Prävention und Gesundheitsförderung„Gemeinsam Gesundheit fördern“: Der neue BVPG-Vorstand stellt sich vor

Der Vorstand der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) wurde am 4. November 2020 auf der Mitgliederversammlung neu gewählt. Elf Expertinnen und Experten aus der Prävention und Gesundheitsförderung prägen in den kommenden drei Jahren die Arbeit der BVPG – Grund genug, mehr darüber zu berichten: Mit diesem Blogbeitrag stellt sich das Vorstandsteam persönlich vor.

Ute Bertram; Präsidentin (1. Reihe, 1. v. l.), derzeit kommunalpolitisch und ehrenamtlich tätig, davor Mitglied im Deutschen Bundestages (2013-2017), Mitglied im Ausschuss für Gesundheit:

„Die BVPG stellt eine seit über 60 Jahren etablierte und bewährte Plattform dar, von der aus ein wirkungsvoller Beitrag für die Gesundheit unserer Bevölkerung geleistet werden kann. Ich sehe die Ziele meiner Präsidentschaft für die BVPG vorrangig darin, sowohl die Bundesvereinigung als Ratgeberin gegenüber dem Gesetzgeber zu stärken als auch als gesellschaftliche Akteurin Gesundheitsförderung und Prävention in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Wir sind eine Gesellschaft des langen Lebens, zugleich aber auch geprägt von sogenannten „westlichen Zivilisationskrankheiten“. Von daher gilt für mich: Stärkung des Grundsatzes „Prävention vor Rehabilitation vor Pflege“ und Stärkung der Gesundheitskompetenz in den Familien, Kitas und Schulen, denn schon im Kindesalter werden sehr oft die Präferenzen für eine gesunde oder ungesunde Lebensführung entwickelt.“


Oliver Blatt, Vizepräsident (1. Reihe, 2. v. l.), Leiter der Abteilung Gesundheit im Verband der Ersatzkassen e.V. (vdek):

„In meinem beruflichen Kontext setze ich mich dafür ein, dass sich die medizinische, rehabilitative und pflegerische Versorgung der GKV-Versicherten auf hohem Niveau weiterentwickelt. Leistungen zur Prävention und Gesundheitsförderung nehmen dabei einen immer wichtigeren Stellenwert ein.

Es gilt, Prävention in allen Bereichen und bei allen Zielgruppen „mitzudenken“. Besonders bei den vulnerablen Zielgruppen müssen präventive Leistungen besser und früher ankommen. Ich möchte mit meinem Engagement in der sehr gut vernetzten BVPG dazu beitragen, dass alle relevanten Player ihre Verantwortlichkeiten ernst nehmen, besser zusammenarbeiten und dabei vor allem die vulnerablen Zielgruppen stärker in den Fokus nehmen.“


Britta Susen, Vizepräsidentin (1. Reihe, 3. v. l.), Leiterin des Dezernats Versorgung und Bevölkerungsmedizin der Bundesärztekammer (BÄK):

„Die BVPG gibt mir wesentliche Impulse zur Unterstützung von Ärztinnen und Ärzten bei der Implementierung gesundheitsförderlicher und primärpräventiver Maßnahmen in der haus- und fachärztlichen Versorgung und zur interprofessionellen Zusammenarbeit mit Akteuren des Gesundheits- und Sozialbereichs auch außerhalb des SGB V.

Damit können wir gemeinsam einen gesellschaftlichen Beitrag zur Stärkung der Prävention von Erkrankungen und zur Senkung von Behandlungskosten leisten. Zugleich sehe ich in der BVPG eine wertvolle Plattform, um die Bedeutung sowie die Qualität von Prävention und Gesundheitsförderung weiter zu befördern.“


Thomas Altgeld, Schatzmeister (1. Reihe, 4. v.l.), Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. (LVG & AFS):

„Die BVPG kann und soll sich als Sprachrohr für mehr Gesundheit entwickeln und sich verstärkt für „Health in All Policies“ einsetzen – ein Politikverständnis, das es bislang schwer hat in Deutschland, aber die meisten Gesundheitspotenziale heben kann.

Wenn Gesundheit als Querschnittsanforderung an unterschiedliche Sektoren – z.B. Wirtschafts-, Verkehrs-, Landwirtschafts- oder Bildungspolitik – definiert wird und nicht nur teure Versorgung im Krankheitsfall organisiert wird mit einer kleinen Nebenspielwiese Prävention, dann lässt sich gesundheitliche Chancengerechtigkeit herstellen.“


Prof. Dr. Gudrun Faller, Beisitzerin (2. Reihe, 1. v. l.), Professorin für Kommunikation und Intervention im Kontext Gesundheit und Arbeit an der Hochschule für Gesundheit Bochum (hsg Bochum):

„Die BVPG zu erhalten und zu verbessern das Potenzial, sich gemeinsam mit ihren Mitgliedsorganisationen dafür einzusetzen, dass mehr gesundheitliche Chancengleichheit verwirklicht wird und die Kräfte in diesem Sinne gebündelt werden.

Als Gesundheitswissenschaftlerin ist es mir wichtig, diese Belange im Vorstand zu vertreten und die BVPG mit meinem Fachwissen, meinen Forschungserfahrungen und meiner Methodenkompetenz zu unterstützen.“


Dr. Mischa Kläber, Beisitzer (2. Reihe, 2. v. l.), Ressortleiter für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement beim Deutschen Olympischen Sportbund e.V. (DOSB):

„Durch meine langjährige Arbeit im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention sowohl in der Wissenschaft als auch im DOSB ist es zugleich zu meiner ganz persönlichen Mission geworden, Menschen in Bewegung zu bringen und besonders die Strukturvoraussetzungen für Gesundheitsförderung und Prävention zu verbessern.

Folglich ist mir – ganz im Sinne des Präventionsgesetzes – insbesondere an deutlich mehr Kooperation, Koordination und Vernetzung der relevanten Akteure bzw. Organisationen gelegen. Gemeinsam bringen wir Deutschland in Bewegung und sorgen für eine noch bessere Zusammenarbeit in der Gesundheitsförderung und Prävention!.“


Christine Kreider, Beisitzerin (2. Reihe, 3. v. l.), Referentin für Prävention bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS):

„Prävention ist erst dann richtig gut, wenn wir zusammen daran arbeiten und sie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstehen. Die BVPG bietet hierfür eine hervorragende Plattform. Gerade hinsichtlich verhältnispräventiver Bemühungen gibt der Verein den idealen Rahmen, um gemeinsam und somit stärker auftreten zu können.“


Dr. Andrea Lambeck, Beisitzerin (3. Reihe 1. v. l.), Geschäftsführerin BerufsVerband Oecotrophologie e.V. (VDOE):

„Gerne möchte ich den BVPG-Vorstand dabei unterstützen, die Mitglieder und Kooperationspartner aus Praxis, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zielgerichtet und im Sinne des optimalen Ressourceneinsatzes zu vernetzen, nicht nur im Bereich der Ernährung, sondern in allen Handlungsfeldern der Prävention und Gesundheitsförderung.

Hier sehe ich ein großes Potenzial für Synergien, welches ich gerne für die BVPG und ihre Mitglieder nutzen möchte, um letztlich weitere Strukturverbesserungen im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland zu erreichen.“


Sieglinde Ludwig, Beisitzerin (3. Reihe, 2. v. l.), Leiterin der Abteilung Gesundheit und Leiterin des Fachbereichs Gesundheit im Betrieb bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung e.V. (DGUV):

„Mir liegt es am Herzen, Prävention und Gesundheitsförderung gesamtgesellschaftlich voranzubringen, die Qualität der Gesundheitsförderungsmaßnahmen zu sichern sowie eine Kultur der Prävention in den verschiedenen Settings (KiTa‘s, Schulen, Berufsschulen, Hochschulen, Kommunen, Betrieben usw.) auf- bzw. auszubauen.

Es sollte – gerade vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Situation – wieder mehr Miteinander geben. Nur gemeinsam können wir nämlich das Ziel „Health in All Policies“ verwirklichen; und hierzu möchte ich mit der BVPG einen Beitrag leisten.“


Dr. Ute Teichert, Beisitzerin (3. Reihe, 3. v. l.), Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf; Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V. (BVÖGD):

„Prävention und Gesundheitsförderung sind als gesetzliche Aufgaben an kommunalen Gesundheitsämtern verankert. Sie haben direkten Zugang zu verschiedenen Lebenswelten, wie Kindertagestätten und Schulen, aber auch zu medizinischen Einrichtungen. Eine bessere Verzahnung verschiedener Akteure vor Ort erscheint mir sinnvoll.

Dabei spielt die BVPG eine wesentliche Rolle, da sie als bundesweit übergreifende Organisation multiprofessionell und auch sektorenübergreifend aufgestellt ist und damit wichtige Initiativen starten kann.

Durch mehrere Kooperationsveranstaltungen in den letzten Jahren zwischen der BVPG und der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen konnten bereits erste Impulse in diese Richtung gesetzt werden.“


Dr. med. Gabriele Windus, Beisitzerin (3. Reihe, 4. v. l.), Leiterin des Referats Gesundheitsförderung, Humangenetik, Arzneimittel, Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung :

„In die Vorstandsarbeit für die BVPG möchte ich meine Erfahrungen in der Gesundheitsverwaltung bzw. Politikberatung einbringen. Gesundheitsförderung benötigt neben Committment und guten Ideen vor allem verlässliche Kooperationsstrukturen und Netzwerke, damit verbindliche Absprachen auch effizient greifen und für erfolgsversprechende Vorhaben genutzt werden können.“

Primär- und Sekundärprävention gerade der nicht übertragbaren Krankheiten sind mit kurzfristigen Anstrengungen nicht wirksam zu leisten. Dies kommt besonders zum Tragen, wenn aktuelle dramatische Ereignisse wie derzeit die Pandemie viele andere Probleme in den Hintergrund drängen. Gezielte Ansprache der richtigen Adressaten und mit ganzheitlichem Blick vorbereitete politisch tragfähige Vorschläge sind mein persönliches Anliegen.“


Lesen Sie dazu auch:

Weitere Informationen zum BVPG-Vorstandsteam erhalten Sie hier.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies, Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung (BVPG) ist ein gemeinnütziger, politisch und konfessionell unabhängiger Verband. 133 Organisationen sind zur Zeit Mitglieder der BVPG, darunter vor allem Bundesverbände des Gesundheitswesens, aber auch Sozial- und Wohlfahrtsverbände und Bildungseinrichtungen und Akademien, die einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung aufweisen. Die BVPG ist „Brückeninstanz“ zwischen den Kooperationspartnern aus Praxis, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik und ab 2016 gemäß § 20e (2) des Präventionsgesetzes mit der Durchführung des Präventionsforums beauftragt.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt PsycheOffensive Psychische Gesundheit: #OffenheitHilft!

