufig beim Zugang schon auf: Wer hat Zugang zu den Technologien und können alle sie gleichermaßen gut nutzen? 

Aber ich glaube, es gibt hier auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Beispielsweise ist es ja belegt, dass nicht nur das eigene Verhalten die Gesundheit beeinflusst. Es gibt auch soziale Determinanten und strukturelle Faktoren, die die Gesundheit beeinflussen. Das kann mit Bildung, Arbeitsbedingungen, Einkommen und Erziehung zu tun haben. Oder mit der jeweiligen Wohn- und Lebensumgebung und speziellen klimatischen Bedingungen. Diese Faktoren und Bedingungen führen dazu, dass manche Gruppen eine höhere Krankheitswahrscheinlichkeit haben als andere. Selbst wenn alle Bevölkerungsgruppen nun gleichen Zugang zu mHealth haben, profitieren einige Gruppen vielleicht mehr als andere davon, weil sie aufgrund von Bildung, Einkommen, Lebensbedingungen, Umwelt bessere Möglichkeiten haben, Eigenverantwortung und Partizipation für sich auch sinnvoll umzusetzen. Wenn wir unser Gesundheitssystem nun tatsächlich vermehrt auf Apps und Wearables umstellen (z.B. mit Anreiz- und Bonussystemen bei Krankenkassen) muss uns bewusst sein, was mit diesem Shift vielleicht auf problematische Weise aus dem Blick gerät. Es können sich Fragen der sozialen Gerechtigkeit ergeben, die über die Verantwortung des Einzelnen und über Zugang zu Technologie hinaus gehen und politisch und gesellschaftlich gelöst werden müssten.


Und was macht das Bestreben nach verbesserten „getrackten“ Gesundheitsdaten mit dem eigenen Verständnis von Gesundheit und der Beziehung zum eigenen Körper?

MHealth bietet wirklich interessante und attraktive Möglichkeiten, ein besseres Verständnis für den eigenen Körper, die Körpervorgänge und Gesundheit und Krankheit zu bekommen. Wir lesen und hören von positiven Erfahrungen, weil Nutzende besser schlafen, regelmäßiger Sport treiben, ihr Blutzuckerprofil besser unter Kontrolle haben, aufgehört haben zu rauchen oder anderes, weil sie Hilfe durch eine gute App oder einen digitalen Sensor oder ähnliches haben. Das ist aus ethischer Sicht sinnvoll und gut, denn es kann zu besserer Gesundheit und Lebensqualität führen. 

Aber auch hier gibt es eine Kehrseite. Wir wissen, dass das konstante Tracking, das Wissen um Körpervorgänge und die Möglichkeit, sich mit anderen zu vergleichen, auch belastend sein kann. Es kann zu Gefühlen der ständigen Überwachung und Kontrolle und zu Schuldgefühlen kommen. Lustbetonte Aktivitäten zum Beispiel im Bereich von Ernährung oder Sexualität fühlen sich für manche auf einmal belastet und beschwert an. Es kann zu Suchtverhalten kommen, wenn die Anforderungen z.B. von einer Fitness-App zu ernst genommen werden und die graphische Darstellbarkeit der eigenen Leistung zu immer weiteren Leistungssteigerungen animiert. Es gibt auch Berichte, dass Personen sich erst dann schwach oder krank fühlen, wenn die App ihnen „schlechte“ Werte mitteilt. Was passiert da also mit unserem Körpergefühl? Manche Jugendliche, die ihre getrackten Werte untereinander teilen, berichten auch von einer zunehmenden Minderung des Selbstwertgefühls, je mehr sie digitale Angebote nutzen.

