Geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention„Geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention als Chance!“

Die geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention sollte zunehmend in Forschung, Lehre und Präventionsmaßnahmen berücksichtigt werden. Sie verfolgt das Ziel, die geschlechtsbedingte Ungleichheiten von Gesundheitschancen zu reduzieren. Seit April 2021 hat die Universität Bielefeld die erste Professur für „Geschlechtersensible Medizin“ in Deutschland eingerichtet und mit Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione besetzt, die nun eine transnationale Brückenprofessur innehat: Sie leitet zudem auch den Lehrstuhl für Gender in Primary and Transmural Care (Geschlecht in der allgemeinmedizinischen und sektorenübergreifenden Versorgung) am Radboud University Medical Center in Nijmegen, Niederlande. Ein Gespräch über divers zusammengesetzte Teams, Stereotypen und erfolgreiche internationale Ansätze. 

Welche Chancen ergeben sich durch eine geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention?

Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass „ein Ansatz für alle“ sehr häufig nicht funktioniert. Menschen erleben unterschiedliche Lebensumstände, aus denen sich unterschiedliche Gesundheitsbedarfe ergeben.

Wir wissen, dass es Geschlechterunterschiede gibt, dass Frauen und Männer unterschiedliche Zugänge haben können zum Gesundheitssystem, das trifft auf Deutschland zu, aber auch auf viele andere Länder.

Die geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention ist eine Chance, denn sie zielt darauf ab, Menschen passgenauer anzusprechen, ihre Lebenswelt miteinzubeziehen und mehr Diversität möglich zu machen. Es geht darum, Angebote so zu gestalten, dass sie Menschen ansprechen können und sie dort besser abholen zu können, wo sie sich befinden. Wir versuchen die Unterschiede zwischen verschiedenen Geschlechtern und innerhalb der Gruppe eines Geschlechtes zu verstehen und durch diese Transparenz bessere Informations- und Aufklärungsmöglichkeiten zu schaffen.


Bereits ab dem 10. Lebensjahr differenzieren sich Mädchen und Jungen in ihrem Gesundheitsverhalten. Was bedeutet das für Angebote zur Gesundheitsförderung und Prävention?

Ich denke, es gibt hierbei verschiedene Ebenen, die man betrachten sollte.  Einerseits gibt es potenzielle geschlechtsspezifische Unterschiede und Präferenzen, auf der anderen Seite muss man sich aber fragen, inwiefern diese Differenzierung gesellschaftlich und durch mediale Darstellung befördert wird.

Was sind die Hintergründe für unterschiedliche Bereitschaft zur sportlichen Aktivität, warum wird Sport unterschiedlich aufgenommen? Gibt es Unterschiede bei der Körperwahrnehmung bei Mädchen und Jungen? Oder in bedienten Stereotypen? Wie gehen wir mit nicht-binären Menschen oder Transpersonen und Sport um? Gibt es überhaupt Vorbilder – in der Familie oder im sozialen Umfeld? Ich denke, da spielen ganz viele Faktoren eine Rolle.

Unter anderem geht es auch darum, wie wir den Sport gesellschaftlich vorleben. In den USA war Fußball immer ein Frauensport, das war in Deutschland oder in den Niederlanden nicht so. Heute ist die Frauenfußballnationalmannschaft neben den USA eine der erfolgreichsten der Welt, einhergehend mit neuen, weiblichen Vorbildern. Natürlich spielt hierbei die mediale Inszenierung, meist mit dem Ziel der Vermarktung, eine große Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Wir sehen also, wie letztendlich kommerzielle Aspekte die subjektive Entscheidung, sich sportlich zu betätigen, beeinflussen – und das womöglich auf geschlechtsspezifische Art.

Diese Vermischung von öffentlichem Einfluss und privater Entscheidung birgt natürlich Herausforderungen. Wir müssen einerseits in unsere sportlichen Angebote diese Geschlechtertrennung mit aufgreifen, um überhaupt sportliche Aktivität zu fördern. Andererseits müssen wir schauen, wie wir in Zukunft Stereotypen entgegenwirken können – indem wir zum Beispiel sehr früh, im Kindergarten- und Grundschulalter, schon unterschiedliche Beispiele und Vorbilder zeigen, Stereotypen aufdecken und neue Ansätze anbieten.

Kinder werden nicht mit Stereotypen geboren. Sie passen sich an das an, was sie sehen und was ihnen mitgeteilt wird. Da haben wir zwei Möglichkeiten anzusetzen: Einerseits haben die Familien großen Einfluss. Was wird vorgelebt, wie wird es thematisiert? Und weiter: Wie könnte durch Aufklärungskampagnen und Informationsangebote in den Kitas, in den Schulen, unterstützt werden?

Ein weiterer, bereits erwähnter Teil, sind die Medien und deren Einfluss. Heutzutage spielen vor allem im Alltag der Kinder und Jugendlichen soziale Medien eine sehr wichtige Rolle. Welche Bilder werden auch hier aufgegriffen und verbreitet und wie kann man die jungen Nutzer/innen über die Dynamiken, denen sie hierbei ausgesetzt sind, aufklären?


Ihre neue Arbeitsgruppe „Geschlechtersensible Medizin“ wird von einem divers zusammengesetzten zivilgesellschaftlichen Beirat, bestehend aus Patient/innen, potentiellen Nutzer/innen von Präventionsleistungen und weiteren Interessengruppen beraten. Was erhoffen Sie sich durch diese Zusammensetzung?

Unsere interdisziplinäre Arbeitsgruppe wird als Team relativ breit aufgestellt sein. Auch meine Arbeitsgruppe in den Niederlanden besteht aus Mediziner/innen, Psycholog/innen, Sozialwissenschaftler/innen, Designer/innen und Medienexpert/innen. Neben dieser breiten internen Aufstellung möchten wir uns gerne zusätzlich von Nutzer/innen, Kostenträger/innen, Vertreter/innen aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst unterstützen lassen.

Ich erhoffe mir von diesem Beirat, dass er uns mit unterschiedlichen Perspektiven und Problematiken konfrontiert. Diese Menschen sind Expertinnen und Experten in ihren Bereichen, die uns die Grenzen unserer Ansätze aufzeigen können und sicherstellen können, dass unsere Projekte bei tatsächlichen Bedarfen anschließen. In den Niederlanden ist diese Vorgehensweise nicht nur üblich, sondern eine Voraussetzung, wenn man Forschungsförderung beantragt.

Es ist doch einleuchtend, dass wir nicht alles selber wissen können, dass wir unseren Input breiter einholen müssen und auf diese Weise einen „Resonanzkörper“ haben, der uns unterstützen kann. Unabhängig davon halte ich es auch für eine Möglichkeit, unseren gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen. Wir versuchen die Versorgung für alle Geschlechter so gut wie möglich zu gestalten und dazu möchten wir auch differenzierte Meinungen einholen.


Welche Vorteile haben divers zusammengesetzte Teams?

Diverse Teams bringen meist innovativere Produkte hervor, die häufig langfristig erfolgreicher sind. Die Beleuchtung aus verschiedenen Perspektiven und die Identifikation von blinden Flecken von Anfang an kann die Erfolgschancen potenziell steigern. Man kann potenzielle „Fehler“ früher aufdecken und sie konstruktiv nutzen, um bessere Lösungen zu entwickeln.

In den Niederlanden ist es generell so, dass alle Dinge in diversen Gruppen erst einmal breit diskutiert werden. Es ist immer ein Prozess der Konsensfindung. Das dauert manchmal anfänglich etwas länger, allerdings geht es in der anschließenden Umsetzung oft viel schneller.

Wir müssen nun schauen, was wir davon in Deutschland in unserem Bereich nutzen können. Die beiden Wissenschaftssysteme sind in vielen Teilen unterschiedlich und haben beide ihre Vor- und Nachteile. Ich hoffe durch die „Brücken“-Struktur die erfolgreichsten Ansätze aus beiden Systemen zusammenbringen zu können. Es ist, sozusagen, ein organisations-bezogener Lernprozess.


Präventionsangebote sind oftmals nur dann wirksam, wenn sie passgenau auf die Zielgruppe zugeschnitten sind. Können Sie uns erfolgreiche Beispiele einer geschlechtersensiblen Umsetzung von Prävention und Gesundheitsförderung in Lebenswelten nennen?

Es gibt einige Studien, v.a. im Forschungsbereich Herz-Kreislauf, im Gewichtsmanagement und im Bereich körperlicher Aktivität in den Lebenswelten der Menschen.

Beispielsweise gibt es das männerspezifische Programm „Football Fans in Training (FFIT)“ aus England. Vorab wurde sehr viele Jahre in Männlichkeitsforschung investiert. Aus diesen Erkenntnissen entstand dann ein dreimonatiges Bewegungs- und Ernährungsprogramm für übergewichtige Männer, in das die Lebenswelt, die Gruppenbildung und auch der Abbau von Scham einbezogen wurde. Das standardisierte Programm wurde in einer klinischen Studie evaluiert, die seinen Langzeiterfolg belegen konnte. Die Interventionsgruppe konnte selbst nach Ablauf der Intervention ihren Gewichtsverlust halten. Das Ernährungs- und Bewegungsverhalten von übergewichtigen Männern in ihrer Lebenswelt wird unter dem Titel „Euro-FFIT“ nun in mehreren europäischen Ländern weiter untersucht und eventuell lokal angepasst.

Ähnlich arbeitet das Programm „Wise Woman“ aus den USA, das neben der Erforschung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens auch auf kardiovaskuläre Prävention durch Risikoreduktion abzielt. Dieses Programm berücksichtigt die Lebenswelt der Menschen und zusätzlich auch intersektionale Aspekte. Es richtet sich spezifisch an nicht- bzw. unterversicherte Frauen im Alter von 40-65 Jahren mit geringem Einkommen. Wise Woman wurde in mehreren Bundesstaaten in den USA an die lokalen Gegebenheiten angepasst und in bereits bestehende Strukturen integriert mit langfristigen Erfolgen.

Diese Beispiele zeigen, dass geschlechtersensible Programme sehr erfolgreich sein können, wenn sie genug differenziert sind, wenn also eine selektierte Gruppe angesprochen wird.

Ich denke im Bereich der zielgruppenspezifischen, partizipativen, geschlechtersensiblen Prävention können wir viel von der Aidspräventionsforschung lernen. Wie hat man zum Beispiel Menschen dazu gebracht, Kondome zu benutzen? Das funktioniert nicht mit Scham. Es funktioniert mit Aufklärung, es funktioniert, wenn man die Menschen dort abholt, wo sie sich befinden. Es wurden zum Beispiel ganz spezifische Interventionen entwickelt: In der homosexuellen Szene in San Francisco wurden beispielsweise Community-Organizer und Bar-Besitzer mit einbezogen. Sie hatten bestehende Netzwerke, waren in ihrer Rolle respektiert und konnten Menschen direkt ansprechen.

Diese Erfahrungen zeigen ganz klar, dass ein breiter geschlechtersensibler Ansatz, der auf Akzeptanz der Umstände und nicht auf Scham aufbaut, sehr erfolgreich sein kann. Es zeigt uns, wie wichtig die Einbindung von Geschlechtsaspekten als Querschnittsthemen im Design von Präventionsmaßnahmen ist.


Sie arbeiten mit einem internationalen Netzwerk von Fachleuten der geschlechtersensiblen Medizin und gehörten in den vergangenen Jahren der von der Europäischen Kommission (EU) geförderten Fachgruppe „Gendered Innovations 2“ an. Was waren die Ziele?

Bei der EU-Fachgruppe „Gendered Innovations 2“ ging es um zwei Aspekte: Es ging darum, bestehende Methoden weiterzuentwickeln und neue auszuarbeiten und die Begutachtungsprozesse der EU-Kommission transparenter zu gestalten.

Der Hintergrund ist folgender: Die EU-Kommission hat nicht die Befugnis, die Politik der Mitgliedsstaaten zu beeinflussen. Aber sie kann im Bereich „Gender Dimension“ Vorreiter sein. Die geschlechtersensible Forschungspolitik und -finanzierung auf EU-Ebene hat somit einen Leuchtturmeffekt. Neben den Strategien in der Forschungsförderung werden EU-Mitgliedsstaaten Unterstützung und Ressourcen im Bereich der Kommunikation, z.B. in Form von Webseiten und Trainings, angeboten, falls sie diesen Weg auch einschlagen wollen.


In manchen Ländern wird eine geschlechtersensible Herangehensweise in der Prävention und Gesundheitsförderung bereits umgesetzt. Was können wir von unseren internationalen Nachbarn lernen?

Ich denke, die Einbettung in die Lebenswelten ist extrem wichtig. Wir können viel aus dem globalen Süden lernen. Wenn wir uns anschauen, wie geschlechtersensibel, wie personenbezogen Gesundheitsleistungen dort gestaltet werden, um mit den Menschen in der Community ins Gespräch zu kommen, um Gesundheitsförderung und Prävention zu entwickeln – da können wir noch viel lernen. Es gibt zum Beispiel die „Promotores da Saude“ in Südamerika oder „Community Health Workers“ in vielen afrikanischen Ländern.

Das sind Menschen, die eine Ausbildung in grundlegenden Gesundheitsthemen bekommen und dann im Rahmen des Dorfes oder der Dörfer, in denen sie leben, die Menschen beraten. Sie organisieren zum Teil auch spezifische Veranstaltungen, aber viel der Präventionsaufklärung, die sie leisten, passiert im Alltag. Auf dem Marktplatz, beim Wasserholen, beim gemeinsamen Essen bereiten. Sie vermitteln dabei wichtige Gesundheitskenntnisse und -kompetenzen und finden aufgrund ihrer „Insider“-Rolle ganz leicht den Zugriff und die richtigen Worte.

Uns steht häufig eine Fülle von Informationen zur Verfügung und die Aufgabe besteht darin, diese verständlich und strukturiert an die Menschen zu vermitteln. Wie sich jetzt auch während der Pandemie gezeigt hat, haben wir zum Teil große Kommunikationsschwierigkeiten mit vielen und diversen Communities – und das sind nicht nur diejenigen, die Sprachbarrieren haben. Wenn es um einen Zugang zu den Lebenswelten geht, denke ich, dass wir sehr gut beispielsweise von Afrika oder Südamerika lernen können.


Inwiefern?

Dort werden Menschen erreicht, die innerhalb der Community sehr angesehen sind. Diese wiederum können Informationen weitergeben, die wir mit unseren Kanälen offensichtlich nicht erreichen. Es sind Ansätze, die viel mehr auf Zwischenmenschlichkeit basieren und Netzwerkeprozesse beinhalten, die wir so in Deutschland noch viel weniger nutzen.

Besonders im Bereich der geschlechtersensiblen Prävention hat sich gezeigt, wie die Einbindung der Lebenswelt und von Menschen, die Anerkennung innerhalb der Zielgruppe haben, sehr hilfreich sein kann. Wir müssen einerseits unsere Wahrnehmung von Expertise erweitern und überlegen, wie wir „Insider“ als Übersetzer von Präventionswissen einbinden können. Geschlechtersensible Ansätze, die Gruppendynamiken, Scham, Stereotypen und unterschiedliche Erwartungen berücksichtigen, können hier sicherlich einen innovativen Ansatz für die Zukunft darstellen.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Prävention und Gesundheitsförderung –Schwerpunkt Gesundheitskompetenz (HealthLiteracy). Interview mit den HLS-GER 2 – Studienleiterinnen, Prof. Dr. Doris Schaeffer und Dr. Eva-Maria Berens, vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld.

Prävention und GesundheitsförderungSchwerpunkt gesundheitliche Chancengleichheit (HealthEquity). Interview mit Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione | Internistin, Master of Public Health und Organisationsberaterin. Professur für Geschlechtersensible Medizin an der Universität Bielefeld (DE) und Lehrstuhl für Gender in Primary and Transmural Care an der Radboud Universität in Nijmegen (NL). Mitglied der EU Expert*innengruppe „Gendered Innovations 2“. Schwerpunkte: Implementierung geschlechtersensibler Medizin, Methodenentwicklung und Prävention geschlechtsbasierter Diskriminierung.