Im Oktober hat die Bundesregierung die Offensive Psychische Gesundheit (OPG) gestartet. Beteiligt sind das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und das Bundesministerium für Gesundheit. Ziel der Offensive ist es, die psychische Gesundheit in allen Lebensbereichen zu stärken: durch mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Belastungen und durch frühzeitige Hilfe über eine stärkere Vernetzung der Unterstützungs- und Hilfsangebote.

Warum dringender Handlungsbedarf besteht und wie die Umsetzung gelingen kann, erläutern die BVPG-Mitgliedsorganisationen: der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP), Vizepräsidentin Annette Schlipphak; die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), Präsident Dr. Dietrich Munz; die Deutsche Gesellschaft für Psychologie e.V. (DGPs), Präsident Prof. Dr. Markus Bühner und die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V. (DGVT), ehemaliges Vorstandsmitglied Prof. Dr. Bernd Röhrle.

Was ist das Besondere an der Offensive Psychische Gesundheit aus Sicht Ihrer Institution?

Annette Schlipphak, BDP: Das Besondere an der Offensive Psychische Gesundheit ist, dass sie explizit dazu dient, dass der gesellschaftliche Umgang mit psychischen Belastungen offener wird und auch die weichen Faktoren im Arbeitsalltag offen angesprochen werden. Dabei wird deutlich, dass nicht der Fokus auf die oder den Einzelnen zu einer Lösung führt, sondern ein systemischer und organisatorischer Ansatz zur Gestaltung gesunder Arbeit entscheidend ist. Damit bietet die Offensive eine Chance, nicht nur psychische Belastungen zu entstigmatisieren, sondern auch die Rahmenbedingungen von Arbeit als Einflussfaktoren auf psychische Gesundheit zu beleuchten.

Dr. Dietrich Munz, BPtK: Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt sind noch immer erheblich unterschätzt. Dabei kosten sie jährlich Milliarden Euro an Lohnfortzahlung und Krankengeld. Gerade in der Arbeitswelt gelten psychische Erkrankungen jedoch noch häufig als Leistungs- und Willensschwäche. Es fehlt ein offener und zugewandter Umgang mit psychisch belasteten Kolleginnen und Kollegen. Die Angst vor Stigmatisierung verhindert noch zu oft, dass psychische Beschwerden eingestanden werden und Hilfe in Anspruch genommen wird.

Genau hier setzt die Offensive Psychische Gesundheit an. Als breites Bündnis will sie den Umgang mit psychischen Belastungen normalisieren. Dies ist essenziell, denn Offenheit im Umgang mit psychischen Beschwerden ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Betroffene Hilfe in Anspruch nehmen. Doch dies allein reicht noch nicht aus. Grundlegend ist, dass Betroffene wissen, welche Unterstützung für sie in Betracht kommt. Hierfür braucht es eine enge und transparente Verzahnung von Hilfsangeboten, die nur dadurch entstehen kann, dass alle Player im Bereich der Prävention mit Expertinnen und Experten für psychische Gesundheit eng zusammenarbeiten. Die Offensive Psychische Gesundheit schafft diese bisher einmalige Kooperationsplattform.

Prof. Dr. Markus Bühner, DGPs: Psychische Störungen sind noch zu oft stigmatisiert, das Wissen über sie und wirksame Behandlungsformen in der Allgemeinbevölkerung ist begrenzt. Durch die gemeinsame Initiative dreier Bundesministerien kann die Bevölkerung effektiv erreicht und informiert werden. Außerdem können Behandlungsangebote und Zugangspfade besser gebündelt werden.

Die Zusammenarbeit der drei Ressorts ist aus unserer Sicht von zentraler Bedeutung, da so die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Lebensbereichen sichtbar gemacht werden. In der Praxis mangelt es häufig an der Betrachtung des gesamten Systems und wie sich Belastungen aus einem Bereich (z. B. der Arbeit) auf einen anderen auswirken (z. B. die Familie). Bedeutsam ist auch die breite Beteiligung von Akteuren des Gesundheitswesens, der Versorgung und der Wissenschaft: Dies ist ein wichtiges Zeichen, unterstreicht die Bedeutung der Thematik und wird sicher zum Erfolg der Offensive beitragen.

Prof. Dr. Bernd Röhrle, DGVT: Die Initiative ist insgesamt begrüßenswert, weil sie neben der bislang im Vordergrund stehenden physischen Gesundheit endlich der psychischen Gesundheit einen entsprechenden Stellenwert einräumt. Erfreulich ist dabei, dass nicht mehr nur an die Vermeidung psychischer Krankheiten gedacht wird, sondern auch die individuellen, kollektiven und verhältnisorientierten Risiken, aber auch die vielfältigen Formen des Wohlbefindens in ihrer Bedeutung erkannt werden.

Nicht zuletzt wird damit unausgesprochen mitgedacht, dass man dem Problem der psychischen Störungen nicht allein kurativ begegnen kann, um individuelles, kollektives Leid und auch wirtschaftliche Folgekosten in den Griff zu bekommen. Durch die salutogene Orientierung der Initiative ist zugleich ein Beitrag geleistet, der ein gesellschaftlich und individuell getragenes, respektvolles Zusammenleben fördern kann.


Warum spielt die Prävention eine entscheidende Rolle bei der Stärkung der psychischen Gesundheit – und inwiefern gerade jetzt in der Corona-Pandemie?

BDP: Psychische Gesundheit wird von vielen Faktoren beeinflusst. Durch die Pandemie werden bei vielen Menschen gewohnte Muster und Abläufe geändert: Homeschooling, Mobiles Arbeiten, Kurzarbeit, Angst vor Arbeitslosigkeit, Unsicherheit über das, was kommt. Diese Faktoren wirken sich auch auf das Verhalten am Arbeitsplatz bei Führungskräften und Beschäftigten aus. Auch unabhängig von Corona ist gesunde Arbeit im beruflichen Kontext die beste Prävention. Gerade jetzt in der Zeit der Pandemie sollte über die Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung genau analysiert werden, wo die Belastungs- und Beanspruchungsfaktoren liegen. Gute Präventionsarbeit wird letztlich dazu beitragen, dass die Menschen die Pandemie besser bewältigen können.

BPtK: Die Corona-Pandemie ist ein Paradebeispiel für das Potenzial von Präventionsmaßnahmen. Doch diese dürfen sich keinesfalls nur auf die körperliche Gesundheit beschränken. Denn die Pandemie stellt unsere Selbstheilungskräfte vor außergewöhnliche Herausforderungen. Je länger Krisen andauern, desto eher sind die psychischen Widerstands- und Regenerationskräfte überfordert und es kann zu psychischen Erkrankungen kommen.

Viele Menschen sind momentan unsicher, verängstigt und niedergeschlagen. Dies sind normale Reaktionen auf belastende Ereignisse. Doch diese Belastungen sind nicht gleich verteilt. Manche Menschen sind körperlich vorerkrankt und deshalb durch das Virus besonders gefährdet. Manche trifft die Pandemie härter, weil sie selbst oder Angehörige erkrankt sind oder weil sie beruflich ständigen Kontakt mit Erkrankten haben. Andere müssen vor allem mit dem Wegfall gewohnter Tagesstrukturen und Betreuungs- und Pflegeangebote klarkommen.

Im Moment ist es klarer denn je, dass wir langfristig für ein Leben mit dem Virus planen müssen. Um gefährdete Personengruppen vor den negativen psychischen und sozialen Konsequenzen der Pandemie zu schützen, müssen passende Schutz- und Präventionskonzepte entwickelt und flächendeckend implementiert werden.

DGPs: Wir betrachten Prävention zur Stärkung psychischer Gesundheit aus einer ganzheitlichen Perspektive. Maßnahmen sollten in allen Lebensbereichen, in beruflichen wie in privaten, ansetzen. Durch die Auswirkungen der Pandemie sind breite Bevölkerungsanteile zunehmend chronischem Stress ausgesetzt. Chronische Stressoren sind einer der wichtigsten Treiber für die Entstehung psychischer Störungen. Daher sollten wir zur Prävention psychischer Störungen in Folge der Corona-Krise zum Beispiel niederschwellige Hilfsangebote anbieten.

Dabei ist es wichtig, Familien in den Blick zu nehmen. Fünfzig Prozent aller psychischen Störungen beginnen vor dem 14. Lebensalter und 75 Prozent vor dem 24. Lebensjahr. Das heißt, es hat den bestmöglichen Effekt, wenn Belastungen frühzeitig reduziert werden. Aus der Forschung zu Familien mit psychischen Erkrankungen wissen wir, dass die transgenerationale Weitergabe psychischer Störungen ein Hauptfaktor für die Entwicklung psychischer Erkrankungen ist. Insofern ist die Unterstützung von Eltern und Familien insbesondere in Zeiten von Homeoffice, Homeschooling und von Kontakteinschränkungen von herausragender Bedeutung.

DGVT: Dass diese Offensive bewusst oder auch zufällig in Coronazeiten gestartet wird, ist umso erfreulicher, weil damit nochmals mehr verdeutlicht wird, dass sich die Gefahren für die psychische Gesundheit von vielen mit der Pandemie einhergehenden Begleitumständen und schon vorab bestandenen Risiken und kollektive Belastungen verschärfen. Damit wird einmal mehr die Bedeutung verhältnisorientierter Prävention betont. Die DGVT hat zusammen mit dem German Network for Mental Health schon im Frühjahr in einem Statement festgehalten, welche Auswirkungen die Pandemie direkt, aber auch vermittelt durch eine Vielzahl von gesellschaftlichen Kräften auf Menschen mit psychischer Erkrankung und gesunde Personen.