Ich denke, wir sollten hier ganz genau hinschauen, um gerade bei Kindern und Jugendlichen oder anderen solcher „vulnerablen Gruppen“ Probleme zu erkennen und sie bestmöglich im Umgang mit den Technologien zu unterstützen. Es gibt dazu bereits kritische philosophische, soziologische und sozialempirische Forschung, die einiges aufdeckt, was zum Nachdenken anregt. Hier ist aber noch viel mehr Forschung nötig. Ich fände es außerdem gut, wenn es dazu mehr Diskussion in der Bevölkerung gäbe. Denn es wird immer wieder deutlich: Ethik von mHealth ist mehr als die Diskussion von Daten und Datenschutz. In meiner Forschungsgruppe arbeiten wir deshalb gerade an einer Webseite, die bald online geht (about-mHealth.net), auf der wir viele dieser Aspekte auf hoffentlich ansprechende Weise für einen intensiven Austausch zur Verfügung stellen möchten.


Die Fragen stellte Inke Ruhe, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Mehr zu Digitalisierung in Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

PD Dr. med. Verina Wild | Forschung und Lehre im Bereich Medizinethik, Bioethik, Public Health Ethik, Global Health Ethics; Stellvertretende Direktorin Institut für Ethik, Theorie und Geschichte der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München; Leitung der BMBF-geförderten Forschungsgruppe „META“ zu ethischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Aspekten mobiler Gesundheitstechnologien (www.meta.med.uni-muenchen.de); Mitglied des Ausschuss „Digitalisierung der Gesundheitsversorgung“ der Bundesärztekammer.

Interview: Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege„Ein enormes Potenzial, das noch längst nicht ausgeschöpft ist“

Welchen Stellenwert haben Prävention und Gesundheitsförderung für Pflegende und Pflegebedürftige in stationären Einrichtungen? Dazu befragten wir Prof. Corinna Petersen-Ewert, Professorin für Gesundheits- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG). Beim 9. gemeinsamen Präventionskongress des Bundesministeriums für Gesundheit und der BVPG hat sie das Fachforum „Wirksame und nachhaltige Prävention und Gesundheitsförderung für pflegebedürftige Menschen“ moderiert.

Frau Professorin Petersen-Ewert, zur Aufwertung des Pflegeberufes werden derzeit u.a. Lohnerhöhung, verlässliche Arbeitszeiten, Erweiterung des Verantwortungsspielraumes sowie Verbesserung der Ausbildung und der beruflichen Weiterentwicklungsmöglichkeiten diskutiert. Welchen Anteil haben Prävention und Gesundheitsförderung bzw. gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen, um die Attraktivität des Berufes zu steigern?

Eine sehr wichtige Frage, bei deren Beantwortung man unterschiedliche Ebenen berücksichtigen muss. Zunächst die inhaltliche Ebene des pflegerischen Handelns: Prävention und Gesundheitsförderung sind wichtige Komponenten im Leistungsspektrum der pflegerischen Praxis – sie sind relevant, um eine salutogenetische Betrachtungsweise des Menschen zu ermöglichen. In der Pflege geht es ja vor allem auch darum, die Ressourcen der Patientinnen und Patienten zu stärken. Wenn die Rahmenbedingungen dies jedoch nicht zulassen, wie wir es leider häufig erleben, dann können die Pflegenden ihr Potenzial nicht ausschöpfen und verlieren letztendlich oftmals Freude an ihrem Wirken. Um die Attraktivität des Berufes zu steigern, ist es wichtig, die inhaltliche Ausrichtung der pflegerischen Tätigkeiten auch bezüglich Prävention und Gesundheitsförderung zu stärken. Prävention und Gesundheitsförderung spielen eine also große Rolle, um die die Attraktivität des Berufes zu steigern – im Sinne einer Rückbesinnung auf das, was Pflege ausmacht.
Eine weitere Betrachtungsebene sind die Angebote zu Prävention und Gesundheitsförderung durch den Arbeitgeber. Zunächst ist ja erstaunlich, wie wenig systematisch Unternehmen die präventiven und gesundheitsförderlichen Angebote zur Verfügung stellen und diese auch bewerben. Dabei ist davon auszugehen, dass Unternehmen durch Angebote zur Prävention und Gesundheitsförderung einen Wettbewerbsvorteil für sich erlangen können. Für die Unternehmen ist es also essentiell, diesen Vorteil für sich zu nutzen. Für beide Ebenen, für Pflegende und für Einrichtungen, bergen Prävention und Gesundheitsförderung ein enormes Potenzial, das längst noch nicht ausgeschöpft ist.

