Prävention und Gesundheitsförderung im Setting Hochschule„Gesundheitsförderung im Setting Hochschule hat großes Potenzial!“

Gesundheitsförderung im Setting Hochschule zu verankern, ist eine der Aufgaben des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbandes e.V. (adh). Der Dachverband der Hochschulsporteinrichtungen erreicht insgesamt 2,4 Mio. Studierende, rund 550.000 Bedienstete sind beim adh tätig und mit 203 Mitgliedshochschulen ist fast jede zweite Hochschule in Deutschland Mitglied beim adh. Julia Berschick, studentisches Vorstandsmitglied, und Felicitas Horstmann, Projektleitung Gesundheitsförderung, sprechen im BVPG-Interview über die Neuausrichtung des Verbandes, den Vorteil von Sport und Bewegung beim Studieren und die Bedeutung des Studentischen Gesundheitsmanagements im gesamtgesellschaftlichen Kontext.

Seit 2017 kooperiert der adh mit der Techniker Krankenkasse (TK), um mehr Bewegung in den Studienalltag zu bringen. Was soll sich durch die Initiative „Bewegt studieren – Studieren bewegt! 2.0“ verändern?

Felicitas Horstmann: Aufgrund des Erfolgs der ersten gemeinsamen Initiative, die von 2017 bis 2019 umgesetzt wurde, ist die zweite Runde im Jahr 2020 mit 50 bundesweit geförderten Projekten gestartet. Ziel der Initiative 2.0 ist es, nicht nur den Alltag von Studierenden bewegter zu gestalten, sondern auch das Gesundheitsmanagement an Hochschulen durch den Hochschulsport voranzutreiben. Zu diesem Zweck wird, neben den geförderten Projekten, der Hochschulsport als Akteur im Gesundheitsmanagement gestärkt und qualifiziert.

Im Juni dieses Jahres startete die Qualifizierungsreihe „Gesundheitsmanagement im und durch den Hochschulsport“, deren Ziel die Kompetenzentwicklung im Handlungsfeld Gesundheitsmanagement im Setting Hochschule ist. Mit ihr sollen vor allem die Besonderheiten des Hochschulsports im Vergleich zu anderen Akteurinnen und Akteuren der Gesundheitsförderung an Hochschulen herausgestellt und berücksichtigt werden.

Gleichzeitig hat sich der adh zum Ziel gesetzt, das Themenfeld „Gesundheitsförderung“ im Verband strategisch weiterzuentwickeln, um den Hochschulsporteinrichtungen eine weitere Legitimationsebene zu eröffnen und sie politisch zu stärken.


Was sind die größten Herausforderungen bei der Implementierung eines Gesundheitsmanagements an Hochschulen?

Felicitas Horstmann: Eine der größten Herausforderungen sind die Vielfalt und Menge an Akteurinnen und Akteuren im Setting Hochschule, die zudem unterschiedliche Aufgaben und Ziele haben. So gibt es neben dem Hochschulsport weitere zentrale Einrichtungen – wie beispielsweise das Studierendenwerk oder den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) –, die beim Aufbau eines Gesundheitsmanagements beteiligt werden sollten. Es braucht Fingerspitzengefühl und ein diplomatisches Geschick, um die verschiedenen Akteurinnen und Akteure des Handlungsfeldes an einen Tisch zu holen und eine gemeinsame Strategie zu entwickeln.

Darüber hinaus gelten Studierende, entgegen der vorherrschenden Studienlage, weiterhin als gesunde Bevölkerungsgruppe und stehen nicht im Fokus der Gesundheitspolitik. Folglich fehlt es vielerorts an den notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen, um das Studentische Gesundheitsmanagement (SGM) als Teil des hochschulischen Gesundheitsmanagements aufzubauen.


Warum lohnt sich Studentisches Gesundheitsmanagement ? Was sind die Vorteile?

Felicitas Horstmann: Es gibt viele Gründe für die Implementierung eines Studentischen Gesundheitsmanagements. Bezugnehmend zur Eingangsfrage möchte ich beispielhaft die Ergebnisse einer online-basierten Querschnittsuntersuchung anführen. Die Studie wurde im Rahmen der Initiative 1.0 innerhalb des Projekts „BeTaBalance – bewegt studieren zwischen Berg und Tal“ der Universität Tübingen im Jahr 2018 durchgeführt.

Untersucht wurde der Einfluss sportlicher und körperlicher Aktivität auf die akademische Leistungsfähigkeit. Die Studie zeigt, dass Studierende, die die Empfehlungen für ausdauerorientierte körperliche Aktivität erfüllen, also 150 Minuten/Woche bei moderater oder 75 Minuten/Woche bei hoher Intensität, eine höhere Funktionsfähigkeit im Studium aufweisen als Studierende, die diese Bewegungsempfehlungen nicht erfüllen. Dieser positive Effekt auf die Funktionsfähigkeit im Studium konnte sowohl für Sportaktivitäten in der Freizeit als auch für das „aktive Pendeln“ mit dem Fahrrad gezeigt werden.

Darüber hinaus konnten Ergebnisse aus anderen Studien bestätigt werden: Das Aktivitätsverhalten kann einen Einfluss auf die Beschwerdewahrnehmung von Studierenden haben. So berichteten Studierende, die die ausdauerorientierten Empfehlungen erfüllen, signifikant seltener von Beschwerdeformen wie Konzentrationsbeschwerden, Niedergeschlagenheit oder Rückenschmerzen. Dies ist insofern von Bedeutung, da Beschwerden stark mit der Funktionsfähigkeit im Studium korrelieren. Folglich lassen die Studienergebnisse vermuten, dass körperliche Aktivität einen gewissen Teil des negativen Zusammenhangs zwischen Beschwerden und Funktionsfähigkeit im Studium abpuffern kann.

Da es sich bei den entscheidenden Bewegungsformen vor allem um strukturierte Sportaktivitäten handelt, deutet dies auf die Wichtigkeit des Sportverhaltens als Bewältigungs- und Erholungsmaßnahme hin.


Also kann Sport beim Studieren helfen?