Inzwischen haben viele Forschungsergebnisse zu den psychischen und sozialen Folgen der Pandemie diese ersten Eindrücke bestärkt: Die Belastung vulnerabler, auch psychisch kranker Personen, aber auch die gesunder Menschen ist durch die Pandemie erheblich verstärkt. Sozial benachteiligte Personen trifft es besonders hart. Konflikte verschärfen sich, wie beispielsweise innerfamiliäre Gewalt, aber auch durch Verschwörungstheorien getragene soziale Spaltungen. Sozialpolitische Engpässe gefährden nicht nur COVID-19-Patientinnen und -Patienten, sondern auch ihre formellen und informellen Helferinnen und Helfer. Die Pandemie macht deutlich, dass sich Prävention nicht allein auf mikrosoziale Zusammenhänge konzentrieren darf, sondern einen Plan braucht, Katastrophen geordnet zu begegnen. Die Förderung der psychischen Gesundheit muss ein Teil eines entsprechend zukünftigen Rettungsplans sein.


Mit welchen Maßnahmen unterstützt Ihre Organisation als First Starter die Offensive?

BDP: Als Berufsverband vertritt der BDP Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die angestellt oder freiberuflich arbeiten. Die Offensive Psychische Gesundheit unterstützen wir von Anfang an und bringen uns mit unserer Expertise ein. Als FirstStarter legen wir den Fokus auf den Schwerpunkt gesunde Arbeit. Der BDP stellt Materialien und Handreichungen zu Arbeit und Gesundheit über die Webseite unseres Verbandes kostenfrei zur Verfügung. Zudem können über das Portal des Berufsverbandes Expertinnen und Experten für diese Themen gefunden werden.

BPtK: Als Bundeskammer vertreten wir 52.000 Psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten. Es ist unser Anliegen, eine ausreichende psychotherapeutische Versorgung im kurativen, präventiven und rehabilitativen Bereich sicherzustellen. Deswegen bemühen wir uns seit jeher um Kooperationen mit unterschiedlichen Beteiligten in diesen Bereichen, um auf eine Stärkung der psychischen Gesundheit – ein zentrales Ziel der BPtK – hinzuwirken.

Als First Starter unterstützen wir die Offensive Psychische Gesundheit von Anfang an. Wir tragen die Botschaft der Offensive aktiv mit und beteiligen uns an ihrer fachlichen Konzeption und Umsetzung. In die Fachdialoge der Offensive Psychische Gesundheit bringen wir unsere Fachexpertise zum Umgang mit psychisch belasteten und erkrankten Menschen ein. Essenziell ist es für uns, die Gesellschaft für psychische Belastungen und Erkrankungen zu sensibilisieren und einen frühzeitigen und niedrigschwelligen Zugang zu Unterstützungsangeboten zu gewährleisten. Hierfür machen wir uns seit Jahren stark.

DGPs: Die DGPs vertritt Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die in akademischen Berufen arbeiten. Hierzu zählen auch die universitären Hochschulambulanzen, die jährlich mehr als 50.000 Patientinnen und Patienten ambulant psychotherapeutisch versorgen. Unsere Einrichtungen leisten damit einen bedeutsamen Beitrag zur Entwicklung und Evaluation innovativer Psychotherapien, aber auch zur Patientenversorgung.

Sehr gerne bringen wir unsere klinische und wissenschaftliche Kompetenz in die Offensive ein. Auch auf dem Gebiet der Gestaltung und Evaluation von Präventionskampagnen bringen wir unsere Expertise mit ein. Die DGPs hat gleich zu Beginn der Pandemie gemeinsam mit ihren Mitgliedern eine Website zur psychologischen Coronahilfe erstellt. Diese Seite bietet für die Zielgruppen Kinder, Jugendliche, Familien, Erwachsene und Personen im Versorgungssystem Hilfestellungen. Im Rahmen dieser Initiative wurde auch das Projekt „Familien unter Druck“ entwickelt für das Franziska Giffey die Schirmherrschaft übernommen hat und das Teil der Offensive ist. In kurzen animierten Trickfilmen, deren Charakteren Prominente ihre Stimme geliehen haben, werden evidenzbasierte Tipps zum Umgang mit Belastungen gezeigt.


Was erhoffen Sie sich aus der Arbeit der Offensive – auch in Hinblick auf die Corona-Pandemie?

DGVT: Begrüßenswert ist die durch die Offensive vorgeschlagene Liste von präventiv bedeutsamen Hilfemöglichkeiten. Angesprochen wird dabei vornehmlich die berufliche und familiäre Welt. Nicht thematisiert werden allerdings andere gesellschaftliche Bereiche und Institutionen, wie die Welt der Ausbildung, der sozialen Netzwerke, Selbsthilfegruppen (mit Ausnahme der Betroffenenorganisationen), von Verbänden und Parteien.

Sich auf Beratungsangebote zu konzentrieren, kann nicht genügen, da in diesem Bereich der kurative Anteil überwiegt und wenig Platz für präventive Angebote bleibt. Für eine Vielzahl von kritischen Lebensereignissen gibt es in den Beratungsstellen und darüber hinaus zu wenig präventiv bedeutsame Angebote, wie z. B. für Kinder psychisch kranker Eltern. In gleichem Maße fehlt es auch an störungsspezifischen Angeboten wie beispielsweise Hilfen für Menschen, die zu Angststörungen, Depression, Essstörungen, Psychosen etc. neigen. Hier ist eine Verbesserung dringend erforderlich.


Die Fragen stellte Linda Arzberger, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies, Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Annette Schlipphak | Vizepräsidentin des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V.; Personalentwicklung; Betriebliches Gesundheitsmanagement; Coaching; Arbeitsschwerpunkte: Gesundheit und Arbeit, Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung; Diplom-Psychologin.

Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP) vertritt die beruflichen Interessen der niedergelassenen, selbstständigen und angestellten/beamteten Psychologinnen und Psychologen aus allen Tätigkeitsbereichen. Als anerkannter Berufs- und Fachverband ist der BDP Ansprechpartner und Informant für Politik, Medien und Öffentlichkeit in allen Fragen der beruflichen Anwendung von Psychologie und Psychotherapie.

Dr. rer. nat. Ernst Dietrich Munz | Präsident des Vorstandes der Bundespsychotherapeutenkammer; Präsident der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg; Diplom-Psychologe, Diplom-Physiker, Psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalyse; Psychotherapeut an der Sonnenberg Klinik gGmbH in Stuttgart; Dozent am Psychoanalytischen Institut Stuttgart e.V.

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) ist die berufspolitische Vertretung der momentan rund 52.000 Psychologischen Psychotherapeut*innen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen in Deutschland. Als diese ist es ihr Anliegen, eine ausreichende psychotherapeutische Versorgung der Bevölkerung im kurativen, präventiven und rehabilitativen Bereich sicherzustellen.

Prof. Dr. Markus Bühner | Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie; seit 2011 Lehrstuhlinhaber der Professur für Psychologische Methodenlehre und Diagnostik an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Er forscht zur Vorhersage von Persönlichkeitseigenschaften durch mobile Daten, zur Vorhersage von Ausbildungs- und Berufserfolg durch Persönlichkeitstests, Leistungstests, Assessment-Center-Übungen und strukturierten Interviews sowie Auswirkungen der Fragenformulierung auf psychometrische Eigenschaften eines Fragebogens.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie e.V. (DGPs) ist die Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen. Die über 4.800 Mitglieder der DGPs erforschen das Erleben und Verhalten des Menschen. Sie publizieren, lehren und beziehen Stellung in der Welt der Universitäten, in der Forschung, der Politik und im Alltag.

Prof. Dr. Bernd Röhrle | Professor für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Gemeindepsychologie i.R., Supervisor, Psychotherapeut, Leiter des German Network for Mental Health (GNMH), Schwerpunkt seiner politischen und wissenschaftlichen Tätigkeiten: Prävention psychischer Störung und Förderung psychischer Gesundheit.

Die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V. (DGVT) ist mit rund 9.880 Mitgliedern der größte verhaltenstherapeutische Fachverband in Europa. Seit 1968 tritt die DGVT für eine bedarfsgerechte psychosoziale und psychotherapeutische Versorgung ein. Zum DGVT-Verbund gehört die DGVT-AusbildungsAkademie, der DGVT-Berufsverband Psychosoziale Berufe (DGVT-BV) e.V., die DGVT- Fort- und Weiterbildung und der DGVT-Verlag.

Interview: Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Klima„Wir müssen uns wieder trauen, Gesundheitsförderung und Verhältnisprävention auf die Tagesordnung zu setzen“

Zwischen Klimawandel und Gesundheit besteht ein enger Zusammenhang. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Klimasekretariat der Vereinten Nationen (UNFCCC) haben sich gemeinsam verpflichtet, die gesundheitlichen Herausforderungen infolge steigender Temperaturen weltweit zu bewältigen. In Deutschland haben sich acht der elf extremen Hitzewellen seit 1950 nach dem Jahr 2000 ereignet.
Städte und Kommunen haben hierzulande einen großen Einfluss darauf, Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten ihrer Bewohnerinnen und Bewohner zu initiieren und zu verankern – das gilt auch für den Klimaschutz. Auch der 8. gemeinsame Präventionskongress des Bundesministeriums für Gesundheit und der BVPG stellte unter dem Motto „Prävention und Gesundheitsförderung vor Ort – Gestaltungsspielräume erkennen und nutzen“ die besondere Bedeutung und die Möglichkeiten der Kommunen dar, die sie in Bezug auf gesundheitsfördernde Stadtentwicklung hat.
Was zeichnet eine klimaresiliente Stadt- und Regionalentwicklung aus? Welche Unterstützung bietet dabei das Gesunde Städte-Netzwerk? Welchen Einfluss hat die COVID-19-Pandemie? Diese Fragen beantwortet Dr. Hans Wolter, bundesweiter Koordinator des Gesunde Städte-Netzwerks.