Prävention und Gesundheitsförderung - 200 Jahre Sebastian Kneipp„Sebastian Kneipp hat den Präventionsgedanken in den Mittelpunkt gestellt“

Ein Pionier der Prävention und Gesundheitsförderung feiert Jubiläum: Anlässlich des 200. Geburtstags von Sebastian Kneipp werden die Verdienste des bekannten Pfarrers und Naturheilkundlers für sein ganzheitliches Gesundheitskonzept in diesem Jahr mit vielen Aktivitäten gewürdigt. Der amtierende Präsident des Kneipp-Bundes e.V., Joachim K. Rudolph, im BVPG-Interview, wie es Sebastian Kneipp weltweit gelungen ist, Menschen in allen Lebenswelten für Prävention und Gesundheitsförderung zu begeistern. Allen voran die Mitglieder des Kneipp-Bundes e.V., der 1897 gegründet wurde und sich die größte nicht-kommerzielle Gesundheitsorganisation in Deutschland nennen darf. Hierzu zählen nicht nur die rund 500 Kneipp-Vereine in allen Bundesländern, sondern auch inzwischen mehr als 700 Kitas, Schulen, Seniorenheime und andere Settings, die vom Kneipp-Bund zertifiziert sind. Welche Aktivitäten im Jubiläumsjahr geplant sind, wie die Lehre Kneipps im 21. Jahrhundert fortgesetzt und als moderne Medizin weiterentwickelt wird, erfahren Sie in unserem BVPG-Interview.

Herr Rudolph, herzlichen Glückwunsch zum Jubiläumsjahr „Kneipp 2021“! Sie haben viel vor – auch die Bundesregierung beteiligt sich anlässlich des 200. Geburtstags von Sebastian Kneipp mit einer Fördersumme. Welche Aktivitäten sind deutschlandweit geplant?

Vielen Dank für die Glückwünsche! Das Interesse der Bundesregierung an unserem Jubiläumsjahr „Kneipp 2021“ und die finanzielle Unterstützung empfinden wir als große Wertschätzung. Wir würdigen ja nicht nur den Pfarrer und Naturheilkundler Sebastian Kneipp, der den Präventionsgedanken in den Mittelpunkt seiner Lehre gestellt hat, sondern auch den Begründer eines anerkannten, ganzheitlichen Gesundheitskonzepts, das von der deutschen UNESCO-Kommission auf die deutsche Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. Insofern war Sebastian Kneipp auch Visionär, der durch sein vorausschauendes Denken die Welt veränderte.

Das Jahr „Kneipp 2021 – 200. Geburtstag von Sebastian Kneipp“ feiern wir mit einem bunten Strauß an Aktivitäten. Neben Mitmachaktionen für die Bürgerinnen und Bürger ist es uns ein Anliegen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf den hohen Stellenwert von Prävention und Gesundheitsförderung zu lenken.

Am 2. Mai hat unser großer Jubiläumsauftakt als Hybridveranstaltung stattgefunden. Die Aufzeichnung, inklusive der Live-Zuschaltung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und vielen VIPs, kann dauerhaft bei YouTube angeschaut werden.


Vor 200 Jahren, am 17. Mai 1821, wurde Sebastian Kneipp in Stephansried in Oberschwaben geboren.

Der Sebastian Kneipp Tag am 17. Mai ist ja schon lange im Gesundheitstage-Kalender der BZgA eingetragen und wird jedes Jahr bundesweit gefeiert.

Zum diesjährigen Jubiläum finden für die gesamte Bevölkerung deutschlandweite Aktionstage zu den fünf Elementen Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen und Lebensordnung statt. Alle Termine befinden sich auf unserer Jubiläumswebseite – www.kneipp2021.de.

Weiterhin wird eine von der Charité durchgeführte Studie zur Kneippschen Hydrotherapie gefördert. Die Ergebnisse werden im Rahmen eines wissenschaftlichen Symposiums am 30. Oktober vorgestellt und diskutiert.

Für Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 16 veranstalten wir einen bundesweiten Kreativ-Wettbewerb, die „Kneipp-Challenge“. Hier geht es um die eigenen Gesundheitsstrategien und Verhaltensregeln in Zeiten der Pandemie. Beteiligen können sich Schulklassen, aber auch einzelne.

Und schließlich beginnen wir mit der Umsetzung eines lang ersehnten Vorhabens – der Erstellung eines digitalen und interaktiven online-Verzeichnisses aller Kneipp-Anlagen in Deutschland.


Wie hat es der Pfarrer Sebastian Kneipp erreicht, weltweit Menschen in allen Lebensphasen und in allen Gesellschaftsschichten bis heute für Prävention und Gesundheitsförderung zu begeistern und zu „Kneippianerinnen und Kneippianern“ zu machen?

Sebastian Kneipp war ein Menschenfreund und „ein Mann des Volkes“. Er kam selber aus sehr ärmlichen Verhältnissen, war aber dennoch fest entschlossen, seinen Traum, Pfarrer zu werden, umzusetzen. Hierfür hat er hart gearbeitet und musste dabei auch schwere Rückschläge überwinden. Entsprechend seines Leitspruchs „Gesundheit für alle“ hat er sich Zeit seines Lebens besonders auch für die ärmeren Menschen eingesetzt und seine Lehre stetig weiterentwickelt.

Die Basis hierfür bildet ein niedrigschwelliges Gesundheitskonzept. Als Wohltäter gründete er in Bad Wörishofen die Kneippschen Stiftungen und in seinen vielen Vortragsreisen fesselte er mit seiner einfachen, aus dem Herzen kommenden Sprache. In Folge kam es zur verstärkten Gründung von Kneipp-Vereinen. Er reiste aber auch durch ganz Europa, wobei ihn Schätzungen zufolge ca. eine Million Zuschauer erlebt haben sollen. So wurde er bis in die USA hin berühmt.


Die Kneippschen Naturheilverfahren messen sich auch an der heutigen Wissenschaft: Vor Kurzem wurde ein systematischer Review der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Wirkung der Kneipp-Therapie in Auftrag gegeben.

Lassen Sie mich gleich zu Beginn betonen: Die wissenschaftliche Erkenntnislage zur Wirkung der Kneipp-Therapie ist in manchen Bereichen noch lückenhaft. Während es zu den Elementen Heilpflanzen (Phytotherapie), Bewegung (Physiotherapie) und zunehmend auch zur Lebensordnung (Ordnungstherapie/Mind-Body-Medizin) schon einiges an Forschung gibt – zum Teil sind diese Elemente ja auch schon in die konventionelle Medizin integriert – mangelt es vor allem an Studien zur Hydrotherapie. Nebenbei bemerkt – es gibt rund 120 verschiedene Wasseranwendungen! Die meisten dieser Studien sind durch Stiftungsprofessuren erfolgt, dies kann und darf aber kein Dauerzustand sein.

Vor allem nicht angesichts der Zunahme an lebensstilbedingten, chronischen Erkrankungen und, ganz aktuell, der zu bewältigenden gesundheitlichen Langzeitfolgen der Pandemie. Wir verbinden daher unser Jubiläumsjahr mit dem Appell an die Bundesregierung, in der kommenden Legislaturperiode einen Etat für die weitere Erforschung dieser Methoden bereitzustellen.


Worum geht es bei der geplanten Studie?

Bei der geplanten Studie handelt es sich um eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit, ein Review, der Charité-Universitätsmedizin, die den aktuellen Forschungsstand zur Kneippschen Hydrotherapie zusammenfasst. Die Erkenntnisse sollen dieses Jahr im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht und bei unserem wissenschaftlichen Symposium am 30. Oktober in Berlin im breiteren Kreis diskutiert werden. Wir wollen hiermit auch zeigen, wie lohnend es ist, in die Erforschung der klassischen Naturheilverfahren als Beitrag zu Prävention und Gesundheitsförderung zu investieren.


Wie gelingt es, die Lehre Sebastian Kneipps und die Kneippschen Naturheilverfahren aktuell zu halten und an heutige Lebensweisen und Ansprüche anzupassen? Und, noch weitergedacht: Wo sehen Sie die Kneippsche naturkundliche Gesundheitslehre in der Zukunft?

Die Kneippsche Gesundheitslehre wurde stetig auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse weiterentwickelt. Auch wenn unsere Wurzeln in der Traditionellen Europäischen Medizin liegen, sind sie heute unverzichtbarer Bestandteil einer modernen Medizin. Unser Ansatz basiert auf dem Prinzip der Salutogenese, unsere Angebote sind niedrigschwellig. Sie setzen sehr stark auf die Verantwortung jedes Einzelnen, regelmäßig etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Gesund bleiben heißt auch „aktiv bleiben“. Auch die vielen Angebote unseres Aus- und Weiterbildungsinstituts Sebastian-Kneipp-Akademie spiegeln die aktuellen Entwicklungen wider – bei uns gibt es keinen Stillstand.

Die Kneippschen Naturheilverfahren leisten daher einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Und das nicht nur in Deutschland. Wir sind ja auch über die Grenzen hinaus aktiv, so beispielsweise im europäischen Umfeld, aber auch in Asien, Südkorea und China, und vereinzelt auch in Nord- und Südamerika. Hier versucht sich unsere internationale Konföderation Kneipp Worldwide auch verstärkt in die Diskussion über „Globale Gesundheit“ mit einzubringen.


In Zeiten der Pandemie ist eine Stärkung des Immunsystems besonders wichtig. Am besten also gleich mit dem Kneippen anfangen. Wie lautet Ihr persönlicher Praxistipp für unsere Leserinnen und Leser?

Abhärtung, gesunde Ernährung, Bewegung und eine gesunde Tagesstruktur sind wichtige Faktoren zur Stärkung des Immunsystems. Für mich persönlich gehört die morgendliche kalte Dusche zum Start in den Tag. Entscheidend ist, dass man seine Lieblingsanwendung auch wirklich jeden Tag betreibt. Auf die Regelmäßigkeit und die gesunde Balance kommt es an.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Dr. Katharina Böhm, Geschäftsführerin der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE).

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Joachim K. Rudolph | Dipl.-Oec., Joachim K. Rudolph begann seine „Kneipp-Karriere“ 1993 im Vorstand im Kneipp-Verein Berlin und ab 1994 als 2. Vorsitzender beim neugegründeten Landesverband Berlin-Brandenburg. 2008 gründete er den eigenen Kneipp-Verein Niederbarnim in Bernau, dem er bis heute vorsitzt. Außerdem ist er Geschäftsführer der Kneipp-Kita Spandau. Seit Oktober 2009 gehört Joachim Rudolph als Vizepräsident dem Bundespräsidium an. Anfang 2021 übernahm er das Präsidentenamt des Kneipp-Bundes e.V. für den ausgeschiedenen Klaus Holetschek, MdL.

Der Kneipp-Bund e.V. ist mit seinen rund 500 Kneipp-Vereinen und 700 zertifizierten Einrichtungen die größte private deutsche Gesundheitsorganisation. Seit 1897 setzt sich der Dachverband für einen gesunden und naturverbundenen Lebensstil ein und erreicht insbesondere durch das ehrenamtliche Engagement der Kneipp-Vereine rund 200.000 Menschen, die regelmäßig mit den Kneippschen Naturheilverfahren in Berührung kommen. Im Dezember 2015 wurde das „Kneippen als traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps“ von der Deutschen UNESCO Kommission in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Health in All Policies„Die Umsetzung von Health in All Policies erfordert die Beteiligung ALLER!“

Um Gesundheit und Wohlbefinden der Bevölkerung zu erlangen, gilt das Konzept „Gesundheit in allen Politikbereichen“ (Health in All Policies, HiAP) als vielversprechend. Einige Länder in Europa, wie z.B. Finnland, und weltweit, wie z.B. Neuseeland, zeigen erste Erfolge mit der Umsetzung einer intersektoralen Gesundheitspolitik. In Deutschland gibt es bereits erste Ansätze. Auch das Präventionsforum, der Informations- und Erfahrungsaustausch zwischen der Nationalen Präventionskonferenz und der Fachöffentlichkeit, widmete sich im Jahr 2020 diesem Fachthema. Nun ist ein erstes deutschsprachiges Standardwerk mit dem Titel „Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Konzept Health in All Policies und seine Umsetzung in Deutschland“ erschienen. Unsere Interviewpartnerin ist die Mitherausgeberin Dr. Katharina Böhm, Geschäftsführerin der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE).

Frau Böhm, Sie sind Mitherausgeberin des ersten Standardwerkes zum Thema Health in All Policies, kurz HiAP, in Deutschland. Wo stehen wir?

Genau das wollten wir mit dem Buch herausfinden! Der HiAP-Ansatz ist ja nicht neu. Die Forderung nach intersektoraler Zusammenarbeit findet sich schon in der Erklärung von Alma Atta, die dann in der Ottawa Charta zur einer Forderung nach einer gesundheitsförderlichen Gesamtpolitik (healthy public policies) weiterentwickelt wurde. Der HiAP-Ansatz geht noch einen Schritt weiter, indem er die Komplexität moderner Gesellschaften und der damit einhergehenden, eher netzwerkartigen Politikgestaltung berücksichtigt.

HiAP bedeutet eine strategische Zusammenarbeit aller Politikebenen und –felder (whole of government) sowie eine Zusammenarbeit aller Sektoren, also staatlich, gesellschaftlich und privat (whole of society).


Was heißt das nun für Deutschland?

Obwohl der HiAP-Ansatz nicht neu ist, wissen wir ziemlich wenig über die Umsetzung in Deutschland, weil es hierzu kaum Forschung gibt. Zudem gibt es viele Initiativen und Maßnahmen, die den Gedanken von HiAP verfolgen, ohne dass dies dabei explizit gemacht wird. Unser Buch ist eine Art Bestandsaufnahme der Umsetzung von HiAP in Deutschland.

Wir haben deshalb Expertinnen und Experten aus vielen unterschiedlichen Politikfeldern gefragt, welche Rolle Gesundheit in ihrem Politikfeld spielt und welche Herausforderungen und Chancen sie in der Berücksichtigung von Gesundheitsaspekten sehen. Zusätzlich haben wir Praxisbeispiele recherchiert, um möglichst viele unterschiedliche Umsetzungsbeispiele aufzeigen zu können.

Die Beiträge in unserem Band zeigen, dass es viele HiAP-Aktivitäten auf allen politischen Ebenen gibt. Gleichzeitig machen sie aber auch deutlich, dass die HiAP-Umsetzung in Deutschland erst am Anfang steht.

Woran machen Sie das fest?

Gesundheit und gesundheitliche Chancengleichheit werden in Deutschland bislang in kaum einem Politikfeld umfassend und systematisch berücksichtigt. Es gibt einige Politikfelder, wie beispielsweise Umweltschutz und Bildung, in denen Gesundheit in gesetzlichen Grundlagen und Konzepten mitverankert ist. Es gibt aber auch viele Politikfelder, in denen der Gesundheitsbezug auf einzelne Themen beschränkt bleibt. Wenn Gesundheit berücksichtigt wird, dann oft eher mit dem Ziel der Vermeidung von Gesundheitsgefahren und/oder einem Fokus auf medizinische oder verhaltensbezogene Maßnahmen. Eine gesundheitsförderliche Perspektive findet sich selten.

Die Praxisbeispiele in unserem Buch beschreiben zudem, wie schwierig es oftmals ist, intersektorale Kooperationen umzusetzen. Sie machen aber gleichzeitig auch Mut, dass eine Umsetzung gelingen kann, wenn politischer Wille, eine offene Haltung und Transparenz sowie die Berücksichtigung der Bedürfnisse und Ressourcen aller Beteiligten gegeben sind.

Mit der Konzertierten Aktion Pflege (KAP) und der Offensive Psychische Gesundheit (OPG) ist ressortübergreifende Zusammenarbeit in Deutschland bereits vorzufinden, auch das Präventionsgesetz spielt eine Rolle in der Implementierung von HiAP. Sind das denn nicht bereits Schritte in die richtige Richtung?

Ja, das stimmt. Bei den beiden genannten Initiativen ist durch die Beteiligung mehrerer Bundesministerien, zahlreicher Sozialversicherungsträger, Verbände und anderer zivilgesellschaftlichen Akteure sowohl ein whole of government- als auch ein whole of society-Ansatz verwirklicht. Die OPG hat sich zudem zum Ziel gesetzt, eine Bestandsaufnahme der Präventionsangebote in Deutschland zu machen, gemeinsame Ziele zu definieren und die bestehenden Angebote besser zu vernetzen. Am Ende des Prozesses könnte somit eine von vielen Akteuren getragene Strategie zur Verbesserung der Prävention psychischer Erkrankungen stehen.


Wo sehen Sie hemmende Faktoren, die einer breiteren Umsetzung des HiAP-Ansatzes im Wege stehen?

