Transkulturell sensible Gesundheitsförderung„Transkulturell sensible Gesundheitsförderung partnerschaftlich gestalten!“

Eine transkulturell sensible Gesundheitsförderung kann die Erreichbarkeit vulnerabler Zielgruppen erleichtern und zum Gelingen von Maßnahmen beitragen. Ramazan Salman, Geschäftsführer des Ethno-Medizinischen Zentrums (EMZ), spricht in unserem Interview über das seit Jahren erfolgreich eingesetzte „Gesundheitsprojekt MiMi – mit Migranten, für Migranten“ und die „MiMi-Integrationstechnologie für Gesundheitsförderung“, die im EMZ entwickelt wurde.

Gemeinsam mit der BVPG engagiert sich der Ramazan Salmanim Beirat des Projekts GeniAl (Gemeinsam bewegen – Gesund leben im Alter) des Deutschen Olympischen Sportbundes e.V. (DOSB), das das Ziel verfolgt, die Zugangswege zu älteren Migrantinnen und Migranten zu verbessern und geeignete Angebote zur Gesundheitsförderung zu entwickeln.

Jeder Kulturkreis hat andere Zugänge zu Prävention und Gesundheitsförderung. Transkulturelle Kompetenz und Sensibilität rücken verstärkt in den Fokus fachlichen Handelns. Wie lassen sich Migrantinnen und Migranten erfolgreich erreichen?

In Deutschland leben 22,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, sie bilden aktuell rund 26,7 Prozent der Bevölkerung. Die Zusammensetzung dieser Bevölkerungsgruppe ist kulturell, religiös, sozial und sprachlich von extremer Diversität geprägt.

Studien zeigen, dass bei Menschen mit Migrationshintergrund die Gesundheitskompetenz (Health Literacy) im Durchschnitt geringer ist als bei der Gesamtbevölkerung.

Das Ethno-Medizinische Zentrum e.V. (EMZ) hat sich deshalb als Migrationsorganisation zum Ziel gesetzt, die Gesundheitskompetenz von Menschen aus dem migrantischen Umfeld zu verbessern, um deren Gesundheitsrisiken zu mindern. Wir helfen ihnen seit 1989 dabei, sich im komplexen deutschen Gesundheitssystem zurechtzufinden, fördern gesunde Lebensweisen und tragen zu transkultureller Sensibilität und Handlungskompetenz im Gesundheitswesen bei.

Wir haben durch unsere Arbeit erfahren, dass Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchtete Informationen benötigen, um ihrerseits die kulturellen, religiösen, sozialen und gesundheitlichen Sichtweisen und Werte des Aufnahmelandes zu verstehen. Die Überwindung von Barrieren ist also eine Aufgabe auf Augenhöhe, in der gemeinsam „Anpassungsleistungen“ beziehungsweise „Integrationsmotivation erfolgen muss. So können auf der einen Seite transkulturell sensible Handlungskompetenz und auf der anderen Seite Gesundheitskompetenz aufgebaut werden und im Ergebnis Vertrauen und Compliance entstehen.


Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland stehen den Herausforderungen einer zunehmend von Diversität geprägten Gesellschaft gegenüber. Das Ethno-Medizinische Zentrum verfügt mit seinen transkulturellen Gesundheitskompetenz-Ansätzen über umfangreiche Erfahrungen in der Förderung von Gesundheitskompetenz und gesundheitlicher Chancengleichgleichheit bei Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchteten – insbesondere durch den Einsatz des „MiMi-Programms“.

Das MiMi-Programm ist eine soziale Schlüsseltechnologie zur Entwicklung transkultureller Gesundheitskompetenz, Etablierung gesunder Lebensweisen und zur Förderung gesellschaftlicher Teilhabe. Es fördert die Inanspruchnahme von Leistungen des öffentlichen Gesundheitswesens und den Zugang zu muttersprachlichen, transkulturell sensiblen Gesundheitsinformationen für Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchtete.

Die Implementierung eines MiMi-Programms in einer Kommune beziehungsweise einem Standort dauert erfahrungsgemäß zwölf bis 18 Monate. Die MiMi-Gesundheitsmediatorinnen und -mediatoren erfüllen Mindestanforderungen in Bezug auf Bildung, Sprachkenntnisse und Berufserfahrung und in der Regel ist ihr persönlicher Integrationsgrad weit fortgeschritten.

Für das MiMi-Programm wurde ein umfassender standardisierter Lehrplan erstellt. Die Schulungen werden als „Executive Education“ in deutscher Sprache abgehalten und befähigen zur Planung, Durchführung und Evaluation von Gruppenveranstaltungen.

Im Rahmen der MiMi-Kampagnen und Informationsveranstaltungen für Migrantinnen und Migranten werden mehrsprachige Gesundheitswegweiser-Broschüren, in denen die Teilnehmenden schriftliche Informationen in ihrer Muttersprache erhalten, verbreitet. Diese „Health Guides“ stehen in bis zu 18 Sprachen als Schwerpunkthefte zu den jeweiligen gesundheitlichen Handlungsfeldern und Themen des MiMi-Programms zur Verfügung.

Weitere wichtige Bausteine des MiMi-Programms sind Evaluations- und Forschungsmaßnahmen, Fortbildungsangebote für Fachkräfte öffentlicher Gesundheit, sowie Maßnahmen zur öffentlichen und politischen Kommunikation von Gesundheitskompetenz mit und für Migrantinnen und Migranten.

Die Vernetzung relevanter Akteurinnen und Akteure sowie das Prozessmanagement des MiMi-Programms stellen die größte Herausforderung dar. Mit dem MiMi-Programm wirkt das EMZ, ausgehend von seiner Bundeszentrale in Hannover und seinen Dependancen, dem MiMi Lab Berlin, dem Münchner MiMi-Integrationszentrum Bayern, dem Projektzentrum MiMi-Delta in Mannheim und dem Projektzentrum MiMi-Reha in Hamburg, in elf Bundesländern.


Welche Reichweiten hat das MiMi-Programm erzielt?

In den letzten 15 Jahren wurden gemeinsam mit über 400 Kooperationspartnerinnen und -partnern mehr als 2.800 Mediatorinnen und Mediatoren an über 70 Projektstandorten ausgebildet und 15.200 Gruppenveranstaltungen in 55 Sprachen und Dialekten durchgeführt, die von mehr als 200.000 Migrantinnen und Migranten besucht wurden. Zählt man die rund 940.000 verteilten Gesundheitsratgeber hinzu, wurden insgesamt fast 1.2 Mio Begünstigte erreicht. Wir haben auch MiMi-Projekte an zahlreichen Standorten in Österreich, Dänemark, Belgien oder der Türkei durchgeführt, die in diesen Zahlen nicht berücksichtigt sind.

Das EMZ kann im Rahmen seiner Arbeit auf weitreichende wissenschaftliche Kooperation und Unterstützung von Hochschuleinrichtungen im In- und Ausland bauen. Hierzu zählen u. a. die Bevölkerungsmedizin der Medizinische Hochschule Hannover, mit der ein Forschungsprojekt im Rahmen des Programms zur MiMi-Suchtprävention durchgeführt wurde. Das Institute for Transcultural Health Sciences der Dualen Hochschule Baden-Württemberg begleitet und evaluiert unser, von der Bundesintegrationsbeauftragten gefördertes, bundesweites, MiMi-Programm zur Gewaltprävention und das Leibniz-Institut für Präventionsforschung an Universität Bremen ist für die Evaluation unseres MiMi-Programms zur Gesundheitsförderung in Deutschland zuständig, das vom Bundesministerium für Gesundheit unterstützt wird. Im Rahmen von EU-Projekten, darunter vom BIBB geförderte Erasmusmaßnahmen, kooperieren wir u. a. mit der Technischen Hochschule auf Zypern, der Universität von Valencia und der SAPIENZA Universität in Rom.

Die Evaluation und Qualitätssicherung unserer MiMi-Programme zur medizinischen Rehabilitation, die wir gemeinsam mit Deutschen Rentenversicherungen durchführen, werden durch gemeinsame Forschungsaktivtäten des EMZ mit dem Zentrum für Bevölkerungsmedizin und Versorgungsforschung der Universität zu Lübeck gesichert.


Gemeinsam mit BVPG-Vorstandsmitglied Sieglinde Ludwig sind Sie im Beirat des DOSB-Projekts GeniAl (Gemeinsam bewegen – Gesund leben im Alter), das gesundheitspräventive Maßnahmen für ältere Migrantinnen und Migranten entwickeln und nachhaltig implementieren soll.

Wir unterstützen das Projekt GeniAl und den DOSB dabei, gesundheitsförderliche Maßnahmen für Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund weiterzuentwickeln. Es ist ein Kernvorhaben des Nationalen Aktionsplans Integration (NAP-I), das bis Ende 2023, gefördert durch das Bundesministerium des Inneren und für Heimat (BMI), Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) umgesetzt werden soll.

Die große Herausforderung beim Thema Gesundheitsförderung und Gesundheitsvorsorge älterer Menschen mit Migrationshintergrund ist die Erreichbarkeit. Wir haben gemeinsam mit dem Kooperationsnetzwerk des Projekts festgestellt, dass mit konkreten Maßnahmen, die sich stark an den Interessen und Erfahrungen der Betroffenen orientieren und mit ihnen gemeinsam entwickelt werden – zum Beispiel gemeinsam „gesund“ zu kochen – die Zielgruppe am besten erreicht und motiviert werden kann.

Auch spielen geschlechterbezogene sensible Vorgehensweisen eine wichtige Rolle. Hier wird es von den Betroffen als weniger angenehm empfunden, und eher mit Scham erlebt, dass beispielsweise Männer das Training von Frauen übernehmen. Das mag auch bei der Mehrheitsbevölkerung vorkommen, ist aber bei einem viel größeren Anteil der migrantischen Bevölkerung festzustellen.