Felicitas Horstmann: Ja, Sport kann einen Einfluss auf den akademischen Erfolg haben. Die Befunde des Projektteams aus Tübingen zeigen, dass Bewegung durchaus ein Baustein von vielen verschiedenen weiteren Bedingungen ist, der zu einer erfolgreichen Gestaltung des Studiums beiträgt. Bewegung ist dabei als eines der Puzzleteile mit zu berücksichtigen, wenn es um die Förderung des Studienerfolgs und die Vermeidung von Studienabbrüchen geht.

Solche empirischen Befunde, wie die der Querschnittsanalyse, die eine Verknüpfung zwischen Gesundheit, Gesundheitsverhalten und Parametern des akademischen Erfolgs darstellen, liefern wichtige Argumente. Die konsequente Verbindung der Bewegungsförderung mit akademischen Argumenten ist vor allem für die immanente Handlungslogik von Bildungseinrichtungen relevant. Bewegungsfördernde Maßnahmen im Studentischen Gesundheitsmanagement, wie sie auch vom genannten Projekt „BeTaBalance 2.0“ an der Universität Tübingen angeboten werden, sind damit nicht nur über den gesundheitlichen Nutzen von körperlicher Aktivität begründbar, sondern auch durch Beziehungen zu einer erfolgreichen Gestaltung des Studiums.

Krisen können auch Chancen sein – welche Chancen sehen Sie durch die Corona-Pandemie für die Gesundheitsförderung an Hochschulen?

Julia Berschick: Die Pandemie hat als eine Art Brennglas fungiert und viele gesellschaftliche Probleme hervorgehoben. Als Gesundheitskrise hat sie deutlich gemacht, wie wichtig die eigene Gesundheit ist und welchen Stellenwert Gesundheitsförderung haben sollte. Körperliche Aktivität in diesem Zusammenhang ist eine wichtige Strategie bei der Bewältigung von Krisen und kann nachhaltig zu einer gesteigerten Resilienz beitragen. Studien zeigen beispielsweise, dass körperlich aktivere Menschen weniger unter den psychischen Folgen der Pandemie-bedingten Einschränkungen leiden.

Hinzu kommt, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus unter anderem zur sozialen Vereinsamung beigetragen haben. Dieser Umstand könnte den Bewegungsmangel zusätzlich verstärkt haben, weil Anlässe und Motivation für Bewegung fehlten. Wir stehen also weiterhin großen Herausforderungen gegenüber, insbesondere was die Langzeitfolgen der Pandemie betrifft. Gesundheitsförderung sollte hierbei als Teil der Lösung verstanden werden und in allen Lebenswelten Berücksichtigung finden.


Studierende sind die potenziellen Führungskräfte von morgen. Kann es durch den Hochschulsport gelingen, deren Gesundheitskompetenz zu steigern und den Weg zu ebnen, damit Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) zukünftig selbstverständlicher und flächendeckender in der Arbeitswelt umgesetzt wird?

Julia Berschick: Auf jeden Fall! Gesundheitsförderung im Hochschulsektor hat ein über das Setting hinausgehendes Potenzial: Studierende, als zukünftige Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sowie als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren eines gesundheitsorientierten Lebensstils, besitzen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen, die Kultur und Wertehaltungen. Nicht nur in Unternehmen, sondern auch in Organisationen, Schulen, Kitas oder auf kommunaler Ebene können Studierende gesundheitsförderliches Verhalten beeinflussen. Dieser Effekt wird insbesondere durch die im Hochschulsystem gemachten Erfahrungen determiniert. Gesundheitsbezogene Einstellungen können durch spezielle Angebote erweitert und gefestigt werden.

Dies zeigt sich eindrucksvoll in zahlreichen Projekten aus der Initiative 2.0. Durch Lehrmodule, Zertifizierungsprogramme, Workshopangebote und Aufklärungskampagnen werden den Studierenden an einigen Hochschulen Gesundheits- bzw. Bewegungskompetenzen vermittelt. Außerdem werden sie befähigt, selbstbestimmte Entscheidungen zur Förderung ihrer Gesundheit zu treffen und eine Teilhabe an beziehungsweise eine Mitsprache bei gesundheitsrelevanten Diskussionen, Themen und Fragestellungen einzufordern.


Was fordern Sie von der Gesundheitspolitik in der kommenden Legislaturperiode in Bezug auf Gesundheitsförderung im Setting Hochschule?

Julia Berschick: Im Juni 2019 wurde der erste Präventionsbericht der Nationalen Präventionskonferenz (NPK) veröffentlicht. Trotz des gesetzlichen Einbezugs der Lebenswelt Hochschule in das Präventionsgesetz und die Bundesrahmenempfehlungen der NPK bleiben Hochschulen im ersten Präventionsbericht weitestgehend unberücksichtigt.

In Zukunft sollten Hochschulen und der Hochschulsport nicht nur qua Gesetz, sondern vor allem auch bei der praktischen Umsetzung der nationalen Präventionsstrategie, insbesondere aufgrund ihrer wichtigen zuvor beschriebenen Funktion als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, stärker einbezogen werden. Zudem sollten Hochschulen Berücksichtigung im GKV-Leitfaden Prävention und in den Landesrahmenvereinbarungen finden. Nicht zuletzt sollte die Gruppe der jungen Erwachsenen Gegenstand der Überlegungen auf Gesundheitskongressen und beim jährlichen Präventionsforum der NPK sein, um das Potenzial derer zu entfachen, „die unser Land für seine Zukunft so sehr braucht“, wie es Bundespräsident Walter Steinmeier in seiner Rede an die Studierenden in Deutschland am 12. April 2021 treffend formuliert hat. An Argumenten für Gesundheitsförderung im Setting Hochschule mangelt es jedenfalls nicht!


Können wir uns vielleicht ein Beispiel an anderen Ländern nehmen? Falls ja, an welchen und weshalb?

Julia Berschick: Vorreiter ist definitiv die Initiative „European University for Well-Being (EUniWell), ein Zusammenschluss verschiedener europäischer Universitäten und Partner, die einen holistischen Ansatz verfolgen und nicht nur das Individuum, sondern auch die Gesellschaft und Umwelt in den Fokus rücken. Adressiert wird hierbei das Wohlbefinden aller Hochschulangehörigen, aber auch der Gesellschaft im Allgemeinen.

