Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: Diabetesprävention„Diabetesprävention: sichtbar machen und weiter nach vorne bringen!“

Porträt von Prof. Dr. Martin Dietrich, Kommissarischer Direktor der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufkärung (BZgA)

Zur Prävention von Diabetes mellitus und um die Bevölkerung besser über das Krankheitsbild aufzuklären hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) gemeinsam mit einem Fachbeirat eine „Nationale Aufklärungs- und Kommunikationsstrategie zu Diabetes mellitus” entwickelt. Prof. Dr. Martin Dietrich, kommissarischer Direktor der BZgA, erläutert die gemeinsame Strategie.

Herr Professor Dietrich, warum ist es wichtig, die Bevölkerung über Diabetes zu infomieren?

In Deutschland leben etwa 7 Millionen Menschen mit Diabetes und 1,3 Millionen von ihnen wissen es gar nicht. Typ-2-Diabetes ist im Erwachsenenalter mit etwa 93 Prozent die häufigste Diabetesform und steigt mit zunehmendem Alter an. An Typ-1-Diabetes erkrankt man hingegen vorwiegend im Kindes- und Jugendalter. Die Krankheit kann Folgeerkrankungen an Organen verursachen, und Menschen mit Diabetes sowie ihre Angehörigen leiden oftmals unter psychosozialen Belastungen. Das Risiko, einen Diabetes zu entwickeln wird häufig unterschätzt. So gehen knapp 80 Prozent der Menschen mit einem erhöhten Diabetesrisiko davon aus, ihr Risiko sei eher gering, an Diabetes zu erkranken. Auch die Hausärzteschaft vermutet, dass der Wissensstand und das Risikobewusstsein zu Diabetes bei ihren Patientinnen und Patienten gering bis mittelmäßig sind.


Was kann eine effektive Diabetesprävention leisten?

Ein gesunder Lebensstil kann das Risiko deutlich reduzieren, an Typ-2-Diabetes zu erkranken oder Folgeerkrankungen bei bestehendem Diabetes zu entwickeln. Übergewicht und Adipositas sind dabei wichtige beeinflussbare Faktoren und die gegenwärtigen Umgebungs- und Lebensbedingungen – die häufig Bewegungsmangel – und unausgewogene Ernährung fördern – begünstigen einen Anstieg von Typ-2-Diabetes. Andererseits können Typ-2-Diabetes sowie auch weitere nicht übertragbare Erkrankungen durch geeignete und sich ergänzende verhaltens- und verhältnisbezogene Maßnahmen teils verhindert werden. Diese Maßnahmen sollten die Bevölkerung auch für die Herausforderungen der Diabetesprävention sensibilisieren, ihr aber ebenfalls die Möglichkeiten aufzeigen, ihnen zu begegnen. Dazu zählt auch, gesichertes Wissen zu Gesundheitsfragen zu vermitteln, die Gesundheitskompetenz zu erhöhen und Selbstwirksamkeit zu stärken.


Welche Aufgabe hat die BZgA bezüglich der Diabetesaufklärung?

Die BZgA hat die originäre Aufgabe, die Bevölkerung durch qualitätsgesicherte Aufklärung zu Gesundheitsthemen zu informieren und sie durch adressatengerechte Ansprache zu einer gesunden Lebensweise zu motivieren. Dabei sind Teilhabe von Zielgruppen und Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen, sozialversicherungsrechtlichen sowie staatlichen Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartnern wesentliche Bausteine für den Erfolg präventiver Maßnahmen.

Daher ist es folgerichtig, dass die BZgA durch das BMG betraut wurde, an der Entwicklung der „Nationalen Aufklärungs- und Kommunikationsstrategie zu Diabetes mellitus“ mitzuwirken und diese zu koordinieren. Gemeinsam mit dem eigens eingerichteten Fachbeirat mit Vertretungen aus für die Diabetesaufklärung relevanten Verbänden sowie Organisationen und Institutionen wurde die Strategie mit ihren Handlungsfeldern, Zielen und Zielgruppen in einem partizipativen Prozess erarbeitet und im November 2022 veröffentlicht (www.diabetesnetz.info).


Was umfasst die Nationale Aufklärungs- und Kommunikationsstrategie zu Diabetes mellitus?

Der Fokus der Nationalen Aufklärungs- und Kommunikationsstrategie zu Diabetes mellitus liegt auf der Verhaltensprävention durch nicht stigmatisierende Information und Aufklärung zu Diabetes und seinen Risiko- und Schutzfaktoren – inbesondere zu Typ-2-Diabetes. Die Strategie soll dazu beitragen, dass in der Bevölkerung der Wissensstand über Diabetes verbessert, die gesellschaftliche Akzeptanz der Erkrankung gesteigert sowie das präventive und gesundheitsförderliche Verhalten gestärkt werden. Gemeinsam mit dem Fachbeirat wurden hierzu drei Handlungsfelder formuliert.