Wo kann eine gesundheitsfördernde Stadtentwicklung ansetzen, um die gesundheitlichen Folgen der Klimaerwärmung auf die Gesundheit der Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt zu minimieren? Wo wurden bereits erfolgreiche Strategien entwickelt?

In der Stadt- und Regionalentwicklung werden seit über zehn Jahren mit sehr viel Engagement auf fachlicher und bürgerschaftlicher Ebene kommunale Klimaschutzkonzepte entwickelt. Beispielsweise in Berlin, Frankfurt am Main, Dresden, Heidelberg, München und Münster. Aber nicht nur in Großstädten, sondern ebenso in mittleren Städten wie Rheine und im ländlichen Raum wie in den Kreisen Marburg-Biedenkopf und Paderborn und in der GesundRegion Wümme-Wieste-Niederung in Norddeutschland. Allesamt sind dies Mitglieder des Gesunde Städte-Netzwerkes.

Kommunen, Städte und Kreise sind sehr wichtige Vorbereiter und Organisatoren für Energieeinsparung, Co2-freie Energieerzeugung, faire Mobilitätskonzepte, den Erhalt der Biodiversität und einer regional basierten Ernährungsweise. Daran setzen Stadt- und Kreisentwicklung an. Oft erfolgreich, weil sie am ehesten in der Lage sind, Hand in Hand mit Initiativen und freiwillig engagierten Bürgerinnen und Bürgern auch kleinteilige, aber hocheffektive Maßnahmen in den genannten Bereichen für ein besseres Klima zu ergreifen.


Gibt es hemmende Faktoren?

Die gesundheitlichen Auswirkungen der globalen Erwärmung konnten bisher nicht ausreichend berücksichtigt werden. Dafür fehlen Erkenntnisse und eingeübte Verhaltensweisen auch bei kommunalen Fachleuten, um die Frage zu beantworten, wie mit den Zielkonflikten zwischen Gesundheit einerseits und ökonomisch und technisch effizienten Entwicklungen andererseits bei der Implementierung der Pläne umzugehen ist. Die Gretchenfrage lautet: Wie gut arbeiten Fachverwaltungen und Gesundheitsexperten und Gesundheitsexpertinnen zusammen?


Wie unterscheiden sich die Ansätze für den städtischen und ländlichen Raum?

Während in städtischen Räumen bei dem Trend zu mehr innerörtlicher Verdichtung die Einschränkungen in der Durchlüftung ganzer Stadtviertel sowie eine hohe Luftverschmutzung, Lärm und andere Faktoren begünstigt werden können, werden im ländlichen Raum andere Stressoren sichtbar, die Gesundheit und Klima belasten: Die Methoden industrieller Landwirtschaft können Biodiversität, Boden- und Wasserqualität massiv gefährden. Der hauptsächlich auf den individuellen Kraftfahrzeugbetrieb abgestellte Verkehr erlaubt keine lebenslagengerechte Mobilität von alten und sehr jungen Menschen.

Im ländlichen Raum sind die Abwanderung und der Verlust von sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und nicht zuletzt gesundheitlichen Versorgungsstrukturen ein großes Thema. In den Städten sind es Luft, Lärm, Verkehrs- und Bebauungsdichte und in der jüngeren Vergangenheit die Hitzewellen ohne ausreichenden Schutz durch Grün und Bäume.

Deshalb werden Gesundheitsversorgung und die Lebensqualität von Ortsansässigen sowie Pendelnden zum Anknüpfungspunkt von Präventions- und Gesundheitsförderungskonferenzen in den Kreisen. Es entstehen gemeindenahe Initiativen für sozialen Zusammenhalt und Selbsthilfe in den verschiedenen Lebenslagen. Im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung sind zum Beispiel Biodiversitätsinitiativen, bekannt unter dem Namen „Kommunen für biologische Vielfalt“, entstanden, die einen Handlungsdruck über die Kommunen hinaus erzeugen.

Die Trennung zwischen Stadt und Land ist immer bedeutungsvoller geworden für die Gesundheit. Im Gesunde Städte-Netzwerk leisten wir ein Beitrag dafür, dass die Menschen in Stadt und Land mehr darüber lernen, mit welchen Herausforderungen die jeweils anderen zu tun haben.


Welche Personengruppe trifft die Klimaerwärmung in Deutschland am härtesten? Wie kann hier präventiv und gesundheitsförderlich gearbeitet werden?

Die Maßnahmen zum Schutz älterer Menschen gehören spätestens seit dem Auftreten verheerender Hitzewellen seit dem Jahr 2003 zum Regelkanon der gesundheitlichen Information der Gesundheitsämter. Von Bedeutung dabei ist insbesondere eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Umwelt- und Verbraucherschutzämtern, Einrichtungen der Altenpflege und Altenbetreuung, Stadtwerken sowie Vereinen. Hitzeschutzmaßnahmen und Hitzeaktionspläne gibt es beispielsweise in Stuttgart, München, Köln und – um den Blick über den Kirchturm hinaus zu richten – in Wien, Mitglied des Gesunde Städte-Netzwerks in Österreich.

Dasselbe gilt im Hinblick auf die Lebenssituation der Kinder. Die Belastung ihrer Gesundheit durch die Folgen des Klimawandels ist an sich seit langem gut bekannt. Zunahme von Hitze, UV-Strahlung, Luftschadstoffen und eine längere und veränderte Pollensaison sind ernste Belastungen für die kindliche Entwicklung. Zahlreiche Projekte und Maßnahmen von Kitas und Grundschulen zeugen davon, dass die Probleme erkannt und Hilfen angeboten werden.


Was können Städte, Kreise und Gemeinden außerdem tun?

Sie können eine zielgerichtete Öffentlichkeitsarbeit machen, um die Aufmerksamkeit für Gefährdungen zu erhöhen. Es sind die Kommunen, die eine gesundheitsfördernde Multiplikatorenarbeit von Fachkräften, aber auch von engagierten Laien in Vereinen und Initiativen organisieren können. Auf diese Weise wird die Gesundheitskompetenz in unterschiedlichen Alltags- und Lebenssituationen wirkungsvoll unterstützt. Unsere Erwartung dabei ist, dass durch die Beteiligung der Menschen auch eine Veränderung der Umwelt-, Wohn- und Verkehrsverhältnisse in Quartieren und Gemeinden gefördert werden kann. Die Hoffnung dabei ist, dass über die Verbesserung der Verhaltensprävention auch eine Veränderung der Umwelt-, Wohn- und Verkehrsverhältnisse in Quartieren und Gemeinden gefördert werden kann.

Wichtig war und ist, dass kommunale Gemeinschaftsinitiativen entstehen, die in die Lebenswelten hineinwirken können. Bundesweite Kampagnen helfen nur bedingt. Beispielsweise sind die Konzepte des Umweltbundesamtes unter dem Gesichtspunkt der Gesundheitsförderung und Verhältnisprävention sehr gut, benötigen aber eine effiziente Umsetzung in jedem der 16 Bundesländer. 


Welchen Beitrag leistet das Gesunde Städte-Netzwerk?

Das Gesunde Städte-Netzwerk versucht seine Mitglieder über die bundesweiten Fachdiskussionen und Empfehlungen zur Klimaerwärmung bestmöglich zu informieren. Zudem setzen wir auf eine gute Gesundheitskommunikation zwischen Experten und Laien auch vor Ort. Wichtig ist dabei vor allem eine nachhaltige, also eine verhältnisgestützte Verhaltensprävention. Die Pandemie derzeit zeigt die Notwendigkeit dafür sehr deutlich.

Das Gesunde Städte-Netzwerk ist Teil der europaweiten Healthy Cities-Bewegung, die durch die Weltgesundheitsorganisation initiiert wurde. Das Netzwerk versteht sich selbst als strategische Lernplattform zur Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung. Es will einen verständlichen und glaubwürdigen Beitrag zum kommunalen Strukturaufbau in Sachen Gesundheit und Lebensqualität leisten. Kommunale Akteure gewinnen hier Kompetenzen und Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Kommunen.

Dazu passt übrigens, dass das Gesunde Städte-Netzwerk unabhängig arbeitet, also ohne Bundes- und Landeszuschüsse. Es finanziert sich ausschließlich aus den jährlichen Dienstleistungspauschalen der Mitgliedskommunen. Aktionsfähig wird es durch die Bereitstellung personeller Ressourcen, die ebenfalls von den Mitgliedskommunen kommen. Dazu gehören insbesondere die Gesunde Städte-Koordinatorinnen und -Koordinatoren jeder Kommune, das derzeit von der Stadt Frankfurt am Main gestellte Gesunde Städte-Sekretariat, die kommunalen Kompetenzzentren in acht Städten und fünf regionale Netzwerke.


Welche Themen stehen aktuell im Fokus?

Die Vielzahl der Gesundheitsförderungsthemen in den 88 Mitgliedskommunen macht immer wieder eine fachpolitische Standortbestimmung erforderlich. Aktuell ist das die Fokussierung auf die Folgen der globalen Erwärmung für Gesundheit und Lebensqualität. Gute Praxisbeispiele wie Klimaschutzkonzepte und Hitzeaktionspläne der einzelnen Kommunen werden im Netzwerk kommuniziert und inhaltliche Positionen für Stellungnahmen auf Bundes- und Landesebene formuliert.        

Das Besondere am Gesunde Städte-Netzwerk ist, dass über die Mitgliedskommunen lokale Gesundheitsinitiativen und Selbsthilfegruppen im Leitungsgremium, dem sogenannten Sprecherinnen und Sprecherrat, und bei den Mitgliederversammlungen paritätisch vertreten sind. Damit lässt sich eher Anschluss gewinnen an den Bewusstseinswandel in der ganzen Gesellschaft, der sich durch die Klimaerwärmung beschleunigt hat.

Bei vielen Bürgerinnen und Bürgern hat das Wissen um die gesundheitlichen Auswirkungen des eigenen Lebensstils, aber auch um die Gefahren durch menschliche Eingriffe in die Natur deutlich zugenommen. Wir sehen das am Entstehen der Netzwerke zur Ernährungs- und Agrarwende in Städten, sogenannte Ernährungsräte, ebenso wie an den Demonstrationen von Fridays for future und vielen freiwilligen Initiativen für mehr Zusammenhalt und Mobilität in kleineren Gemeinden, mit denen das Gesunde Städte-Netzwerk und seine Mitgliedskommunen kooperieren.