Neben dem Gesundheitsverhalten einzelner Personen auch die strukturellen Bedingungen in den Blick zu nehmen und nachhaltige Veränderungen anzuschieben, ist zwar kein neuer Ansatz. Dennoch findet die Verhältnisprävention bislang wenig Beachtung in der Lebenswelt Hochschule. Hierin besteht ein großes Potenzial für die Gesundheitsförderung an Hochschulen, das es in Zukunft auszuschöpfen gilt!

Ein weiteres Beispiel ist der Active Campus Europe, ein europaweites Projekt der bewegungsorientierten Gesundheitsförderung für Studierende und Beschäftigte. Nicht zu vergessen das European Network of Academic Sport Service (ENAS), ein Netzwerk von europäischen Hochschulen, das einen Austausch und Unterstützung unter anderem zu gesundheitsbezogenen Themen und Maßnahmen ermöglicht.


Die Fragen stellten Linda Arzberger und Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitskompetenz (HealthLiteracy). Interview mit Prof. Dr. Kevin Dadaczynski, Professor für Gesundheitskommunikation und -information an der Hochschule Fulda, und Dr. Orkan Okan, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdiziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung an der Universität Bielefeld.

Prävention und Gesundheitsförderung –Schwerpunkt Gesundheitskompetenz (HealthLiteracy). Interview mit den HLS-GER 2 – Studienleiterinnen, Prof. Dr. Doris Schaeffer und Dr. Eva-Maria Berens vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld.

Interview zum Thema „Geschlechtersensible Prävention und Gesundheitsförderungmit Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione, Universität Bielefeld und Radboud Universität in Nijmegen (NL).

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Julia Berschick | Bewegungs- und Medienwissenschaftlerin; studentisches Vorstandsmitglied im Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband e.V. (adh); Projektkoordinatorin Studentisches Gesundheitsmanagement an der Universität Regensburg; Arbeitsschwerpunkte: strategische Weiterentwicklung des Themenfelds Gesundheitsförderung; Studentisches Engagement; Nachhaltigkeit.

Felicitas Horstmann | Sport- und Gesundheitswissenschaftlerin; Projektleiterin für Gesundheitsförderung beim Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband e.V. (adh); Arbeitsschwerpunkte: Betreuung der gemeinsamen Initiative mit der Techniker Krankenkasse „Bewegt studieren – Studieren bewegt! 2.0“; Qualifizierungsmaßnahmen Gesundheitsmanagement; Organisationsentwicklung.

Der Allgemeine Deutsche Hochschulsportverband e.V. (adh) ist der Dachverband der Hochschulsporteinrichtungen in Deutschland und repräsentiert 2,4 Mio. Studierende sowie 550.000 Bedienstete an seinen 203 Mitgliedshochschulen. Die Bundesgeschäftsstelle des Verbands hat ihren Sitz auf dem Campus der Hochschule Darmstadt in Dieburg.

Geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention„Geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention als Chance!“

Die geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention sollte zunehmend in Forschung, Lehre und Präventionsmaßnahmen berücksichtigt werden. Sie verfolgt das Ziel, die geschlechtsbedingte Ungleichheiten von Gesundheitschancen zu reduzieren. Seit April 2021 hat die Universität Bielefeld die erste Professur für „Geschlechtersensible Medizin“ in Deutschland eingerichtet und mit Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione besetzt, die nun eine transnationale Brückenprofessur innehat: Sie leitet zudem auch den Lehrstuhl für Gender in Primary and Transmural Care (Geschlecht in der allgemeinmedizinischen und sektorenübergreifenden Versorgung) am Radboud University Medical Center in Nijmegen, Niederlande. Ein Gespräch über divers zusammengesetzte Teams, Stereotypen und erfolgreiche internationale Ansätze. 

Welche Chancen ergeben sich durch eine geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention?

Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass „ein Ansatz für alle“ sehr häufig nicht funktioniert. Menschen erleben unterschiedliche Lebensumstände, aus denen sich unterschiedliche Gesundheitsbedarfe ergeben.

Wir wissen, dass es Geschlechterunterschiede gibt, dass Frauen und Männer unterschiedliche Zugänge haben können zum Gesundheitssystem, das trifft auf Deutschland zu, aber auch auf viele andere Länder.

Die geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Prävention ist eine Chance, denn sie zielt darauf ab, Menschen passgenauer anzusprechen, ihre Lebenswelt miteinzubeziehen und mehr Diversität möglich zu machen. Es geht darum, Angebote so zu gestalten, dass sie Menschen ansprechen können und sie dort besser abholen zu können, wo sie sich befinden. Wir versuchen die Unterschiede zwischen verschiedenen Geschlechtern und innerhalb der Gruppe eines Geschlechtes zu verstehen und durch diese Transparenz bessere Informations- und Aufklärungsmöglichkeiten zu schaffen.


Bereits ab dem 10. Lebensjahr differenzieren sich Mädchen und Jungen in ihrem Gesundheitsverhalten. Was bedeutet das für Angebote zur Gesundheitsförderung und Prävention?

Ich denke, es gibt hierbei verschiedene Ebenen, die man betrachten sollte.  Einerseits gibt es potenzielle geschlechtsspezifische Unterschiede und Präferenzen, auf der anderen Seite muss man sich aber fragen, inwiefern diese Differenzierung gesellschaftlich und durch mediale Darstellung befördert wird.

Was sind die Hintergründe für unterschiedliche Bereitschaft zur sportlichen Aktivität, warum wird Sport unterschiedlich aufgenommen? Gibt es Unterschiede bei der Körperwahrnehmung bei Mädchen und Jungen? Oder in bedienten Stereotypen? Wie gehen wir mit nicht-binären Menschen oder Transpersonen und Sport um? Gibt es überhaupt Vorbilder – in der Familie oder im sozialen Umfeld? Ich denke, da spielen ganz viele Faktoren eine Rolle.

Unter anderem geht es auch darum, wie wir den Sport gesellschaftlich vorleben. In den USA war Fußball immer ein Frauensport, das war in Deutschland oder in den Niederlanden nicht so. Heute ist die Frauenfußballnationalmannschaft neben den USA eine der erfolgreichsten der Welt, einhergehend mit neuen, weiblichen Vorbildern. Natürlich spielt hierbei die mediale Inszenierung, meist mit dem Ziel der Vermarktung, eine große Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Wir sehen also, wie letztendlich kommerzielle Aspekte die subjektive Entscheidung, sich sportlich zu betätigen, beeinflussen – und das womöglich auf geschlechtsspezifische Art.