Das Präventionsgesetz zeigt sehr deutlich die Hürden bei der Umsetzung von HiAP in unserem föderalen System. Das Gesetz verpflichtet ausschließlich die Sozialversicherungsträger, in der Gesundheitsförderung und Prävention tätig zu werden. Andere relevante Präventionsakteure sind zwar zum Teil im Gesetz genannt, konnten aber aufgrund der begrenzten Handlungsmacht des Bundes bei der Gesundheitsförderung und Prävention nicht vom Gesetzgeber zum Handeln verpflichtet werden.

Eine Präventionsstrategie im Sinne von HiAP würde aber eine Beteiligung ALLER Akteure, von den Kommunen über die Länder bis hin zu den zivilgesellschaftlichen Akteuren aus allen gesundheitsrelevanten Bereichen erfordern. Diese müssten in einem partizipativen Prozess auf Grundlage einer umfassenden Bestands- und Bedarfsanalyse gemeinsame Ziele definieren. Danach müssten entsprechende, abgestimmte Maßnahmen für die einzelnen politischen Ebenen und Akteure formuliert werden. Von einer solchen Gesamtstrategie sind wir in Deutschland aber noch sehr weit entfernt. Hier sind andere Länder wie Neuseeland oder die Niederlande schon sehr viel weiter.

Sie schreiben, dass die Maßnahmen sich bislang eher am Gesundheitsschutz als an der Gesundheitsförderung orientieren. Wie kann es gelingen, dass die gesundheitsförderlichen Aspekte noch mehr Beachtung finden?

Grundsätzliches Ziel muss es sein, die gesamte Bevölkerung mit einem salutogenen Gesundheitsverständnis vertraut zu machen und über die Determinanten von Gesundheit zu informieren. Dies gilt insbesondere für Fachexpertinnen und Fachexperten anderer Politiksektoren. Sie müssen befähigt werden, gesundheitsförderlich zu handeln.

Gleichzeitig benötigen wir Gesundheitsexpertinnen und Gesundheitsexperten, die über Fachexpertise in anderen Bereichen verfügen, um dort bei Entscheidungsprozessen eine gesundheitsförderliche Sichtweise einbringen zu können. Dies sind zwei der zentralen Erkenntnisse, die wir bei der Arbeit an dem Sammelband gewonnen haben.

Zudem müssen Prozesse etabliert werden, die bei allen relevanten Entscheidungen sicherstellen, dass Gesundheit in einem umfassenden Verständnis mitgedacht wird.


Am Ende des Buches bündeln Sie Ihre Erkenntnisse in acht Thesen.

Ja, zwei hatte ich gerade genannt:

  • Akteure anderer Politikfelder sind mit einem salutogenen Gesundheitsverständnis vertraut zu machen.
  • Gesundheitsexpertinnen und Gesundheitsexperten benötigen Policy-Wissen für die Kooperationen.

Die anderen sechs Thesen lauten:

  • HiAP bedarf der politischen Unterstützung.
  • Kommunen sind Vorreiter bei der Umsetzung von HiAP.
  • HiAP erfordert eine Politikfelder und -ebenen übergreifende Strategie.
  • Die Sustainable Development Goals und deren Umsetzung bieten einen guten Bezugspunkt, um HiAP voranzubringen.
  • Ein erhöhter Problemdruck bietet die Chance, HiAP substanziell weiterzuentwickeln.
  • HiAP erfordert häufig die Aushandlung gegenläufiger Interessen.

Für die Menschen, die im Feld der Gesundheitsförderung und Prävention tätig sind, sind das alles vermutlich keine überraschenden Ergebnisse. Mit unserem Sammelband zielen wir aber vor allem auch auf Interessierte, die nicht aus dem Gesundheitsfeld kommen und sich eventuell das erste Mal mit dem Thema auseinandersetzen. Wir wollen mit diesen Thesen den intersektoralen Austausch anregen und die Diskussion um die Umsetzung von HiAP in Deutschland voranbringen!

Nun gibt es ja den Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst, der die Gesundheitsämter in den nächsten Jahren auf vielen Ebenen stärken soll. Was ist denn aus Ihrer Sicht notwendig, damit der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) in Zukunft eine stärkere Rolle bei der Umsetzung von HiAP einnehmen kann?

Zum einen braucht es Fachkräfte mit vielfältigen Expertisen, die die Aufgabe übernehmen können, Gesundheitsinteressen bei Fachentscheidungen in anderen Ressorts, beispielsweise bei Stadtentwicklungsprozessen, der Umweltplanung oder Sozialplanung, zu vertreten. Zum anderen bedarf es auch einer Stärkung der Steuerungsrolle des ÖGD auf kommunaler Ebene.

HiAP ist ein strategischer Prozess, der strukturiert, moderiert und organisiert werden muss. Diese Aufgaben kann der ÖGD aber nur übernehmen, wenn ausreichend Ressourcen und entsprechendes Fachpersonal vorhanden sind!


Die Fragen stellte Linda Arzberger, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Dr. Katharina Böhm | Seit Juli 2020 Geschäftsführerin der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE); davor Juniorprofessorin für Gesundheitspolitik an der Ruhr-Universität Bochum mit den Arbeitsschwerpunkten: kommunale Gesundheitspolitik, Präventionspolitik, Health in All Policies und internationaler Gesundheitssystemvergleich.

Die Hessische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE) wurde 1958 mit dem Ziel gegründet, die Gesundheit der hessischen Bevölkerung zu verbessern. Sie versteht sich als Brückeninstanz zwischen Praxis, Wissenschaft und Politik und wirkt als Interessensvertretung für Gesundheitsförderung. Die HAGE initiiert und koordiniert die Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention u. a. in den Bereichen Gesundheitliche Chancengleichheit, Gesund aufwachsen, bleiben und altern.

Interview zum Weltgesundheitstag 2021 – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit„Die Chancen für ein gesundes Leben sind in Deutschland ungleich verteilt“

Im 19. Jahrhundert als Antwort auf die wachsende soziale Not der Menschen entstanden, setzen sich die Wohlfahrtsverbände für die Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit insbesondere von sozial benachteiligten Menschen ein. Anlässlich des diesjährigen Weltgesundheitstages mit dem Schwerpunkt „Gesundheitliche Chancengleichheit“ erläutern vier Vertreterinnen und Vertreter der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege – Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik, Deutscher Caritasverband, Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik Diakonie Deutschland und Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband – ihre Strategien zur Erreichbarkeit vulnerabler Zielgruppen und sprechen über die Relevanz von Prävention und Gesundheitsförderung.

Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Strategien bzw. Maßnahmen, um vulnerable Zielgruppen erfolgreich zu erreichen?

Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes: Präventionsstrategien und -maßnahmen sollten als langfristig angelegte Vorhaben verstanden werden, die an individuellen Verhaltensweisen und gleichzeitig unbedingt auch an gesellschaftlichen Strukturen ansetzen. Ziel sollte die Gestaltung gesundheitsfördernder Lebens- und Wohnbedingungen sein. Um dies zu erreichen, müssen alle relevanten Akteurinnen und Akteure – die Sozialversicherungsträger, der Bund, die Länder und Kommunen – aber auch die Bürgerinnen und Bürger miteinbezogen werden.

Da gesundheitsfördernde Konzepte bei den Lebenswelten ansetzen müssen, um speziell benachteiligte Menschen zu erreichen, ist es aus Sicht der Arbeiterwohlfahrt (AWO) wirksam und zielführend, den Ansatz der Quartiersentwicklung, als Baustein sozialräumlicher Arbeit, mit dem Thema Prävention zu verknüpfen. Als Verband der Freien Wohlfahrtspflege ist die AWO mit ihren Einrichtungen und Diensten vor Ort tief in den Lebenswelten der Menschen verankert und setzt mit dem Ansatz der Quartiersentwicklung unmittelbar im Wohnumfeld an. So gelangt Unterstützung dorthin, wo sie benötigt wird.


Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik, Deutscher Caritasverband: Auffindbarkeit und Durchlässigkeit sind Eigenschaften, die ich hervorheben möchte, um erfolgreiche Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung für vulnerable Gruppen zu kennzeichnen. Gerade sie – Menschen in der Obdachlosigkeit, Menschen mit besonderen psychischen Belastungen, Menschen mit sehr geringen Bildungsvoraussetzungen – werden nicht erreicht, wenn der Nutzungsmöglichkeit des Angebots eine aufwändige Such- und Anmeldeprozedur vorausgeht.

Ein Erfolgsbeispiel sind für mich die Babylotsendienste. Sie sind in der Geburtsklinik „einfach da“, wenn das Baby zur Welt kommt und wenn sich die jungen Eltern in den Unterstützungsstrukturen zurechtfinden müssen. Ohne Einkommen und Belastungssituation detailliert erhoben zu haben, gehen sie auf die Mütter zu und öffnen ihnen die Tür in das System Früher Hilfen. Da-Seins-Vorsorge im allerbesten Wortsinn.


Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik, Diakonie Deutschland: Es sind sehr unterschiedliche Gruppen in unterschiedlichen Lebenslagen, die unter dem Begriff der vulnerablen Gruppen gefasst werden. Das macht allgemeine Aussagen schwer. Sie werden der Besonderheit der jeweiligen Gruppe nicht gerecht, insbesondere nicht den einzelnen Personen, die so zusammengefasst werden.

Aus diesem Sachverhalt kann man meines Erachtens schon drei Dinge ableiten:

Erstens ist es wichtig, gemeinsam mit den betroffenen Menschen zu arbeiten und nicht über sie zu bestimmen. Am Beispiel der gesundheitlichen Versorgung von sehr alten Menschen, die oftmals mehrere chronische Krankheiten haben, vielleicht in ihrer Selbständigkeit eingeschränkt oder auch sozial isoliert leben, kann man die Situation deutlich machen: Je nach Kontext, je nach Problemkonstellation und vor allen Dingen je nach den Wünschen der betroffenen Menschen stehen ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Maßnahmen im Vordergrund. Oftmals ist es auch etwas anderes als eine medizinische Untersuchung. Es ist vielleicht die Teilnahme an einem Gesprächskreis, einem Gottesdienst oder der Besuch der Stadtteilbücherei. Begegnung und Teilhabe sind gerade bei eingeschränkter Selbstständigkeit wichtig und zugleich ein Anliegen von Prävention.

Zweitens kommt dem öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) eine wichtige Rolle zu. Meines Erachtens sollte es die Aufgabe eines gut aufgestellten ÖGDs sein, auch die Bedarfe von Gruppen zu identifizieren, die am Rande des gesundheitlichen und sozialen Regelsystems stehen.

Drittens, um vulnerable Gruppe erfolgreich zu erreichen, brauchen wir Dienste, die die Lebenswirklichkeit der Menschen kennen und sie auch in ihren „Settings“ aufsuchen. Im Bereich der Arbeit mit suchtabhängigen Menschen kann das etwa die Straßensozialarbeit sein. Wenn wir bei der Gruppe hochaltriger Menschen bleiben, wäre der präventive Hausbesuch ein gutes Instrument, um in einem ersten Gespräch zu informieren, zu beraten und gemeinsam Leistungen zu erschließen.


Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband: Die Chancen für ein gesundes und langes Leben sind in Deutschland extrem ungleich verteilt. Die sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen folgt dabei der sozialen Schichtung von Gesellschaft – Einkommen, Bildung, Stellung im Beruf. Versuche, das Gesundheitsverhalten durch Information, Erziehung, Kurse, Kampagnen und Aufklärung zu verändern, führen zu nur geringen und meist auch nicht nachhaltigen Erfolgen. Und auch Verbesserungen der medizinischen Versorgung können dieses Problem nur geringfügig vermindern.

Wir wissen, dass wir vor allem nicht-medizinische Interventionen und Strategien der Prävention und Gesundheitsförderung brauchen, die insbesondere bei sozial benachteiligten Menschen Erkrankungen verhüten oder zeitlich verschieben. Bei den Bemühungen um Schaffung von gesundheitlicher Chancengleichheit sind partizipative Lebenswelt-Interventionen, also der Setting-Ansatz, eine Schlüsselstrategie. Diese sind bislang der beste Zugang, um Verhältnisse und Verhaltensanreize zu verändern, Gesundheitsbelastungen zu senken und gleichermaßen Gesundheitsressourcen zu steigern.

Solche Interventionen entfalten erst dann ihre Wirksamkeit, wenn sie nicht nur auf die Veränderung der Lebensweise bzw. des Verhaltens abzielen, sondern auch materielle und sozial belastende ebenso wie stärkende Faktoren und Anreize der physischen und sozialen Umwelt einbeziehen. Kontextkenntnisse sowie aktive Mitwirkung von Zielgruppen sind dabei unerlässlich. Damit wird an den tatsächlichen Bedürfnissen der Zielgruppe angesetzt und direkte Partizipation bei der Gestaltung der eigenen Lebensbedingungen ermöglicht. Die Wohlfahrtsverbände als Träger von Lebenswelten für sozial benachteiligte Menschen sind ein unverzichtbarer Akteur, der dazu beitragen kann, diese Zielgruppen zu erreichen.



Für wie relevant erachten Sie Ansätze der Prävention und Gesundheitsförderung, um gesundheitlichen Ungleichheiten frühzeitig und effizient entgegenzuwirken?

Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes: Der Gesundheitszustand wird neben dem Gesundheitsverhalten, sprich unserer individuellen Lebensweise, auch maßgeblich über die Lebensverhältnisse beeinflusst. In zahlreichen Studien konnten gravierende Auswirkungen von erschwerten Lebenslagen auf den Gesundheitszustand nachgewiesen werden: Menschen in schwieriger sozialer Lage sterben früher und verbringen wesentlich weniger Jahre bei guter Gesundheit als jene mit höherem sozioökonomischem Status. Deshalb sollten insbesondere sozial benachteiligte Menschen frühzeitig in den Fokus von Gesundheitsförderung und Prävention treten.

In anwaltschaftlicher Funktion für sozial benachteiligte Menschen setzt sich die AWO mit Nachdruck für gleiche Gesundheitschancen ein. Alle Menschen müssen die gleichen Chancen auf eine gute gesundheitliche Versorgung haben – unabhängig von Herkunft, Alter, Behinderung oder Geldbeutel.

Eine gerechte Gesundheitsversorgung ist ein wesentlicher Baustein für ein starkes Miteinander der Menschen innerhalb der Gesellschaft. Um gesundheitlichen Ungleichheiten frühzeitig entgegen zu wirken, müssen lokale Strategien der Gesundheitsförderung und Prävention partizipativ mit den Menschen entwickelt und umgesetzt werden. Es geht vor allem darum, die Voraussetzungen für Beteiligung zu schaffen, damit Menschen ermächtigt werden, ihre gesundheitsbezogenen Belange wahrzunehmen und mitzugestalten.


Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik, Deutscher Caritasverband: Soziale Ungleichheit und gesundheitliche Risiken sind vielfältig miteinander verbunden und verstärken sich gegenseitig. Das hat zuletzt die Corona-Pandemie überdeutlich sichtbar gemacht. Daher müssen Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut und Maßnahmen präventiver Gesundheitsförderung als zusammengehörige Bausteine einer ganzheitlichen Teilhabechancenpolitik verstanden werden – Stichwort „gesundheitsfördernde Gesamtpolitik“, „Health in All Policies“.

Konkret heißt das aus der Perspektive der Wohlfahrtsverbände: Vor Maßnahmen der Verhaltensprävention, die beim einzelnen Menschen ansetzen, müssen dringend die Verhältnisse in den Blick genommen werden, in denen die Menschen leben. Um die gesundheitliche Chancengleichheit zu ermöglichen, ist die Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse dringend notwendig – die Angebote der sozialen Daseinsvorsorge müssen ein dichtes Netz bilden, keinen Flickenteppich.


Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik, Diakonie Deutschland: Der Abbau von gesundheitlicher Ungleichheit ist ein wichtiges Ziel und ein wesentliches Kriterium für die Beurteilung von präventiven Maßnahmen. Präventive Maßnahmen, die in den diversen Handlungsfeldern zum Tragen kommen, können oftmals die soziale Ungleichheit nur etwas kompensieren. Aber auch dann lohnen sie sich.

Drei Aspekte müssen wir im Blick behalten, wenn wir das Ziel – gesundheitliche Ungleichheit abzubauen – verfolgen:

Erstens müssen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Wie groß die Bedeutung von Arbeit, Einkommen, Wohn- und Lebensbedingungen sind, wurde in der Corona-Epidemie eklatant deutlich. Deswegen ist Präventionspolitik unbedingt in eine übergreifende Politik der Verbesserung von Lebenslagen einzubetten.