Es hat sich bei der Umsetzung der bisherigen Maßnahmen herausgestellt, dass in Strukturen des Sportwesen sehr effektive Zugänge zu Migrantinnen und Migranten möglich sind. In diesem Rahmen konnten beispielsweise für Frauen Informationsabende über Brustkrebs und für die Männer über Prostatakrebs organisiert werden, die auf großen Zuspruch trafen. Auch finden Seniorinnen, die meistes verwitwet und häufig sehr einsam sind, in diesen Zusammenhängen neue Freundschaften und treffen auf Menschen mit ähnlichen Interessen.

Das sind wichtige Entwicklungen für migrantische Seniorinnen und Senioren, denn der Sport selbst setzt schon seit Jahrzehnten erfolgreich Integrationsprogramme um und hat geeignete weitflächige Infrastrukturen.


Die Corona-Pandemie hat noch einmal deutlich gemacht, dass Nachholbedarf bei der Umsetzung einer transkulturell sensiblen Gesundheitsförderung besteht. Welche Lücken müssen geschlossen werden, damit Menschen mit Migrationshintergrund in ihren Lebenswelten besser erreicht werden können?

Gesundheit ist ein wesentlicher Schlüssel, um sich im Sozialgefüge zu bewegen und die eigenen Möglichkeiten nutzen und einbringen zu können. Dies gilt in verstärktem Maße für Menschen mit Migrationshintergrund. Damit sie gesund leben oder sich im Bedarfsfall kompetent und sicher im Versorgungssystem bewegen können, benötigen sie ein hohes Maß an Gesundheitskompetenz.

Wichtigstes Ziel einer transkulturell sensiblen Gesundheitsförderung ist es deshalb, die Lebensbedingungen, Bedarfe und Interessen der migrantischen Bevölkerung in das eigene institutionelle und professionelle Handeln zu inkludieren. Dies bedeutet, dass in allen Angeboten gesundheitlicher Regelversorgung sprachliche, soziale und kulturelle Unterschiede in ihrer ganzen Vielfältigkeit angemessen berücksichtigt werden. Auf der Basis von Erfahrungen in Zeiten der Pandemie gilt dies nicht nur für die bisherigen analogen, sondern zunehmend auch für neuen digitalen Zugangswege.


Wie gelingt eine transkulturell sensible Gesundheitsförderung in der Praxis?

Ein transkulturell sensibler und kompetenter Umgang mit Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchteten kann beispielsweise durch Weiterbildungen des Personals oder durch den konzeptionell und finanziell gesicherten Einsatz von versierten Gemeindedolmetscherinnen und -dolmetschern gesichert werden.

Die zunehmende kulturelle Diversität der Bevölkerung sollte sich in der Personalzusammensetzung des Gesundheitswesens widerspiegeln. Hierfür wird mehr Personal mit Migrationshintergrund als bisher und ein entsprechendes „Diversity Management“ beziehungsweise transkulturelle Personalentwicklung benötigt.

Ein bewährter, zugehender Weg die Gesundheitskompetenz der Migrantinnen und Migranten zu stärken und sie für Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention zu erreichen, ist die Ausbildung von Gesundheitsmediatorinnen und -mediatoren für die muttersprachliche Informationsvermittlung in den migrantischen Lebenswelten (Transkultureller Setting-Ansatz). Die „dienstältesten“ und einzigen bundesweiten Angebote sind im MiMi-Programm des Ethno-Medizinischen Zentrum zusammengefasst. Es sind jedoch viele weitere gute Projekte auf regionaler Ebene entstanden, so beispielsweise mit Mediator:innen, „Lots:innen“, „Stadtteilmüttern“ oder „Gesundheitsmangerinnen“, die zu verschiedensten Gesundheitsthemen in migrantischen Communities wirken.

Letztlich gilt es, sensibel dafür zu sein, Migration als „Normalfall mit speziellen Herausforderungen und Potentialen“ und nicht als „defizitäre Sonderform der Lebensgestaltung“ zu begreifen. Die Förderung der transkulturellen Gesundheitskompetenz in den migrantischen Communities und die Sicherstellung kompetenter transkulturell sensibler Angebote der Gesundheitsförderung erfolgt idealerweise nicht nur für, sondern im partnerschaftlichen Zusammenwirken mit Migrantinnen und nach Möglichkeit auch mit deren Selbstorganisationen. Wie sagt man so schön: „Der Weg ist das Ziel!“


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Ramazan Salman | Diplom-Sozialwissenschaftler, seit 1992 Geschäftsführer des Ethno-Medizinischen Zentrums e.V., Erfinder der MiMi-Integrationstechnologie. 2022 Verleihung der „Europamedaille“ des Landes Bayern für die Verdienste zur Gesundheit in Europa. Seit 2017 Mitglied des Global Future Council des World Economic Forum. 2015 vom European Forum zum „Pionier des Europäischen Gesundheitswesen“ ernannt. Träger des Bundesverdienstkreuzes. Mitglied im Editorial Board des WHO-Newsletters „Migration and Health“. Herausgeber zahlreicher Bücher zu Migration, Gesundheit und Integration.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt: Wellbeing„We need a systemic change to protect the wellbeing of people and planet“

Population wellbeing and economic growth are intertwined and mutually reinforcing, as published by the Council of the European Union in 2019. This year, the European network of health promotion organisations, EuroHealthNet, published “An Economy of Wellbeing for health equity” (dossier in german: “Eine Ökonomie des Wohlergehens für die Gesundheitliche Gerechtigkeit“) presenting an alternative approach to our current economic system. But why do we need to rethink the existing roles of public health, and what role do prevention and health promotion measures play at a community level? With Caroline Costongs, Director of EuroHealthNet, and keynote speaker at BVPG-status conference 2022, we talked about Health in All Policies, the wellbeing of people and planet, and an “Economy of Wellbeing”.

This year, EuroHealthNet published a paper titled, „An Economy of Wellbeing for health equity”, what was the reason for this publication?

First, thank you for the interview and for picking up on our publication, which indeed is important to us. The way in which we live, work and play is becoming increasingly unsustainable. Childhood obesity, for example, is rising to concerning levels. As recently reported one in three children in the WHO European region are now overweight or obese. This is simply not acceptable.

Shockingly, recent statistics from Wageningen University in the Netherlands, found that only 3 percent of all foods marketed to children can be classified as healthy. They also highlighted that 79 percent of all supermarket food is unhealthy, mostly processed, or ultra-processed food, containing high levels of fat, salt, and/or sugar. Not only is this nutrient-poor food damaging to our health, but its production process is also having significant environmental impacts through increases in greenhouse gas emissions, land, and freshwater use and so on. Though this is only one example from one sector, there is much more evidence that illustrate our unsustainable and unhealthy ways of living.

For example, the inequalities gap in Europe is staggering. One in four children within the European Union is at risk of poverty or social exclusion. This is fuelled through complex and multiple practices and policy action ranging from inadequate public services, to gentrification, and higher pollution levels in deprived areas. Profit making is too often at the cost of people and planet, while this doesn’t need to be the case. There are emerging examples of how commercial and profitable activities can be decoupled from the use of fossil fuels. Other examples show how businesses can thrive on healthy and well-paid workers. The Economy of Wellbeing concept encourages the developments of such practices and provides a clear vision, which we at EuroHealthNet promote through our policy paper.


EuroHealthNet proposes the use of an alternative model to the current economic model through an “Economy of Wellbeing”. What is behind it and why might it be advisable for us to follow this approach?

The “Economy of Wellbeing” is actually an approach that was developed in Finland by one of our member organisations, SOSTE, and has since been taken further by the Finnish government. The government were brave and visionary in proposing this approach – which was presented during their Presidency of the Council of the European Union in 2019 – which ultimately led to Council Conclusions on the Economy of Wellbeing.

The model illustrates how the economy and wellbeing are two sides of the same coin. We simply cannot have one without the other. It builds on the widespread notion that the gross domestic product (GDP) cannot fully assess our economies alone and that new indicators and methodologies are needed to measure societal progress. It also presents arguments as to why wellbeing must be included in all governmental policies and decision making. In that sense it is complementary to earlier “Health in All Policies” concept (and presented by Finnish EU Council Conclusions in 2006).

Despite this, the concept has not come without its critics, with some arguing that the Economy of Wellbeing doesn’t sufficiently prioritise the wellbeing of the planet. However, as the health of people and planet are intrinsically linked, the model would equally work for both environmental and social sustainability as reflected by Kate Raworth’s doughnut model of social and planetary boundaries.

As health promoters we should aim for such a systemic change, one that benefits the health of everyone. We need to develop our capacities to advocate for such an approach at all levels, from local, regional to federal decision tables, contributing with sound evidence and solutions. Only then, by upstream engagement, our more downstream activities (which are also important) will pay off.


What would have to change in concrete terms to promote and maintain our health and the health of the planet in the long term while achieving sustainable and long-term economic growth?

The COVID-19 pandemic laid bare the various failures of our current economic and welfare systems. The severity of COVID-19 rose due to the already existing socio-economic and health inequalities that are present in our society in addition to the high levels of people who live with chronic diseases. Families living in low-quality housing and in deprived areas suffered more. Emerging data highlights an increase in calls relating to domestic violence with many women and children experiencing abuse and violence. Individuals with mental health problems or other health problems received delayed care, and so on.

Social services have been hollowing out since the financial crisis in 2008 and we are now facing the backlash as a result. Building back the resilience of people can only be done through a consistent prioritisation of investment in people’s wellbeing – starting from the early years (first 1000 days and early childhood education and care), throughout the life course until long term care. Several EU policies and strategies, such as the European Pillar of Social Rights and the new European Care Strategy are examples that are paving the way forward to a fairer future.