Diese Vermischung von öffentlichem Einfluss und privater Entscheidung birgt natürlich Herausforderungen. Wir müssen einerseits in unsere sportlichen Angebote diese Geschlechtertrennung mit aufgreifen, um überhaupt sportliche Aktivität zu fördern. Andererseits müssen wir schauen, wie wir in Zukunft Stereotypen entgegenwirken können – indem wir zum Beispiel sehr früh, im Kindergarten- und Grundschulalter, schon unterschiedliche Beispiele und Vorbilder zeigen, Stereotypen aufdecken und neue Ansätze anbieten.

Kinder werden nicht mit Stereotypen geboren. Sie passen sich an das an, was sie sehen und was ihnen mitgeteilt wird. Da haben wir zwei Möglichkeiten anzusetzen: Einerseits haben die Familien großen Einfluss. Was wird vorgelebt, wie wird es thematisiert? Und weiter: Wie könnte durch Aufklärungskampagnen und Informationsangebote in den Kitas, in den Schulen, unterstützt werden?

Ein weiterer, bereits erwähnter Teil, sind die Medien und deren Einfluss. Heutzutage spielen vor allem im Alltag der Kinder und Jugendlichen soziale Medien eine sehr wichtige Rolle. Welche Bilder werden auch hier aufgegriffen und verbreitet und wie kann man die jungen Nutzer/innen über die Dynamiken, denen sie hierbei ausgesetzt sind, aufklären?


Ihre neue Arbeitsgruppe „Geschlechtersensible Medizin“ wird von einem divers zusammengesetzten zivilgesellschaftlichen Beirat, bestehend aus Patient/innen, potentiellen Nutzer/innen von Präventionsleistungen und weiteren Interessengruppen beraten. Was erhoffen Sie sich durch diese Zusammensetzung?

Unsere interdisziplinäre Arbeitsgruppe wird als Team relativ breit aufgestellt sein. Auch meine Arbeitsgruppe in den Niederlanden besteht aus Mediziner/innen, Psycholog/innen, Sozialwissenschaftler/innen, Designer/innen und Medienexpert/innen. Neben dieser breiten internen Aufstellung möchten wir uns gerne zusätzlich von Nutzer/innen, Kostenträger/innen, Vertreter/innen aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst unterstützen lassen.

Ich erhoffe mir von diesem Beirat, dass er uns mit unterschiedlichen Perspektiven und Problematiken konfrontiert. Diese Menschen sind Expertinnen und Experten in ihren Bereichen, die uns die Grenzen unserer Ansätze aufzeigen können und sicherstellen können, dass unsere Projekte bei tatsächlichen Bedarfen anschließen. In den Niederlanden ist diese Vorgehensweise nicht nur üblich, sondern eine Voraussetzung, wenn man Forschungsförderung beantragt.

Es ist doch einleuchtend, dass wir nicht alles selber wissen können, dass wir unseren Input breiter einholen müssen und auf diese Weise einen „Resonanzkörper“ haben, der uns unterstützen kann. Unabhängig davon halte ich es auch für eine Möglichkeit, unseren gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen. Wir versuchen die Versorgung für alle Geschlechter so gut wie möglich zu gestalten und dazu möchten wir auch differenzierte Meinungen einholen.


Welche Vorteile haben divers zusammengesetzte Teams?

Diverse Teams bringen meist innovativere Produkte hervor, die häufig langfristig erfolgreicher sind. Die Beleuchtung aus verschiedenen Perspektiven und die Identifikation von blinden Flecken von Anfang an kann die Erfolgschancen potenziell steigern. Man kann potenzielle „Fehler“ früher aufdecken und sie konstruktiv nutzen, um bessere Lösungen zu entwickeln.

In den Niederlanden ist es generell so, dass alle Dinge in diversen Gruppen erst einmal breit diskutiert werden. Es ist immer ein Prozess der Konsensfindung. Das dauert manchmal anfänglich etwas länger, allerdings geht es in der anschließenden Umsetzung oft viel schneller.

Wir müssen nun schauen, was wir davon in Deutschland in unserem Bereich nutzen können. Die beiden Wissenschaftssysteme sind in vielen Teilen unterschiedlich und haben beide ihre Vor- und Nachteile. Ich hoffe durch die „Brücken“-Struktur die erfolgreichsten Ansätze aus beiden Systemen zusammenbringen zu können. Es ist, sozusagen, ein organisations-bezogener Lernprozess.


Präventionsangebote sind oftmals nur dann wirksam, wenn sie passgenau auf die Zielgruppe zugeschnitten sind. Können Sie uns erfolgreiche Beispiele einer geschlechtersensiblen Umsetzung von Prävention und Gesundheitsförderung in Lebenswelten nennen?

Es gibt einige Studien, v.a. im Forschungsbereich Herz-Kreislauf, im Gewichtsmanagement und im Bereich körperlicher Aktivität in den Lebenswelten der Menschen.

Beispielsweise gibt es das männerspezifische Programm „Football Fans in Training (FFIT)“ aus England. Vorab wurde sehr viele Jahre in Männlichkeitsforschung investiert. Aus diesen Erkenntnissen entstand dann ein dreimonatiges Bewegungs- und Ernährungsprogramm für übergewichtige Männer, in das die Lebenswelt, die Gruppenbildung und auch der Abbau von Scham einbezogen wurde. Das standardisierte Programm wurde in einer klinischen Studie evaluiert, die seinen Langzeiterfolg belegen konnte. Die Interventionsgruppe konnte selbst nach Ablauf der Intervention ihren Gewichtsverlust halten. Das Ernährungs- und Bewegungsverhalten von übergewichtigen Männern in ihrer Lebenswelt wird unter dem Titel „Euro-FFIT“ nun in mehreren europäischen Ländern weiter untersucht und eventuell lokal angepasst.