Der Pflegeberuf ist – im Vergleich zu anderen Branchen – durch einen hohen Krankenstand geprägt. Auch gehen viele Pflegekräfte nach der Babypause nicht wieder in den Beruf zurück. Inwiefern können Prävention und Gesundheitsförderung denn dazu beitragen, Krankenstände zu verringern und vermehrt Berufsrückkehrerinnen und Berufsrückkehrer zu gewinnen?

Was wir häufig beobachten, ist, dass es keine „systematischen Wiedereingliederung“ gibt. Vielmehr findet oftmals kurz nach der Rückkehr in den Beruf eine sofortige Überforderung statt. Diese sollte unbedingt vermieden werden, damit kein „Drehtür-Effekt entsteht. Oft werden die Rückkehrer aber so eingeplant, als wäre nichts passiert – und das ist ein großer Fehler. Das ist zwar im Hinblick auf Personalengpässe verständlich, jedoch nicht zielführend, um eine langfristige Bindung zu unterstützen. Wir brauchen daher einer Kultur der Wertschätzung und Rücksichtnahme, die bei hoher Belastung allerdings an die Grenze der Umsetzbarkeit stößt – wie es derzeit in der stationären Pflege gegeben ist. Hier können Konzepte wie Achtsamkeit, Kommunikation im Team, Flexibilität eine wichtige Rolle spielen. Der Handlungsspielraum ist noch nicht ausgeschöpft.

Besonders hoch sind Beschwerden im Bereich des Muskel-Skelett Systems und der Psyche. Gibt es Schlüsselmaßnahmen im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung, die zu einer nachhaltigen und wirksamen Verbesserung dieser körperlichen und psychisch-emotionalen Belastungen führen?

Wir alle wissen, wie schwierig es ist, eine langfristige Wirksamkeit zu belegen. Hier bedarf noch mehr Forschungsvorhaben, die kontrolliert und systematisch dieser Fragestellung nachgehen. Es existieren einige Ansätze, aber letztendlich können wir hier noch nicht von Schlüsselmaßnahmen sprechen. Es gilt vor allem, die Arbeitsumwelt gesundheitsförderlich zu gestalten. Selbstverständlich ist es wichtig zu wissen, wie man rückenschonend pflegt, allerdings müssen dann hierfür auch Personal, adäquate Zeiträume sowie entsprechende Hilfsmittel vorhanden sein. Außerdem reicht es nicht aus, eine Maßnahme nur einmalig zu schulen. Häufig sind auch Erinnerungen und Auffrischungen notwendig. Ferner wissen wir, dass sich Pflegende vor allem Fortbildungen zur Stressreduktion wünschen. Allerdings müssen wir auch hier umfassend schauen. Es gilt, nicht nur verhaltenspräventive, sondern auch verhältnispräventive Maßnahmen umzusetzen: Pausen können nur eingehalten werden, wenn das Arbeitsumfeld auch entsprechend gestaltet ist. Fazit: Es gibt gute Schulungsangebote und -konzepte, und nun gilt es, den Transfer in die Praxis zu begleiten. Es handelt sich dabei um Veränderungen im Unternehmen, die mit Aufwand verbunden sind, aber ich bin mir sicher, dass sich diese letztendlich auszahlen werden.

Die Pflege ist weiblich. Was ist genderspezifisch zu beachten?

Natürlich müssen wir genau schauen, was die Bedarfe und Bedürfnisse der Adressaten sind. Häufig sind Frauen in der Pflege mit mehrfachen Belastungen konfrontiert: Neben der Erziehung der eigenen Kinder gehört nicht selten auch die Pflege von nahestehenden Angehörigen zu ihren Aufgaben. Hinzu kommt die Schichtarbeit. Wiedafür gesorgt werden kann, dass die Familie gut versorgt wird, ist also die zentrale Frage. Bei den Angeboten der Prävention und Gesundheitsförderung ist vor allem darauf zu achten, dass diese nicht noch mehr Anforderungen stellen, sondern für Entlastung zu sorgen. Frauen profitieren häufig von Netzwerken. Wie können Netzwerke entlastend genutzt werden? Wie können Entlastungspunkte geschaffen werden, damit nicht die ganze Last auf den Schultern der Frauen liegt? All dies sind die Fragen, auf die die Prävention und Gesundheitsförderung in den jeweiligen Unternehmen Antworten finden muss.