Prioritising actions that mitigate the climate crisis is also key. Phasing out fossil fuels, creating a responsible use of natural resources and protecting and promoting biodiversity, to name a few, is required if we are to safeguard the environment.

The European Green Deal, including the European Union’s (EU) Farm to Fork Strategy and Fit for 55 packages, demonstrate that actions are being taken at EU level to achieve climate neutrality. However, more needs to be done to take forward the Economy of Wellbeing, if we are to hit all the targets outlined within the United Nation’s 2030 Agenda and Sustainable Development Goals.

The pandemic alone has led to various rigorous actions that were taken in the course of the last two years. When there is a crisis and political will, important measures can be taken. . However, the question remains: How big does a crisis need to be (taking into consideration the current threat of climate crisis, food insecurity, social inequities, and under-valuation of essential workers), before real political action is taken?

Political action needed is one that reflects this paradigm change of the Economy of Wellbeing, rethinking economic growth as a concept that includes social and environmental goals on an equal footing.


For many, this sounds impossible or difficult to implement. How can an “Economy of Wellbeing for health equity” be translated into reality and what is the role of prevention and health promotion at the community level?

We should not become overwhelmed with the scope of the change needed, but rather focus on the added value we can bring – through the strengthening of our community health approaches.

However, we also need to be more ambitious. For example, we should make sure health promoting services get better funded. More and more public and private investors are keen to invest in programmes with green, social or health impacts. We need to stand ready with a pipeline of attractive solutions and clear and concrete proposals for action. In addition, Health promoters must not underestimate the potential power of legislation and make better use of our legislative systems.

There are many initiatives already in place that we can use as strong examples of societal impact. Evidence-based interventions from WHO through its Best Buys, have had previous successes with smoking bans, along with case studies on the taxation on unhealthy and unsustainable products, green and healthy procurement laws, and advertising bans.

We need to pro-actively engage with finance and legal actors to achieve the Economy of Wellbeing. We also need to make sure that our solutions address the real needs, and do not unintentionally worsen inequalities. We must co-create these solutions with targeted groups across the social gradient. This requires meaningful participation, giving communities a vested interest in their success, and opportunities for evaluation. By the way, there are already many local initiatives existing that benefit both health equity and the environment and organised by local communities. We should embrace, encourage and embed such initiatives in municipal public health and health promotion strategies and support them in the shift to an Economy of Wellbeing.


Where is this already being implemented?

A range of countries are already working with the Economy of Wellbeing concept, such as in New Zealand where, for example they have dedicated wellbeing budgets at national government.

In Europe, it is of course Finland who are leading by example, as they strive towards developing an Economy of Wellbeing roadmap to achieve a better balance between the societal dimensions for a more sustainable and fairer development. I am part of an international expert group Finland has set up on this concept.

The United Kingdom is also showing progress. In Scotland, for example, they have developed a Wellbeing Economy Monitor to measure how the country’s economy contributes to improving ideals that people value, such as health, equality, fair work, and environmental sustainability which the government uses to guide decision making. In Iceland they have a wellbeing framework with 39 indicators. Wales adopted a legal Act, namely, the “Well-being of Future Generations Act” that ensures the sustainability of future generations through environment, economy, society and culture – with a specific Commissioner and accountability processes in place.

There are ample experiences and good practices out there that we can learn from. All of these countries are part of the international Wellbeing Economy Governments network, and of other partnerships that have started to emerge in this area, such as WeAll, of which EuroHealthNet is also a member.

For Germany, which of course is a much bigger country, adopting an Economy of Wellbeing approach should also be feasible. The new Public Health Services Act (ÖGD) provides a great opportunity to rethink the roles of public health, health promotion and disease prevention in communities but also at national level. Important topics to consider are health inequalities, mental health, and climate change as part of a wider paradigm change such as the Economy of Wellbeing and how regional and local levels can best be supported.


To achieve health and well-being of the population, the concept of “Health in All Policies” (HiAP) – among others a focus topic of the BVPG – is considered promising. What are the intersections between these two concepts?

Addressing interlinked problems requires an intersectoral approach – encouraging system-thinking, setting common goals and joint financing. “Health in All Policies” is a key concept from the perspective of the health sector.

We should consider the health impacts in all other sector policies and understand how to best approach this together to advance health. However, I find this concept less capable to bring other sectors together. Other sectors have their own sectoral priorities and are not necessarily inspired by health as an overarching goal. EuroHealthNet has tried with a new concept “Health for All Policies” but even that doesn’t greatly facilitate cooperation.

The Economy of Wellbeing has a much bigger potential. Taking wellbeing as a horizontal ambition and vision to decide on trade-offs for the best outcomes for people and planet, the concept can be utilised to consider the interlinkages between sector challenges and include system-thinking as a mindset.

Finally, it is also a vision for the wellbeing of our planet which is so urgently needed and currently lacking in the HiAP approach. However, at EuroHealthNet, we embrace both concepts, depending on the context of our work, to achieve a more resilient, equitable and sustainable societies. It is worth mentioning that at the 10th WHO Global Health Promotion Conference, a charter on wellbeing was issued, which I encourage you to have a look at too as well as our short film on the Economy of Wellbeing of course!


The questions were posed by Linda Arzberger, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (Federal Association for Prevention and Health Promotion).

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Caroline Costongs | Director of EuroHealthNet; she oversees EuroHealthNet’s Framework Agreement with the European Commission (2022-2026) and leads on EuroHealthNet’s MoU with WHO Europe (2021-2026). Priority areas include: health promotion across the life-course, NCDs prevention, food policy, climate change and health, mental health, digital health literacy and the Economy of Wellbeing; active in various EU and WHO fora, as well as in Advisory Boards of European projects and is a member of the ICC – International Council for the European Public Health Conference; international background with more than 25 years of experience in public health and health promotion; M.Sc. in Public Health from the University of Maastricht.

Brussels-based, EuroHealthNet is a non-profit partnership of organisations, agencies and statutory bodies working to contribute to a healthier Europe by promoting health and health equity between and within European countries. EuroHealthNet achieves this through its partnership framework by supporting members’ work in EU and associated states through policy and project development, networking, and communications. It has connections with national and regional governments, as well as with the European institutions, and therefore a good understanding of how evidence and information on health equity can be introduced in current policy making agendas. The current President of EuroHealthNet is Prof. Dr. Martin Dietrich, acting director of BZgA, the Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Germany.

Neue Präsidentin der BVPG: Dr. Kirsten Kappert-Gonther„Es muss einfacher werden, einen gesunden Alltag zu leben!“

Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung (BVPG) hat eine neue Präsidentin: Auf der diesjährigen Mitgliederversammlung, die virtuell am 10. Mai 2022 stattfand, wurde Dr. Kirsten Kappert-Gonther (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied des Bundestags und stellvertretende Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, zur neuen Präsidentin gewählt.

Im BVPG-Interview spricht die Ärztin über die Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes, die Umsetzung der BVPG-Schwerpunktthemen 2021-2023, klimasensible Gesundheitspolitik und die Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes.

Als Brückeninstanz setzt sich die BVPG seit fast 70 Jahren für Strukturverbesserungen im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung ein. Was sind Ihre Ziele als neue Präsidentin?

Gesundheit konstituiert sich im Wesentlichen im Alltag, also in den Lebenswelten. Während meiner 25-jährigen ärztlichen Tätigkeit habe ich immer wieder erlebt, welchen maßgeblichen Einfluss auf unsere Gesundheit die Bedingungen haben, unter denen wir arbeiten und wohnen. Das gilt explizit auch für die seelische Gesundheit.

Zudem ist soziale Gerechtigkeit ein grundlegender Baustein für bessere Gesundheitschancen. Die Klimakrise ist die größte Gesundheitskrise, mit der wir konfrontiert sind. Und andersrum gilt: Was das Klima schützt, tut auch uns gut. Deswegen brauchen wir Städte für Menschen statt für Autos, gutes und gesundes Essen in Kita und Schule und sichere Arbeitsschutzbedingungen. Es muss einfacher werden, einen gesunden Alltag leben zu können. Dafür setze ich mich mit der BVPG und ihren Mitgliedsorganisationen ein!


Bewegungsmangel, Übergewicht, gesteigertes Suchtverhalten, erhöhter Medienkonsum, Einsamkeit – durch die Pandemie sind die Risiken für gesundheitliche Probleme der Bevölkerung größer geworden. Einige Bevölkerungsgruppen sind stärker betroffen als andere. Wo sollte angesetzt werden, damit sich die gesundheitlichen Ungleichheiten nicht weiter verschärfen?

Es ist richtig, dass die Pandemie, aber auch die beiden anderen großen Krisen – die Klimakrise und der Krieg gegen die Ukraine – unsere seelische und körperliche Gesundheit unter Druck setzen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich eine Zunahme seelischer Erkrankungen. Dabei müssen wir bedenken, dass seelische Wunden sich häufig erst umfassend zeigen, wenn die akuten Drucksituationen nachlassen.

Das heißt: Es ist dringend notwendig, jetzt sekundärpräventiv tätig zu werden! Zu Recht sprechen Sie auch das Thema Einsamkeit an. Orte, die unwahrscheinliche Begegnungen wahrscheinlicher machen, können dabei helfen, Einsamkeit entgegenzuwirken. Dafür muss der öffentliche Raum ganz bewusst mit Grünflächen, Bänken und Bewegungsmöglichkeiten gestaltet werden.


Im Koalitionsvertrag finden sich Vorhaben für den Bereich Gesundheit in Deutschland, u. a. die Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes. Auch die BVPG hat als Dachverband zusammen mit ihren Mitgliedsorganisationen ein Positionspapier veröffentlicht. Welche weiteren Themen sind für Sie richtungweisend in der 20. Legislaturperiode?

