Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: Klimawandel„Klimawandel und Gesundheit können zum positiven Narrativ werden“

Porträt von Prof. Dr. Susanne Moebus, Expertin für Klimawandel und Gesundheit

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht Klimawandel als größte Gesundheitsbedrohung der Menschheit und macht mit dem Motto des Weltgesundheitstages 2022 „Our Planet, our health“ („Unser Planet, unsere Gesundheit“) auf die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels aufmerksam. Auch das Präventionsforum 2022 widmete sich unter dem Titel „Klimawandel und Gesundheit – Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten“ diesem wichtigen Thema.

Mit der Gesundheitswissenschaftlerin und Epidemiologin Prof. Dr. Susanne Moebus, Direktorin des Instituts für Urban Public Health am Universitätsklinikum Essen und Keynote-Speaker des Präventionsforums, haben wir über die gesundheitlichen Auswirkungen und Herausforderungen der klimatischen Veränderungen gesprochen.

Welche aktuellen Forschungsergebnisse gibt es in Bezug auf Klima und Gesundheit?

Wir befinden uns mitten im Wandel – die Erderwärmung mit global gravierenden Auswirkungen ist längst Realität, die Ursache dafür ist die menschliche Aktivität. Dazu gibt es einen breiten wissenschaftlichen Konsens.

Wichtige und sehr gute Informationen sind im Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) von 2022 zu finden, insbesondere Kapitel 8 zu Gesundheit und Wohlbefinden. Darüber hinaus finden sich auch im World Health Organization Health and Climate Change Survey Report von 2021 hilfreiche wissenschaftlich-basierte Informationen.

Und in naher Zukunft mit dem Blick auf Deutschland der neue Sachstandsbericht „Klimawandel und Gesundheit (KlimGesundAkt)“ vom Robert Koch Institut. Der Bericht wird ab Herbst 2022 und bis 2023 in Form von thematischen Artikeln in einer Beitragsreihe „Klimawandel und Gesundheit“ des Journal of Health Monitoring (JoHM) veröffentlicht. Hierzu werden themenbezogene Artikel im Journal Health Monitoring erscheinen – inklusive die Adressierung der sozialen Determinanten der gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels sowie Handlungsempfehlungen und Konsequenzen für Public Health, was für mich wichtige Punkte darstellen.

Insgesamt möchte ich darauf hinweisen, dass die Adressierung klimawandelbedingter Gesundheitsgefährdungen keinesfalls „nur“ auf Aspekte wie Hitze, Dürre, UV-Strahlung, Überflutungen oder biologische Krankheitserreger begrenzt sein sollte. Sämtliche derzeit anstehenden Maßnahmen sowohl für Mitigation als auch Anpassung – und damit der riesigen Transformationsprozesse – müssten sowohl auf deren Auswirkungen auf die Gesundheit der verschiedenen Populationsgruppen als auch auf Gerechtigkeit, im Sinne von Gesundheit für alle, überprüft werden.

So bedarf es der Überprüfungen der Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise hinsichtlich ihrer gesundheitsfördernden oder -schädigenden Komponenten. Maßnahmen sollen also dahingehend abgeklopft werden, ob sie als gesundheitsfördernd beziehungsweise -erhaltend gelten können, insbesondere durch die Reduktion von Belastungen oder den Zugang zu Ressourcen.


Welche Personengruppen sind von den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels besonders betroffen und wie können diese erreicht werden?

Würden ab sofort Maßnahmen nach bestem Wissen und Gewissen gezielt und gerecht umgesetzt werden, die erforderlich sind, um den Klimawandel zu minimieren, dürfte eigentlich keine Personengruppe mehr besonders betroffen sein.