Zweitens und drittens folgt aus dieser Erkenntnis: Einerseits müssen Prävention und Gesundheitsförderung die Mündigkeit der Menschen stärken, auch dann, wenn Expertinnen und Experten das Ergebnis des mündigen Handelns nicht angemessen finden. Andererseits ist eine Überforderung der Menschen zu vermeiden, wie sie in Zeiten der Selbstoptimierung leicht geschieht. Dabei wird das soziale Geflecht, in dem wir eingebunden sind, oftmals ausgeblendet.

Eine lebenslagenbezogene Prävention erfolgt im besten Fall in der Tradition der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung: Sie kann zum gemeinsamen Handeln aller Politikbereiche anregen und die Förderung von Gesundheit besser gestalten.


Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband: Im lebensweltbasierten Präventionsansatz liegen große Potenziale für die Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung, die konsequente Umsetzung in der Praxis ist jedoch mit Schwierigkeiten verbunden. Dies liegt nicht nur daran, dass die konsequente Umsetzung des Setting Ansatzes mit viel Einsatz und Arbeit verbunden ist. Viel schwerer wiegt der Umstand, dass es bislang immer noch an der Verankerung eines systematischen Ansatzes zur Sicherung und Förderung von Gesundheit mangelt. Bevölkerungsbezogene Gesundhaltung und insbesondere die Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen muss als eigenständiges Politikziel nicht nur benannt, sondern auch multisektoral und nachhaltig umgesetzt werden.

Prävention und Gesundheitsförderung alleine können sozial bedingte Ungleichheit und die ungleichen Gesundheitschancen, die daraus resultieren, jedoch nicht heilen. Gesundheit betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche und kann deshalb nur gesamtgesellschaftlich bewältigt werden. Wir wissen mittlerweile aus zahlreichen Studien, dass ökonomische Ungleichheit den sozialen Zusammenhalt schwächt und Gesellschaften auf vielen Ebenen schadet. Maßnahmen müssen also eine gerechtere Gesellschaft zum Ziel haben und deshalb auch die Verringerung der großen und wachsenden Ungleichheit von Einkommen, Bildungschancen, Arbeits- und Wohnqualität etc. einschließen.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit. Interview mit Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Brigitte Döcker | Seit 2010 Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes e.V. Die Diplom-Erziehungswissenschaftlerin ist vor allem für die Themen Gesundheit und Pflege, Migration und das Qualitätsmanagement zuständig. Das langjährige AWO-Mitglied Döcker war zuvor bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW)  sowie langjährig bei der AWO in Berlin tätig. Sie ist Mitglied im Präsidium des Deutschen Vereins sowie der Mitgliederversammlung und Vorsitzende der Sozialkommission I der BAGFW.

Die Arbeiterwohlfahrt wird bundesweit von über 312.000 Mitgliedern, 82.000 ehrenamtlich engagierten Helferinnen und Helfern sowie rund 237.000 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern getragen. Seit einem Jahrhundert kämpft sie für Gerechtigkeit und Solidarität, Vielfalt und Frauenrechte und macht sich stark für eine solidarische Gesellschaft, in der Menschen in Notlagen auf die Unterstützung der Gemeinschaft zählen können.

Eva M. Welskop-Deffaa | Seit 2017 Vorständin Sozial- und Fachpolitik des Deutschen Caritasverbandes e.V. Die Diplom-Volkswirtin war zuvor Leiterin der Abteilung Gleichstellung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (bis 2012) und 2013-2017 Mitglied im ver.di-Bundesvorstand, dort zuständig für Sozialpolitik, Arbeitsschutz und Migration. Eva M. Welskop-Deffaa ist Mitglied im Präsidialausschuss des Deutschen Vereins, im Aufsichtsrat der Aktion Mensch und Vorsitzende des Beirats der Stiftung Digitale Chancen.

Der Deutsche Caritasverband e.V. ist der Dachverband der organisierten Caritas und der größte Wohlfahrtsverband in Deutschland. Knapp 700.000 Menschen arbeiten bundesweit beruflich in den rund 25.000 Einrichtungen und Diensten. Mehrere hunderttausend Ehrenamtliche unterstützen dabei. Die Caritas ist weltweit in mehr als 200 Ländern vertreten. Hier macht sie sich stark für Solidarität und soziale Gerechtigkeit: gegen Diskriminierung, Gewalt und Armut.

Maria Loheide | Seit 2012 Vorständin Sozialpolitik der Diakonie Deutschland e.V. und verantwortet die Arbeit der sozialpolitischen Zentren. Maria Loheide nimmt Funktionen in den Netzwerkorganisationen, in denen die Diakonie mitarbeitet, wahr. Sie hat den Vorsitz der Sozialkommission II der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege inne und ist Vizepräsidentin des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge.

Die Diakonie Deutschland e.V.  ist die soziale Arbeit der evangelischen Kirchen. Bundesweit sind etwa 599.282 hauptamtliche Mitarbeitende in rund 31.600 ambulanten und stationären Diensten der Diakonie wie Pflegeheimen und Krankenhäusern, Beratungsstellen und Sozialstationen mit 1,18 Millionen Betten/Plätzen beschäftigt. Der evangelische Wohlfahrtsverband betreut und unterstützt jährlich mehr als zehn Million Menschen. Etwa 700.000 freiwillig Engagierte sind bundesweit in der Diakonie aktiv.

Prof. Dr. rer. pol. Rolf Rosenbrock | Seit 2012 ehrenamtlicher Vorsitzender des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband e.V. Seine Themen sind sozial bedingte Ungleichheiten von Gesundheitschancen, Präventionspolitik sowie Steuerung und Finanzierung der Krankenversorgung. Der Wirtschafts-, Sozial- und Gesundheitswissenschaftler betreibt seit den 70er Jahren Gesundheitsforschung und Politikberatung.

Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e.V.  ist Dachverband für über 10.000 rechtlich selbstständige Mitgliedsorganisationen, die in vielen Sozial- und Gesundheitsbereichen tätig sind. Mit seinen 15 Landesverbänden und mehr als 280 Kreisgeschäftsstellen unterstützt der Paritätische die Arbeit seiner Mitglieder.
Er repräsentiert und fördert seine Mitgliedsorganisationen in ihrer fachlichen Zielsetzung und ihren rechtlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Belangen. Durch verbandseigene Institutionen trägt er bei zur Erhaltung, Zusammenarbeit und Neugründung von Organisationen und Einrichtungen der Sozialarbeit.

Interview zum Weltgesundheitstag 2021 - Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit„Gesundheitliche Chancengleichheit ist unabhängig von Status, Herkunft und Geschlecht“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzt mit dem Motto „Building a fairer, healthier world“ zum diesjährigen Weltgesundheitstag am 7. April den Schwerpunkt auf gesundheitliche Chancengleichheit. Zum Weltgesundheitstag 2021 haben wir mit Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit, ein Interview geführt. Der Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit ist im Jahr 2003 von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gegründet worden. Heute gehören dem Verbund deutschlandweit 74 Organisationen an. Er verfolgt die Leitziele: Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit in Deutschland und Unterstützung der Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Gruppen.

Herr Bräunling, auf welche Erfolge des Kooperationsverbundes sind Sie besonders stolz?

Grundsätzlich erst einmal: Der Kooperationsverbund setzt sich dafür ein, dass jeder Mensch, unabhängig von Einkommen oder sozialem Status, die besten Möglichkeiten bekommen soll, um gesund zu sein und zu bleiben. Seit seiner Gründung vor knapp zwanzig Jahren konnte der Verbund wichtige Beiträge zum Strukturaufbau und zur Verbesserung der Qualität in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung leisten.

Nennen möchte ich den Good Practice-Ansatz zur Qualitätsentwicklung. Hier konnten zwölf allgemein anerkannte Kriterien für soziallagenbezogene Gesundheitsförderung entwickelt und bereits eine große Anzahl von Good Practice-Beispielen in allen Handlungsbereichen ausgezeichnet werden. Die Kriterien wie beispielsweise Zielgruppenbezug, niedrigschwellige Arbeitsweise, Vernetzung oder Qualitätsmanagement bedingen sich stets gegenseitig. Sie helfen, Maßnahmen besser zu planen und umsetzen zu können.

In allen Bundesländern wurden im Rahmen des Kooperationsverbundes Koordinierungsstellen Gesundheitliche Chancengleichheit (KGC) aufgebaut. Sie tragen wesentlich zur Koordination und Unterstützung von Aktivitäten zur soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung vor Ort, also in den Kommunen, Quartieren und Lebensräumen der Menschen, bei.

Und drittens: Im kommunalen Partnerprozess, der den Titel „Gesundheit für alle” trägt, entwickeln immer mehr Kommunen integrierte Strategien, sogenannte Präventionsketten, zur Förderung der Gesundheit und setzen diese vor Ort um.


Seit Beginn der Corona-Pandemie, die vor über einem Jahr auch Deutschland erreichte, sind die Herausforderungen größer geworden – oft wird von einer Verstärkung der sozialen Ungleichheiten durch COVID-19 gesprochen. Wie haben Sie Ihre Arbeit an die aktuelle Situation angepasst?

Gerade im ersten Lockdown sind viele kreative Ansätze entstanden, um mit der Pandemie und ihren Folgen umzugehen. Der Kooperationsverbund hat auf dem Austauschportal inforo die vielfältigen Aktivitäten sichtbar gemacht, die sich an Menschen in schwieriger sozialer Lage richteten. So konnte eine soziale Nähe trotz physischer Distanz hergestellt werden. Das hat sehr ermutigend gewirkt!

Mittlerweile liegt nun unser Augenmerk darauf, Forschungsergebnisse, die Auswirkungen der Pandemie insbesondere auf vulnerable Gruppen belegen, bekannt zu machen und in die Diskussion zu bringen.


Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft wagen. Wie könnte die Vision für das Motto „Building a fairer, healthier Germany“ erreicht werden, also eine Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit in Deutschland?

Der Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit teilt die Vision der WHO von einer solidarischen Gesellschaft, in der alle Menschen das Grundrecht auf ihren bestmöglichen Gesundheitsstatus genießen. Dieser ist unabhängig von sozialem Status, Herkunft, Alter und Geschlecht!

In einer solchen Gesellschaft wird die Förderung der Gesundheit und des Wohlergehens der Menschen nicht alleinige Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) sein. Es ist eine Aufgabe für alle Fachbereiche, die dann übergreifend zusammenarbeiten. Auch die Zivilgesellschaft wird stärker denn je mit einbezogen. Die prioritären Gesundheitsziele sind die Förderung des sozialen Zusammenhalts und die Beteiligung aller am Leben in der Gemeinschaft.

Grafische Darstellung der Lebenswelt "Quartier/Stadtteil"

Konkret sieht das so aus: Vielfältige Angebote und Initiativen unterstützen wohnortnah und koordinierende Netzwerke werden in allen Kommunen eine Selbstverständlichkeit. Vermittelnde Hilfen, die wir heute noch als wunderbare Pilotprojekte kennenlernen, beispielsweise die „Stadtteilmütter“ oder Gesundheitsfachkräfte in Lebenswelten, werden dann – in der Stadt ebenso wie in ländlichen Räumen – Regelangebote sein.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit. Interview mit Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik Deutscher Caritasverband, Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik Diakonie Deutschland und Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Stefan Bräunling | Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit, die bei Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. angesiedelt ist. Arbeitsschwerpunkte Gesundheitsförderung im Quartier, Gesundheitsförderung bei Erwerbslosen. Publikation: Böhm, K. et al. (Hrsg.): Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Konzept Health in All Policies und seine Umsetzung in Deutschland. Springer VS, 2020.; Dipl.-Psych. und MPH.

Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit | Gesundheitliche Chancengleichheit in Deutschland verbessern und die Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Gruppen unterstützen – das sind die Leitziele des bundesweiten Kooperationsverbundes. Dem von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) initiierten Verbund gehören 74 Organisationen an. Der Verbund fördert vorrangig die Qualitätsentwicklung in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung und die ressortübergreifende Zusammenarbeit.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Gesundheitskompetenz„Es besteht großer Handlungsbedarf, die Gesundheitskompetenz zu verbessern“

Gesundheitskompetenz (Health Literacy) beschreibt die Fähigkeiten, gesundheitsrelevante Informationen ausfindig zu machen, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden. Mit der repräsentativen Studie HLS-GER (Health Literacy Survey Germany) wurde 2014 eine erste Datengrundlage zur Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland geschaffen. Nun liegen mit der Wiederholungsbefragung HLS-GER 2 aktuelle Daten vor, die zeigen, dass sich die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland weiter verschlechtert hat. Mit den Studienleiterinnen Professorin Dr. Doris Schaeffer und Dr. Eva-Maria Berens, beide vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld, sprechen wir über die über die Ergebnisse und die Konsequenzen von HLS-GER 2.

2014 wurde die erste repräsentative Studie zur Gesundheitskompetenz in Deutschland (HLS-GER) durchgeführt: 54 Prozent der Befragten wiesen hierzulande eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz auf. Die aktuelle Health Literacy Studie HLS-GER 2 hat nun neue Daten erhoben und auch die digitale Gesundheitskompetenz (eHealth Literay) untersucht. Die Ergebnisse wurden soeben veröffentlicht. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?

Die Gesundheitskompetenz hat sich insgesamt verschlechtert, mittlerweile liegt der Anteil geringer Gesundheitskompetenz bei fast 60 Prozent. Die digitale Gesundheitskompetenz, also die Fähigkeiten, im Internet relevante Gesundheitsinformation zu finden, zu verstehen, beurteilen und umzusetzen, wurde mit einem neu im Rahmen des M-POHL (Measuring Population and Organizational Health Literacy) Netzwerks der WHO Europa entwickelten Instruments untersucht. Im Ergebnis zeigt sich, dass sie noch schlechter ausgeprägt ist als die allgemeine Gesundheitskompetenz. Drei Viertel der Befragten, rund 76 Prozent, weisen danach eine geringe digitale Gesundheitskompetenz auf.

Besonders die Beurteilung der Vertrauenswürdigkeit und Neutralität digitaler Informationen wird als schwierig erachtet. Für über 82 Prozent der Bevölkerung ist es (sehr) schwierig zu beurteilen, wie vertrauenswürdig die gefundenen Informationen sind. Fast ebenso viele Befragte finden es (sehr) schwer einzuschätzen, ob hinter den Informationen kommerzielle Interessen stehen. Auch genau die digitale Gesundheitsinformation zu finden, nach der man sucht, scheint für viele Menschen nicht einfach zu sein.


Die Nutzung verschiedener digitaler Informationsangebote wie Apps, Social Media und Webseiten wurde in HLS-GER 2 genauer betrachtet. Wo liegen die Präferenzen?

Insgesamt ist die Bedeutung des Internets bzw. digitaler Medien als Informationsquelle gestiegen, aber die Gesundheitsprofessionen und insbesondere Ärztinnen und Ärzte spielen nach wie vor eine wichtige Rolle als Informationsinstanz. Sie stehen nach wie vor an erster Stelle bei den bevorzugten Informationsquellen.

Blickt man auf die Präferenzen und Nutzungshäufigkeiten der verschiedenen digitalen Informationsangebote, zeigt sich ein sehr heterogenes Bild. So werden Internetseiten zum Thema Gesundheit von fast zwei Dritteln der Bevölkerung genutzt, aber etwa 35 Prozent suchen nie im Internet nach Informationen zum Thema Gesundheit. Das ist ein wichtiges Ergebnis, denn bei aller Aufmerksamkeit, die die Digitalisierung derzeit erhält, sollte nicht vergessen werden, dass immerhin mehr als ein Drittel der Bevölkerung nie Internetseiten zum Thema Gesundheit ansteuert.

Andere digitale Informationsangebote werden von deutlich weniger Personen genutzt. Knapp 40 Prozent der Bevölkerung informieren sich über soziale Medien bzw. Online-Foren oder frequentieren sie zum Austausch. Mit den Gesundheitsprofessionen wie beispielsweise Ärztinnen und Ärzten oder Pflegefachpersonen interagieren bislang nur fast 16 Prozent der Bevölkerung digital.

Gesundheits-Apps auf dem Handy, um z. B. den Kalorienverbrauch zu kontrollieren, die Medikamenteneinnahme zu unterstützen oder körperliche Aktivität zu messen, werden lediglich von etwa 30 Prozent bzw. 20 Prozent der Bevölkerung genutzt.

Insgesamt sind digitale Informationsangebote zwar auf dem Vormarsch, doch große Teile der Bevölkerung werden nicht durch sie erreicht. Allen voran sind hier Menschen mit geringer Bildung und Menschen ab 65 Jahren zu nennen. Sie nutzen alle digitalen Informationsangebote seltener als jüngere oder gut gebildete Menschen.