Ähnlich arbeitet das Programm „Wise Woman“ aus den USA, das neben der Erforschung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens auch auf kardiovaskuläre Prävention durch Risikoreduktion abzielt. Dieses Programm berücksichtigt die Lebenswelt der Menschen und zusätzlich auch intersektionale Aspekte. Es richtet sich spezifisch an nicht- bzw. unterversicherte Frauen im Alter von 40-65 Jahren mit geringem Einkommen. Wise Woman wurde in mehreren Bundesstaaten in den USA an die lokalen Gegebenheiten angepasst und in bereits bestehende Strukturen integriert mit langfristigen Erfolgen.

Diese Beispiele zeigen, dass geschlechtersensible Programme sehr erfolgreich sein können, wenn sie genug differenziert sind, wenn also eine selektierte Gruppe angesprochen wird.

Ich denke im Bereich der zielgruppenspezifischen, partizipativen, geschlechtersensiblen Prävention können wir viel von der Aidspräventionsforschung lernen. Wie hat man zum Beispiel Menschen dazu gebracht, Kondome zu benutzen? Das funktioniert nicht mit Scham. Es funktioniert mit Aufklärung, es funktioniert, wenn man die Menschen dort abholt, wo sie sich befinden. Es wurden zum Beispiel ganz spezifische Interventionen entwickelt: In der homosexuellen Szene in San Francisco wurden beispielsweise Community-Organizer und Bar-Besitzer mit einbezogen. Sie hatten bestehende Netzwerke, waren in ihrer Rolle respektiert und konnten Menschen direkt ansprechen.

Diese Erfahrungen zeigen ganz klar, dass ein breiter geschlechtersensibler Ansatz, der auf Akzeptanz der Umstände und nicht auf Scham aufbaut, sehr erfolgreich sein kann. Es zeigt uns, wie wichtig die Einbindung von Geschlechtsaspekten als Querschnittsthemen im Design von Präventionsmaßnahmen ist.


Sie arbeiten mit einem internationalen Netzwerk von Fachleuten der geschlechtersensiblen Medizin und gehörten in den vergangenen Jahren der von der Europäischen Kommission (EU) geförderten Fachgruppe „Gendered Innovations 2“ an. Was waren die Ziele?

Bei der EU-Fachgruppe „Gendered Innovations 2“ ging es um zwei Aspekte: Es ging darum, bestehende Methoden weiterzuentwickeln und neue auszuarbeiten und die Begutachtungsprozesse der EU-Kommission transparenter zu gestalten.

Der Hintergrund ist folgender: Die EU-Kommission hat nicht die Befugnis, die Politik der Mitgliedsstaaten zu beeinflussen. Aber sie kann im Bereich „Gender Dimension“ Vorreiter sein. Die geschlechtersensible Forschungspolitik und -finanzierung auf EU-Ebene hat somit einen Leuchtturmeffekt. Neben den Strategien in der Forschungsförderung werden EU-Mitgliedsstaaten Unterstützung und Ressourcen im Bereich der Kommunikation, z.B. in Form von Webseiten und Trainings, angeboten, falls sie diesen Weg auch einschlagen wollen.


In manchen Ländern wird eine geschlechtersensible Herangehensweise in der Prävention und Gesundheitsförderung bereits umgesetzt. Was können wir von unseren internationalen Nachbarn lernen?

Ich denke, die Einbettung in die Lebenswelten ist extrem wichtig. Wir können viel aus dem globalen Süden lernen. Wenn wir uns anschauen, wie geschlechtersensibel, wie personenbezogen Gesundheitsleistungen dort gestaltet werden, um mit den Menschen in der Community ins Gespräch zu kommen, um Gesundheitsförderung und Prävention zu entwickeln – da können wir noch viel lernen. Es gibt zum Beispiel die „Promotores da Saude“ in Südamerika oder „Community Health Workers“ in vielen afrikanischen Ländern.

Das sind Menschen, die eine Ausbildung in grundlegenden Gesundheitsthemen bekommen und dann im Rahmen des Dorfes oder der Dörfer, in denen sie leben, die Menschen beraten. Sie organisieren zum Teil auch spezifische Veranstaltungen, aber viel der Präventionsaufklärung, die sie leisten, passiert im Alltag. Auf dem Marktplatz, beim Wasserholen, beim gemeinsamen Essen bereiten. Sie vermitteln dabei wichtige Gesundheitskenntnisse und -kompetenzen und finden aufgrund ihrer „Insider“-Rolle ganz leicht den Zugriff und die richtigen Worte.

Uns steht häufig eine Fülle von Informationen zur Verfügung und die Aufgabe besteht darin, diese verständlich und strukturiert an die Menschen zu vermitteln. Wie sich jetzt auch während der Pandemie gezeigt hat, haben wir zum Teil große Kommunikationsschwierigkeiten mit vielen und diversen Communities – und das sind nicht nur diejenigen, die Sprachbarrieren haben. Wenn es um einen Zugang zu den Lebenswelten geht, denke ich, dass wir sehr gut beispielsweise von Afrika oder Südamerika lernen können.


Inwiefern?

Dort werden Menschen erreicht, die innerhalb der Community sehr angesehen sind. Diese wiederum können Informationen weitergeben, die wir mit unseren Kanälen offensichtlich nicht erreichen. Es sind Ansätze, die viel mehr auf Zwischenmenschlichkeit basieren und Netzwerkeprozesse beinhalten, die wir so in Deutschland noch viel weniger nutzen.

Besonders im Bereich der geschlechtersensiblen Prävention hat sich gezeigt, wie die Einbindung der Lebenswelt und von Menschen, die Anerkennung innerhalb der Zielgruppe haben, sehr hilfreich sein kann. Wir müssen einerseits unsere Wahrnehmung von Expertise erweitern und überlegen, wie wir „Insider“ als Übersetzer von Präventionswissen einbinden können. Geschlechtersensible Ansätze, die Gruppendynamiken, Scham, Stereotypen und unterschiedliche Erwartungen berücksichtigen, können hier sicherlich einen innovativen Ansatz für die Zukunft darstellen.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung –Schwerpunkt Gesundheitskompetenz (HealthLiteracy). Interview mit den HLS-GER 2 – Studienleiterinnen, Prof. Dr. Doris Schaeffer und Dr. Eva-Maria Berens, vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld.