Da dies leider erstmal ziemlich unwahrscheinlich ist und die verschiedenen Bedarfe und Bedürfnisse der verschiedenen Populationsgruppen nicht berücksichtigt werden, sind es eher die typischen Gruppen: (multi-)morbide Menschen und Menschen mit schweren Einschränkungen in allen Altersklassen und die sozial schwächsten Populationsgruppen (aller Altersklassen). Natürlich auch Kinder und Jugendliche insgesamt, da ihre körperliche Aktivität, Aufenthalt im Freien, Zukunftsperspektiven, Lernfähigkeit beeinträchtigt sein werden.

Besonders betroffen sind sicherlich körperlich tätige Arbeitnehmende – im Übrigen ein schon längst vorhandenes Problem. Die hier aufgezählten Gruppen lassen sich dann noch nach Bildung und Sozialschicht differenzieren, sodass jeweils diejenigen mit geringen und den geringsten Bildungschancen und Einkommen etc. nochmals betroffener sind als diejenigen mit größeren Ressourcen im Rücken.


Welche Lebenswelten sind dabei besonders zu beachten?

Ich kann mir gerade keine besonders betroffene Lebenswelt vorstellen. Ich denke, alle Lebenswelten müssen geschützt und intensiv auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet werden.

Aus meiner Perspektive ist die nachhaltigkeitsorientierte Transformation von urbanen Räumen eine der dringlichsten Herausforderungen. Deshalb steht für mich die Stadt inklusive der öffentlichen städtischen Räume, die die verschiedenen Lebenswelten ja auch räumlich verbinden, im Fokus – wobei ich Stadt immer in Verbindung mit dem Land meine.

Eine Voraussetzung für Gesundheit in der Stadt ist dabei ein Paradigmenwechsel von Krankheitsbekämpfung zu Gesundheitsförderung: durch 1) Stärkung von Ressourcen und Potenzialen für ein gesundes Leben in Städten, 2) eine Verankerung von Gesundheitsförderung durch sektorübergreifende Stadtplanung bzw. -entwicklung sowie 3) eine Förderung der Gesundheitskompetenz der Stadtbevölkerung.


Welche Public Health-Akteurinnen und -Akteure bzw. bestehenden gesundheitsfördernden Strukturen in Bund, Länder und Kommune haben eine Schlüsselfunktion?

Bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise müssen alle Akteurinnen und Akteure aktiv werden! Auf jeder Ebene, in jedem Bereich kann und muss überprüft werden, welchen Einfluss der eigene Bereich auf den Klimawandel hat und wie der eigene Bereich Maßnahmen planen und durchführen oder auch unterstützen kann, damit die Klimakrise bewältigt wird.

Echte Schlüsselakteurinnen und -akteure können sich aber noch entwickeln und zwar dann, wenn Public Health es schafft, Allianzen mit den Bereichen Umwelt, Wirtschaft, Stadtplanung/Architektur, Verkehr etc. einzugehen. Die so gewonnenen Synergien können zu Schlüsselelementen bei der Bewältigung der vielen Folgen des Klimawandels werden.


Wie können die (Gesundheits-)Kompetenzen für klimasensibles Handeln für Akteurinnen und -Akteure in Bund, Ländern und Kommunen verbessert werden?

Wie gesagt – nur durch Kooperationen, Allianzen und Nutzung und Anwendung der geballten eigenen Expertise und in Kooperation mit der Expertise anderer Disziplinen und Verwaltungsbereichen.

Es gibt bereits viele Aktivitäten der genannten Akteurinnen und Akteure. Die meisten bisherigen Anpassungsmaßnahmen sind allerdings fragmentiert, klein und sektorspezifisch – und darauf ausgerichtet, auf aktuelle Auswirkungen oder kurzfristige Risiken zu reagieren. Sie konzentrieren sich eher auf die Planung als auf die Umsetzung.

Eine klimaresiliente und gesundheitsförderliche Entwicklung wird ermöglicht, wenn Regierungen, die Zivilgesellschaft und der Privatsektor integrative Entscheidungen treffen, die der Risikominderung, der Gleichheit und der Gerechtigkeit Vorrang einräumen, und wenn Entscheidungsprozesse, Finanzmittel und Maßnahmen über alle Regierungsebenen, Sektoren und Zeitrahmen hinweg integriert werden. Das Stichwort ist hier: Gesundheit und Klima in allen Politikbereichen.