Im Zusammenhang mit Krisen wird auch oft von einem „Window of Opportunity“ gesprochen: Bietet die Corona-Pandemie eine Chance für eine gesundheitsförderliche Stadt- und Quartiersentwicklung?

Es bieten sich dann Chancen, wenn der Blick für Benachteiligungen ganzer Bevölkerungsgruppen geschärft wird. Das ist nach meinem Eindruck aktuell auch der Fall.

Denn die Verbesserung der Wohn-, Lebens- und Ernährungsbedingungen  – wie beispielsweise der Beschäftigten im Niedriglohnsektor, älteren Menschen mit Pflegebedarf und Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, Geflüchteten und Wohnungslosen – ist nach allen Erkenntnissen der Coronakrise ein effektiver Infektionsschutz und nicht die Bemühungen um individuelle Gesundheitskompetenzen. Darauf können Stadt- und Quartiersentwicklung bei Planungen in Zukunft hinweisen.

Zu erwarten ist dann auch, dass sozialräumliche Strategien in Settings für Gesundheitsförderung und Verhältnisprävention von Stadtentwicklern und Stadtplanern schneller verstanden und angewendet werden können und auch als Unterstützung für eigenes fachliches Handeln begriffen werden.

Voraussetzung ist, dass Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft ein gemeinsames Interesse dafür entwickeln, bereichsübergreifende Strukturen und Verhaltensweisen zuzulassen. Insbesondere müssen alle wieder lernen, sich zu trauen, Gesundheitsförderung und Verhältnisprävention auf die Tagesordnung zu setzen!


Die Fragen stellten Linda Arzberger und Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies, Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Dr. Hans Wolter | Politikwissenschaftler; bundesweiter Koordinator des Gesunde Städte-Netzwerks seit 2015; Mitarbeiter der Stadt Frankfurt am Main seit 1991; Mitglied des bundesweiten Arbeitskreises Migration und öffentliche Gesundheit; Mitglied des Beirats des nationalen Forschungsverbundes PartKommPlus. Arbeitsschwerpunkte: Kommunalpolitik, interkulturelle Gesundheitsförderung, kommunale Unterstützung sozialer Selbsthilfeformen; öffentlicher Gesundheitsdienst.

Die Wurzeln des Gesunde Städte-Netzwerks (GSN) liegen in der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung. Das Netzwerk wurde 1989 in Frankfurt am Main von zehn Gründungsstädten und einem Kreis offiziell ins Leben gerufen. Heute gehören dem Netzwerk 88 Städte, Kreise und Gemeinden mit einer Bevölkerung von über 24 Millionen Menschen. Für die Zugehörigkeit zum Netzwerk ist ein formaler Beschluss der jeweiligen kommunalen Volksvertretung erforderlich. Dieser umfasst auch die Zustimmung zum 9-Punkte-Programm des GSN und den Zielen der WHO für Gesunde Städte-Politik. 


Interview: Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt COVID-19„Gesundheitsfördernde Strukturen sind auch in Krisenzeiten handlungsfähig“

Gesellschaftlich Benachteiligte leiden häufiger an chronischen Erkrankungen und haben somit ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19. Zudem kommen sie wahrscheinlich häufiger mit dem Virus in Kontakt und sind ungleich stärker von den Maßnahmen zum Infektionsschutz betroffen. Die Corona-Pandemie droht also, die bestehenden sozialen Ungleichheiten zu verschärfen. Welchen Einfluss hat die Pandemie auf die gesundheitlichen Ungleichheiten? Was bedeutet das für die Arbeit in den Landesvereinigungen für Gesundheit? Diese Fragen beantwortet Thomas Altgeld, Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. und BVPG-Vorstandsmitglied. Auf den BVPG-Statuskonferenzen und gemeinsamen Präventionskongressen des Bundesministeriums für Gesundheit und der BVPG war Herr Altgeld als Moderator und Referierender tätig.

Welche Herausforderungen ergeben sich durch COVID-19-Pandemie für die Unterstützung vulnerabler Zielgruppen?

Bevor ich zur eigentlichen Antwort auf die Frage komme, finde ich auch es wichtig zu erwähnen, dass die COVID-19-Pandemie in Deutschland auch die unmittelbare Folge einer globalisierten Wirtschaft ist. Den Virus nach Deutschland getragen haben die Mitarbeitenden von Unternehmen, Urlaubende, die nach Asien gereist sind, auf Kreuzfahrtschiffen oder im Skiurlaub unterwegs waren. Also alles Menschen, die nicht sozial benachteiligt sind. Bei den notwendigen, wahrscheinlich erfolgreichen Bekämpfungsmaßnahmen der Pandemie ist dann schon die Verordnung, zuhause zu bleiben für die laut Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. etwa 650.000 Obdachlosen in diesem Land per se unerfüllbar gewesen.

Das gesamte Maßnahmenbündel inklusive des Homeschoolings ist von besser gestellten Gruppen mit einen höheren Bildungsniveau in größeren, komfortableren Wohnungen einfacher zu bewältigen gewesen. Auch hat die Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit viel mehr Berufstätige aus dem Billiglohnsektor etwa in der Gastronomie, Reinigung oder Taxigewerbe häufiger getroffen. Die Hotspots des Virus werfen aktuell auch einen erschütternden Eindruck auf die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie, in der modernes Sklaventum mit Werkverträgen und Massenunterkünften gepflegt wird. Die Politik hat mit dem Verbot von Werkverträgen eine erste Schlussfolgerung aus den Missständen gezogen. Auch die anderen deutlich gewordenen Herausforderungen liegen eher auf der Ebene der Sozialpolitik als der Gesundheitsförderung. Mehr Chancengerechtigkeit im Bildungswesen, gerechtere Entlohnung und effektive, unbürokratische Hilfen für Menschen in Notlagen haben auch unmittelbare Gesundheitseffekte. Das ist auch eine Lehre aus der Pandemie.


Welche Rolle spielt in diesen Zusammenhang die Arbeit der Landesvereinigungen für Gesundheit(sförderung)?

Die Herstellung gesundheitlicher Chancengleichheit spielte schon bei der Vereinsgründung der ältesten Landesvereinigung, nämlich der in Niedersachsen, eine zentrale Rolle. 1905 ging es da um Tuberkuloseprophylaxe in den unzumutbaren Arbeitersiedlungen in Hannover. Auch heute ist gesundheitliche Chancengleichheit das Thema, das alle Landesvereinigungen vorantreiben, deshalb sind auch dort die Koordinierungsstellen Gesundheitliche Chancengleichheit angesiedelt. Diese haben aktuell vor allem die Unterversorgungslagen von vulnerablen Bevölkerungsgruppen, etwa Obdachlosen oder Menschen mit Migrationshintergrund deutlich gemacht, Transparenz über Hilfsangebote in der Coronakrise hergestellt und Lobbyarbeit im Bereich der Landespolitik betrieben. Außerdem wurden Angebote auf die veränderten Shutdown-Rahmenbedingungen hin angepasst.


Inwiefern ändern sich, bedingt durch COVID-19, die bisherigen Ansätze zur Unterstützung vulnerabler Zielgruppen?

Die müssen sich nicht grundsätzlich ändern. Schon jetzt entwickeln die Landesvereinigungen Angebote für vulnerable Gruppen nicht von oben herab als quasi Volksbeglückung, sondern im Dialog mit ihnen. Wir in Niedersachsen lehnen auch den Begriff der „Zielgruppe“ deshalb ab, weil immer besser gebildete und besser gestellte Bevölkerungsgruppen dann auf benachteiligte Gruppen „zielen“. Wer will schon gerne selbst eine „Zielgruppe“ von irgendwas oder irgendwem sein. Da diese Top-down-Konzepte so gut wie nie erfolgreich sind, weil sie nicht angenommen werden, wird dann zu allem Überfluss die Schuld dafür bei den Menschen selber abgeladen und sie auch noch als „schwer erreichbare Zielgruppen“ diffamiert.

Eine dialogisch orientierte Gesundheitsförderung in Lebenswelten, muss sich auch nach der Krise nicht verändern, da ist eher die Frage, über welche Kanäle der Dialog organisiert wird. Was die Pandemie aber deutlich gemacht hat, ist, wie Health-in-all-Policies möglich ist, wie ernst die Politik gesundheitliche Herausforderungen nimmt. Das weiter zu fordern, auch in Richtung mehr Verhältnisprävention bei den großen Suchtthemen wie Alkohol, Tabak, Glücksspiel und Ernährung, ist eher die Aufgabe der Landesvereinigungen als Lehre aus dem aktuellen Geschehen!


In welchen Bereichen zeigt sich, dass mit den bisherigen Strategien zur Stärkung der Gesundheitlichen Chancengleichheit erfolgreich gearbeitet wurde und man nun, in der Pandemie, die bisherige Arbeit gezielt und effektiv fortführen kann?

In den Lebenswelten, also in der gesundheitsfördernden Arbeit im Quartier und in der Kommune. Die Entwicklung integrierter Handlungskonzepte auf dieser Ebene in Form von Präventionsketten für nachwachsende Generationen ist zu einem zentralen Arbeitsfeld der Landesvereinigungen geworden im letzten Jahrzehnt. Diese Netzwerke vor Ort haben auch in Zeiten der Krise funktioniert. Wenn vor Ort weniger Parallelaktivitäten heterogener Akteurinnen und Akteure stattfinden und eine gemeinsame Zielstellung wie die der Stärkung des Wohlbefindens von Kindern und Jugendlichen verfolgt werden, sind die Strukturen auch in Krisenzeiten handlungsfähig und können schnell auf veränderte Herausforderungen reagieren.


Können Sie uns dazu Beispiele nennen?