Menschen mit Migrationshintergrund hingegen nutzen die Möglichkeiten zur digitalen Gesundheitsinformation auffällig häufig, insbesondere soziale Medien werden von fast 45 Prozent genutzt. Zusammengefasst zeigt sich, dass die Präferenzen für einzelne (digitale) Informationsquellen und auch deren Nutzungshäufigkeit in verschiedenen Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich sind.


Vor dem Hintergrund der Pandemie bekommen die Ergebnisse der HLS-GER 2 noch einmal ein ganz anderes Gewicht. Hat Corona die Relevanz der (digitalen) Gesundheitskompetenz noch weiter verstärkt?

Während der Corona Pandemie hat die Nutzung digitaler Gesundheitsinformations- und Kommunikationsmöglichkeiten zugenommen, wie unsere Zusatzerhebung zeigt. Auch der Anteil hoher digitaler Gesundheitskompetenz ist gestiegen. Wichtig ist jetzt zu beobachten, ob die zunehmende Akzeptanz bzw. Nutzung digitaler Angebote und auch die verbesserte digitale Gesundheitskompetenz nur eine Momentaufnahme darstellen oder ob sich diese Entwicklung langfristig bestätigt und festigt.


Bislang fehlte es an international vergleichenden bevölkerungsrepräsentativen Daten zur eHealth Literacy. Wie sieht der europäische Vergleich aus?

Solche Daten sind mit der internationalen Studie HLS19 zu erwarten, an der 17 Länder teilnehmen, auch Deutschland. Die Ergebnisse werden voraussichtlich im Herbst 2021 veröffentlicht. Erst dann werden wir wissen, wie der Vergleich konkret ausfällt. Schon jetzt deuten andere Studien an, dass wir nicht auf den ranghöchsten Plätzen stehen dürften.


Niedriger Bildungs- und Sozialstatus und geringe Lese- und Schreibfähigkeit sowie hohes Alter sind mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz assoziiert. Die Daten des HLS-GER 2 sollen dazu beitragen, die Digitalisierung im Gesundheitswesen nutzerzentriert voranzubringen. Wie könnte das nun erreicht werden?

Dass Deutschland bei der Digitalisierung aufholen muss, ist kein Geheimnis und spiegelt sich auch in den dargestellten Daten wider. Das gilt ebenso für die digitale Gesundheitskompetenz. Hier besteht großer Handlungsbedarf, um die digitale Gesundheitskompetenz zu verbessern und auch um den bestehenden Entwicklungsrückstand im Vergleich zu anderen Ländern aufzuholen.

Dabei ist wichtig, bestehende soziale Unterschiede und Ungleichheiten zu beachten und Gruppen mit auffällig hohem Anteil an geringer Gesundheitskompetenz, wie Menschen mit geringer Bildung und niedrigem Sozialstatus oder ältere Menschen gezielt zu adressieren und zu fördern. Zu bedenken ist dabei, dass ihnen vielfach der Zugang zu digitalen Medien fehlt und ergo auch strukturelle und kontextbezogene Interventionen erforderlich sind.

Zudem ist wichtig, nicht allein die Bevölkerung in den Blick zu nehmen, sondern auch wichtige Mediatoren, so besonders die Ärztinnen und Ärzte, die ja, wie erwähnt, nach wie vor wichtigste Anlaufadresse bei Gesundheitsinformationsfragen sind, ebenso andere Gesundheitsprofessionen, aber auch die Familie und das soziale Netz. Sie alle sind wichtige Anlaufstellen für Patientinnen und Patienten und können und sollten zur Stärkung der digitalen Gesundheitskompetenz beitragen. Allerdings benötigen auch sie dazu gezielte Fördermaßnahmen.


Der Nationale Aktionsplan zur Förderung der Gesundheitskompetenz (NAP) wurde 2018 veröffentlicht. Er enthält 15 Empfehlungen in vier Handlungsfeldern und benennt vier Prinzipien für die Umsetzung. Eine davon ist, die Forschung zur Gesundheitskompetenz auszubauen. Inwiefern hilft der HLS-GER 2 dabei, auch die weiteren Empfehlungen des Aktionsplans umzusetzen?

Der HLS-GER 2 liefert eine Fülle von Daten, die als Grundlage dafür dienen können, empirisch gesicherte Interventionen für unterschiedliche Zielgruppen zu entwickeln und auch die Empfehlungen der Nationalen Aktionsplans weiter umzusetzen. Wir selbst werden uns in den kommenden Monaten intensiv mit der Frage befassen, wie die Studienergebnisse konkret für die Umsetzung des Nationalen Aktionsplans zur Förderung der Gesundheitskompetenz genutzt werden können und welche neuen Akzentsetzungen sie nahelegen. Das Thema digitale Gesundheitskompetenz wird dabei sicher eine prominente Rolle spielen.

Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Mehr zur Studie HLS-GER 2 erfahren Sie hier.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitskompetenz. Interview mit Prof. Dr. Kevin Dadaczynski, Professor für Gesundheitskommunikation und -information an der Hochschule Fulda, und Dr. Orkan Okan, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung an der Universität Bielefeld und Co-Chair der Global Working Group Health Literacy der IUHPE.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Prof. Dr. Doris Schaeffer | Senior-Professorin an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld, Leitung des Interdisziplinären Zentrums für Gesundheitskompetenzforschung (gem. mit Prof. Dr. Ullrich Bauer) der Universität Bielefeld. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Gesundheitskompetenz, Patienteninformation und -beratung, Bewältigung und Versorgung bei chronischer Krankheit und Pflegebedürftigkeit. Sie vertritt Deutschland im Action Network on Measuring Population and Organizational Health Literacy (M-POHL) der WHO-Europa und leitet zahlreiche Studien zur Gesundheitskompetenz.

Dr. Eva-Maria Berens | Gesundheitswissenschaftlerin und Mitarbeiterin am Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung der Universität Bielefeld. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Gesundheitskompetenz, Migration und Gesundheit sowie soziale Ungleichheit und Gesundheit. Sie koordiniert die Studien HLS-GER 2 und HLS-MIG.

Prävention und GesundheitsförderungGemeinsam Gesundheit fördern: Der neue BVPG-Vorstand stellt sich vor

Der neue Vorstand der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) wurde am 4. November 2020 auf der Mitgliederversammlung gewählt. Elf Expertinnen und Experten aus der Prävention und Gesundheitsförderung prägen in den kommenden drei Jahren die Arbeit der BVPG – Grund genug, mehr darüber zu berichten: Mit diesem Blogbeitrag stellt sich das Vorstandsteam persönlich vor.

Ute Bertram; Präsidentin (1. Reihe, 1. v. l.), derzeit kommunalpolitisch und ehrenamtlich tätig, davor Mitglied im Deutschen Bundestages (2013-2017), Mitglied im Ausschuss für Gesundheit:

„Die BVPG stellt eine seit über 60 Jahren etablierte und bewährte Plattform dar, von der aus ein wirkungsvoller Beitrag für die Gesundheit unserer Bevölkerung geleistet werden kann. Ich sehe die Ziele meiner Präsidentschaft für die BVPG vorrangig darin, sowohl die Bundesvereinigung als Ratgeberin gegenüber dem Gesetzgeber zu stärken als auch als gesellschaftliche Akteurin Gesundheitsförderung und Prävention in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Wir sind eine Gesellschaft des langen Lebens, zugleich aber auch geprägt von sogenannten „westlichen Zivilisationskrankheiten“. Von daher gilt für mich: Stärkung des Grundsatzes „Prävention vor Rehabilitation vor Pflege“ und Stärkung der Gesundheitskompetenz in den Familien, Kitas und Schulen, denn schon im Kindesalter werden sehr oft die Präferenzen für eine gesunde oder ungesunde Lebensführung entwickelt.“


Oliver Blatt, Vizepräsident (1. Reihe, 2. v. l.), Leiter der Abteilung Gesundheit im Verband der Ersatzkassen e.V. (vdek):

„In meinem beruflichen Kontext setze ich mich dafür ein, dass sich die medizinische, rehabilitative und pflegerische Versorgung der GKV-Versicherten auf hohem Niveau weiterentwickelt. Leistungen zur Prävention und Gesundheitsförderung nehmen dabei einen immer wichtigeren Stellenwert ein.

Es gilt, Prävention in allen Bereichen und bei allen Zielgruppen „mitzudenken“. Besonders bei den vulnerablen Zielgruppen müssen präventive Leistungen besser und früher ankommen. Ich möchte mit meinem Engagement in der sehr gut vernetzten BVPG dazu beitragen, dass alle relevanten Player ihre Verantwortlichkeiten ernst nehmen, besser zusammenarbeiten und dabei vor allem die vulnerablen Zielgruppen stärker in den Fokus nehmen.“


Britta Susen, Vizepräsidentin (1. Reihe, 3. v. l.), Leiterin des Dezernats Versorgung und Bevölkerungsmedizin der Bundesärztekammer (BÄK):

„Die BVPG gibt mir wesentliche Impulse zur Unterstützung von Ärztinnen und Ärzten bei der Implementierung gesundheitsförderlicher und primärpräventiver Maßnahmen in der haus- und fachärztlichen Versorgung und zur interprofessionellen Zusammenarbeit mit Akteuren des Gesundheits- und Sozialbereichs auch außerhalb des SGB V.

Damit können wir gemeinsam einen gesellschaftlichen Beitrag zur Stärkung der Prävention von Erkrankungen und zur Senkung von Behandlungskosten leisten. Zugleich sehe ich in der BVPG eine wertvolle Plattform, um die Bedeutung sowie die Qualität von Prävention und Gesundheitsförderung weiter zu befördern.“


Thomas Altgeld, Schatzmeister (1. Reihe, 4. v.l.), Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. (LVG & AFS):

„Die BVPG kann und soll sich als Sprachrohr für mehr Gesundheit entwickeln und sich verstärkt für „Health in All Policies“ einsetzen – ein Politikverständnis, das es bislang schwer hat in Deutschland, aber die meisten Gesundheitspotenziale heben kann.

Wenn Gesundheit als Querschnittsanforderung an unterschiedliche Sektoren – z.B. Wirtschafts-, Verkehrs-, Landwirtschafts- oder Bildungspolitik – definiert wird und nicht nur teure Versorgung im Krankheitsfall organisiert wird mit einer kleinen Nebenspielwiese Prävention, dann lässt sich gesundheitliche Chancengerechtigkeit herstellen.“


Prof. Dr. Gudrun Faller, Beisitzerin (2. Reihe, 1. v. l.), Professorin für Kommunikation und Intervention im Kontext Gesundheit und Arbeit an der Hochschule für Gesundheit Bochum (hsg Bochum):

„Die BVPG zu erhalten und zu verbessern das Potenzial, sich gemeinsam mit ihren Mitgliedsorganisationen dafür einzusetzen, dass mehr gesundheitliche Chancengleichheit verwirklicht wird und die Kräfte in diesem Sinne gebündelt werden.

Als Gesundheitswissenschaftlerin ist es mir wichtig, diese Belange im Vorstand zu vertreten und die BVPG mit meinem Fachwissen, meinen Forschungserfahrungen und meiner Methodenkompetenz zu unterstützen.“


Dr. Mischa Kläber, Beisitzer (2. Reihe, 2. v. l.), Ressortleiter für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement beim Deutschen Olympischen Sportbund e.V. (DOSB):

„Durch meine langjährige Arbeit im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention sowohl in der Wissenschaft als auch im DOSB ist es zugleich zu meiner ganz persönlichen Mission geworden, Menschen in Bewegung zu bringen und besonders die Strukturvoraussetzungen für Gesundheitsförderung und Prävention zu verbessern.

Folglich ist mir – ganz im Sinne des Präventionsgesetzes – insbesondere an deutlich mehr Kooperation, Koordination und Vernetzung der relevanten Akteure bzw. Organisationen gelegen. Gemeinsam bringen wir Deutschland in Bewegung und sorgen für eine noch bessere Zusammenarbeit in der Gesundheitsförderung und Prävention!.“


Christine Kreider, Beisitzerin (2. Reihe, 3. v. l.), Referentin für Prävention bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS):

„Prävention ist erst dann richtig gut, wenn wir zusammen daran arbeiten und sie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstehen. Die BVPG bietet hierfür eine hervorragende Plattform. Gerade hinsichtlich verhältnispräventiver Bemühungen gibt der Verein den idealen Rahmen, um gemeinsam und somit stärker auftreten zu können.“


Dr. Andrea Lambeck, Beisitzerin (3. Reihe 1. v. l.), Geschäftsführerin BerufsVerband Oecotrophologie e.V. (VDOE):

„Gerne möchte ich den BVPG-Vorstand dabei unterstützen, die Mitglieder und Kooperationspartner aus Praxis, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zielgerichtet und im Sinne des optimalen Ressourceneinsatzes zu vernetzen, nicht nur im Bereich der Ernährung, sondern in allen Handlungsfeldern der Prävention und Gesundheitsförderung.

Hier sehe ich ein großes Potenzial für Synergien, welches ich gerne für die BVPG und ihre Mitglieder nutzen möchte, um letztlich weitere Strukturverbesserungen im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland zu erreichen.“


Sieglinde Ludwig, Beisitzerin (3. Reihe, 2. v. l.), Leiterin der Abteilung Gesundheit und Leiterin des Fachbereichs Gesundheit im Betrieb bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung e.V. (DGUV):

„Mir liegt es am Herzen, Prävention und Gesundheitsförderung gesamtgesellschaftlich voranzubringen, die Qualität der Gesundheitsförderungsmaßnahmen zu sichern sowie eine Kultur der Prävention in den verschiedenen Settings (KiTa‘s, Schulen, Berufsschulen, Hochschulen, Kommunen, Betrieben usw.) auf- bzw. auszubauen.

Es sollte – gerade vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Situation – wieder mehr Miteinander geben. Nur gemeinsam können wir nämlich das Ziel „Health in All Policies“ verwirklichen; und hierzu möchte ich mit der BVPG einen Beitrag leisten.“


Dr. Ute Teichert, Beisitzerin (3. Reihe, 3. v. l.), Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf; Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V. (BVÖGD):

„Prävention und Gesundheitsförderung sind als gesetzliche Aufgaben an kommunalen Gesundheitsämtern verankert. Sie haben direkten Zugang zu verschiedenen Lebenswelten, wie Kindertagestätten und Schulen, aber auch zu medizinischen Einrichtungen. Eine bessere Verzahnung verschiedener Akteure vor Ort erscheint mir sinnvoll.

Dabei spielt die BVPG eine wesentliche Rolle, da sie als bundesweit übergreifende Organisation multiprofessionell und auch sektorenübergreifend aufgestellt ist und damit wichtige Initiativen starten kann.

Durch mehrere Kooperationsveranstaltungen in den letzten Jahren zwischen der BVPG und der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen konnten bereits erste Impulse in diese Richtung gesetzt werden.“


Dr. med. Gabriele Windus, Beisitzerin (3. Reihe, 4. v. l.), Leiterin des Referats Gesundheitsförderung, Humangenetik, Arzneimittel, Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung :

„In die Vorstandsarbeit für die BVPG möchte ich meine Erfahrungen in der Gesundheitsverwaltung bzw. Politikberatung einbringen. Gesundheitsförderung benötigt neben Committment und guten Ideen vor allem verlässliche Kooperationsstrukturen und Netzwerke, damit verbindliche Absprachen auch effizient greifen und für erfolgsversprechende Vorhaben genutzt werden können.“

Primär- und Sekundärprävention gerade der nicht übertragbaren Krankheiten sind mit kurzfristigen Anstrengungen nicht wirksam zu leisten. Dies kommt besonders zum Tragen, wenn aktuelle dramatische Ereignisse wie derzeit die Pandemie viele andere Probleme in den Hintergrund drängen. Gezielte Ansprache der richtigen Adressaten und mit ganzheitlichem Blick vorbereitete politisch tragfähige Vorschläge sind mein persönliches Anliegen.“


Lesen Sie dazu auch:

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Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies, Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung (BVPG) mit Geschäftsstelle in Bonn wurde 1954 gegründet und ist ein gemeinnütziger, politisch und konfessionell unabhängiger Verband. 132 Organisationen sind zur Zeit Mitglieder der BVPG, darunter vor allem Bundesverbände des Gesundheitswesens (wie z.B. die Bundesärztekammer, die Spitzenverbände der Sozialversicherungsträger sowie Verbände der Heil- und Hilfsberufe), aber auch Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Bildungseinrichtungen und Akademien, die einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich „Prävention und Gesundheitsförderung“ aufweisen. Die BVPG ist „Brückeninstanz“ zwischen den Kooperationspartnern aus Praxis, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik und ab 2016 gemäß § 20e (2) des Präventionsgesetzes mit der Durchführung des Präventionsforums beauftragt.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Gesundheitskompetenz„Die Pandemie hat die Bedeutung von Gesundheitskompetenz deutlich gesteigert“

Gesundheitskompetenz hat eine hohe Relevanz bei der Bewältigung der Pandemie. Anlässlich des internationalen Health Literacy-Monats Oktober haben wir dazu die Experten Prof. Dr. Kevin Dadaczynski, Professor für Gesundheitskommunikation und -information an der Hochschule Fulda, und Dr. Orkan Okan, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung an der Universität Bielefeld und Co-Chair der Global Working Group Health Literacy der IUHPE, befragt. In unserem Interview sprechen sie über den Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz, die Schwierigkeit im Umgang mit Gesundheitsinformationen zum Coronavirus und darüber, wie wichtig es ist, informierte Entscheidungen für die Gesundheit zu treffen.