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Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione | Internistin, Master of Public Health und Organisationsberaterin. Professur für Geschlechtersensible Medizin an der Universität Bielefeld (DE) und Lehrstuhl für Gender in Primary and Transmural Care an der Radboud Universität in Nijmegen (NL). Mitglied der EU Expert*innengruppe „Gendered Innovations 2“. Schwerpunkte: Implementierung geschlechtersensibler Medizin, Methodenentwicklung und Prävention geschlechtsbasierter Diskriminierung.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Health in All Policies„Jetzt ist es wichtig zu sagen: Wir schaffen in Deutschland das modernste Öffentliche Gesundheitswesen der Welt!“

Das 5. Präventionsforum, das am 23. September 2020 in Berlin stattfand, legte in diesem Jahr den Schwerpunkt auf „Gesundheitsförderung und Prävention als gesamtgesellschaftliche und politikfeldübergreifende Herausforderungen“. Die weltweit renommierte Professorin im Feld der Gesundheitsförderung, Ilona Kickbusch, spricht in unserem Blogbeitrag zu Health in All Policies über die Relevanz von Co-Produktionen, die internationale Bedeutung und Umsetzung des Begriffes „Wellbeing“ und darüber, für wie bedeutsam sie es erachtet, jetzt in Deutschland das modernste Öffentliche Gesundheitswesen der Welt zu schaffen.

Frau Kickbusch, wir wissen seit Verabschiedung der Ottawa-Charta, also seit mehr als 30 Jahren: Gesundheit wird in den Lebenswelten der Menschen erzeugt und erhalten und ist vor allem von Faktoren abhängig, die nicht primär durch das Gesundheitssystem selbst beeinflussbar sind weshalb „Health in All Policies“ ein wichtiger Grundsatz der Gesundheitsförderung ist. Dennoch haben sich gesundheitsfördernde Gesamtpolitiken bislang noch nicht so richtig durchsetzen können – zumindest in Deutschland nicht. Woran liegt das?

Um dies zu beantworten, möchte ich zeitlich noch etwas früher anfangen. Die Ottawa-Charta hat ja eigentlich „nur“ Wissen zusammengetragen, das schon sehr lange vorhanden war. In Deutschland hat beispielsweise Rudolf Virchow anlässlich der Cholera-Epidemie in Schlesien ganz klar gesagt, dass es die Armut und die sozialen Ungleichheiten sind, die zu den extremen Cholera-Ausbrüchen geführt haben.

Es ist also ein Wissen, das wir in Public Health schon sehr lange haben, das aber in der Politik nur selten ernst genommen wurde und selten bewusst eingesetzt worden ist. Es war eine unserer Aufgaben, mit der Ottawa Charta gerade dieses Public Health-Wissen wieder in den Vordergrund zu bringen und zu zeigen, was dieses Wissen für die modernen Gesellschaften, also damals Mitte der 1980er Jahre, bedeutet. So lautete dann auch der Untertitel „Towards a new public health“.

Zudem hat Health in All Policies ja zwei Dimensionen: Wenn ein Staat „gut regiert ist“, wenn es soziale Absicherung und weniger soziale Ungleichheiten gibt, dann ist von vornherein eine bessere Gesundheit „garantiert“. Andererseits geht es aber auch um das bewusste Bemühen um Gesundheit in möglichst allen Politikbereichen. Diese zwei Aspekte muss man immer miteinander verbinden. Also anerkennen, wenn in anderen Politikbereichen etwas gemacht wird, das der Gesundheit dient und zum anderen proaktiv Co-Produktionen zu schaffen.

Die Relevanz dieser Co-Produktionen haben wir in dem südaustralischen Projekt zu Health in All Policies, an dem ich mitgearbeitet habe, versucht zu verdeutlichen. Es gilt also, gemeinsam zu arbeiten, also zum Beispiel ein Umweltministerium und ein Gesundheitsministerium oder ein Verkehrsamt mit einem Gesundheitsamt. Das heißt mit anderen Worten die Frage zu beantworten: Wo finden wir Politikansätze, durch die in der Zusammenarbeit jeder Bereich gewinnt?

In unserer Arbeit zu Health in All Policies haben wir festgestellt: Je näher die Politikbereiche an den Menschen sind, wie zum Beispiel im Kommunalbereich, umso besser und schneller ist Health in All Policies umsetzbar und umso häufiger ist auch ein größerer politischer Wille dafür vorhanden. Man ist einfach näher an den Menschen und die Menschen sind näher an der Politik.


Wie gelingt die Umsetzung auf der nationalen Ebene?

Auf nationaler Ebene ergeben sich zwei Anknüpfungspunkte: Zum einen gibt es die sogenannten Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die Sustainable Development Goals (SDG), die ganz klar in allen Bereichen, auch in Bezug auf Gesundheit, ein Modell entwickelt haben, mit dem Ziel, dass alle Politikbereiche in Co-Produktion zusammenarbeiten müssen, damit wir eine nachhaltige Gesellschaft schaffen können. Dadurch hat sich für Health in All Policies auf nationaler Ebene mehr getan, wie wir in verschiedenen SDG-Analysen festgestellt haben.

Zum anderen hat sich teilweise unter einer anderen Terminologie etwas getan – und das ist hier sehr wichtig zu erwähnen: Wir sehen, dass vor allem im englisch-sprachigem Raum und dort, wo es ins Englische übersetzt wird, der Begriff Wellbeing sehr viel häufiger benutzt wird. Wir sehen auch in der Umsetzung von Health in All Policies, wie eingangs genannt in Australien oder auch aus anderen Bereichen, dass der Wellbeing-Begriff sehr viel anschlussfähiger ist.

„Health“ klingt ja häufig so: Jetzt kommen die Gesundheitsleute und wollen so eine Art Gesundheitsimperialismus einführen, wobei Gesundheit als Wert über alles andere gestellt wird. Das Konzept der Gesundheitsförderung hat zwar immer wieder betont, dass Gesundheit als gesellschaftlicher Wert wichtig ist, nicht aber der höchste Wert, hinter dem alles andere zurücksteht. Wellbeing scheint ein Begriff zu sein, der sehr viel besser auch in die Co-Produktion passt. So ist SDG 3 zum Beispiel ja auch Health and Wellbeing.