Und wenn wir jetzt mal einen Blick auf eine hohe Arbeitsfähigkeit bis zum Rentenalter werfen: Wie differenzieren sich Ansätze zur Prävention und Gesundheitsförderung bei älteren bzw. bei jüngeren Pflegekräften?

Bei den Jüngeren geht es sicher um das Thema der Kinderbetreuung – und die damit verbundene mögliche Belastung. Auch sind die Themen Karriereplanung und Zukunftsperspektiven am Arbeitsplatz ein wichtiges Thema. Bei älteren Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen ist es eher die Betreuung von Angehörigen. Man sollte immer sehr differenziert und individuell schauen. Wichtig ist, das persönliche Gespräch rechtzeitig zu suchen und nicht erst, wenn die Überforderung bereits eingetreten ist. Mit der individuellen Karriereplanung muss also frühzeitig begonnen und sie sollte dauerhaft und begleitend in das Arbeitsleben integriert werden.

Welche Rolle spielt die Gesundheitskompetenz von Pflegekräften bei der Umsetzung von Konzepten zur Prävention und Gesundheitsförderung?

Es wird häufig angenommen, dass Pflegende aufgrund ihres Wissens ein hohes Maß an Gesundheitskompetenz haben „sollten“, jedoch zeigt sich oft, dass das Wissen um Krankheitsentstehung, Problemlösefähigkeit usw. nicht immer bedeutet, dieses Wissen gut für die eigene Person umsetzen zu können. Häufig ist es einfacher, andere zu beraten. Unter den belastenden Arbeitsbedingungen ist es natürlich nochmal schwieriger, für sich selbst zu sorgen und achtsam zu sein. Es gilt zu sensibilisieren. Die eigene Kompetenz spielt hier sicherlich eine Rolle, aber auch die Arbeitsumwelt.

Für die Umsetzung von Konzepten zur Prävention und Gesundheitsförderung ist es wichtig, dass die Pflegenden über eine entsprechende Qualifikation verfügen. Die Akademisierung stellt einen wichtigen Meilenstein dar, den es in Deutschland noch weiter zu formen gilt. Duale Studiengänge der Pflege, aber auch aufbauende, interdisziplinäre Studiengänge qualifizieren Pflegende, so dass sie auch präventive und gesundheitsförderliche Projekte umsetzen können. Ein Studium der Pflege oder eines auf die Ausbildung aufbauenden Studienganges sollte nicht mehr die Ausnahme sein, sondern eine tragende Säule innerhalb der Pflegelandschaft.

Welche wirksamen und nachhaltigen Konzepte für Pflegekräfte bzw. Pflegebedürftige, die als Blaupause dienen könnten, gibt es bereits?

Mit dem Begriff „Blaupause“ tue ich mich schwer. Für wichtiger halte ich, dass wir voneinander lernen und auch, dass wir aus Fehlern lernen können. Es gibt durchaus einige Projekte, die einen (nachhaltigen) Effekt auf die Gesundheit und die Lebensqualität erzielen. Aber ob diese dann für andere Einrichtungen mit anderen Bedingungen ebenso zielführend sind, bleibt ja offen. Entscheidend ist, von erfolgreichen Ansätzen zu lernen und dennoch flexibel zu bleiben.

Die Handlungsfelder zur Stärkung der gesundheitsfördernden Potenziale von stationär Pflegebedürftigen sind laut „Leitfaden Prävention in stationären Pflegeeinrichtungen“ Ernährung, körperliche Aktivität, kognitive Ressourcen, psychosoziale Gesundheit und Prävention von Gewalt. In welchem Bereich sehen Sie den größten Hebel zur Verbesserung des gesundheitsfördernden Potenzials?