Die Reform des Präventionsgesetzes halte ich für sehr wichtig. Der Schwerpunkt auf die Alltagswelten und die Verhältnisprävention muss gesetzlich abgebildet werden. Rücken- und Kochkurse sind für Einzelne sicherlich hilfreich, aber sie sind weniger nachhaltig als die Gesundheitsförderung, die im Alltag, quasi automatisch, entsteht.


Zu den thematischen Schwerpunkten der BVPG 2021-2023 gehören die Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) und der Gesundheitskompetenz sowie die Verankerung von Gesundheit in allen Politikbereichen (Health in All Policies, HiAP). Dies sind Zielsetzungen, die auch für Sie von großer Bedeutung sind.

Ja, absolut. Der ÖGD birgt einen noch ungehobenen Schatz. Dafür müssen sich die öffentlichen Gesundheitsdienste zu Public Health-Zentren weiterentwickeln, die auch für die regionale Steuerung von Prävention und Gesundheitsförderung eine zentralere Rolle einnehmen.

Und der Health-in-All-Policies-Ansatz ist dabei der zentrale Ansatz für eine zukunftsfähige Politik. Annähernd jede politische Entscheidung hat einen Einfluss auf unsere Gesundheit, ob Entscheidungen in der Verkehrspolitik, Landwirtschaft oder Energiepolitik. Darum wünsche ich mir einen Gesundheitscheck für alle Gesetze.

Die BVPG kann das Bewusstsein dafür fördern, dass Gesundheit weit mehr ist als gute Versorgung im Krankheitsfall.


Die Themen „Klimawandel und Gesundheit“ stehen in einem engen Zusammenhang. In diesem Jahr u. a. als Schwerpunkt der WHO zum Weltgesundheitstag, den die BVPG in Deutschland betreut, als auch beim Präventionsforum 2022, mit dessen Durchführung die BVPG seitens der Nationalen Präventionskonferenz beauftragt ist.

Klimaschutz ist Gesundheitsschutz. Dieses Wissen setzt sich immer mehr durch. Die Erderhitzung gefährdet unsere Gesundheit, körperlich und seelisch. Es gibt zunehmend mehr Hitzetote in den heißen Sommern. Vor allem alte und chronisch kranke Menschen sind gefährdet, aber auch Menschen, die in schlecht gedämmten Wohnungen unter dem Dach leben oder im Freien arbeiten.

Infektionskrankheiten nehmen zu, die Gefahr weiterer Pandemien wächst durch die Klimakrise. Auch die seelische Gesundheit wird durch die Klimakrise belastet. Traumafolgestörungen nach Extremwetterereignissen oder auch ansteigende Aggressivität durch Hitze sind hier Beispiele. Das Gute ist, dass Maßnahmen, die das Klima schützen, auch unserer Gesundheit helfen. Mobilität zu Fuß oder mit dem Rad reduziert Emissionen und Feinstäube in der Atemluft und somit Atemwegserkrankungen. Gleichzeitig ist die Bewegung gesund und macht glücklich.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der BVPG, zum Positionspapier „Eckpunkte der zur Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. zur Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes (PrävG)“.  

Interview mit Prof.in Dr. Dagmar Starke, kommissarische Leiterin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen (AÖGW) und BVPG-Vorstandsmitglied, über die Bedeutung des ÖGD als zentralen Akteur für die kommunale Prävention und Gesundheitsförderung.

Informationen zum Weltgesundheitstag 2022 mit dem Schwerpunkt „Klima und Gesundheit“ erhalten Sie hier.

Interviews zu „Klima und Gesundheit“ mit Dr. Ina Zimmermann, Leiterin des Bereichs Gesundheitsförderung/Gesundheitsplanung im Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg und Mitglied im Sprecher*innenrat des Gesunde Städte-Netzwerks, und mit Jörg Freese, Beigeordneter für Jugend, Schule, Kultur und Gesundheit, Deutscher Landkreistag.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Dr. Kirsten Kappert-Gonther | Seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages (Bündnis 90/Die Grünen) und seit Januar 2022 stellvertretende Vorsitzende des Gesundheitsausschusses. Von 2011 bis 2017 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft und Sprecherin für Gesundheitspolitik der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Von 2005 bis 2017 eigene Praxis für Psychotherapie in Bremen; Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.

Digitalisierung in der Gesundheitsförderung und Prävention „Digitale Präventionsansätze partizipativ und bedarfsgerecht ausgestalten!“

Das 6. Präventionsforum der Nationalen Präventionskonferenz widmete sich am 15. September der Digitalisierung in der lebensweltbezogenen Gesundheitsförderung und Prävention. Gemeinsam mit der Fachöffentlichkeit wurde erörtert, welche Chancen und Herausforderungen die Digitalisierung für die nationale Präventionsstrategie bietet. Keynote-Speaker Prof. Dr. Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS, erläutert im BVPG-Interview, welchen Beitrag die Digitalisierung zum Aufbau gesundheitsfördernder Strukturen und Prozesse leisten kann und wie es gelingt, durch digitale Technologien ungleiche Gesundheitschancen zu reduzieren und dem „digital divide“ entgegenzuwirken.

Herr Professor Zeeb, Sie waren Keynote-Speaker auf dem 6. Präventionsforum, das in diesem Jahr den Schwerpunkt legte auf die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für die Gesundheitsförderung und Prävention in den Lebenswelten. Welchen Beitrag kann Digitalisierung leisten?

Digitalisierung ist fraglos nicht nur ein kurzfristiger Trend, sondern eine langfristige Entwicklung, die jetzt schon eingesetzt hat und viele Bereiche von Prävention und Gesundheitsförderung verändert und erweitert. Digitalisierung erlaubt größere Flexibilität und gezieltere Anpassung an Bedarfe und Bedürfnisse unterschiedlicher Gruppen, wenn man nur einmal an die schnell umzusetzende Anpassung an verschiedene Sprachen wie beispielsweise in der Gesundheitskommunikation denkt.

Zudem kann man sich die erhebliche Durchdringung des Alltags mit Internet und Smartphones zu Nutze machen: Hiermit sind mittlerweile fast alle Menschen erreichbar und sie nutzen diese digitalen Technologien. Nun geht es darum, diese große Verbreitung auch für sinnvolle Prävention und Gesundheitsförderung zu nutzen, und da liegen natürlich auch Risiken.


Inwiefern?

Ältere Menschen werden beispielsweise oft schlechter durch digitale Medien erreicht. Die Digitalisierung stellt zudem keinen Ersatz für direkte zwischenmenschliche Kontakte dar, sondern ist in vielen Fällen als Unterstützung oder Ergänzung anzusehen. Weitere Risiken liegen unter anderem auch darin, dass digitale Prävention und Gesundheitsförderung oft sehr individuen- und verhaltensorientiert ausgerichtet ist. Somit kann die so wichtige Verhältnisprävention leicht in den Hintergrund rutschen. 


Gibt es evaluierte Beispiele, die Sie uns nennen könnten?

Die Evaluation digitaler Technologien für Prävention und Gesundheitsförderung ist besonders herausfordernd, weil sich das Feld sehr schnell wandelt und methodisch viele Schwierigkeiten bestehen, angemessene Evaluationsdesigns einzusetzen. Es gibt mittlerweile dennoch sehr viele Evaluationsstudien und systematische Evidenzübersichten zu digitalen Präventions- und Gesundheitsförderungsangeboten. Dies sind zwar oft Prozessevaluationen, und nicht auf Wirksamkeit ausgerichtete Analysen, aber auch dazu gibt es einiges.


Was genau?

Im Bereich der Krebsfrüherkennung zeigt beispielsweise eine aktuelle Übersichtsarbeit, dass Informations- und Erinnerungsmaßnahmen via soziale Medien und Textnachrichten die Teilnahme deutlich erhöhen, auch hier werden oft verschiedene digitale und nicht-digitale Maßnahmen kombiniert (Ruco et al.).

Auch bei der Prävention psychischer Erkrankungen wird aktiv zu digitalen Maßnahmen geforscht, es gibt hier viel Evidenz zum Nutzen niedrigschwelliger digitaler Interventionen in der Prävention von Depressionen. Andererseits finden sich etwa im Bereich der Übergewichtsprävention, zum Beispiel bei digitalen Interventionen unter Einbeziehung der Eltern, noch keine Hinweise auf Wirksamkeit. Es bleibt hier sehr viel zu tun in einem Umfeld mit vielen Herausforderungen.


Wie können vulnerable Gruppen durch den Einsatz digitaler Technologien erreicht und  so ungleich verteilte Gesundheitschancen reduziert werden? Können Sie uns auch hier Beispiele nennen?

Die grundsätzliche Erreichbarkeit ist ja zunächst einmal ein echter Vorteil digitaler Technologien, weil zum Beispiel Smartphones mittlerweile zum Alltag für viele Menschen gehören. Interessant ist, dass bei der Nutzung digitaler gesundheitsbezogener Informationen Menschen mit Migrationshintergrund recht aktiv sind. Hier bestehen also recht gute Zugangsmöglichkeiten, um Gesundheitschancen zu verbessern.

Wichtig ist es, die Bedarfe und Interessen der jeweiligen Gruppe einzubeziehen: Ein Beispiel aus den USA nutzte das Interesse der Adressatinnengruppe an kurzen Smartphone-Videos, um afroamerikanische werdende Mütter über HIV und andere Risiken zu informieren und mit ihnen in Austausch zu treten.

Andererseits ist in der Corona-Pandemie erneut deutlich geworden, dass es weiterhin für manche sozial benachteiligte Gruppen sehr schwierig ist, digitale Anwendungen zu nutzen, einfach weil technische Rahmenbedingungen, wie beispielsweise das verfügbare Datenvolumen, begrenzt sind. Hieran ist zu denken, wenn neue Interventionen entwickelt werden, die konkret zur Verringerung von Chancenungleichheit führen sollen. Am besten gelingt dies durch partizipative, nutzerzentrierte Präventionsansätze.