Ein weiteres erfolgreiches Beispiel ist auch das vom GKV Bündnis für Gesundheit geförderte Projekt der Verzahnung von Gesundheits- und Arbeitsmarktförderung. Hier wird die gesundheitsfördernde Angebotsentwicklung für Langzeitarbeitslose in Jobcentern vorangetrieben. Die Arbeit der Jobcenter hat sich völlig verändert durch die Krise und so bitter das auch ist, sie ist jetzt kundenfreundlicher geworden, weil die ganzen Einbestellungen und das Sanktionsregime erst mal wegfallen. Anträge per Telefon zu stellen, war vorher undenkbar in diesem Kontext. Es wurden durch die Landesvereinigungen Gesundheitsförderungsangebote für Langzeitarbeitslose, die mit diesen entwickelt worden waren, digitalisiert. Die Resonanz auf die Angebote in Rheinland-Pfalz und Niedersachsen beispielsweise ist gut. Wahrscheinlich ist eine Folge der Pandemie sowieso ein Digitalisierungsschub in den Behörden, aber auch in der Gesundheitsförderung. Das macht ganze neue Angebotsstrukturen möglich.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt COVID-19: Interview mit Dr. med. Ute Teichert, Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf und Vorstandsmitglied der BVPG.

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Thomas Altgeld | Diplompsychologe, Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V; Vorsitzender des Bundesforum Männer – Interessenverband für Jungen, Männer & Väter; langjähriges Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V., Leiter der Arbeitsgruppe 7 „Gesundheit aufwachsen“ und Arbeitsgruppe 13 „Gesundheit rund um die Geburt“ von gesundheitsziele.de; Mitglied im Gesundheitsbeirat des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB); Arbeitsschwerpunkte: Systemische Organisationsentwicklung und -beratung, gesundheitliche Chancengleichheit, Männergesundheit.

Die Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e. V. (LVG & AFS) ist ein gemeinnütziger Fachverband mit Sitz in Hannover und Bremen, gegründet 1905. Zu den Arbeitsfeldern gehören lebensweltbezogene und dialogisch orientierte Gesundheitsförderung, Beratung und Vernetzung von Akteurinnen und Akteuren aus dem Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich, Qualifizierungsangebote für Akteurinnen und Akteure sowie Öffentlichkeitsarbeit. Die LVG & AFS setzt neue Impulse für die Praxis, Forschung und Politik mit dem Ziel, zur Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit beizutragen.

Interview: Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt COVID-19„Die Bedeutung der Gesundheitsförderung ist auch während der COVID-19-Pandemie groß“

Die COVID-19-Pandemie wirkt sich auf alle Aspekte unseres Lebens aus und hat tiefgreifende sozioökonomische Folgen für die gesamte Bevölkerung – doch besonders trifft sie die Schwächsten und Vulnerabelsten der Gesellschaft. Welche Veränderungen ergeben sich durch die Pandemie im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung? Welche Maßnahmen sind notwendig? Diese Fragen beantwortet uns Dr. med. Ute Teichert, Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf und langjähriges Vorstandsmitglied der BVPG. Auf den BVPG-Statuskonferenzen und den gemeinsamen Präventionskongressen des Bundesministeriums für Gesundheit und der BVPG war Frau Dr. Teichert als Moderatorin tätig.

Welchen Beitrag kann Gesundheitsförderung leisten, um wirksam mit der COVID-19-Pandemie umzugehen?

Die Bedeutung der Gesundheitsförderung ist auch während der Pandemie groß und kann an verschiedenen Punkten ansetzen:

Bei gesundheitsfördernden Angeboten ist zu berücksichtigen, dass sich die Bevölkerung voraussichtlich noch länger in einer Ausnahmesituation befinden wird. Insbesondere das Thema soziale Isolation und deren Folgen sind dabei in den Fokus zu nehmen. Soziale Isolation trifft Menschen in sehr verschiedenen Situationen und Settings.

Zu dem Thema soziale Isolation sind von dem Kompetenznetz Public Health zu COVID-19 bereits verschiedenen Policy Briefs und Fact Sheets veröffentlicht worden. Sie verweisen u.a. darauf, dass die soziale Isolation nicht nur durch die mittlerweile gelockerten Kontaktbeschränkungen zustande kommt, sondern beispielsweise auch für Personen im Homeoffice ein Risiko darstellt.


Durch die Pandemie ist derzeit die Durchführung der gesundheitsfördernden Angebote oft nicht möglich.

Genau – viele gesundheitsfördernde Angebote können aufgrund von Hygiene- und Abstandsregelungen nicht in gewohnter Art und Weise durchgeführt werden, beispielsweise sind gruppenbezogene Bewegungsangebote nur in eingeschränktem Maß möglich.

Gesundheitsförderung muss sich auf die veränderten Bedingungen einstellen und hierbei zu neuen Konzepten kommen, die digitale Angebotsformen mitberücksichtigen. Neben Beratungsangeboten sind auch Online-Schulungen zum Selbstmanagement in der Krise, zur gesundheitsförderlichen Gestaltung des Homeoffice etc. mit zu berücksichtigen. Zentrale Aspekte der Gesundheitsförderung wie Teilhabe/Partizipation, Capacity Building und Empowerment spielen auch bei digitalen Angebotsformen eine wichtige Rolle.


Über COVID-19 wird viel berichtet. Jeden Tag gibt es neue Informationen. Welche Bedeutung hat die Stärkung der Gesundheitskompetenz?

Die Gesundheitsförderung kann bei der Stärkung der Gesundheitskompetenz einen wichtigen Beitrag leisten. Die Bevölkerung ist in hohem Maße verunsichert. Dazu tragen zwei Aspekte bei. Menschen werden erstmals mit empirischer Forschung live konfrontiert. Die Prinzipien des empirischen Forschungsprozesses, also Hypothese, Antithese, Synthese, und des wissenschaftlichen Arbeitens sind in der Bevölkerung verständlicherweise kaum bekannt. Dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bei einer unbekannten Situation im Umgang mit einem neuartigen Virus zu unterschiedlichen Aussagen und Forschungsergebnissen kommen können, ist für die Bevölkerung nur schwer verständlich. Hier kann die Gesundheitsförderung einen Beitrag zur Steigerung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung leisten.

Zusätzlich tragen Falschnachrichten in hohem Maße zur Verunsicherung bei. Zum Umgang mit Falschnachrichten in den Medien ist ebenfalls ein Fact Sheet des Kompetenznetzes Public Health zu COVID-19 veröffentlicht worden. Einen wesentlichen Beitrag könnte hier beispielsweise die BZgA leisten, indem sie allgemeinverständliche und Informationen in leichter Sprache zu COVID-19 und zum Sars-CoV-2 bereitstellt.


Sozioökonomische Faktoren haben Einfluss darauf, ob man an COVID-19 erkrankt und wie die Krankheit verläuft. Was heißt das für die Gesundheitsförderung?

Gesundheitsfördernde Angebote müssen insbesondere Personen in den Blick nehmen, die aufgrund ihres sozioökonomischen Status in stärkerem Maße betroffen sind. Analysen aus USA und UK zeigen, dass es einen starken sozialen Gradienten in der Ausbreitung des Sars-CoV-2 gibt und die Mortalität um ein Vielfaches höher ist als bei nicht deprivierten Personen. Eine weitere Studie aus Schottland kommt zu einem ähnlichen Ergebnis.

Für Deutschland liegen hierzu noch keine gesicherten Erkenntnisse vor. In einem Hintergrundpapier des Kompetenznetzes Public Health zu COVID-19 über „Indirekte Gesundheitsfolgen der aktuellen Maßnahmen zum Infektionsschutz in Deutschland“ kommen die Autorinnen und Autoren zu dem Schluss, dass auch in Deutschland diese Menschen den „höchsten Preis“ zahlen werden. Ein kaum beachteter Personenkreis sind Wohnungs- und Obdachlose. Nicht nur, dass sie kein Zuhause haben, indem sie bleiben können, auch der größte Teil der Unterstützungsstrukturen wie Tafeln, Unterkünfte und Bahnhofsmissionen ist bzw. war weggebrochen.

Gesundheitsförderung für sozial Deprivierte muss auf einer anderen Ebene ansetzen. Hier stehen strukturelle und existenzsichernde Maßnahmen in Wahrsten Sinne des Wortes im Vordergrund. Das heißt Maßnahmen müssen hier direkt auf das Überleben der Personen abzielen.

Zusätzlich sind Familien in den Blick zu nehmen. Kita- und Schulschließungen, fehlende Betreuungsmöglichkeiten und Hilfen durch den Allgemeinen Sozialdienst, das Jugendamt und anderen Einrichtungen haben dazu beigetragen, dass insbesondere sozial deprivierte Familien aufgrund ihrer Wohn- und Arbeitssituation und die dadurch gegebenenfalls bedingte finanzielle Notlage in hohem Maße belastet sind.

Erste Erkenntnisse weisen auf zunehmende Zahlen von Kindesvernachlässigung und -misshandlung hin. Für diesen Personenkreis gilt ebenso, dass die Aufrechterhaltung bzw. Wiederinbetriebnahme der Angebote und Betreuungen sowie weiterführende Hilfen zum Lebensunterhalt zentral sind. Gesundheitsförderung muss hier auf eine strukturelle Änderung hinwirken, um dadurch mittelbar die Gesundheit dieser Familien zu schützen.

Ebenfalls in den Blick zu nehmen sind systemrelevante Berufsgruppen sowie Akteurinnen und Akteure kritischer Infrastrukturen, kurz KRITIS, hier insbesondere Angehörige der Gesundheitsberufe, die ein extrem hohes und belastendes Arbeitsaufkommen haben sowie diejenigen, die infolge der Krise in Not geraten sind.

Wichtig ist auch der Fokus auf Familien und deren Lebensalltag. Durch den Wegfall der Betreuung der Kinder in Kindertagestätten und Schulen, konzentriert sich das Zusammenleben im Setting „Familie“. Hier müssen ad hoc viele verschiedene Anforderungen erfüllt werden. Neben der Organisation des Alltags, müssen auch die Aufgaben der Schule bei gleichzeitig stattfindendem Home Office gestemmt werden. Hier könnte die Gesundheitsförderung ansetzen, um Familien in der Krise zu stärken. Zu prüfen ist etwa, in welchem Rahmen erfolgreich aufgebaute Präventionsketten ihre Arbeit wieder aufnehmen können.