Grundsätzlich ist es ja so, dass die Bereiche schwer voneinander abgrenzbar sind. Natürlich kann eines der Handlungsfelder der Schwerpunkt einer Intervention sein. Bei der Messung der Wirkung sollte man sich aber nicht nur auf dieses eine Handlungsfeld beschränken, sondern auch die Interaktionen der einzelnen Bereiche in den Fokus nehmen.

Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege erfahren Sie hier.

Prof. Corinna Petersen-Ewert | Professorin für Gesundheits- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg im Department Pflege und Management; Mitglied im Vorstand der Bundesvereinigung für Prävention und Gesundheitsförderung e.V.; Vorsitzende der Hamburgischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V.; Arbeitsschwerpunkte: Gesundheitsförderung von Menschen mit chronischen Erkrankungen, Pflege und Gesundheitsförderung, interdisziplinäre Zusammenarbeit im Gesundheitswesen.

Interview: Betriebliche Gesundheitsförderung in der Pflege„Um nachhaltige Verbesserungen zu erzielen, muss man dauerhaft intervenieren“

Was sind förderliche Bedingungen für eine wirksame und erfolgreiche betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) für Pflegekräfte? Welche Hindernisse gibt es? Welche Prozesse und Strukturen benötigt eine gesundheitsfördernde Organisationsentwicklung in Pflegeeinrichtungen?

Dazu befragt haben wir BVPG-Vorstandsmitglied Prof. Gudrun Faller, Professorin für Kommunikation und Intervention im Kontext von Gesundheit und Arbeit und Prof. Tanja Segmüller, Professorin für Alterswissenschaft. Beide lehren an der Hochschule für Gesundheit – hsg Bochum.

Frau Prof. Faller hat beim 9. gemeinsamen Präventionskongress des Bundesministeriums für Gesundheit und der BVPG e.V. das Fachforum 3 „Wirksame und nachhaltige Prävention und Gesundheitsförderung in Einrichtungen“ moderiert.

Im GKV-Leitfaden „Prävention“ werden folgende BGF-Handlungsfelder formuliert: Beratung zur gesundheitsförderlichen Arbeitsgestaltung, gesundheitsförderlicher Arbeits- und Lebensstil der Beschäftigten sowie überbetriebliche Vernetzung und Beratung. Wo sehen Sie das größte Potenzial in stationären Pflegeeinrichtungen?

Gudrun Faller: „Es ist eine Banalität, darauf hinzuweisen, dass die Bedingungen, unter denen Menschen leben und arbeiten, massive Auswirkungen auf ihre Gesundheit haben. Hierzu gibt es vor dem Hintergrund jahrzehntelanger gesundheitswissenschaftlicher Forschung gesichertes Wissen. Dabei sind es nicht nur physische Belastungen, die krank machen können, sondern insbesondere psychischer und sozialer Stress – etwa Arbeitsdruck, soziale Konflikte, unzureichende Anerkennung für Leistungen und fehlende Einflussmöglichkeiten auf belastende Bedingungen. Das sind Handlungsanlässe für Prävention und Gesundheitsförderung. Zweifellos ist es wichtig, dass Menschen wissen, wie sie sich gesund und fit halten können, aber oft können sie gut gemeinte Ratschläge deshalb nicht umsetzen, weil ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse dies erschweren oder gar unmöglich machen. Gerade in der Pflege sind übermäßige Arbeitsbelastungen an der Tagesordnung: Personalmangel, Zeitdruck, hohe körperliche Beanspruchungen, fehlende Pausen und Rückzugsmöglichkeiten, zu viele Nacht- und Wochenenddienste und vieles andere mehr, tragen dazu bei, dass Gefährdungen auftreten und die Gesundheit der Pflegekräfte bedrohen. Das größte Potenzial in stationären Pflegeeinrichtungen liegt deshalb darin, Organisationsentwicklungsprozesse zu initiieren, deren Ziel die Gestaltung von Arbeitsbedingungen ist, die die Betroffenen gesund erhalten. Die Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren – auch der psychischen – und die menschengerechte Gestaltung der Arbeit sind übrigens keine freiwilligen Leistungen, sondern gesetzliche Pflichten jedes Arbeitgebers, genauso wie zum Beispiel die Einhaltung von Arbeitszeitvorgaben oder Erholungsphasen.“


„Exzellente Führung“ bedingt „exzellente Pflege“ heißt es – inwiefern kommt der Leitung einer Einrichtung eine zentrale Schlüsselrolle – auch in Bezug auf Prävention und Gesundheitsförderung der Beschäftigten – zu?