Wie haben andere Länder ähnliche Herausforderungen bewältigt? Und wo sind die Anknüpfungspunkte in Deutschland?

Ein ganz wichtiger Bereich der Entwicklung sind hier die Diskussionen zur „Wellbeing Economy“, zu der es viele interessante Politikansätze gibt. Schottland ist ein Beispiel, wo es auch dazu eine Beratungsgruppe der Regierung gibt. Es ist ein Denken – wir hätten es vor zehn Jahren Health in All Policies genannt – man nennt es heute Wellbeing Economy – das teilweise aufbaut auf einer neuen Art, ökonomisch zu denken. Kate Raworth hat dazu die sogenannte „doughnutnut economy“ entwickelt, die darauf abzielt, unsere Nachhaltigkeits- und Wohlbefindensgedanken unter anderem mit Ökonomie und Gesundheit zusammen zu bringen.

Und Finnland, eines der führenden Länder in Health in All Policies, hat das Verständnis von Health in All Policies auf nationaler Ebene ausgeweitet und dazu beigetragen, auch in der Europäischen Union eine Diskussion über die Wellbeing Economy einzuführen. In dieser Wellbeing Economy spielen Gesundheit und Wohlbefinden als wichtige Indikatoren des Erfolgs staatlicher Politik eine bedeutende Rolle.

Bis zur Coronakrise haben wir beobachtet, dass einige Staaten diesen Gedanken aufgegriffen haben. Beispielsweise hat Neuseeland ein sogenanntes Wellbeing-Budget eingeführt. Das dortige Buttosozialprodukt ist nicht nur über ökonomisches Wachstum definiert, sondern muss auch alle anderen Nachhaltigkeitsziele beinhalten, so auch Gesundheit.

Dies ist ein wichtiges Signal auch für Deutschland. Es gibt ja bereits einen Deutschen Nachhaltigkeitsrat und den Staatssekretärsausschuss für nachhaltige Entwicklung. Wo immer in der deutschen Regierung über Nachhaltigkeit diskutiert wird, muss man sehr dahinter sein und sehr viel mehr Druck ausüben, dass Co-Produktionen entstehen und die Gesundheit im Sinne von Health in All Policies ganz signifikant verankert wird. Denn auch der engere Begriff der Nachhaltigkeit, also der der Umwelt, ist nicht mehr von Gesundheit zu trennen.

Es gibt außerdem derzeit sehr viel Bewegung in Politik und Gesellschaft. So sind zum  Beispiel die Vier-Tage-Woche oder der Zugang zu Kitas bereits Diskussionsthemen der Gesundheitsförderung, weil sie einiges bewirken – sowohl für die Gesundheit von Kindern wie von Müttern. Wir müssen als Gesundheitsförderer kreativer sein, wo und wie wir uns wegen dieser Co-Produktion einbringen. Und wir müssen auch ein bisschen mehr die Gesundheit vor die Parteipolitik stellen – das ist mir sehr wichtig.


Worauf kommt es also an, wenn wir die Politik von „Health in All Policies“ nachhaltig überzeugen wollen?

Wichtig ist, Gesundheitsförderung an gesellschaftliche Innovationen und Bewegungen für ein besseres Leben anzubinden. Man müsste noch mehr „eintauchen“ in die digitale Transformation wie beispielsweise im Hinblick auf Kindergesundheit und die Regulierung von Werbung im digitalen Bereich. Man müsste sich vielleicht auch so „heißen“ Themen wie „Pornografie im digitalen Bereich“ aussetzen und klar machen, dass wir Gesundheitsförderer in der Mitte der Gesellschaft sind und wissen, wo es brennt und wo Co-Produktionen viel bewirken könnten.

Aber genauso wichtig ist auch eine valide Datenlage. Wenn ich zum Beispiel die Verkehrspolitik von Kopenhagen nehme, so muss ich als Gesundheitsförderer in der Lage sein, benennen zu können: Die Tatsache, dass eine bestimmte Anzahl x von Menschen mit dem Fahrrad zu Arbeit fährt, hat den folgenden Gesundheitsimpact y durch Rückgang an Herzinfarkten, Atemwegserkrankungen, Autounfällen und bringt ökonomisch gesehen für unsere Stadt den Betrag z.

Das ist natürlich eine Motivation für die Gesundheitsfachleute, noch enger mit den Verkehrs- und anderen Expertinnen und Experten zusammenzuarbeiten.

Ich glaube, diese ständige Interaktion, dieser Austausch von Daten, ist für die Co-Produktion sehr bedeutsam. Deshalb ist auch die internationale Zusammenarbeit so wichtig. Denn dort kann man immer wieder Beispiele finden und wir können dann sagen: Lasst uns das bei uns auch anwenden! Ich halte diese Art von Evidenz, die politisch eingebracht werden kann, die einen ökonomischen Faktor und einen Gesundheitsfaktor hat, für sehr wichtig.


Die Corona-Pandemie hat ja „Gesundheit“ tatsächlich in allen Politikbereichen zu einem bedeutsamen Thema gemacht. Wird es also jetzt die Chance für „Health in All Policies“ geben?

Es wurde immer gesagt: Das Virus macht keine Unterschiede. Aber es trifft auf eine Gesellschaft mit großen Unterschieden und es hat diese verstärkt. Es hat aufgezeigt, dass verschiedenen Determinanten der Gesundheit in den Vordergrund treten, wie sozialer Wohnungsbau oder soziale Ungleichheit. Wir haben in Amerika gesehen, dass soziale Determinanten, die bislang weniger beachtet worden sind, wie Gender und Rassismus, in den Vordergrund getreten sind.

Was wir jetzt bei der Arbeit bei der Weltgesundheitsorganisation sehr stark betonen, ist, dass es keine Gesundheitssicherheit ohne soziale Sicherheit geben kann. Man sieht ja derzeit weltweit, dass ein Wohlfahrtsstaat und eine Wellbeing-Economy tatsächlich auch einen Unterschied machen. Es wurde plötzlich deutlich: Man kann keine Gesundheitspolitik ohne Wirtschaftspolitik machen. Und ich glaube, dass dies eine nachhaltige Erkenntnis ist.