Inwiefern könnte man die Pandemie als Weckruf bezeichnen, die den Blick auf die Prävalenz und die Beeinflussbarkeit für das Entstehen von nichtübertragbaren Krankheiten (non-communicable diseases, NCDs) wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und deren Risikofaktoren nochmals schärft?

Dieser Weckruf ist leider noch nicht überall angekommen. Dass erst die Pandemie dazu beiträgt, den Blick auf die seit Jahren zunehmende Prävalenz von NCDs zu schärfen, ist an sich schon ein Umstand, der zu bedauern ist. Gleichzeitig deutet dies darauf hin, dass viele der bisher vorhandenen Maßnahmen wenig wirksam und nachhaltig waren.


Woran liegt das?

Mit verhaltensbezogenen Präventionsangeboten wird seit Jahrzehnten versucht, Menschen zu einem anderen Lebensstil zu bewegen. Tatsächlich ist es so, dass auch hier die sozialen Bedingungen unter denen Menschen leben, wohnen und arbeiten, einen bedeutenden Anteil daran haben. Das Institute of Health Equity des University College London unter Leitung von Prof. Sir Michael Marmot hat dazu verschiedene Berichte veröffentlicht. Insbesondere unter der Überschrift „The causes of the causes“ wird seit langem betont, dass Risikoverhaltensweisen am Ende eines Pfades liegen und alleine deren Veränderung nicht zu einer nachhaltigen Verbesserung der gesundheitlichen Chancen führen kann.


Das Konzept der Gesundheitsförderung baut auf Prinzipien wie Autonomie, Empowerment, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Intersektoralität auf. Müssen wir diese Prinzipien im Lichte von COVID-19 überdenken oder neu ausrichten?

Nein, meines Erachtens müssen diese Prinzipien nicht neu ausgerichtet werden. Sie sollten nur ihre konsequente Anwendung finden. Das bedeutet zum Beispiel auch, dass Akteurinnen und Akteure der Gesundheitsförderung in einer Pandemie Berührungspunkte mit der Infektionsepidemiologie haben und sich diese wiederum mit den Auswirkungen sozialer Determinanten auf Gesundheit und Krankheit auseinandersetzen muss. In diesen Bereichen müssen dann Berührungsängste abgebaut werden. Das birgt die Chance neuer Netzwerke und Konstellationen, die wir unbedingt nutzen sollten.

Gesundheit muss in allen Politikbereichen eine Rolle spielen. Der Health in All Policies- Ansatz impliziert die Verankerung bzw. Berücksichtigung gesundheitlicher Belange in allen Politikbereichen. Hierbei geht es um ein sich gegenseitig ergänzendes und nicht widerstreitendes Miteinander.


Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Ein wirklich gutes Beispiel ist die Stadt Utrecht in den Niederlanden. Dort wird konsequent eine Gesundheitsfolgenabschätzung, also ein Health Impact Assessment, bei neuen Projekten durchgeführt. Dadurch hat sich beispielsweise das Fachpersonal im Öffentlichen Gesundheitsdienst um ein Vielfaches erhöht.


Der Gesetzgeber hat erst kürzlich mit dem „Zweiten Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ zentrale Punkte im Infektionsschutzgesetz angepasst und dabei den Öffentlichen Gesundheitsdienst gestärkt. Erwarten Sie dadurch Veränderungen in der nationalen Gesundheitsförderungs- und Präventions-“Landschaft“?

Ja, das erwarte ich, denn die Veränderungen sind dringend notwendig. Es ist dringend erforderlich, dass die personelle Stärkung durch Fachkräfte im ÖGD dauerhaft umgesetzt wird und nicht nur auf die Zeit der Pandemie beschränkt bleibt. Nur Hilfskräfte in der Pandemie in die Gesundheitsämter zu schicken, reicht nicht aus.

Schon zu normalen Zeiten sind die Gesundheitsämter personell so schlecht aufgestellt, dass sie ihre originären Aufgaben nicht erfüllen können. Deswegen ist die im Gesetz vorgesehene Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes dringend notwendig. Ich würde mir aber wünschen, dass dies noch deutlich erweitert wird, denn das ist nur „ein Tropfen auf dem heißen Stein“.

Gesundheitsförderung und Prävention sind als Aufgabenbereiche des Öffentlichen Gesundheitsdienstes in den letzten Wochen völlig aus dem Blickfeld gerutscht, was ich sehr bedauere. Gerade während der Pandemie wäre es unheimlich wichtig, das Hygieneverhalten und die Gesundheitskompetenz aller zu stärken. Wenn mit Blick auf Hygiene sich alle Bevölkerungsgruppen an präventive Verhaltensmaßnahmen halten würden, bräuchten wir über so drastische Einschnitte wie Lockdown nicht mehr zu sprechen.

Insofern fände ich es wichtig, dass sich alle Akteurinnen und Akteure in diese Richtung aufstellen. Dabei erscheint es mir von zentraler Bedeutung, „Schubladen“ im Kopf zu überwinden. Prävention und Gesundheitsförderung funktionieren auch im Bereich Infektionsschutz, man muss nur den Horizont erweitern und anders denken. Dem Ziel des Gesundheitsschutzes der Bevölkerung können wir uns alle gemeinsam verpflichten. Ein guter Ansatz dazu ist die Initiative „Hygienetipps für Kids“, die zahlreiche Angebote für diesen Bereich enthält.


Die Fragen stellten Dr. Beate Grossmann und Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Dr. med. Ute Teichert | Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen und Gesundheitswissenschaftlerin; Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf; Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V.; Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.; seit 1998 ist im Öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.

Die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen mit Sitz in Düsseldorf ist eine öffentlich-rechtliche Bildungsinstitution, die von den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein finanziert wird. Sie wurde 1971 als bundesweit einzige länderübergreifende Einrichtung zur Aus-, Fort- und Weiterbildung aller Beschäftigten im Öffentlichen Gesundheitsdienst gegründet. Ferner gehört die angewandte Forschung im Bereich des Öffentlichen Gesundheitswesen zu ihren Aufgaben.

Interview: Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Bewegung und Bewegungsförderung„Bewegungsförderung ist in Deutschland dringend notwendig“

Welche Evidenz und welche Rahmenbedingungen bestehen zur Implementierung von Bewegung und Bewegungsförderung und wie sieht die Um­setzung von Bewegungsförderung in der Praxis aus? Wo besteht Entwicklungsbedarf? Diesen Fragen widmete sich die BVPG-Statuskonferenz „Bewegung und Bewegungsförderung“, die Anfang März 2020 in Kooperation mit dem Deutschen Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie e.V. (DVGS) und dem Deutschen Olympischen Sportbund e.V. (DOSB) stattgefunden hat. Unsere Interviewpartner sind Angelika Baldus, hauptamtlicher Vorstand des DVGS, und Dr. Mischa Kläber, Ressortleiter für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement beim DOSB.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Errungenschaften der letzten Jahre für die Bewegungsförderung? Welchen Beitrag leistet der DVGS bzw. DOSB?

Angelika Baldus: Für mich sind es vor allem zwei Dinge, die ich hier hervorheben möchte: zum Einen die auf Basis der hervorragenden Evidenz für körperliche Aktivität, Bewegung und Bewegungsförderung entwickelten Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung. Und zum Zweiten die strukturierte Identifikation der Akteurinnen und Akteure, Berufsgruppen und Multiplikatoren, die für die Bewegung und Bewegungsförderung in Deutschland relevant sind. Der DVGS leistet an dieser Stelle in Kooperation mit der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) und seinen 30 kooperierenden Hochschulen eine wesentliche Arbeit zur Wissenschaftsbegründung und hat mit der SAMBA-Analyse in Kooperation mit den Universitäten Karlsruhe und Heidelberg eine Basis zum Wissenstransfer in die Anwenderorientierung gelegt. 

SAMBA steht für eine „systematische Erfassung relevanter Akteurinnen und Akteure, Berufsgruppen sowie künftiger Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in der Bewegungsförderung zur Analyse und Entwicklung eines interdisziplinären Netzwerks zur nachhaltigen Bewegungsförderung“. Mit SAMBA wurden die bereits vorhandenen Strukturen analysiert und ein interdisziplinäres Netzwerks zur nachhaltigen Bewegungsförderung aufgebaut. Wir als DVGS erstellen Konzepte für biopsychosozial ausgerichtete Bewegungsangebote, die epidemiologisch fundiert und evidenzbasiert sind. Die darauf aufbauenden Maßnahmen werden dann in Kooperation mit den sport-und bewegungswissenschaftlichen Instituten und den rund 3.000 natürlichen und juristischen DVGS Mitgliedern bundesweit flächendeckend umgesetzt und evaluiert.

Mischa Kläber: Die Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung sind in der Tat eine Errungenschaft für die Bewegungsförderung in Deutschland. Sie verweisen u.a. auf das große Potenzial des Sports und bezeichnen die Sportvereine unter den Zielgruppen „Kinder & Jugendliche“, „Erwachsene“ und „Ältere Menschen“ als wichtige Kooperationspartner. Auch die genannte SAMBA-Studie belegt die Schlüsselrolle der Sportverbände. Neben den Bewegungsempfehlungen und den Erkenntnissen aus der SAMBA-Studie und der u.a. damit einhergehenden Evidenzgrundlage hat nicht zuletzt auch das 2015 in Kraft getretene Präventionsgesetz viel Dynamik in die Handlungsfelder der Gesundheitsförderung und Prävention gebracht. Davon profitieren natürlich auch die Bewegungsförderung und der gemeinnützige Sport: Sportvereine und der DOSB werden im Präventionsgesetz genannt. Im Begründungsteil wird auf unser Qualitätssiegel SPORT PRO GESUNDHEIT und das Rezept für Bewegung von DOSB und Bundesärztekammer verwiesen.