Die von Ihnen durchgeführte Onlinebefragung zur digitalen Gesundheitskompetenz in der Pandemie ergab, dass Studierende Probleme mit Gesundheitshinweisen zu Corona erleben. 42 Prozent der Befragten berichten von Schwierigkeiten, die Qualität der Gesundheitsinformationen zum Coronavirus zu bewerten. Warum wurde der Fokus auf Studierende gelegt?

Das ist eine berechtigte Frage, da man vielleicht aus der Distanz die Auffassung vertreten könnte, dass es sich bei Studierenden um eine Bevölkerungsgruppe mit hohem Bildungsstand handelt, die sich der besten Gesundheit erfreut. Wenn man sich aber etwas näher mit der Gruppe der Studierenden beschäftigt, wird klar, dass diese Annahme nicht so ohne weiteres trägt. Studierende gehören größtenteils zu einer Altersgruppe, die wir entwicklungs- und gesundheitspsychologisch als „Emerging Adults“, zu deutsch „sich entwickelndes Erwachsensein“, bezeichnen können.

Die Altersgruppe der 18 bis 29-Jährigen kann durchaus als Phase des Umbruchs und des Übergangs, der Transition, bezeichnet werden. Mit Aufnahme des Studiums ziehen junge Menschen nicht selten aus ihrem Elternhaus aus, beziehen möglicherweise ihre erste Wohnung, lernen eine neue Stadt kennen, nehmen Abschied von bisher gefestigten sozialen Netzwerken und stehen vor der Herausforderung, neue Netzwerke aufbauen zu müssen. Hinzu kommen die Anforderungen durch das Studium oder auch der Spagat zwischen Studium und Erwerbstätigkeit, um das Studium finanzieren zu müssen.

Auf Studierende haben wir auch deswegen geblickt, weil Corona die Schließung der Universitäten erwirkt hat, die Studierenden für das Lernen und Interagieren mit Peers und Familie in den digitalen, virtuellen Raum gezwungen und sie vom zentralen Arbeits- und Sozialraum abgeschnitten hat. Dies alles hat einerseits Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden nach sich gezogen und sie andererseits gezwungen, auf einmal wichtige Informationen ihre Gesundheit betreffend digital zu verhandeln.

Gleichzeitig hat die mediale Kommunikation zu Corona auch das Internet und die sozialen Medien dominiert und somit einen großen Platz in dem Raum eingenommen, in den Studierenden nun hineingezwungen wurden. Daher haben wir uns zwangsläufig die Frage gestellt: Welche Kompetenzen besitzen Studierende, um mit dem Wissen und der Information umgehen zu können? Wo suchen sie nach Informationen? Wie bewerten sie unterschiedliche Informationsquellen und welche Auswirkungen haben Gesundheitskompetenz und Corona auf ihr psychisches, körperliches und soziales Wohlbefinden?

Darüber hinaus steht Corona auch für eine unsichere Zukunft, für Angst und für das Ungewisse – auch für Studierende. Daher war für uns klar: Studierenden muss Aufmerksamkeit geschenkt werden! Im Übrigen muss auch die Annahme, dass es sich bei Studierenden zwangsläufig um eine Gruppe mit einem hohen sozioökonomischen Status handelt, in Frage gestellt werden. Kürzlich veröffentlichte Studienbefunde belegen auch für Studierende einen Sozialgradienten, wie wir ihn aus der sozialepidemiologischen Forschung mit anderen Bevölkerungsgruppen bereits kennen.

Wie bewerten Sie die Ergebnisse Ihrer Studie?

Dass 42% der befragten Studierenden über Schwierigkeiten berichten, die Vertrauenswürdigkeit und Qualität von gesundheitsbezogenen Informationen zu COVID-19 und verwandten Themen einzuschätzen, ist nicht ganz überraschend. Dieses Bild passt sehr gut in den gegenwärtigen Zeitgeist. So zeigen beispielsweise Ergebnisse anderer Studien zur Gesundheitskompetenz und auch zum gesundheitsbezogenen Informations- und Medienverhalten sowohl in Deutschland als auch international, dass Menschen insbesondere das kritische Bewerten und Hinterfragen von Informationen besondere Schwierigkeiten bereitet. Dies gilt mittlerweile auch über Altersgruppen hinweg.

In der Health Literacy-COVID-19 Studie bei Erwachsenen, in der die Coronavirus bezogene Gesundheitskompetenz in der frühen Phase der Pandemie untersucht wurde und deren Folgeerhebungen gegenwärtig in den Wellen zwei und drei in Deutschland, Österreich und der Schweiz stattfinden, haben wir ein sehr ähnliches Ergebnis vorgefunden.

Letztlich spiegelt das Ergebnis auch die aktuelle Informationswelt wider. Wir befinden uns in einer Welt, in der Informationen rund um die Uhr nur einen Mausklick entfernt sind. Informationen werden teilweise im Minutentakt produziert, veröffentlicht und geteilt, wodurch sie sich rasend schnell und unkontrolliert verbreiten. Dabei wiegt die Fülle, also das besonders große Aufkommen, genauso schwer, wie die Qualität der Information, wenn es um den Umgang mit Information geht. Im Zusammenhang mit diesem Aufkommen spricht man daher von einer Informationsepidemie, kurz: Infodemie, die die Corona-Pandemie begleitet.


Im Jahr 2018 wurde der „Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ entwickelt, vier Handlungsfelder wurden erörtert und 15 Empfehlungen abgeleitet. Sind wir auf einem guten Weg?

Die aktuelle Corona-Pandemie hat die Bedeutung von Gesundheitskompetenz noch einmal deutlich gesteigert und angesichts der Relevanz des Themas ist es ein guter Schritt in die richtige Richtung, dass der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz bereits im Jahr 2018 verabschiedet wurde. Seither sind zahlreiche weitere Forschungsbemühungen unternommen wurden. Gegenwärtig befindet sich der Aktionsplan in der zweiten Phase – die Phase der Implementation der Empfehlungen. Das ist ein weiterer wichtiger Schritt. Neben dem Aktionsplan haben wir in Deutschland mit der Allianz Gesundheitskompetenz und dem Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention, dem Präventionsgesetz, zwei weitere gesundheitspolitische Ansätze, die Gesundheitskompetenz als wichtiges Gesundheitsziel definieren.

In diesen drei Ansätzen nimmt das Thema Bildung für Gesundheitskompetenz – in der Schule, Ausbildung von Lehrkräften, Erwachsenenbildung, Ausbildung von Fachkräften in Gesundheitsberufen, etc. – eine zentrale Rolle ein und damit auch im Kontext des tertiären Bildungsbereichs, also im Setting der Zielgruppe unserer Studie bei Studierenden. Natürlich brauchen diese Initiativen Unterstützung aus der Wissenschaft, Praxis und vor allem aus dem politischen Bereich. Aber es liegt noch ein großes Stück Arbeit vor uns, denn Gesundheitskompetenz muss aus unserer Sicht im Sinne des „Health in All Policies“ Ansatzes in allen Politikbereichen zum selbstverständlichen Bestandteil täglicher Entscheidungsprozesse werden.

Wie kann die Gesundheitskompetenz in Deutschland weiter gestärkt werden? Welche Rolle spielt dabei beispielsweise das neue Nationale Gesundheitsportal?

Informationsportale mit vertrauenswürdigen Informationen sind sehr wichtig, damit Menschen sich gut über Themen der Gesundheit informieren können. Das Nationale Gesundheitsportal und ähnliche Seiten sind daher zentrale Strategien, um die Gesundheitskompetenz in der Gesellschaft zu stärken. Was der Beitrag des Nationalen Gesundheitsportals sein kann, bleibt abzuwarten. Forschungsbefunde zeigen, dass öffentliche Gesundheitsinformationsplattformen im Vergleich zu kommerziellen Medienangeboten bislang leider weniger Aufmerksamkeit und Attraktivität erzeugt haben. Sie stehen letztlich in Konkurrenz zu Social Media & Co., so dass zu überlegen wäre, wie man diese Plattformen stärker zur Verbreitung qualitativ hochwertiger Gesundheitsinformationen nutzen könnte.

Die Stärkung von Gesundheitskompetenz sollte möglichst frühzeitig im Lebenslauf ansetzen, also bereits im Kindes- und Jugendalter. Der Forschungsverbund Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter erforscht das Thema seit sechs Jahren. Gesundheitskompetenz ist aber noch nicht nachhaltig in Schule und Bildung angekommen. Erziehungs- und Bildungseinrichtungen sind besonders geeignet – und dies nicht nur, weil dort alle Heranwachsende ungeachtet ihres sozialen, kulturellen und ökonomischen Hintergrunds erreicht werden können, sondern auch, weil die Schule durch den gesetzlich festgeschriebenen Bildungsauftrag legitimiert wird.

Dabei darf man nicht vergessen, dass Gesundheitskompetenz nicht nur auf die individuelle Fähigkeit begrenzt werden kann, sondern auch das Ergebnis struktureller Rahmenbedingungen ist. So gilt es, Schulen gesundheitskompetent zu gestalten, also Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Heranwachsende auch ihre individuelle Gesundheitskompetenz ausbauen können. Dazu zählt dann auch Gesundheitskompetenz in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften, bei Schulleitungen, in Schulnetzwerken, im Curriculum, im Unterricht und Unterrichtsmaterialien zu verankern.

Dies gilt natürlich auch für alle anderen Settings, so auch für Einrichtungen der Gesundheitsversorgung, die so zu gestalten sind, dass sich Patientinnen und Patienten dort gut orientieren und gesundheitsbezogene Informationen verstehen können. Wenn die Organisationen, mit denen Menschen interagieren, wie Arztpraxen, Krankenhäuser, Behörden etc. ihr Handeln und ihre Strukturen auf die Bedarfe von Menschen ausrichten, können sogar Effekte niedriger Gesundheitskompetenz abgefedert werden. Wenn Fachkräfte in der Gesundheit eine effektive, einfache und nutzerzentrierte Gesundheitskommunikation anwenden, profitieren auch Menschen mit einer niedrigen Gesundheitskompetenz davon. In beiden Fällen werden die gesundheitlichen Outcomes verbessert.

Es gibt also nicht den einen Weg, um die Gesundheitskompetenz zu stärken, sondern all diese Rädchen greifen ineinander, und es muss sowohl die personale Gesundheitskompetenz als auch die organisationale Gesundheitskompetenz gefördert werden. Idealerweise beginnen wir früh im Lebensverlauf und behandeln Gesundheitskompetenz als einen intergenerationalen und gesellschaftlichen Kreislauf.


Wie „riskant“ sind mangelndes Wissen und unzureichende Gesundheitskompetenz – insbesondere auch im Hinblick auf die Prävention von nichtübertragbaren Krankheiten (non-communicable diseases, NCDs)?

Vielleicht vorweg: Gesundheitswissen und Gesundheitskompetenz sind nicht inhaltsgleich, weisen aber deutliche Überschneidungen auf. Gesundheitswissen ist das Ergebnis der Fähigkeit, gesundheitsbezogene Informationen zu verstehen und setzt voraus, dass man diese Informationen zuvor auch gefunden hat. Beides sind Dimensionen der Gesundheitskompetenz.

Wissen über Gesundheit ist zweifelsohne eine wichtige Voraussetzung für Gesundheitsverhalten und damit letztlich für Gesundheit, aber das Gesundheitswissen allein ist nicht hinreichend, um Gesundheitsverhalten und Gesundheit zu erklären und nachhaltig zu verändern. Ein Beispiel: Dass der Nikotinkonsum gesundheitsabträglich ist, wissen die meisten Menschen, es hält sie aber nicht zwangsläufig vom Rauchen ab.

Gerade das Wissen muss in Handlungsroutinen überführt werden. Hierfür steht u.a. letztlich eine weitere Dimension „Anwenden von Gesundheitsinformationen auf den eigenen Lebensalltag“, weshalb Gesundheitskompetenz das umfassendere Konzept ist. Mangelndes Gesundheitswissen und Gesundheitskompetenz können dazu führen, falsche Entscheidungen zu treffen und/oder ungesunde Verhaltensweisen und Praktiken auszuführen. Dies kann in der Folge natürlich auch Kosten im Gesundheitswesen erhöhen.

Allerdings sprechen wir hier nicht ausschließlich über die personalen Kompetenzen, sondern auch über die Verhältnisse, die gesunde Entscheidungen, gesundes Verhalten und bessere Gesundheitschancen behindern können. Menschen sind in die vorgegebenen Verhältnisse eingebettet und die vorliegenden Strukturen müssen daher das Ziel von Interventionen und Politikmaßnahmen sein. Kompetenz und Verhalten – Wissen und Gesundheitskompetenz – können dann viel besser zur Geltung kommen, wenn die Bedingungen förderlich gestaltet sind. Das ist vor allem wichtig im Zusammenhang mit gesundheitlichen Ungleichheiten, die wiederum im Zusammenhang mit dem Auftreten von nichtübertragbaren Krankheiten (non-communicable diseases, NCDs) stehen.


Wie ist die Gesundheitskompetenz derzeit in den Lebensphasen innerhalb Deutschlands verteilt?

Studien, die in Deutschland bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt wurden, zeigen, dass die Gesundheitskompetenz in den jungen Altersgruppen eigentlich relativ hoch ist. In einer aktuellen Studie zeigte sich, dass mehr als 85% der 8- bis 11-jährigen Grundschulkinder auf Grundlage der Selbsteinschätzung eine ausreichende Gesundheitskompetenz aufweisen.

Bei Jugendlichen ist es ähnlich, auch wenn nicht ganz so hoch. Auch in internationalen Studien schneiden Jugendliche relativ hoch ab, allerdings haben  wir haben im Rahmen der Erstellung eines Fact Sheet Gesundheitskompetenz für die Schools for Health in Europe Foundation einmal alle Daten verglichen Der Anteil an Jugendlichen mit einer mittleren und niedrigen Gesundheitskompetenz sehr viel höher als bei Kindern. Das kann natürlich unterschiedliche Gründe haben und nicht zuletzt auch durch die Selbsteinschätzung zustande kommen. Jugendliche können, wie auch Erwachsene, die Herausforderungen im Umgang mit Information und Gesundheit realistischer einschätzen, haben mehr Erfahrung und bewerten daher ihre Kompetenz vielleicht anderes.

Erwachsene zeigen in Deutschland hingegen ein sehr viel ausdifferenzierteres Bild. Mit 54 Prozent hat ein relativ hoher Anteil der Bevölkerung eine problematische, also unzureichende Gesundheitskompetenz. Bezogen auf den Umgang mit Corona-Informationen sind es auch noch über 50 Prozent. Allerdings fallen bestimmte Aufgaben, wie das Finden und Verstehen von Corona-Informationen, den meisten Menschen sehr leicht. Auf der anderen Seite bereitet das Bewerten von Medien und Online-Informationen fast 50 Prozent der Bevölkerung sehr große Probleme. Bedenkt man, dass Gesundheitskompetenz ja zu einem Großteil das Bewerten und kritische Denken umfasst und gleichzeitig das Aufkommen von Fehlinformationen in allen Medienkanälen stark ansteigt, dann ist das ein hoch problematisches Ergebnis.


Die Fragen stellten Ulrike Meyer-Funke und Dr. Beate Grossmann, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitskompetenz. Interview mit den HLS-GER 2 – Studienleiterinnen, Prof. Dr. Doris Schaeffer und Dr. Eva-Maria Berens, vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld. 