Gudrun Faller: „Der Zusammenhang zwischen dem Führungsverhalten und der Gesundheit der Mitarbeitenden konnte in zahlreichen empirischen Untersuchungen immer wieder nachgewiesen werden. Zum einen tragen Führungskräfte mit ihren Entscheidungen dazu bei, unter welchen personellen und materiellen Bedingungen Pflegekräfte arbeiten. Mindestens genauso wichtig ist aber die psychosoziale Ebene, also die Beziehungen zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden: sind diese von Fairness, Mitsprachemöglichkeiten, Anerkennung, Verbindlichkeit und klaren Regeln geprägt, hat das Auswirkungen auf das Arbeitsklima und das Miteinander im Team. Gleichzeitig müssen wir aber auch die Belastungen der Vorgesetzten selbst sehen. An sie werden hohe Erwartungen gestellt. Gerade Führungskräfte auf den unteren und mittleren Ebenen – etwa die Wohnbereichsleitungen – befinden sich in einer Sandwich-Position, d.h., sie erleben Druck von allen Seiten und müssen ständig Widersprüche und Ambivalenzen aushalten. Sie brauchen viel Unterstützung – beispielsweise in Form von Supervision und Beratung. Diese kann ihnen helfen, ihre Führungsrolle professionell auszugestalten und selbst dabei gesund zu bleiben.“


Welche Rolle spielt der Einsatz von digitalen Technologien bei der Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung in stationären Pflegeeinrichtungen? Können Sie Beispiele nennen?

Tanja Segmüller: „Technische Assistenzsysteme können beruflich Pflegenden die Arbeit erleichtern und gleichzeitig die Autonomie von Pflegebedürftigen erhöhen, z.B. dann, wenn ein Roboter durch den Wohnbereich fahrend Getränke anbietet. Dies reduziert Stress, da beruflich Pflegende wissen, dass Pflegebedürftige ausreichend Getränke bereitgestellt bekommen. Digitale Dokumentationssysteme können aufwendige Papierdokumentation ersetzen. Die Akte ist z.B. auf dem Tablet im Zimmer des Bewohners verfügbar und muss nicht gesucht oder extra geholt werden. Die direkte Dokumentation reduziert Stress, da nicht Stunden nach der Versorgung (am Ende des Dienstes) überlegt werden muss, welche Tätigkeiten erledigt wurden.“

Gudrun Faller: „Wenn digitale Anwendungen Zeitressourcen schaffen, die der Entzerrung überfrachteter Leistungsanforderungen bei Pflegekräften dienen oder mehr persönliche Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner ermöglichen, sind sie sehr zu begrüßen. Vermieden werden sollte jedoch, dass Zeiteinsparungen zur erneuten Steigerung der Arbeitsdichte führen – zum Beispiel mit Blick auf ökonomische Argumente. Die Entstehung solcher Negativspiralen müssen wir kritisch im Auge behalten und so gut es geht verhindern.“


Welche Bedeutung hat die Partizipation der Pflegenden als auch der Pflegebedürftigen in Bezug auf die Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung?

Gudrun Faller: „Der Begriff der Partizipation wird oft inflationär gebraucht – ohne genau zu definieren, was eigentlich dahintersteht. Zum einen kann damit die kollektive Partizipation gemeint sein, in dem Sinne, dass Betriebs- und Personalräte oder Mitarbeitervertretungen wichtige und gesetzlich garantierte Mitgestaltungsrechte auf betrieblicher Ebene haben. Eine andere Interpretation bezieht sich auf die individuelle Beteiligung von Beschäftigten an Entscheidungen, die ihre Arbeitsbedingungen betreffen. In der Pflege beispielsweise ist Partizipation dann verwirklicht, wenn Pflegekräfte Mitspracherechte bei der Gestaltung des Dienstplans haben, wenn die Aufgabenverteilung gemeinsam im Team besprochen oder Änderungsvorschläge berücksichtigt werden. Dabei geht es weniger darum, jedem Einzelwunsch nachzukommen, als vielmehr einen Diskussionsprozess zu initiieren, an dem sich alle gleichermaßen beteiligen können, um im Diskurs eine für alle befriedigende Lösung zu finden.“