In welchen Bereichen konnten und können Ansätze der Gesundheitsförderung und Prävention durch die Digitalisierung wirksam verbessert werden und gegebenenfalls einen Vorteil gegenüber analogen Methoden zeigen?

Bisher ist es noch so, dass digitale Präventionsansätze überwiegend das Verhalten und weniger die Strukturen und Rahmenbedingungen ansprechen. Mit einem breiten Verständnis von digitaler Gesundheitskompetenz, das nicht nur individuelle Fähigkeiten, sondern auch strukturelle und organisationale Aspekte einbezieht, lässt sich dieses wichtige Zukunftsthema gut angehen, denn bisher zeigen sich noch einige Gesundheitskompetenz-Unterschiede – je nach sozialem Status. Als Beispiel: Was trägt die Schule als Organisation oder Setting zur Verbesserung der digitalen Gesundheitskompetenz bei, welche Möglichkeiten gibt es hier?

Die Frage nach dem Vorteil gegenüber analogen Methoden stellt sich oft nicht, es geht meist um eine sinnvolle Kombination analoger und digitaler Ansätze, so auch bei den wichtigen Bereichen Ernährung und Bewegung. Digital können hier zum Beispiel Informationsvermittlung, Erinnerungen und Messung erfolgen. Das Gemeinsame, auf das Miteinander abzielende in der Umsetzung, etwa bei Bewegungsinterventionen, bleibt aber analog, oder aber ein Coaching durch „echte“ Personen im direkten Kontakt mit Nutzerinnen und Nutzern.

Neben der einfachen Erreichbarkeit und der Flexibilität digitaler Ansätze ist auch noch der Aspekt der Interaktion, des Austausches, zu benennen – Nutzerinnen und Nutzer können sich recht leicht einbringen und an der Durchführung und Verbesserung von Angeboten beteiligen oder auch nur durch Feedback und Kommunikation mit anderen den Spaß und die Motivation für gesundheitsförderliches Handeln hochhalten.


Nun gibt es ja sozioökonomisch und auch technisch bedingt Unterschiede im Zugang zu und in der Nutzung von digitalen Technologien. Wie kann dem „digital divide“, also der digitalen Spaltung, entgegengewirkt werden?

Wie schon angesprochen ist die digitale Gesundheitskompetenz ein wichtiger Schlüssel. Die digitale Spaltung kann ja auf mehreren Ebenen wirken, von der Frage der technischen Ausstattung bis hin zu unterschiedlicher Kompetenz, die Gesundheitschancen mit digitalen Mitteln auch wirklich zu verbessern. Es geht dabei auch um die Fähigkeit, die Qualität von digitalen Informationen und Angeboten bewerten zu können, das ist durchaus schwierig und bisher wenig geordnet.

Für Nutzerinnen und Nutzer in Deutschland ist insgesamt die digitale Spaltung bei der technischen Ausstattung von geringerer Bedeutung. Der Umgang und effektive Einsatz digitaler Technologien dürfte das größere Problem sein!


Was kann helfen, dieses Problem zu lösen?

Wichtig erscheint eine echte partizipative Entwicklung, die die späteren Nutzendengruppen aktiv einbezieht und die Barrieren einschließlich der sprachlichen möglichst niedrig hält. Letzten Endes sind dies bekannte Schwierigkeiten im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung, die sich bezüglich digitaler Technologien erneut und zum Teil verschärft stellen.


Vor kurzem wurde vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie eine bundesweite Befragung zu Digitalisierung und Gesundheit durchgeführt. Welche Ergebnisse haben Sie überrascht?

Bei der digitalen Gesundheitskompetenz gab es das bekannte Bild mit höheren Werten bei gut Gebildeten und Jüngeren. Auffällig war, dass fast 90 % der Teilnehmenden davon ausgehen, dass die Digitalisierung wichtig oder sehr wichtig für die Zukunft der Gesundheitsversorgung sein wird, bei der Gesundheitsförderung immerhin noch knapp 70%.

Und knapp 60% planen, in Zukunft auch Apps zum Thema Prävention und Gesundheitsförderung herunterzuladen. Das waren für mich eher hohe Anteile bei diesen Fragen, gerade weil bisher nur eine klare Minderheit der Personen, die ein Smartphone haben, auch tatsächlich Gesundheits-Apps nutzen. Da gibt es also offensichtlich Potenzial, auch auf Seiten der Nutzerinnen und Nutzer.


Die Fragen stellten Inke Ruhe und Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Interview zum Thema „Geschlechtersensible Prävention und Gesundheitsförderungmit Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione, Universität Bielefeld und Radboud Universität in Nijmegen (NL).

Mehr zu Digitalisierung in der Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Prof. Dr. med. Hajo Zeeb | Seit 2010 Professor für Epidemiologie an der Universität Bremen und Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS. Wissenschaftliche Schwerpunkte: Umwelt- und Strahlenepidemiologie, Sozialepidemiologie mit Fokus Migration und Gesundheit, Evidenzbasierung von Public Health. Prof. Dr. med. Hajo Zeeb ist Sprecher des Leibniz Wissenschaftscampus Digital Public Health Bremen und in mehreren Fachgesellschaften (DGSMP, DGEpi) sowie im Zukunftsforum Public Health aktiv.


Interview zum Weltgesundheitstag 2021 – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit„Die Chancen für ein gesundes Leben sind in Deutschland ungleich verteilt“

Im 19. Jahrhundert als Antwort auf die wachsende soziale Not der Menschen entstanden, setzen sich die Wohlfahrtsverbände für die Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit insbesondere von sozial benachteiligten Menschen ein. Anlässlich des diesjährigen Weltgesundheitstages mit dem Schwerpunkt „Gesundheitliche Chancengleichheit“ erläutern vier Vertreterinnen und Vertreter der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege – Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik, Deutscher Caritasverband, Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik Diakonie Deutschland und Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband – ihre Strategien zur Erreichbarkeit vulnerabler Zielgruppen und sprechen über die Relevanz von Prävention und Gesundheitsförderung.

Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Strategien bzw. Maßnahmen, um vulnerable Zielgruppen erfolgreich zu erreichen?

Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes: Präventionsstrategien und -maßnahmen sollten als langfristig angelegte Vorhaben verstanden werden, die an individuellen Verhaltensweisen und gleichzeitig unbedingt auch an gesellschaftlichen Strukturen ansetzen. Ziel sollte die Gestaltung gesundheitsfördernder Lebens- und Wohnbedingungen sein. Um dies zu erreichen, müssen alle relevanten Akteurinnen und Akteure – die Sozialversicherungsträger, der Bund, die Länder und Kommunen – aber auch die Bürgerinnen und Bürger miteinbezogen werden.

Da gesundheitsfördernde Konzepte bei den Lebenswelten ansetzen müssen, um speziell benachteiligte Menschen zu erreichen, ist es aus Sicht der Arbeiterwohlfahrt (AWO) wirksam und zielführend, den Ansatz der Quartiersentwicklung, als Baustein sozialräumlicher Arbeit, mit dem Thema Prävention zu verknüpfen. Als Verband der Freien Wohlfahrtspflege ist die AWO mit ihren Einrichtungen und Diensten vor Ort tief in den Lebenswelten der Menschen verankert und setzt mit dem Ansatz der Quartiersentwicklung unmittelbar im Wohnumfeld an. So gelangt Unterstützung dorthin, wo sie benötigt wird.


Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik, Deutscher Caritasverband: Auffindbarkeit und Durchlässigkeit sind Eigenschaften, die ich hervorheben möchte, um erfolgreiche Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung für vulnerable Gruppen zu kennzeichnen. Gerade sie – Menschen in der Obdachlosigkeit, Menschen mit besonderen psychischen Belastungen, Menschen mit sehr geringen Bildungsvoraussetzungen – werden nicht erreicht, wenn der Nutzungsmöglichkeit des Angebots eine aufwändige Such- und Anmeldeprozedur vorausgeht.

Ein Erfolgsbeispiel sind für mich die Babylotsendienste. Sie sind in der Geburtsklinik „einfach da“, wenn das Baby zur Welt kommt und wenn sich die jungen Eltern in den Unterstützungsstrukturen zurechtfinden müssen. Ohne Einkommen und Belastungssituation detailliert erhoben zu haben, gehen sie auf die Mütter zu und öffnen ihnen die Tür in das System Früher Hilfen. Da-Seins-Vorsorge im allerbesten Wortsinn.


Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik, Diakonie Deutschland: Es sind sehr unterschiedliche Gruppen in unterschiedlichen Lebenslagen, die unter dem Begriff der vulnerablen Gruppen gefasst werden. Das macht allgemeine Aussagen schwer. Sie werden der Besonderheit der jeweiligen Gruppe nicht gerecht, insbesondere nicht den einzelnen Personen, die so zusammengefasst werden.

Aus diesem Sachverhalt kann man meines Erachtens schon drei Dinge ableiten:

Erstens ist es wichtig, gemeinsam mit den betroffenen Menschen zu arbeiten und nicht über sie zu bestimmen. Am Beispiel der gesundheitlichen Versorgung von sehr alten Menschen, die oftmals mehrere chronische Krankheiten haben, vielleicht in ihrer Selbständigkeit eingeschränkt oder auch sozial isoliert leben, kann man die Situation deutlich machen: Je nach Kontext, je nach Problemkonstellation und vor allen Dingen je nach den Wünschen der betroffenen Menschen stehen ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Maßnahmen im Vordergrund. Oftmals ist es auch etwas anderes als eine medizinische Untersuchung. Es ist vielleicht die Teilnahme an einem Gesprächskreis, einem Gottesdienst oder der Besuch der Stadtteilbücherei. Begegnung und Teilhabe sind gerade bei eingeschränkter Selbstständigkeit wichtig und zugleich ein Anliegen von Prävention.