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Prof. Dr. Kevin Dadaczynski | Gesundheitswissenschaftler, Professor für Gesundheitskommunikation und -information an der Hochschule Fulda. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten, Gesundheitskompetenz und digitale Public Health. Er ist Mitglied der Leitung des Public Health Zentrums Fulda und des internationalen COVID-HL Konsortiums sowie Co-Chair der Forschungsgruppe des Schools for Health in Europe Network. Zudem gehört er dem HBSC-Studienverbund Deutschland an.

Dr. Orkan Okan | wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Erziehungswissenschaft und am Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung der Universität Bielefeld. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Erforschung der Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter und schulische Gesundheitsförderung. Er ist Vizepräsident der EUPHA Health Promotion Section, Co-Chair der Global Working Group Health Literacy der IUHPE und im Policy Board der IHLA sowie Mitherausgeber der Bücher „International Handbook of Health Literacy“ & „New Approaches to Health Literacy“.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Health in All Policies„Jetzt ist es wichtig zu sagen: Wir schaffen in Deutschland das modernste Öffentliche Gesundheitswesen der Welt!“

Das 5. Präventionsforum, das am 23. September 2020 in Berlin stattfand, legte in diesem Jahr den Schwerpunkt auf „Gesundheitsförderung und Prävention als gesamtgesellschaftliche und politikfeldübergreifende Herausforderungen“. Die weltweit renommierte Professorin im Feld der Gesundheitsförderung, Ilona Kickbusch, spricht in unserem Blogbeitrag zu Health in All Policies über die Relevanz von Co-Produktionen, die internationale Bedeutung und Umsetzung des Begriffes „Wellbeing“ und darüber, für wie bedeutsam sie es erachtet, jetzt in Deutschland das modernste Öffentliche Gesundheitswesen der Welt zu schaffen.

Frau Kickbusch, wir wissen seit Verabschiedung der Ottawa-Charta, also seit mehr als 30 Jahren: Gesundheit wird in den Lebenswelten der Menschen erzeugt und erhalten und ist vor allem von Faktoren abhängig, die nicht primär durch das Gesundheitssystem selbst beeinflussbar sind weshalb „Health in All Policies“ ein wichtiger Grundsatz der Gesundheitsförderung ist. Dennoch haben sich gesundheitsfördernde Gesamtpolitiken bislang noch nicht so richtig durchsetzen können – zumindest in Deutschland nicht. Woran liegt das?

Um dies zu beantworten, möchte ich zeitlich noch etwas früher anfangen. Die Ottawa-Charta hat ja eigentlich „nur“ Wissen zusammengetragen, das schon sehr lange vorhanden war. In Deutschland hat beispielsweise Rudolf Virchow anlässlich der Cholera-Epidemie in Schlesien ganz klar gesagt, dass es die Armut und die sozialen Ungleichheiten sind, die zu den extremen Cholera-Ausbrüchen geführt haben.

Es ist also ein Wissen, das wir in Public Health schon sehr lange haben, das aber in der Politik nur selten ernst genommen wurde und selten bewusst eingesetzt worden ist. Es war eine unserer Aufgaben, mit der Ottawa Charta gerade dieses Public Health-Wissen wieder in den Vordergrund zu bringen und zu zeigen, was dieses Wissen für die modernen Gesellschaften, also damals Mitte der 1980er Jahre, bedeutet. So lautete dann auch der Untertitel „Towards a new public health“.

Zudem hat Health in All Policies ja zwei Dimensionen: Wenn ein Staat „gut regiert ist“, wenn es soziale Absicherung und weniger soziale Ungleichheiten gibt, dann ist von vornherein eine bessere Gesundheit „garantiert“. Andererseits geht es aber auch um das bewusste Bemühen um Gesundheit in möglichst allen Politikbereichen. Diese zwei Aspekte muss man immer miteinander verbinden. Also anerkennen, wenn in anderen Politikbereichen etwas gemacht wird, das der Gesundheit dient und zum anderen proaktiv Co-Produktionen zu schaffen.

Die Relevanz dieser Co-Produktionen haben wir in dem südaustralischen Projekt zu Health in All Policies, an dem ich mitgearbeitet habe, versucht zu verdeutlichen. Es gilt also, gemeinsam zu arbeiten, also zum Beispiel ein Umweltministerium und ein Gesundheitsministerium oder ein Verkehrsamt mit einem Gesundheitsamt. Das heißt mit anderen Worten die Frage zu beantworten: Wo finden wir Politikansätze, durch die in der Zusammenarbeit jeder Bereich gewinnt?

In unserer Arbeit zu Health in All Policies haben wir festgestellt: Je näher die Politikbereiche an den Menschen sind, wie zum Beispiel im Kommunalbereich, umso besser und schneller ist Health in All Policies umsetzbar und umso häufiger ist auch ein größerer politischer Wille dafür vorhanden. Man ist einfach näher an den Menschen und die Menschen sind näher an der Politik.


Wie gelingt die Umsetzung auf der nationalen Ebene?

Auf nationaler Ebene ergeben sich zwei Anknüpfungspunkte: Zum einen gibt es die sogenannten Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die Sustainable Development Goals (SDG), die ganz klar in allen Bereichen, auch in Bezug auf Gesundheit, ein Modell entwickelt haben, mit dem Ziel, dass alle Politikbereiche in Co-Produktion zusammenarbeiten müssen, damit wir eine nachhaltige Gesellschaft schaffen können. Dadurch hat sich für Health in All Policies auf nationaler Ebene mehr getan, wie wir in verschiedenen SDG-Analysen festgestellt haben.

Zum anderen hat sich teilweise unter einer anderen Terminologie etwas getan – und das ist hier sehr wichtig zu erwähnen: Wir sehen, dass vor allem im englisch-sprachigem Raum und dort, wo es ins Englische übersetzt wird, der Begriff Wellbeing sehr viel häufiger benutzt wird. Wir sehen auch in der Umsetzung von Health in All Policies, wie eingangs genannt in Australien oder auch aus anderen Bereichen, dass der Wellbeing-Begriff sehr viel anschlussfähiger ist.

„Health“ klingt ja häufig so: Jetzt kommen die Gesundheitsleute und wollen so eine Art Gesundheitsimperialismus einführen, wobei Gesundheit als Wert über alles andere gestellt wird. Das Konzept der Gesundheitsförderung hat zwar immer wieder betont, dass Gesundheit als gesellschaftlicher Wert wichtig ist, nicht aber der höchste Wert, hinter dem alles andere zurücksteht. Wellbeing scheint ein Begriff zu sein, der sehr viel besser auch in die Co-Produktion passt. So ist SDG 3 zum Beispiel ja auch Health and Wellbeing.


Wie haben andere Länder ähnliche Herausforderungen bewältigt? Und wo sind die Anknüpfungspunkte in Deutschland?

Ein ganz wichtiger Bereich der Entwicklung sind hier die Diskussionen zur „Wellbeing Economy“, zu der es viele interessante Politikansätze gibt. Schottland ist ein Beispiel, wo es auch dazu eine Beratungsgruppe der Regierung gibt. Es ist ein Denken – wir hätten es vor zehn Jahren Health in All Policies genannt – man nennt es heute Wellbeing Economy – das teilweise aufbaut auf einer neuen Art, ökonomisch zu denken. Kate Raworth hat dazu die sogenannte „doughnutnut economy“ entwickelt, die darauf abzielt, unsere Nachhaltigkeits- und Wohlbefindensgedanken unter anderem mit Ökonomie und Gesundheit zusammen zu bringen.

Und Finnland, eines der führenden Länder in Health in All Policies, hat das Verständnis von Health in All Policies auf nationaler Ebene ausgeweitet und dazu beigetragen, auch in der Europäischen Union eine Diskussion über die Wellbeing Economy einzuführen. In dieser Wellbeing Economy spielen Gesundheit und Wohlbefinden als wichtige Indikatoren des Erfolgs staatlicher Politik eine bedeutende Rolle.

Bis zur Coronakrise haben wir beobachtet, dass einige Staaten diesen Gedanken aufgegriffen haben. Beispielsweise hat Neuseeland ein sogenanntes Wellbeing-Budget eingeführt. Das dortige Buttosozialprodukt ist nicht nur über ökonomisches Wachstum definiert, sondern muss auch alle anderen Nachhaltigkeitsziele beinhalten, so auch Gesundheit.

Dies ist ein wichtiges Signal auch für Deutschland. Es gibt ja bereits einen Deutschen Nachhaltigkeitsrat und den Staatssekretärsausschuss für nachhaltige Entwicklung. Wo immer in der deutschen Regierung über Nachhaltigkeit diskutiert wird, muss man sehr dahinter sein und sehr viel mehr Druck ausüben, dass Co-Produktionen entstehen und die Gesundheit im Sinne von Health in All Policies ganz signifikant verankert wird. Denn auch der engere Begriff der Nachhaltigkeit, also der der Umwelt, ist nicht mehr von Gesundheit zu trennen.

Es gibt außerdem derzeit sehr viel Bewegung in Politik und Gesellschaft. So sind zum  Beispiel die Vier-Tage-Woche oder der Zugang zu Kitas bereits Diskussionsthemen der Gesundheitsförderung, weil sie einiges bewirken – sowohl für die Gesundheit von Kindern wie von Müttern. Wir müssen als Gesundheitsförderer kreativer sein, wo und wie wir uns wegen dieser Co-Produktion einbringen. Und wir müssen auch ein bisschen mehr die Gesundheit vor die Parteipolitik stellen – das ist mir sehr wichtig.


Worauf kommt es also an, wenn wir die Politik von „Health in All Policies“ nachhaltig überzeugen wollen?

Wichtig ist, Gesundheitsförderung an gesellschaftliche Innovationen und Bewegungen für ein besseres Leben anzubinden. Man müsste noch mehr „eintauchen“ in die digitale Transformation wie beispielsweise im Hinblick auf Kindergesundheit und die Regulierung von Werbung im digitalen Bereich. Man müsste sich vielleicht auch so „heißen“ Themen wie „Pornografie im digitalen Bereich“ aussetzen und klar machen, dass wir Gesundheitsförderer in der Mitte der Gesellschaft sind und wissen, wo es brennt und wo Co-Produktionen viel bewirken könnten.

Aber genauso wichtig ist auch eine valide Datenlage. Wenn ich zum Beispiel die Verkehrspolitik von Kopenhagen nehme, so muss ich als Gesundheitsförderer in der Lage sein, benennen zu können: Die Tatsache, dass eine bestimmte Anzahl x von Menschen mit dem Fahrrad zu Arbeit fährt, hat den folgenden Gesundheitsimpact y durch Rückgang an Herzinfarkten, Atemwegserkrankungen, Autounfällen und bringt ökonomisch gesehen für unsere Stadt den Betrag z.

Das ist natürlich eine Motivation für die Gesundheitsfachleute, noch enger mit den Verkehrs- und anderen Expertinnen und Experten zusammenzuarbeiten.

Ich glaube, diese ständige Interaktion, dieser Austausch von Daten, ist für die Co-Produktion sehr bedeutsam. Deshalb ist auch die internationale Zusammenarbeit so wichtig. Denn dort kann man immer wieder Beispiele finden und wir können dann sagen: Lasst uns das bei uns auch anwenden! Ich halte diese Art von Evidenz, die politisch eingebracht werden kann, die einen ökonomischen Faktor und einen Gesundheitsfaktor hat, für sehr wichtig.


Die Corona-Pandemie hat ja „Gesundheit“ tatsächlich in allen Politikbereichen zu einem bedeutsamen Thema gemacht. Wird es also jetzt die Chance für „Health in All Policies“ geben?

Es wurde immer gesagt: Das Virus macht keine Unterschiede. Aber es trifft auf eine Gesellschaft mit großen Unterschieden und es hat diese verstärkt. Es hat aufgezeigt, dass verschiedenen Determinanten der Gesundheit in den Vordergrund treten, wie sozialer Wohnungsbau oder soziale Ungleichheit. Wir haben in Amerika gesehen, dass soziale Determinanten, die bislang weniger beachtet worden sind, wie Gender und Rassismus, in den Vordergrund getreten sind.

Was wir jetzt bei der Arbeit bei der Weltgesundheitsorganisation sehr stark betonen, ist, dass es keine Gesundheitssicherheit ohne soziale Sicherheit geben kann. Man sieht ja derzeit weltweit, dass ein Wohlfahrtsstaat und eine Wellbeing-Economy tatsächlich auch einen Unterschied machen. Es wurde plötzlich deutlich: Man kann keine Gesundheitspolitik ohne Wirtschaftspolitik machen. Und ich glaube, dass dies eine nachhaltige Erkenntnis ist.


Das erscheint plausibel und nachvollziehbar. Aber selbst wenn die Gesundheitsförderungs-Community noch so überzeugt ist vom „Health in all Policies“-Ansatz – wenn die Akteurinnen und Akteure der anderen Politikbereiche nicht mitziehen, bringt das wenig. Was sind aus Ihrer Sicht die überzeugendsten Argumente, mit denen man zu einem gemeinsamen Vorgehen motivieren kann?

Es geht nur mit Co-Produktionen, es geht nur, wenn man das gemeinsam angeht. Man muss sich also zusammenraufen und das kann auch tatsächlich lange dauern, wie wir es in dem eingangs genannten südaustralischen Projekt gesehen haben.

Man muss die Evidenzen zusammensuchen, es bedeutet natürlich auch, produktiv streiten zu können, man muss Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler herbeiziehen – es ist ein herausforderndes Unterfangen! Das heißt, man muss lernen, Gesundheitsdiplomatie anzuwenden, zu verhandeln, zuzuhören und auch mal dem anderen die Erfolge zuschreiben. Es ist etwas, das man bis zu einem gewissen Grad lernen kann. Bei der Weltgesundheitsorganisation haben wir Kurse und Trainingshandbücher dazu entwickelt.


Und was können wir konkret in Deutschland tun?

Die Bundesregierung hat vor Kurzem einen Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst verabschiedet, der die Gesundheitsämter in den nächsten Jahren auf vielen Ebenen stärken soll. Jetzt also muss die Gesundheitsförderung bereitstehen und benennen können, was Öffentliche Gesundheit heißt.


Das heißt?

Eben nicht nur  Gesundheitssicherheit und Epidemiologie. Und wenn Epidemiologie, dann auf jeden Fall Sozialepidemiologie, so wie sie uns Michael Marmot gelehrt hat. Politische Ökonomie gehört dazu, denn wir sehen ja gerade bei COVID-19, wie politisch öffentliche Gesundheit ist, wie sie angegriffen wird, auf welche politischen Auseinandersetzungen sie vorbereitet sein muss. Und auch hier helfen besonders Zahlen und Daten anstatt Vermutungen. Aber gleichzeitig muss man vermitteln können, was Zahlen überhaupt bedeuten – den Politikern wie auch der Bevölkerung.


Und was empfehlen Sie für die Umsetzung?

Ich bin überzeugt, es braucht einen Ausbildungsschub und die Beantwortung der Fragen wie: Wer soll in den Gesundheitsämtern arbeiten? Welche Art von Kompetenz benötigt das Personal? Wie beschreibt man die Aufgabe eines Gesundheitsamtes? Als eine Aufgabe, die Health in All Policies und Wellbeing auf lokaler Ebene beinhaltet? Soll das Gesundheitsamt auch eine Art Gesundheitstreff werden, wie wir es beispielsweise bei der Gesunde Städte-Bewegung ausprobiert haben? Es gibt sehr viel da draußen, es gibt viele kleine Initiativen, die gerne einen „Haken“ hätten, an dem sie sich andocken könnten.

Gerade jetzt, wo man sozusagen durch COVID-19 die Bedeutung des Public Health in den Gesundheitsämtern neu entdeckt hat, jetzt ist es wichtig, die Gesundheitsförderungs-Stimme zu erheben und zu sagen: Erinnert euch, es gibt eine Ottawa-Charta, es gibt neue Erkenntnisse, es gibt neue Evidenzen, es gibt neue Konzepte. Und jetzt schaffen wir in Deutschland das modernste öffentliche Gesundheitswesen der Welt, das aufbaut auf einem Health in All Policies-, auf einem Wellbeing-Ansatz und einem Nachhaltigkeitsdenken.“


Auch das „Präventionsforum“ beschäftigte sich in diesem Jahr mit Prävention und Gesundheitsförderung als gesamtgesellschaftliche und politikfeldübergreifende Herausforderungen – beispielhaft diskutiert an den Schwerpunktthemen „Pflege“ und „Psychische Gesundheit“. Wie erfolgversprechend ist es aus Ihrer Sicht, mit einzelnen Schwerpunktthemen in die Umsetzung von gesundheitsfördernden Gesamtpolitiken einzusteigen?