Tanja Segmüller: „Ja, die BGF-Maßnahmen müssen passgenau auf die Bedarfe der beruflich Pflegenden und der Pflegebedürftigen passen. In stationären Pflegeeinrichtungen leben und arbeiten unterschiedlichste Personen, z.B. Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen mit sogenannten geistigen und/oder körperlichen Einschränkungen. Ihre Bedürfnisse können nur Berücksichtigung finden, wenn ihre Perspektiven in Entscheidungen einfließen. Somit ist eine Partizipation der vor Ort Lebenden und Arbeitenden zentral.“


Es werden vermehrt Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben. Inwieweit kommt der Betrieblichen Gesundheitsförderung hier eine besondere Rolle zu?

Gudrun Faller: „Die internationale Anwerbung von Pflegekräften verbindet sich mit der Hoffnung, auf diesem Weg die dringenden Personalengpässe auffangen und die vorhandenen Pflegekräfte entlasten zu können. Berücksichtigt werden muss dabei, dass Internationalisierung mit kultureller Vielfalt einhergeht. Unterschiede zeigen sich nicht nur in sprachlichen Barrieren, sondern auch in vielen Alltagsdingen. Dabei werden für alle Beteiligten scheinbare Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt, was Konfliktpotenziale birgt. Beispiele hierfür sind etwa Differenzen im Umgang mit Kritik, beim Ausdruck von Emotionen, das Verhältnis von Nähe und Distanz etc. bis hin zum Verständnis von Pflege. Es reicht also nicht zu erwarten, dass sich die angeworbenen Pflegekräfte einfach nur eingewöhnen müssen – aus meiner Sicht ist das eine Zumutung! Erforderlich ist eine offene Auseinandersetzung mit verschiedenen kulturellen Mustern und auf beiden Seiten die Bereitschaft, sich darüber zu verständigen. Das kostet Zeit und erfordert Toleranz. Die Betriebliche Gesundheitsförderung bietet hier grundsätzlich einen geeigneten Vorgehensrahmen, inhaltlich müssen sie aber um Aspekte des Umgangs mit Vielfalt erweitert werden.“

Tanja Segmüller: „Beruflich Pflegende aus dem EU-Ausland und aus anderen Ländern der Welt haben in der Regel ein Hochschulstudium absolviert und haben entsprechende Vorbehaltsaufgaben. Eine Studie mit Gast-Pflegenden aus Griechenland und Spanien ergab, dass die Pflegenden Deutschland nach kurzer Zeit wieder verließen, da sie die Rahmenbedingungen ihrer Tätigkeit als unzureichend erlebten. Das heißt, um beruflich Pflegende aus dem Ausland dauerhaft zu gewinnen, bedarf es gesundheitsförderlicher Arbeitsbedingungen. Wenn dies erreicht wird, wird auch der Drop-out der „einheimischen“ Pflegenden niedriger werden.“


Ziel ist eine einrichtungsspezifische Entwicklung und Umsetzung des Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Gibt es trotzdem Ansätze, die „immer greifen“?