Zweitens kommt dem öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) eine wichtige Rolle zu. Meines Erachtens sollte es die Aufgabe eines gut aufgestellten ÖGDs sein, auch die Bedarfe von Gruppen zu identifizieren, die am Rande des gesundheitlichen und sozialen Regelsystems stehen.

Drittens, um vulnerable Gruppe erfolgreich zu erreichen, brauchen wir Dienste, die die Lebenswirklichkeit der Menschen kennen und sie auch in ihren „Settings“ aufsuchen. Im Bereich der Arbeit mit suchtabhängigen Menschen kann das etwa die Straßensozialarbeit sein. Wenn wir bei der Gruppe hochaltriger Menschen bleiben, wäre der präventive Hausbesuch ein gutes Instrument, um in einem ersten Gespräch zu informieren, zu beraten und gemeinsam Leistungen zu erschließen.


Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband: Die Chancen für ein gesundes und langes Leben sind in Deutschland extrem ungleich verteilt. Die sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen folgt dabei der sozialen Schichtung von Gesellschaft – Einkommen, Bildung, Stellung im Beruf. Versuche, das Gesundheitsverhalten durch Information, Erziehung, Kurse, Kampagnen und Aufklärung zu verändern, führen zu nur geringen und meist auch nicht nachhaltigen Erfolgen. Und auch Verbesserungen der medizinischen Versorgung können dieses Problem nur geringfügig vermindern.

Wir wissen, dass wir vor allem nicht-medizinische Interventionen und Strategien der Prävention und Gesundheitsförderung brauchen, die insbesondere bei sozial benachteiligten Menschen Erkrankungen verhüten oder zeitlich verschieben. Bei den Bemühungen um Schaffung von gesundheitlicher Chancengleichheit sind partizipative Lebenswelt-Interventionen, also der Setting-Ansatz, eine Schlüsselstrategie. Diese sind bislang der beste Zugang, um Verhältnisse und Verhaltensanreize zu verändern, Gesundheitsbelastungen zu senken und gleichermaßen Gesundheitsressourcen zu steigern.

Solche Interventionen entfalten erst dann ihre Wirksamkeit, wenn sie nicht nur auf die Veränderung der Lebensweise bzw. des Verhaltens abzielen, sondern auch materielle und sozial belastende ebenso wie stärkende Faktoren und Anreize der physischen und sozialen Umwelt einbeziehen. Kontextkenntnisse sowie aktive Mitwirkung von Zielgruppen sind dabei unerlässlich. Damit wird an den tatsächlichen Bedürfnissen der Zielgruppe angesetzt und direkte Partizipation bei der Gestaltung der eigenen Lebensbedingungen ermöglicht. Die Wohlfahrtsverbände als Träger von Lebenswelten für sozial benachteiligte Menschen sind ein unverzichtbarer Akteur, der dazu beitragen kann, diese Zielgruppen zu erreichen.



Für wie relevant erachten Sie Ansätze der Prävention und Gesundheitsförderung, um gesundheitlichen Ungleichheiten frühzeitig und effizient entgegenzuwirken?

Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes: Der Gesundheitszustand wird neben dem Gesundheitsverhalten, sprich unserer individuellen Lebensweise, auch maßgeblich über die Lebensverhältnisse beeinflusst. In zahlreichen Studien konnten gravierende Auswirkungen von erschwerten Lebenslagen auf den Gesundheitszustand nachgewiesen werden: Menschen in schwieriger sozialer Lage sterben früher und verbringen wesentlich weniger Jahre bei guter Gesundheit als jene mit höherem sozioökonomischem Status. Deshalb sollten insbesondere sozial benachteiligte Menschen frühzeitig in den Fokus von Gesundheitsförderung und Prävention treten.

In anwaltschaftlicher Funktion für sozial benachteiligte Menschen setzt sich die AWO mit Nachdruck für gleiche Gesundheitschancen ein. Alle Menschen müssen die gleichen Chancen auf eine gute gesundheitliche Versorgung haben – unabhängig von Herkunft, Alter, Behinderung oder Geldbeutel.

Eine gerechte Gesundheitsversorgung ist ein wesentlicher Baustein für ein starkes Miteinander der Menschen innerhalb der Gesellschaft. Um gesundheitlichen Ungleichheiten frühzeitig entgegen zu wirken, müssen lokale Strategien der Gesundheitsförderung und Prävention partizipativ mit den Menschen entwickelt und umgesetzt werden. Es geht vor allem darum, die Voraussetzungen für Beteiligung zu schaffen, damit Menschen ermächtigt werden, ihre gesundheitsbezogenen Belange wahrzunehmen und mitzugestalten.


Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik, Deutscher Caritasverband: Soziale Ungleichheit und gesundheitliche Risiken sind vielfältig miteinander verbunden und verstärken sich gegenseitig. Das hat zuletzt die Corona-Pandemie überdeutlich sichtbar gemacht. Daher müssen Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut und Maßnahmen präventiver Gesundheitsförderung als zusammengehörige Bausteine einer ganzheitlichen Teilhabechancenpolitik verstanden werden – Stichwort „gesundheitsfördernde Gesamtpolitik“, „Health in All Policies“.

Konkret heißt das aus der Perspektive der Wohlfahrtsverbände: Vor Maßnahmen der Verhaltensprävention, die beim einzelnen Menschen ansetzen, müssen dringend die Verhältnisse in den Blick genommen werden, in denen die Menschen leben. Um die gesundheitliche Chancengleichheit zu ermöglichen, ist die Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse dringend notwendig – die Angebote der sozialen Daseinsvorsorge müssen ein dichtes Netz bilden, keinen Flickenteppich.


Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik, Diakonie Deutschland: Der Abbau von gesundheitlicher Ungleichheit ist ein wichtiges Ziel und ein wesentliches Kriterium für die Beurteilung von präventiven Maßnahmen. Präventive Maßnahmen, die in den diversen Handlungsfeldern zum Tragen kommen, können oftmals die soziale Ungleichheit nur etwas kompensieren. Aber auch dann lohnen sie sich.

Drei Aspekte müssen wir im Blick behalten, wenn wir das Ziel – gesundheitliche Ungleichheit abzubauen – verfolgen:

Erstens müssen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Wie groß die Bedeutung von Arbeit, Einkommen, Wohn- und Lebensbedingungen sind, wurde in der Corona-Epidemie eklatant deutlich. Deswegen ist Präventionspolitik unbedingt in eine übergreifende Politik der Verbesserung von Lebenslagen einzubetten.

Zweitens und drittens folgt aus dieser Erkenntnis: Einerseits müssen Prävention und Gesundheitsförderung die Mündigkeit der Menschen stärken, auch dann, wenn Expertinnen und Experten das Ergebnis des mündigen Handelns nicht angemessen finden. Andererseits ist eine Überforderung der Menschen zu vermeiden, wie sie in Zeiten der Selbstoptimierung leicht geschieht. Dabei wird das soziale Geflecht, in dem wir eingebunden sind, oftmals ausgeblendet.

Eine lebenslagenbezogene Prävention erfolgt im besten Fall in der Tradition der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung: Sie kann zum gemeinsamen Handeln aller Politikbereiche anregen und die Förderung von Gesundheit besser gestalten.


Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband: Im lebensweltbasierten Präventionsansatz liegen große Potenziale für die Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung, die konsequente Umsetzung in der Praxis ist jedoch mit Schwierigkeiten verbunden. Dies liegt nicht nur daran, dass die konsequente Umsetzung des Setting Ansatzes mit viel Einsatz und Arbeit verbunden ist. Viel schwerer wiegt der Umstand, dass es bislang immer noch an der Verankerung eines systematischen Ansatzes zur Sicherung und Förderung von Gesundheit mangelt. Bevölkerungsbezogene Gesundhaltung und insbesondere die Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen muss als eigenständiges Politikziel nicht nur benannt, sondern auch multisektoral und nachhaltig umgesetzt werden.

Prävention und Gesundheitsförderung alleine können sozial bedingte Ungleichheit und die ungleichen Gesundheitschancen, die daraus resultieren, jedoch nicht heilen. Gesundheit betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche und kann deshalb nur gesamtgesellschaftlich bewältigt werden. Wir wissen mittlerweile aus zahlreichen Studien, dass ökonomische Ungleichheit den sozialen Zusammenhalt schwächt und Gesellschaften auf vielen Ebenen schadet. Maßnahmen müssen also eine gerechtere Gesellschaft zum Ziel haben und deshalb auch die Verringerung der großen und wachsenden Ungleichheit von Einkommen, Bildungschancen, Arbeits- und Wohnqualität etc. einschließen.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit. Interview mit Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Brigitte Döcker | Seit 2010 Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes e.V. Die Diplom-Erziehungswissenschaftlerin ist vor allem für die Themen Gesundheit und Pflege, Migration und das Qualitätsmanagement zuständig. Das langjährige AWO-Mitglied Döcker war zuvor bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW)  sowie langjährig bei der AWO in Berlin tätig. Sie ist Mitglied im Präsidium des Deutschen Vereins sowie der Mitgliederversammlung und Vorsitzende der Sozialkommission I der BAGFW.

Die Arbeiterwohlfahrt wird bundesweit von über 312.000 Mitgliedern, 82.000 ehrenamtlich engagierten Helferinnen und Helfern sowie rund 237.000 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern getragen. Seit einem Jahrhundert kämpft sie für Gerechtigkeit und Solidarität, Vielfalt und Frauenrechte und macht sich stark für eine solidarische Gesellschaft, in der Menschen in Notlagen auf die Unterstützung der Gemeinschaft zählen können.