Welche Chancen ergeben sich durch Klimaschutzanpassungen für Städte und Kommunen?

Vorteile für die Gesundheit und das Wohlbefinden ergeben sich aus einem weit verbreiteten, gerechten Zugang zu erschwinglichen erneuerbaren Energien, aktivem Verkehr, wie zu Fuß gehen und Rad fahren, grünen Gebäuden und naturbasierten Lösungen wie grüner und blauer (Anm.: Wasser) städtischer Infrastruktur sowie aus dem Übergang zu einer kohlenstoffarmen, auf das Wohlbefinden und die Gerechtigkeit ausgerichteten Wirtschaft, die mit den Zielen der nachhaltigen Entwicklung im Einklang steht.

Eine Zusammenführung der Klima- und der Gesundheitsperspektive eröffnet die Chance, Klimaschutzanpassungen positiver zu „erzählen“. Wenn Public Health die Maßnahmen aktiv mitgestaltet beziehungsweise in die Planungsprozesse einbezogen wird, dann können sogenannte Co-Benefits generiert werden. Es steht allerdings noch aus, zu prüfen, in welchen Bereichen Public Health in Klimaschutz und -anpassung, außer in den Bereichen Mobilität und Ernährung, noch Co-Benefits liefern kann.

Und es muss noch ausformuliert werden, inwieweit Public Health die Umsetzung von Klimaschutz und ‑anpassung erleichtern kann, beispielsweise indem durch die Gesundheitsperspektive positive Botschaften formuliert werden. Das Narrativ der Klimakrise, das oftmals negativ konnotiert ist mit Angst, Bedrohung, Katastrophe und Verzicht, könnte durch die verstärkte Aufmerksamkeit auf Gesundheit in eine positive Erzählung überführt werden: weg von der Verzichtskultur hin zu einer Gewinnkultur.

Die Kommunen könnten davon profitieren, indem es ihnen gelingt, durch interdisziplinär gestaltete Klimaschutzanpassungen gesundheitsfördernde und gesundheitserhaltende Lebensumwelten zu schaffen, die nachhaltig sind und Chancen für bestmögliche Gesundheit für alle bieten.


Die Fragen stellten Ulrike Meyer-Funke und Inke Ruhe, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Klimawandel:

Interview mit Dr. Ina Zimmermann, Leiterin des Bereichs Gesundheitsförderung/Gesundheitsplanung im Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg und Mitglied im Sprecher*innenrat des Gesunde Städte-Netzwerks.

Interview mit Jörg Freese, Beigeordneter für Jugend, Schule, Kultur und Gesundheit, Deutscher Landkreistag.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Susanne Moebus | Biologin, Gesundheitswissenschaftlerin und Epidemiologin; Professorin für Urbane Epidemiologie, Direktorin des Instituts für Urban Public Health, Universitätsklinikum Essen. Ehemalige Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention, Mitglied u.a. im Use & Access Komitee der NAKO Gesundheitsstudie, der Steuerungsgruppe Zukunftsforum Public Health (ZfPH), Leiterin Forschungsfeld „StadtGesundheit“ Kompetenzfeld Metropolenforschung (KoMet) der Universitätsallianz Ruhr.


Autor: BVPG e.V.

Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) mit Geschäftsstelle in Bonn wurde 1954 gegründet und ist ein gemeinnütziger, politisch und konfessionell unabhängiger Dacherband. 132 Organisationen sind zur Zeit Mitglieder der BVPG, darunter vor allem Bundesverbände des Gesundheitswesens (wie z.B. die Bundesärztekammer, die Spitzenverbände der Sozialversicherungsträger sowie Verbände der Heil- und Hilfsberufe), aber auch Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Bildungseinrichtungen und Akademien, die einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich „Prävention und Gesundheitsförderung“ aufweisen.

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