Handlungsfeld I „Diabetes vermeiden“ fokussiert auf die Primärprävention des Typ-2-Diabetes und die Gesundheitsförderung. Dabei werden insbesondere die Risikofaktoren Übergewicht und Adipositas, körperliche Inaktivität, unausgewogene Ernährung sowie Rauchen adressiert.Handlungsfeld II „Diabetes früh erkennen“ setzt den Schwerpunkt auf die sekundärpräventiven Früherkennungsmöglichkeiten hinsichtlich Typ-2-Diabetes und Gestationsdiabetes, die die Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen im Rahmen der ambulanten ärztlichen Versorgung kostenlos in Anspruch nehmen können.Handlungsfeld III „Diabetes gut behandeln“ legt den Schwerpunkt auf die Vermeidung oder Abmilderung diabetesspezifischer Komplikationen bzw. Folgeerkrankungen durch verbesserte Kenntnis von Möglichkeiten, wie ein bereits bestehender Diabetes gut behandelt werden kann und sich nicht weiter verschlimmert.


Welche Zielgruppen sollen angesprochen werden?

Generell soll die Strategie die Allgemeinbevölkerung ab 18 Jahren ansprechen. Wichtige Teilzielgruppen sind Menschen mit einem besonderen Diabetesrisiko (medizinische Aspekte: z. B. Menschen mit genetischer Disposition, übergewichtige Menschen, schwangere Frauen), vulnerable Gruppen (soziale Aspekte: z. B. Menschen mit Migrationshintergrund, niedrigem sozioökonomischem Status, geringerer Bildung, höherem Lebensalter) sowie Menschen mit Diabetes. Dabei werden auch die in den Lebenswelten wichtigen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren wie medizinisches Fachpersonal (u. a. Ärzteschaft, Ernährungsberaterinnen und Ernährungsberater, Diabetesberaterinnen und Diabetesberater) sowie pädagogisches Fachpersonal (u. a. Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte) einbezogen.


Welche Unterstützung leistet das derzeit in der Gründung befindliche Kooperationsnetzwerk zur Diabetesprävention?

Es gibt in Deutschland bereits zahlreiche Akteurinnen und Akteure, die zu Diabetes und seinen Risiko- und Schutzfaktoren Aufklärungsarbeit leisten. Um hier Synergieeffekte zu nutzen und Lücken aufzuzeigen, soll ein Kooperationsnetzwerk aufgebaut werden. In diesem sollen prioritäre konkrete Ziele formuliert und darauf aubauend die weitere qualitätsgesicherte Maßnahmenplanung und -umsetzung erfolgen. Die Vielfalt der Akteurinnen und Akteure mit ihren unterschiedlichen Präventionsansätzen bleibt erhalten und unterstützt die Weiterentwicklung innovativer Kommunikationsansätze. In die Maßnahmenplanung und -umsetzung fließen auch Ergebnisse der Projekte ein, die bereits im Rahmen der Strategieentwicklung durchgeführt wurden und auf die aufgebaut werden kann. Im Fokus steht dabei das Diabe-tesinformationsportal diabinfo.de, das bereits als zentrale Plattform für die Verbreitung von Informationen zu Diabetes entwickelt wurde und weiterentwickelt wird.


Wie geht es weiter?

Die im November 2022 veröffentlichte Nationale Aufklärungs- und Kommunikationsstrategie zu Diabetes mellitus ist als Grundstein zu verstehen. Nun gilt es, zusammen im Rahmen des aufzubauenden Kooperationsnetzwerks „Diabetesnetz Deutschland – gemeinsam gesünder“ die Strategie wirksam in die Praxis umzusetzen und weiterzuentwickeln. Die Herausforderungen liegen dabei in der Komplexität der Diabetesprävention, in der Entwicklung eines integrierten und abgestimmten Umsetzungskonzepts und darin, die Nachhaltigkeit der Aufklärungs- und Kommunikationsstrategie sicherzustellen. Das Kooperationsnetzwerk bietet die Chance, der Diabetesprävention mehr Sichtbarkeit und mehr Gewicht zu geben und sie damit weiter nach vorne zu bringen.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG).

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Prof. Dr. Martin Dietrich | Seit 2021 Kommissarischer Direktor der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), zuvor stellvertretender Leiter. W3-Professur für Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der Universität des Saarlandes, Management des Gesundheitswesens, Schwerpunkt Innovation und Versorgungsentwicklung, seit 2017 Honorarprofessor. Studium der Volks- und Betriebswirtschaftslehre, Schwerpunkt Management im Gesundheitswesen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bereitet Informationen zur Prävention und Gesundheitsförderung adressatengerecht auf und koordiniert ihre Dissemination. Dies umfasst die Entwicklung von Konzepten und Materialien (z. B. Anzeigen, Plakate, Broschüren, audiovisuelle Medien, Ausstellungen, Mehrebenenkampagnen) und ihre Streuung in Zielgruppen sowie die Evaluation der Maßnahmen. Die BZgA unterstützt zudem die Qualitätsentwicklung in der Prävention und Gesundheitsförderung

Autor: BVPG e.V.

Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) mit Geschäftsstelle in Bonn wurde 1954 gegründet und ist ein gemeinnütziger, politisch und konfessionell unabhängiger Dacherband. 136 Organisationen sind zur Zeit Mitglieder der BVPG, darunter vor allem Bundesverbände des Gesundheitswesens (wie z.B. die Bundesärztekammer, die Spitzenverbände der Sozialversicherungsträger sowie Verbände der Heil- und Hilfsberufe), aber auch Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Bildungseinrichtungen und Akademien, die einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich „Prävention und Gesundheitsförderung“ aufweisen.

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