Eva M. Welskop-Deffaa | Seit 2017 Vorständin Sozial- und Fachpolitik des Deutschen Caritasverbandes e.V. Die Diplom-Volkswirtin war zuvor Leiterin der Abteilung Gleichstellung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (bis 2012) und 2013-2017 Mitglied im ver.di-Bundesvorstand, dort zuständig für Sozialpolitik, Arbeitsschutz und Migration. Eva M. Welskop-Deffaa ist Mitglied im Präsidialausschuss des Deutschen Vereins, im Aufsichtsrat der Aktion Mensch und Vorsitzende des Beirats der Stiftung Digitale Chancen.

Der Deutsche Caritasverband e.V. ist der Dachverband der organisierten Caritas und der größte Wohlfahrtsverband in Deutschland. Knapp 700.000 Menschen arbeiten bundesweit beruflich in den rund 25.000 Einrichtungen und Diensten. Mehrere hunderttausend Ehrenamtliche unterstützen dabei. Die Caritas ist weltweit in mehr als 200 Ländern vertreten. Hier macht sie sich stark für Solidarität und soziale Gerechtigkeit: gegen Diskriminierung, Gewalt und Armut.

Maria Loheide | Seit 2012 Vorständin Sozialpolitik der Diakonie Deutschland e.V. und verantwortet die Arbeit der sozialpolitischen Zentren. Maria Loheide nimmt Funktionen in den Netzwerkorganisationen, in denen die Diakonie mitarbeitet, wahr. Sie hat den Vorsitz der Sozialkommission II der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege inne und ist Vizepräsidentin des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge.

Die Diakonie Deutschland e.V.  ist die soziale Arbeit der evangelischen Kirchen. Bundesweit sind etwa 599.282 hauptamtliche Mitarbeitende in rund 31.600 ambulanten und stationären Diensten der Diakonie wie Pflegeheimen und Krankenhäusern, Beratungsstellen und Sozialstationen mit 1,18 Millionen Betten/Plätzen beschäftigt. Der evangelische Wohlfahrtsverband betreut und unterstützt jährlich mehr als zehn Million Menschen. Etwa 700.000 freiwillig Engagierte sind bundesweit in der Diakonie aktiv.

Prof. Dr. rer. pol. Rolf Rosenbrock | Seit 2012 ehrenamtlicher Vorsitzender des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband e.V. Seine Themen sind sozial bedingte Ungleichheiten von Gesundheitschancen, Präventionspolitik sowie Steuerung und Finanzierung der Krankenversorgung. Der Wirtschafts-, Sozial- und Gesundheitswissenschaftler betreibt seit den 70er Jahren Gesundheitsforschung und Politikberatung.

Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e.V.  ist Dachverband für über 10.000 rechtlich selbstständige Mitgliedsorganisationen, die in vielen Sozial- und Gesundheitsbereichen tätig sind. Mit seinen 15 Landesverbänden und mehr als 280 Kreisgeschäftsstellen unterstützt der Paritätische die Arbeit seiner Mitglieder.
Er repräsentiert und fördert seine Mitgliedsorganisationen in ihrer fachlichen Zielsetzung und ihren rechtlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Belangen. Durch verbandseigene Institutionen trägt er bei zur Erhaltung, Zusammenarbeit und Neugründung von Organisationen und Einrichtungen der Sozialarbeit.

Interview zum Weltgesundheitstag 2021 - Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit„Gesundheitliche Chancengleichheit ist unabhängig von Status, Herkunft und Geschlecht“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzt mit dem Motto „Building a fairer, healthier world“ zum diesjährigen Weltgesundheitstag am 7. April den Schwerpunkt auf gesundheitliche Chancengleichheit. Zum Weltgesundheitstag 2021 haben wir mit Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit, ein Interview geführt. Der Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit ist im Jahr 2003 von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gegründet worden. Heute gehören dem Verbund deutschlandweit 74 Organisationen an – darunter auch die BVPG. Die Leitziele sind: Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit in Deutschland und Unterstützung der Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Gruppen.

Herr Bräunling, auf welche Erfolge des Kooperationsverbundes sind Sie besonders stolz?

Grundsätzlich erst einmal: Der Kooperationsverbund setzt sich dafür ein, dass jeder Mensch, unabhängig von Einkommen oder sozialem Status, die besten Möglichkeiten bekommen soll, um gesund zu sein und zu bleiben. Seit seiner Gründung vor knapp zwanzig Jahren konnte der Verbund wichtige Beiträge zum Strukturaufbau und zur Verbesserung der Qualität in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung leisten.

Nennen möchte ich den Good Practice-Ansatz zur Qualitätsentwicklung. Hier konnten zwölf allgemein anerkannte Kriterien für soziallagenbezogene Gesundheitsförderung entwickelt und bereits eine große Anzahl von Good Practice-Beispielen in allen Handlungsbereichen ausgezeichnet werden. Die Kriterien wie beispielsweise Zielgruppenbezug, niedrigschwellige Arbeitsweise, Vernetzung oder Qualitätsmanagement bedingen sich stets gegenseitig. Sie helfen, Maßnahmen besser zu planen und umsetzen zu können.

In allen Bundesländern wurden im Rahmen des Kooperationsverbundes Koordinierungsstellen Gesundheitliche Chancengleichheit (KGC) aufgebaut. Sie tragen wesentlich zur Koordination und Unterstützung von Aktivitäten zur soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung vor Ort, also in den Kommunen, Quartieren und Lebensräumen der Menschen, bei.

Und drittens: Im kommunalen Partnerprozess, der den Titel „Gesundheit für alle” trägt, entwickeln immer mehr Kommunen integrierte Strategien, sogenannte Präventionsketten, zur Förderung der Gesundheit und setzen diese vor Ort um.


Seit Beginn der Corona-Pandemie, die vor über einem Jahr auch Deutschland erreichte, sind die Herausforderungen größer geworden – oft wird von einer Verstärkung der sozialen Ungleichheiten durch COVID-19 gesprochen. Wie haben Sie Ihre Arbeit an die aktuelle Situation angepasst?

Gerade im ersten Lockdown sind viele kreative Ansätze entstanden, um mit der Pandemie und ihren Folgen umzugehen. Der Kooperationsverbund hat auf dem Austauschportal inforo die vielfältigen Aktivitäten sichtbar gemacht, die sich an Menschen in schwieriger sozialer Lage richteten. So konnte eine soziale Nähe trotz physischer Distanz hergestellt werden. Das hat sehr ermutigend gewirkt!

Mittlerweile liegt nun unser Augenmerk darauf, Forschungsergebnisse, die Auswirkungen der Pandemie insbesondere auf vulnerable Gruppen belegen, bekannt zu machen und in die Diskussion zu bringen.


Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft wagen. Wie könnte die Vision für das Motto „Building a fairer, healthier Germany“ erreicht werden, also eine Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit in Deutschland?

Der Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit teilt die Vision der WHO von einer solidarischen Gesellschaft, in der alle Menschen das Grundrecht auf ihren bestmöglichen Gesundheitsstatus genießen. Dieser ist unabhängig von sozialem Status, Herkunft, Alter und Geschlecht!

In einer solchen Gesellschaft wird die Förderung der Gesundheit und des Wohlergehens der Menschen nicht alleinige Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) sein. Es ist eine Aufgabe für alle Fachbereiche, die dann übergreifend zusammenarbeiten. Auch die Zivilgesellschaft wird stärker denn je mit einbezogen. Die prioritären Gesundheitsziele sind die Förderung des sozialen Zusammenhalts und die Beteiligung aller am Leben in der Gemeinschaft.

Grafische Darstellung der Lebenswelt "Quartier/Stadtteil"

Konkret sieht das so aus: Vielfältige Angebote und Initiativen unterstützen wohnortnah und koordinierende Netzwerke werden in allen Kommunen eine Selbstverständlichkeit. Vermittelnde Hilfen, die wir heute noch als wunderbare Pilotprojekte kennenlernen, beispielsweise die „Stadtteilmütter“ oder Gesundheitsfachkräfte in Lebenswelten, werden dann – in der Stadt ebenso wie in ländlichen Räumen – Regelangebote sein.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit. Interview mit Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik Deutscher Caritasverband, Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik Diakonie Deutschland und Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Stefan Bräunling | Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit, die bei Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. angesiedelt ist. Arbeitsschwerpunkte Gesundheitsförderung im Quartier, Gesundheitsförderung bei Erwerbslosen. Publikation: Böhm, K. et al. (Hrsg.): Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Konzept Health in All Policies und seine Umsetzung in Deutschland. Springer VS, 2020.; Dipl.-Psych. und MPH.

Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit | Gesundheitliche Chancengleichheit in Deutschland verbessern und die Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Gruppen unterstützen – das sind die Leitziele des bundesweiten Kooperationsverbundes. Dem von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) initiierten Verbund gehören 74 Organisationen an. Der Verbund fördert vorrangig die Qualitätsentwicklung in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung und die ressortübergreifende Zusammenarbeit.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Gesundheitskompetenz„Es besteht großer Handlungsbedarf, die Gesundheitskompetenz zu verbessern“

Gesundheitskompetenz (Health Literacy) beschreibt die Fähigkeiten, gesundheitsrelevante Informationen ausfindig zu machen, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden. Mit der repräsentativen Studie HLS-GER (Health Literacy Survey Germany) wurde 2014 eine erste Datengrundlage zur Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland geschaffen. Nun liegen mit der Wiederholungsbefragung HLS-GER 2 aktuelle Daten vor, die zeigen, dass sich die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland weiter verschlechtert hat. Mit den Studienleiterinnen Professorin Dr. Doris Schaeffer und Dr. Eva-Maria Berens, beide vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld, sprechen wir über die über die Ergebnisse und die Konsequenzen von HLS-GER 2.

2014 wurde die erste repräsentative Studie zur Gesundheitskompetenz in Deutschland (HLS-GER) durchgeführt: 54 Prozent der Befragten wiesen hierzulande eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz auf. Die aktuelle Health Literacy Studie HLS-GER 2 hat nun neue Daten erhoben und auch die digitale Gesundheitskompetenz (eHealth Literay) untersucht. Die Ergebnisse wurden soeben veröffentlicht. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?