Gudrun Faller: „Es gibt bestimmte Voraussetzungen, die grundsätzlich gelten, wenn man Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) erfolgreich realisieren will. Dazu gehört vor allem, dass die Einrichtungsleitung bereit ist, Zeit und Personalressourcen aufzuwenden und sich mit den Bedürfnissen der Beschäftigten ernsthaft auseinander zu setzen. Darüber hinaus müssen die mittleren Führungskräfte hinter dem BGM stehen – dazu sollten sie motiviert, aber auch unterstützt werden. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Beteiligung der Beschäftigten in dem Sinne, dass sie die Möglichkeit erhalten, ihre Arbeitsbedingungen so mitzugestalten, dass es ihnen bei der Arbeit bessergeht. Ferner ist es wichtig, systematisch vorzugehen, d.h. erst die Bedarfe zu erfassen und dann zu intervenieren und in der Einrichtung Zuständigkeiten und Strukturen zu etablieren, die eine langfristige Umsetzung garantieren. Wenn diese Grundstandards eingehalten werden, hat man berechtigte Aussicht auf ein wirksames und erfolgreiches BGM. Gleichzeitig handelt es sich bei der Umsetzung von BGM um einen betriebsspezifischen, individuellen Lernprozess, der nicht quasi „von außen“ übergestülpt werden kann. Diese Form des Organisationslernens muss jede Einrichtung für sich entdecken und realisieren.“

Tanja Segmüller: „Ein großes Problem ist z.B. das „Einspringen müssen“, wenn Kolleginnen und Kollegen krank sind. Ein zentraler Springerpool würde helfen, um das ungeplante Einspringen an dem Wochenende, an dem man Zeit mit der Familie verbringen möchte, zu unterbinden. Viele beruflich Pflegende wünschen sich zudem Wertschätzung und positive Rückmeldung ihrer Vorgesetzten zu ihrem erbrachten Dienst. Insgesamt bedarf es einer wertschätzenden Kultur und der ausstrahlenden Haltung, dass der Einzelne wichtig ist.“


Die Implementierung von Maßnahmen der BGF in stationären Pflegeeinrichtungen benötigt auch Zeit. Zahlt sich das aus – intern als auch extern? 

Tanja Segmüller: „Es zahlt sich immer aus. Gesunde und motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „tragen“ eine stationäre Pflegeeinrichtung. Geht es den Pflegenden gut, geht es auch den Pflegebedürftigen gut. Eine Einrichtung, die sich um die Gesundheit ihrer Pflegenden kümmert, hat weniger chronisch kranke (häufig fehlende oder dauerkranke) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und muss somit auch weniger auf Personalsuche (z.B. durch externe Personaldienstleister) gehen.“

Gudrun Faller: „Allerdings ist es unrealistisch zu glauben, dass sich Krankenstände senken oder das Arbeitsklima spontan verbessert, wenn kurzfristige Aktionen wie Präventionskurse oder Gesundheitstage veranstaltet werden. Um nachhaltige Verbesserungen zu erzielen, muss man dauerhaft intervenieren. Das betrifft vor allem Maßnahmen, die auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen zielen. Um hier etwas zu erreichen, müssen Verantwortlichkeiten geschaffen und Strukturen gebildet werden. Auch ist es wichtig, systematisch vorzugehen, d.h. die Situation zu analysieren, bevor man Aktivitäten startet. Und man muss die Betroffenen in die Planung von Veränderungen einbeziehen. Das kostet in der Tat Zeit und Personal. Dass sich dieser Aufwand lohnt, belegen zahlreiche Untersuchungen, auch wenn man hierzu sagen muss, dass sich nicht alles in Euro angeben lässt. Denn wenn sich Pflegekräfte entlastet fühlen, wieder gerne zur Arbeit kommen und sich Bewohner wohlfühlen, ist das ein Gewinn, der weit über diese Zahlen hinausgeht.“


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege erfahren Sie hier.


Prof. Gudrun Faller | Gesundheitswissenschaftlerin; Professorin für Kommunikation und Intervention im Kontext von Gesundheit und Arbeit an der Hochschule für Gesundheit Bochum; geschäftsführendes Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Public Health e.V.; Beisitzerin im Vorstand der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.; Arbeitsschwerpunkte: Gesundheitsfördernde Organisationsentwicklung; Gesundheit und Arbeit.

Prof. Tanja Segmüller | Professorin für Alterswissenschaften (Pflegewissenschaftlerin & Krankenschwester) am Department of Community Health der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Arbeitsschwerpunkte: Pflegende Angehörige, Gesundheitsversorgung älterer & pflegebedürftiger Menschen, Patientenedukation, Self Care beruflich Pflegender.