Ich halte das Schwerpunktthema, das gesetzt wurde, für außerordentlich bedeutsam, auch aus der Frauenperspektive. Ein Großteil der pflegenden Kräfte ist weiblich. Sie brauchen auch zunehmend Gesundheitsförderungskompetenzen, sie sind sehr viel näher dran an vielen der sozialen Determinanten als manchmal die Medizin und sie leiden selber außerordentlich unter dem Arbeitsdruck. Viele dieser Belastungen sowohl bei dem Patienten wie bei dem Betreuenden sind im Bereich des Mental Health, der psychischen und der sozialen Gesundheit. Ich halte das für eine sehr wichtige Diskussion.

Ich glaube aber auch, dass das Präventionsforum genutzt werden müsste, um beispielsweise eine Arbeitsgruppe einzurichten, die sich dem Thema „New Public Health“ in Deutschland annimmt. Wenn jetzt diese historische Situation gegeben ist, dass etwas, für das wir so lange gekämpft haben – bessere Ausbildung, bessere Gesundheitsämter, interdisziplinäres Robert Koch-Institut, und so weiter – wahr wird, muss man eingreifen. Trotz Präventionsgesetz ist ja vieles nicht geschafft worden. Jetzt aber gilt es, auf Bundes- und auf Länderebene Allianzen und Koalitionen für eine neuen Öffentlichen Gesundheitsdienst zu bilden.


Die Fragen stellte Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health In All Policies: Interview mit Dr. Katharina Böhm, Geschäftsführerin der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE) und Mitherausgeberin des ersten deutschsprachigen Standardwerks zu Health in All Policies („Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Das Konzept Health in All Policies und seine Umsetzung in Deutschland“).

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt COVID-19: Interview mit Dr. Rüdiger Krech, Direktor für Gesundheitsförderung bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit: Interview mit Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit: Interview mit Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik Deutscher Caritasverband, Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik Diakonie Deutschland und Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Prof. Dr. Dr. (mult.) llona Kickbusch | Gründerin und Vorsitzende des Global Health Centre am Graduate Institute in Genf. Sie ist Mitglied im Global Preparedness Monitoring Board, in der WHO High Level Independent Commission zu NCDs, Co-Chair von UHC 2030 und Council Chair des World Health Summits. Ilona Kickbusch war in deutsche Aktivitäten zu G7 und G20 eingebunden sowie in die Entwicklung der deutschen Strategie für globale Gesundheit. Sie initiierte @wgh300, eine Liste von führenden Frauen in der globalen Gesundheit. Ilona Kickbusch ist Co-Vorsitzende einer Lancet FT Kommission zu “Governing health futures 2030: growing up in a digital world.” Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt COVID-19„Diese COVID-19-Pandemie ist ein Weckruf“

Auch wenn die COVID-19-Pandemie auf den ersten Blick nicht als ein Kernanliegen der Gesundheitsförderung erscheinen mag, so könnte sich Gesundheitsförderung doch als wichtiger denn je erweisen. Worin besteht ihre Funktion? Und welche Rolle nehmen die Akteurinnen und Akteure der Gesundheitsförderung ein? Diese Fragen beantwortet Dr. Rüdiger Krech, Direktor für Gesundheitsförderung bei der Weltgesundheitsorganisation mit Sitz in Genf.

Herr Dr. Krech, können wir schon Lehren aus der COVID-19-Pandemie ziehen?

Diese COVID 19-Pandemie ist ein Weckruf für uns alle und möglicherweise sogar der letzte, den wir bekommen können.

Um einer nächsten Pandemie vorzubeugen, müssen wir in Deutschland, Europa und weltweit drastische, umfängliche Veränderungen vornehmen – und zwar in der Art und Weise, wie wir unsere Gesellschaften gestalten und wie wir Gesundheit in Entscheidungen unterschiedlicher Sektoren einbeziehen.

Wir haben jetzt gesehen: die letzten Epidemien entstanden alle durch Entscheidungen und Vorgänge außerhalb des Gesundheitssektors – angefangen bei der Vogelgrippe über die Schweinegrippe und Ebola bis hin eben jetzt zu SARS-CoV-2. Diese Epidemien hatten alle etwas damit zu tun, wie wir Urbanisierung vorantreiben, wie wir die Distanz zwischen der Tierwelt und uns Menschen immer stärker eingeschränkt haben. Das führt dazu, dass Viren vom Tier auf den Menschen überspringen.

Darüber hinaus gibt es etliche andere Risiken auf der Welt, die zu einer Epidemie oder Pandemie führen können. Wenn wir diese nicht ursächlich in den Griff bekommen, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer nächsten Pandemie, die möglicherweise noch viel schlimmer ist, hoch.


Kommen wir noch einmal auf die Ursachenbekämpfung zurück: Welchen Beitrag kann die Gesundheitsförderung leisten? Wird in der Folge von COVID der Health in All Policies-Ansatz gestärkt? Oder könnte es nicht vielmehr eine rollback-Bewegung geben, die gerade angesichts der Bedeutung von Infektionskrankheiten auf den medizinischen Ansatz der Prävention, z.B. Impfungen, setzt?

Zunächst mal verweisen Sie ja ganz richtigerweise auf die Instrumente, die wir in der Gesundheitsförderung seit Ottawa, also seit fast 35 Jahren, haben, also gesundheitsfördernde Gesamtpolitiken, die wir heute vielleicht „Gesundheit in allen Politikbereichen“ oder aber auch „joined-up government“ nennen, also eine sektorübergreifende Politikgestaltung, die die Bedürfnisse der Menschen einbezieht. Ein solcher Ansatz, der von der Gesundheitsförderung entwickelt worden ist, wurde nun auch von UN-Generalsekretär Antonio Gutterres gefordert und gerade auf der UN-Generalversammlung verabschiedet.

Unsere langjährige Erfahrung in der Gesundheitsförderung, die nun bei der Aufgabe wichtig ist, wie wir unsere Gesellschaften nach der Krise umbilden, zeigt: Es wird auch bei einer sektorübergreifenden Politikgestaltung nicht so sein, als hätten wir in solchen Verfahren oder mit mehr Bürgerbeteiligung keine Interessenskonflikte mehr. Aber die Entscheidungsträger wissen genauer, auf was sie sich einlassen, was die möglichen Konsequenzen ihres Handelns sind; wie man Kompromisse schließen und wertgeleitete „trade-offs“ herbeiführen kann – und das ist so, wie wir in der Gesundheitsförderung seit 35 Jahren mit unseren Partnern arbeiten und zusammen lernen.

Nehmen wir das Beispiel der Eingrenzung und Bekämpfung des Ebola-Virus. Da haben wir festgestellt, dass ohne Bürgerbeteiligung die Akzeptanz von Gesundheitsfachkräften von außen extrem gering war. Also haben wir dort mit den Gesundheitshelfern vor Ort wirklich „klassisches“ Sozialengagement angewendet – und das hat dann dazu geführt, dass die Akzeptanz größer wurde, dass eben zum Beispiel Quarantäne-Maßnahmen umgesetzt werden konnten.

Die Gefahr einer „Rückwärtsrolle“ sehe ich nicht. Denn wir erkennen ja jetzt: Es dauert, ehe ein Impfstoff für die Welt entwickelt und zugänglich gemacht werden kann. Wir sehen gerade, das geht alles nicht im Handumdrehen. Die Entwicklung von Impfstoffen ist eine unglaublich komplizierte Angelegenheit. Die Weltgemeinschaft lernt gerade, dass dieses Virus ohne Einbeziehung der Menschen in die Bekämpfung, ohne gemeindeorientiertes Handeln, ohne Akteursanalysen, ohne Gesundheitskompetenz, also ohne die klassischen Gesundheitsförderungs-Instrumente, nicht einzudämmen ist.


Das sind ja dann auch die Instrumente, die auch in Deutschland anzuwenden wären und greifen müssten…

Ja, genau. Wenn wir uns jetzt anschauen, wie Deutschland nach der Krise aussehen könnte, dann ist es nicht nur wichtig, dass wir Gesundheit sehr viel stärker in den Blick nehmen und Risiken bewerten, die durch ein globalisiertes Handeln in Deutschland auch für mögliche Pandemien existieren, sondern auch genauer darauf achten, wie wir unsere Städte, unser Zusammenleben oder unsere Mobilität gestalten.

Wir sehen auch noch etwas anderes: Wenn wir auf den Planeten besser achten, hat das auch immense positive Auswirkungen auf die Gestaltung unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens.


In welcher Rolle sehen Sie denn dann die Gesundheitsförderer? Sind sie die Treiber dieser gesellschaftlichen Veränderungen?

Es sind ganz konkrete Funktionen, die die Gesundheitsförderung nicht nur in der Pandemie ausübt und auch für die Politikgestaltung hat. Epidemiologen stellen die Daten zur Verfügung und bereiten Quarantänemaßnahmen vor, aber beispielsweise die Akzeptanz dafür herzustellen oder die unterschiedlichen Interessen zusammenzubringen, das sind Aufgaben der Gesundheitsförderung.

Nehmen wir mal die widerstreitenden Vorschläge, die Wirtschaft schnell wieder in Gang zu bringen, oder auch die Mobilität, insbesondere den Flugverkehr, wieder schnell hochzufahren und das mit den möglichen Risiken für eine zweite und dritte COVID-19-Welle abzuwägen. Diese Interessen zusammenzubringen, zu kommunizieren, mit unterschiedlichen Interessensgruppierungen zu interagieren, das sind alles Rollen der Gesundheitsförderung, für die sie geeignete Instrumente entwickelt hat.

Gesundheitskompetenz gehört auch dazu, also dass Menschen gesundheitliche Risiken richtig einzuschätzen wissen und eigenverantwortlich handeln können. Das ist in Deutschland ja bisher mit Hilfe der großen Mehrheit der Bevölkerung herausragend gelungen. Natürlich gibt’s „Ausreißer“, aber wenn ich das mit vielen anderen Ländern vergleiche, haben in Deutschland die Menschen bis jetzt dazu beigetragen, viele Menschenleben zu retten. Das ist ein riesiger Erfolg – für das ganze Land, für dessen Zusammenhalt und die Gesundheit in Deutschland. Ob dies auch so bleibt, wird wieder davon abhängen, ob die Entscheidungsträger die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in ihre Entscheidungen einbeziehen, ob diese Entscheidungen für die Menschen nachvollziehbar sind und ihnen angemessen erscheinen. Um das zu erreichen, brauchen sie wiederum die Instrumente der Gesundheitsförderung.


Die Akteurinnen und Akteure der Gesundheitsförderung leisten also bereits einen spezifischen Beitrag zur Bewältigung der Krise….

Ja genau, das kann man für eine Phase danach in Deutschland, Europa und global wertschätzen: Wir können diesen Instrumentenkasten der Gesundheitsförderung für das Design unserer Gesellschaften nochmals neu anbieten.


Und dieser Instrumentenkasten umfasst, was wir schon aus der Ottawa Charta kennen?

Exakt, wir müssen das jetzt natürlich übertragen, und zwar nicht nur sprachlich von der Ausdrucksweise der 80er Jahre auf heute, sondern vor allem im Hinblick auf die gewaltigen Umwandlungsprozesse, in denen wir uns im Moment schon befinden und die noch auf uns zukommen.


A propos Transitionsprozesse: Die Digitalisierung gehört untrennbar dazu bzw. löst diese aus und verstärkt sie. Welche Auswirkungen hat das denn auf die Gesundheitsförderung?

Wenn man sich anschaut, wie Zukunftsforscher und Makroökonomen Veränderungsprozesse deuten, dann sagen viele, dass ein Innovationszyklus, also der Zeitraum, um eine gesamte neue Technologie zu entwickeln, in den 90er Jahren noch 20 Jahre betrug, derzeit fünf und demnächst nur drei Jahre. Wir leben in einer immer schneller werdenden Zeit des technischen Wandels. Insofern werden wir zukünftig viele Veränderungen erleben, die unser Alltagsleben vollständig verändern.

Denken Sie nur mal, wie unser Alltagsleben vor dem Smartphone aussah – und das sind gerade etwas über zehn Jahre her. Versetzen wir uns jetzt mal in die Zukunft, 20 Jahre weiter. Was heißt das für uns, wenn die Innovationszyklen immer schneller werden? Dann brauchen wir eine erhöhte Adaptationsfähigkeit, so dass wir uns mit gutem Mut auf diesen Wandel einlassen können.

Aber bedenken wir auch: Nicht jeder Wandel ist auch gesundheitsförderlich. Die Frage ist: Wie bringen wir da Gesundheit mit hinein? Welchen Wandel lassen wir zu? Welchen sollten wir besser nicht zulassen? Das ist aus unserer Sicht derjenige, der uns nicht mehr Gesundheit und Wohlbefinden ermöglicht und nicht mit dem Wohl und den Heilungschancen unseres Planeten im Einklang ist.

Das heißt für unseren Instrumentenkasten, dass wir ihn anpassen müssen. Wir brauchen zum Beispiel bessere Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen, und zwar nicht nur welche, bei denen wir ex post Effekte nachvollziehen, sondern Verträglichkeitsprüfungen, die die möglichen gesundheitlichen Effekte für solche Technologien begutachten oder bewerten, die technisch möglich wären oder jetzt im Moment in der Entwicklung sind.

Dann braucht es dafür natürlich auch stärkere Mechanismen der Regierungsführung, die gesundheitsförderliche Entwicklungen befürworten.


Was erneut bedeutet, die gesündere Wahl zur leichteren Wahl zu machen…

Ja, ganz genau, darauf kommen wir immer wieder zurück. Das ist so aktuell wie nie zuvor.


D.h. Instrumentenkasten an Transformationsprozesse anpassen, ohne dass wir unsere Werte und das humanistische Ideal oder besser: Erbe aufgeben?

Ja, auch da wieder, so wie zuvor: Wir sind wirklich an einem Scheideweg. Wenn wir es nicht schaffen, Chancengleichheit herzustellen, wenn immer mehr Menschen aus diesen Transitionsprozessen herausfallen, nicht teilhaben können und wir nicht die Solidarität in unseren Gesellschaften stärken, dann werden immer mehr Menschen extreme Verhaltensweisen zeigen.

Das beobachten wir ja im Moment in solchen Ländern, die eben nicht auf Chancengleichheit setzen. Eine solche Gesundheitskrise wie COVID-19 ist ein Lackmustest, der zeigt, wo Schwächen in den Gesellschaften sind. Wenn Sie sich die Infiziertenzahlen angucken, ist das die Rechnung, die man dafür bekommt. Das zeigt auch wieder, dass Menschenrechte, Chancengleichheit, universeller Zugang zu Gesundheits- und Sozialleistungen und Bildung und Förderung von Gendergleichheit entscheidend sind.

Das sind keine abstrakten politischen Forderungen, sondern diese Werte müssen Eckpfeiler eben dieses Handelns sein. Wenn man Politik nicht auf diesen Pfeilern aufbaut, sieht man nun allzu deutlich, welche Auswirkungen es hat.

Insofern ist Gesundheit „Seismograph für Entwicklung“ und so wichtig wie nie zuvor. Das hat Deutschland sehr, sehr gut verstanden – und nicht nur in der Krise.

Schauen Sie sich an, welches Land das Thema „Gesundheit“ in die G7- und G20-Agenden aufgenommen hat und wie das bei den Vereinten Nationen gelaufen ist. Da kommt Deutschland eine Führungsposition zu. Dem haben sich zum Glück viele andere Länder angeschlossen, um Globalisierung auf diesem Wertekanon, den wir gerade angesprochen haben, aufzubauen. Das ist doch der Weg, den Deutsche und Europäer weiter gehen sollten.


Die Fragen stellte Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies, Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Dr. Rüdiger Krech | Seit 2019 Abteilungsleiter für Gesundheitsförderung bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf. Dr. Krech leitet die Arbeit der WHO zu Risikofaktoren wie Tabakkonsum und schädlichen Konsum von Alkohol und verantwortet die Arbeit zu gesundheitsförderlichen Settings sowie Programme zu mehr Bewegung. Zuvor Direktor für Gesundheitssysteme und allgemeine Gesundheitsversorgung (Universal Health Coverage) und Direktor für Soziale Determinanten von Gesundheit und Chancengleichheit bei der WHO; Erziehungs- und Gesundheitswissenschaftler.