Die Gesundheitskompetenz hat sich insgesamt verschlechtert, mittlerweile liegt der Anteil geringer Gesundheitskompetenz bei fast 60 Prozent. Die digitale Gesundheitskompetenz, also die Fähigkeiten, im Internet relevante Gesundheitsinformation zu finden, zu verstehen, beurteilen und umzusetzen, wurde mit einem neu im Rahmen des M-POHL (Measuring Population and Organizational Health Literacy) Netzwerks der WHO Europa entwickelten Instruments untersucht. Im Ergebnis zeigt sich, dass sie noch schlechter ausgeprägt ist als die allgemeine Gesundheitskompetenz. Drei Viertel der Befragten, rund 76 Prozent, weisen danach eine geringe digitale Gesundheitskompetenz auf.

Besonders die Beurteilung der Vertrauenswürdigkeit und Neutralität digitaler Informationen wird als schwierig erachtet. Für über 82 Prozent der Bevölkerung ist es (sehr) schwierig zu beurteilen, wie vertrauenswürdig die gefundenen Informationen sind. Fast ebenso viele Befragte finden es (sehr) schwer einzuschätzen, ob hinter den Informationen kommerzielle Interessen stehen. Auch genau die digitale Gesundheitsinformation zu finden, nach der man sucht, scheint für viele Menschen nicht einfach zu sein.


Die Nutzung verschiedener digitaler Informationsangebote wie Apps, Social Media und Webseiten wurde in HLS-GER 2 genauer betrachtet. Wo liegen die Präferenzen?

Insgesamt ist die Bedeutung des Internets bzw. digitaler Medien als Informationsquelle gestiegen, aber die Gesundheitsprofessionen und insbesondere Ärztinnen und Ärzte spielen nach wie vor eine wichtige Rolle als Informationsinstanz. Sie stehen nach wie vor an erster Stelle bei den bevorzugten Informationsquellen.

Blickt man auf die Präferenzen und Nutzungshäufigkeiten der verschiedenen digitalen Informationsangebote, zeigt sich ein sehr heterogenes Bild. So werden Internetseiten zum Thema Gesundheit von fast zwei Dritteln der Bevölkerung genutzt, aber etwa 35 Prozent suchen nie im Internet nach Informationen zum Thema Gesundheit. Das ist ein wichtiges Ergebnis, denn bei aller Aufmerksamkeit, die die Digitalisierung derzeit erhält, sollte nicht vergessen werden, dass immerhin mehr als ein Drittel der Bevölkerung nie Internetseiten zum Thema Gesundheit ansteuert.

Andere digitale Informationsangebote werden von deutlich weniger Personen genutzt. Knapp 40 Prozent der Bevölkerung informieren sich über soziale Medien bzw. Online-Foren oder frequentieren sie zum Austausch. Mit den Gesundheitsprofessionen wie beispielsweise Ärztinnen und Ärzten oder Pflegefachpersonen interagieren bislang nur fast 16 Prozent der Bevölkerung digital.

Gesundheits-Apps auf dem Handy, um z. B. den Kalorienverbrauch zu kontrollieren, die Medikamenteneinnahme zu unterstützen oder körperliche Aktivität zu messen, werden lediglich von etwa 30 Prozent bzw. 20 Prozent der Bevölkerung genutzt.

Insgesamt sind digitale Informationsangebote zwar auf dem Vormarsch, doch große Teile der Bevölkerung werden nicht durch sie erreicht. Allen voran sind hier Menschen mit geringer Bildung und Menschen ab 65 Jahren zu nennen. Sie nutzen alle digitalen Informationsangebote seltener als jüngere oder gut gebildete Menschen.

Menschen mit Migrationshintergrund hingegen nutzen die Möglichkeiten zur digitalen Gesundheitsinformation auffällig häufig, insbesondere soziale Medien werden von fast 45 Prozent genutzt. Zusammengefasst zeigt sich, dass die Präferenzen für einzelne (digitale) Informationsquellen und auch deren Nutzungshäufigkeit in verschiedenen Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich sind.


Vor dem Hintergrund der Pandemie bekommen die Ergebnisse der HLS-GER 2 noch einmal ein ganz anderes Gewicht. Hat Corona die Relevanz der (digitalen) Gesundheitskompetenz noch weiter verstärkt?

Während der Corona Pandemie hat die Nutzung digitaler Gesundheitsinformations- und Kommunikationsmöglichkeiten zugenommen, wie unsere Zusatzerhebung zeigt. Auch der Anteil hoher digitaler Gesundheitskompetenz ist gestiegen. Wichtig ist jetzt zu beobachten, ob die zunehmende Akzeptanz bzw. Nutzung digitaler Angebote und auch die verbesserte digitale Gesundheitskompetenz nur eine Momentaufnahme darstellen oder ob sich diese Entwicklung langfristig bestätigt und festigt.


Bislang fehlte es an international vergleichenden bevölkerungsrepräsentativen Daten zur eHealth Literacy. Wie sieht der europäische Vergleich aus?

Solche Daten sind mit der internationalen Studie HLS19 zu erwarten, an der 17 Länder teilnehmen, auch Deutschland. Die Ergebnisse werden voraussichtlich im Herbst 2021 veröffentlicht. Erst dann werden wir wissen, wie der Vergleich konkret ausfällt. Schon jetzt deuten andere Studien an, dass wir nicht auf den ranghöchsten Plätzen stehen dürften.


Niedriger Bildungs- und Sozialstatus und geringe Lese- und Schreibfähigkeit sowie hohes Alter sind mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz assoziiert. Die Daten des HLS-GER 2 sollen dazu beitragen, die Digitalisierung im Gesundheitswesen nutzerzentriert voranzubringen. Wie könnte das nun erreicht werden?

Dass Deutschland bei der Digitalisierung aufholen muss, ist kein Geheimnis und spiegelt sich auch in den dargestellten Daten wider. Das gilt ebenso für die digitale Gesundheitskompetenz. Hier besteht großer Handlungsbedarf, um die digitale Gesundheitskompetenz zu verbessern und auch um den bestehenden Entwicklungsrückstand im Vergleich zu anderen Ländern aufzuholen.

Dabei ist wichtig, bestehende soziale Unterschiede und Ungleichheiten zu beachten und Gruppen mit auffällig hohem Anteil an geringer Gesundheitskompetenz, wie Menschen mit geringer Bildung und niedrigem Sozialstatus oder ältere Menschen gezielt zu adressieren und zu fördern. Zu bedenken ist dabei, dass ihnen vielfach der Zugang zu digitalen Medien fehlt und ergo auch strukturelle und kontextbezogene Interventionen erforderlich sind.

Zudem ist wichtig, nicht allein die Bevölkerung in den Blick zu nehmen, sondern auch wichtige Mediatoren, so besonders die Ärztinnen und Ärzte, die ja, wie erwähnt, nach wie vor wichtigste Anlaufadresse bei Gesundheitsinformationsfragen sind, ebenso andere Gesundheitsprofessionen, aber auch die Familie und das soziale Netz. Sie alle sind wichtige Anlaufstellen für Patientinnen und Patienten und können und sollten zur Stärkung der digitalen Gesundheitskompetenz beitragen. Allerdings benötigen auch sie dazu gezielte Fördermaßnahmen.


Der Nationale Aktionsplan zur Förderung der Gesundheitskompetenz (NAP) wurde 2018 veröffentlicht. Er enthält 15 Empfehlungen in vier Handlungsfeldern und benennt vier Prinzipien für die Umsetzung. Eine davon ist, die Forschung zur Gesundheitskompetenz auszubauen. Inwiefern hilft der HLS-GER 2 dabei, auch die weiteren Empfehlungen des Aktionsplans umzusetzen?

Der HLS-GER 2 liefert eine Fülle von Daten, die als Grundlage dafür dienen können, empirisch gesicherte Interventionen für unterschiedliche Zielgruppen zu entwickeln und auch die Empfehlungen der Nationalen Aktionsplans weiter umzusetzen. Wir selbst werden uns in den kommenden Monaten intensiv mit der Frage befassen, wie die Studienergebnisse konkret für die Umsetzung des Nationalen Aktionsplans zur Förderung der Gesundheitskompetenz genutzt werden können und welche neuen Akzentsetzungen sie nahelegen. Das Thema digitale Gesundheitskompetenz wird dabei sicher eine prominente Rolle spielen.

Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Mehr zur Studie HLS-GER 2 erfahren Sie hier.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitskompetenz. Interview mit Prof. Dr. Kevin Dadaczynski, Professor für Gesundheitskommunikation und -information an der Hochschule Fulda, und Dr. Orkan Okan, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung an der Universität Bielefeld und Co-Chair der Global Working Group Health Literacy der IUHPE.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Prof. Dr. Doris Schaeffer | Senior-Professorin an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld, Leitung des Interdisziplinären Zentrums für Gesundheitskompetenzforschung (gem. mit Prof. Dr. Ullrich Bauer) der Universität Bielefeld. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Gesundheitskompetenz, Patienteninformation und -beratung, Bewältigung und Versorgung bei chronischer Krankheit und Pflegebedürftigkeit. Sie vertritt Deutschland im Action Network on Measuring Population and Organizational Health Literacy (M-POHL) der WHO-Europa und leitet zahlreiche Studien zur Gesundheitskompetenz.

Dr. Eva-Maria Berens | Gesundheitswissenschaftlerin und Mitarbeiterin am Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung der Universität Bielefeld. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Gesundheitskompetenz, Migration und Gesundheit sowie soziale Ungleichheit und Gesundheit. Sie koordiniert die Studien HLS-GER 2 und HLS-MIG.