Die Bundesrahmenempfehlungen der Nationalen Präventionskonferenz (NPK) geben eine gute Orientierung für Umsetzungsmaßnahmen: Sportvereine werden als wichtige Partner herausgestellt. Länder und Kommunen haben die Vereine beim Ausbau von Bewegungsangeboten zu unterstützen. Auch die Sport- und Gesundheitsministerkonferenz (SMK/GMK) haben sich mit Bewegungsförderung auseinandergesetzt; hier sei auf die SMK/GMK-Beschlussfassung „Unterstützung gesundheitsfördernder körperlicher Aktivitäten“ verwiesen. Der gemeinnützige Sport ist integraler Bestandteil – und SPORT PRO GESUNDHEIT wird explizit als zu unterstützendes Instrument benannt. Alle entsprechenden Prozesse wurden vom DOSB fachlich begleitet und unterstützt.

Welcher Erfolg konnte denn insbesondere für vulnerable Zielgruppen erreicht werden?

Mischa Kläber: Man merkt, dass auch die Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) die Notwendigkeit einer intensiveren Befassung mit vulnerablen Zielgruppen verinnerlicht haben. Das zeigt sich auch an den Schwerpunktsetzungen des GKV-Bündnisses Gesundheit.

Angelika Baldus: Vulnerable Gruppen sind als wichtige Zielgruppe erkannt worden und sind u.a. durch das 2015 verabschiedete Präventionsgesetz und den in dessen Rahmen von den Kostenträgern verabschiedeten Bundesrahmenempfehlung endlich in den Fokus gerückt worden. Aber lassen Sie mich an der Stelle hinzufügen: Bewegung hat trotz der eindeutigeren Evidenzgrundlage gegenüber der Ernährung einen geringeren politischen Stellenwert.


Woran liegt das?

Angelika Baldus: Dies liegt meines Erachtens daran, dass der „Sport“ im Bundesinnenministerium zwar eine eindeutige ministerielle Zuordnung hat, die Volkskrankheit „körperliche Inaktivität“ bzw. die „Bewegung und Bewegungsförderung“ aber in keinem Ministerium verankert ist. Für den Bereich Ernährung gibt es das Bundeszentrum für Ernährung, das zur Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gehört und die Arbeit des Bundesministeriums für Ernährung unterstützt. Eine vergleichbare Institution gibt es für die Bewegung bisher nicht. Erfreulicherweise hat sich die Arbeitsgruppe „Bewegungsförderung im Alltag“ im Bundesministerium für Gesundheit (BMG) verorten können, was unter anderem auch zu den beiden eben genannten Errungenschaften führte. Aber die politische Unterstützung für die Bewegung fehlt in dem Maße, wie sie für die Ernährung gewährleistet ist.

Mischa Kläber: Ich kann Frau Baldus nur zustimmen: Bewegungsförderung hat keine ministeriale Heimat wie etwa Ernährung. Es gibt für Bewegung und gesundheitsorientierten Sport keine/n unmittelbar zuständige/n Minister/in. Auch bei IN FORM – Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung – lässt sich ein Schiefstand zuungunsten des Bewegungsthemas feststellen. Lediglich das BMG und hier die IN FORM-AG „Bewegungsförderung im Alltag“, unter der langjährigen Leitung von Frau Dr. Ute Winkler, setzt sich seit Jahren für das Bewegungsthema auf der Bundesebene ein. Daher gilt Frau Winkler auch unser besonderer Dank!


Und wo sehen Sie Entwicklungsbedarf?

Mischa Kläber: Ein nationales Gesundheitsziel „Bewegungsmangel reduzieren“ würde aus Sicht des DOSB einen ersten richtigen und wichtigen Schritt darstellen, um bezüglich der dringend notwendigen Bewegungsförderung in Deutschland zu mehr Verbindlichkeit zu kommen.

Angelika Baldus: Dem kann ich zustimmen: Es gibt genügend Evidenz, um Bewegung und Bewegungsförderung als ein eigenes Gesundheitsziel zu begründen. Eine weitere Forderung ist sicherlich ein beim BMG angesiedeltes „Bundeszentrum für Bewegung und Bewegungsförderung“. Ein solches Zentrum müsste, um erfolgreich arbeiten zu können, paritätisch aus Wissenschaft und Anwenderorientierung besetzt sein sowie mit Akteurinnen und Akteure, die in der SAMBA-Analyse identifiziert und benannt wurden. 


Wie bewerten Sie denn die Entwicklung der E-Health-Angebote zur Bewegungsförderung?

Angelika Baldus: Digitale Medien und telemedizinische Verfahren können „echte“ Bewegungsangebote im biopsychosozialen Kontext ergänzen – aber nicht ersetzen. So können im Sinne der „Bewegungsbezogenen Gesundheitskompetenz“ Bewegungs-, Steuerungs- und Selbstregulationskompetenzen hervorragend durch digitale Medien begleitet werden wie zum Beispiel Messenger, Apps, Snack Contents, Sprechstunden, Onlineprogramme. Sie alle sollten aber durch Expertinnen und Experten oder ausgebildete Fachkräfte begleitet werden, um die Qualität der Anwendung zu sichern.

Mischa Kläber: Das kann eine gute Ergänzung sein, geht aber – wie alles im Leben – sicherlich auch mit Beschränkungen und Risiken einher. Der DOSB hat daher dazu eine Unterarbeitsgruppe „Online“ eingesetzt, die sich dezidiert mit dieser Thematik beschäftigt.


Welchen positiven Effekt erhoffen Sie sich aus dem 2019 eingerichteten Förderschwerpunkt des BMG „Bewegung und Bewegungsförderung“?

Angelika Baldus: Wir erhoffen uns eine evidenzbasierte und evaluierte Modulsammlung zur biopsychosozial orientierten „bewegungsbezogenen Gesundheitskompetenz“. Diese Modulsammlung soll dann als Basis dienen für die Konzeption, Realisation und Evaluation von bewegungsbezogenen Versorgungsketten unter Einbezug von Lebensphasen und Lebenswelten. Es wäre schön, wenn die Einzelprojekte miteinander vernetzt würden als Versorgungsketten für die Prävention und Gesundheitsförderung und daraus nicht wieder eine „Projektitis“ entstünde. Der DVGS ist im Beirat des BMG-Förderschwerpunktes und wird sich dafür einsetzen, die Ergebnisse der Einzelprojekte in einen Gesamtbaukasten zu überführen.

Mischa Kläber: Auch der DOSB ist in den Projektbeirat des BMG berufen worden. Für uns ist angesichts des Ausschreibungsschwerpunkts „Implementierungsforschung“ ausschlaggebend, was nun von der klaren empirischen Evidenz auch wirklich für die Praxis nutzbar gemacht wird. Es muss also um den Praxistransfer gehen. Wir haben eine Studie nach der anderen und zugleich einen drastisch zunehmenden Umsetzungsstau; es müssen nun endlich die vorhandenen PS aus den unterschiedlichsten Bereichen koordiniert und im Hinblick auf möglichst viele Synergien auf die Straße gebracht werden. Alle schönen Studien dieser Welt bringen nichts, wenn die produzierten Erkenntnisse nicht in der Praxis umsetzbar sind. Hier zu nennen sind u.a. die Stichworte „Nachhaltigkeit“ und „Verstetigung“.

Warum haben sich zwei Mitgliederorganisationen der BVPG gemeinsam für eine Statuskonferenz BVPG engagiert?

Angelika Baldus: DVGS und DOSB bilden die in SAMBA identifizierten wichtigen Schlüsselakteurinnen und -akteure für Bewegung und Bewegungsförderung. Beide Kooperationspartner möchten ein Signal für Interaktion und Vernetzung setzen – trotz Wettbewerb. Die Kooperation von Wissenschaft und Anwenderorientierung ist bei beiden Partnern besonders sinnvoll. Wir wollten zeigen, wie aktiv und engagiert Mitglieder der BVPG Themen in der BVPG voranbringen können. Besonders schön wäre, wenn mit solchen Aktivitäten auch politische Botschaften verknüpft werden könnten. Das würde vielleicht auch andere Mitglieder der BVPG ermutigen, aktiver zu werden. 

Mischa Kläber: Das hat Frau Baldus so schön formuliert, dass es von meiner Seite aus nichts hinzuzufügen gibt. Lediglich noch eines: vielen herzlichen Dank an den DVGS und die BVPG für die sehr gute Zusammenarbeit!


Die Fragen stellten Inke Ruhe und Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Weitere Informationen zur BVPG-Statuskonferenz „Bewegung und Bewegungsförderung“ erhalten Sie hier.

Mehr zur Prävention von nichtübertragbaren, chronischen Krankheiten erfahren Sie hier.


Angelika Baldus  | Seit 2018 Hauptamtlicher Vorstand des Deutschen Verbands für Gesundheitssport und Sporttherapie e.V. (DVGS), seit 1990 Geschäftsführerin des DVGS; Studium Lehramt mit 1. und 2.  Staatsexamen für Sport und Geschichte Sek. I und II; Qualitätsauditorin TÜV.

Der Deutsche Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie e.V. (DVGS); für die Förderung der öffentlichen Gesundheit durch Bewegung. Als Fachverband qualifiziert er Bewegungsfachkräfte und vertritt deren Interessen in Öffentlichkeit und Politik. Er fördert die Wissenschaft und sorgt für die Umsetzung der Ergebnisse in der Praxis, indem er qualitätsgesicherte Bewegungsprogramme konzipiert und diese den Akteuren im Gesundheitssystem zur Verfügung stellt.

Dr. Mischa Kläber | Seit 2012 Ressortleiter für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Zudem ist er Lehrbeauftragter für Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft der TU Darmstadt und für das Themenfeld Bewegung und Gesundheit an der FAU Erlangen-Nürnberg. Zuvor war er von 2009 bis 2012 Wissenschaftlicher Assistent (Habilitand) an der TU Darmstadt und von 2006 bis 2009 Promotions­stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes. 2009 erfolgte die Promotion in der Sportwissenschaft.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit Sitz in Frankfurt am Main ist ein eingetragener Verein (e.V.) und die größte Personenvereinigung Deutschlands. Mit seinen 100 Mitgliedsorganisationen, in denen über 27 Millionen Mitglieder in mehr als 90.000 Sportvereinen organisiert sind, ist der DOSB der größte Bewegungsanbieter in Deutschland und versteht sich zugleich als „Anwalt für Bewegung“. Daher bringt sich der DOSB seit Jahrzehnten in entsprechenden Netzwerken und Bundesgremien ein.