Das erscheint plausibel und nachvollziehbar. Aber selbst wenn die Gesundheitsförderungs-Community noch so überzeugt ist vom „Health in all Policies“-Ansatz – wenn die Akteurinnen und Akteure der anderen Politikbereiche nicht mitziehen, bringt das wenig. Was sind aus Ihrer Sicht die überzeugendsten Argumente, mit denen man zu einem gemeinsamen Vorgehen motivieren kann?

Es geht nur mit Co-Produktionen, es geht nur, wenn man das gemeinsam angeht. Man muss sich also zusammenraufen und das kann auch tatsächlich lange dauern, wie wir es in dem eingangs genannten südaustralischen Projekt gesehen haben.

Man muss die Evidenzen zusammensuchen, es bedeutet natürlich auch, produktiv streiten zu können, man muss Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler herbeiziehen – es ist ein herausforderndes Unterfangen! Das heißt, man muss lernen, Gesundheitsdiplomatie anzuwenden, zu verhandeln, zuzuhören und auch mal dem anderen die Erfolge zuschreiben. Es ist etwas, das man bis zu einem gewissen Grad lernen kann. Bei der Weltgesundheitsorganisation haben wir Kurse und Trainingshandbücher dazu entwickelt.


Und was können wir konkret in Deutschland tun?

Die Bundesregierung hat vor Kurzem einen Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst verabschiedet, der die Gesundheitsämter in den nächsten Jahren auf vielen Ebenen stärken soll. Jetzt also muss die Gesundheitsförderung bereitstehen und benennen können, was Öffentliche Gesundheit heißt.


Das heißt?

Eben nicht nur  Gesundheitssicherheit und Epidemiologie. Und wenn Epidemiologie, dann auf jeden Fall Sozialepidemiologie, so wie sie uns Michael Marmot gelehrt hat. Politische Ökonomie gehört dazu, denn wir sehen ja gerade bei COVID-19, wie politisch öffentliche Gesundheit ist, wie sie angegriffen wird, auf welche politischen Auseinandersetzungen sie vorbereitet sein muss. Und auch hier helfen besonders Zahlen und Daten anstatt Vermutungen. Aber gleichzeitig muss man vermitteln können, was Zahlen überhaupt bedeuten – den Politikern wie auch der Bevölkerung.


Und was empfehlen Sie für die Umsetzung?

Ich bin überzeugt, es braucht einen Ausbildungsschub und die Beantwortung der Fragen wie: Wer soll in den Gesundheitsämtern arbeiten? Welche Art von Kompetenz benötigt das Personal? Wie beschreibt man die Aufgabe eines Gesundheitsamtes? Als eine Aufgabe, die Health in All Policies und Wellbeing auf lokaler Ebene beinhaltet? Soll das Gesundheitsamt auch eine Art Gesundheitstreff werden, wie wir es beispielsweise bei der Gesunde Städte-Bewegung ausprobiert haben? Es gibt sehr viel da draußen, es gibt viele kleine Initiativen, die gerne einen „Haken“ hätten, an dem sie sich andocken könnten.

Gerade jetzt, wo man sozusagen durch COVID-19 die Bedeutung des Public Health in den Gesundheitsämtern neu entdeckt hat, jetzt ist es wichtig, die Gesundheitsförderungs-Stimme zu erheben und zu sagen: Erinnert euch, es gibt eine Ottawa-Charta, es gibt neue Erkenntnisse, es gibt neue Evidenzen, es gibt neue Konzepte. Und jetzt schaffen wir in Deutschland das modernste öffentliche Gesundheitswesen der Welt, das aufbaut auf einem Health in All Policies-, auf einem Wellbeing-Ansatz und einem Nachhaltigkeitsdenken.“


Auch das „Präventionsforum“ beschäftigte sich in diesem Jahr mit Prävention und Gesundheitsförderung als gesamtgesellschaftliche und politikfeldübergreifende Herausforderungen – beispielhaft diskutiert an den Schwerpunktthemen „Pflege“ und „Psychische Gesundheit“. Wie erfolgversprechend ist es aus Ihrer Sicht, mit einzelnen Schwerpunktthemen in die Umsetzung von gesundheitsfördernden Gesamtpolitiken einzusteigen?

Ich halte das Schwerpunktthema, das gesetzt wurde, für außerordentlich bedeutsam, auch aus der Frauenperspektive. Ein Großteil der pflegenden Kräfte ist weiblich. Sie brauchen auch zunehmend Gesundheitsförderungskompetenzen, sie sind sehr viel näher dran an vielen der sozialen Determinanten als manchmal die Medizin und sie leiden selber außerordentlich unter dem Arbeitsdruck. Viele dieser Belastungen sowohl bei dem Patienten wie bei dem Betreuenden sind im Bereich des Mental Health, der psychischen und der sozialen Gesundheit. Ich halte das für eine sehr wichtige Diskussion.

Ich glaube aber auch, dass das Präventionsforum genutzt werden müsste, um beispielsweise eine Arbeitsgruppe einzurichten, die sich dem Thema „New Public Health“ in Deutschland annimmt. Wenn jetzt diese historische Situation gegeben ist, dass etwas, für das wir so lange gekämpft haben – bessere Ausbildung, bessere Gesundheitsämter, interdisziplinäres Robert Koch-Institut, und so weiter – wahr wird, muss man eingreifen. Trotz Präventionsgesetz ist ja vieles nicht geschafft worden. Jetzt aber gilt es, auf Bundes- und auf Länderebene Allianzen und Koalitionen für eine neuen Öffentlichen Gesundheitsdienst zu bilden.


Die Fragen stellte Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health In All Policies: Interview mit Dr. Katharina Böhm, Geschäftsführerin der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE) und Mitherausgeberin des ersten deutschsprachigen Standardwerks zu Health in All Policies („Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Das Konzept Health in All Policies und seine Umsetzung in Deutschland“).

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt COVID-19: Interview mit Dr. Rüdiger Krech, Direktor für Gesundheitsförderung bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit: Interview mit Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit: Interview mit Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik Deutscher Caritasverband, Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik Diakonie Deutschland und Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband.

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Prof. Dr. Dr. (mult.) llona Kickbusch | Gründerin und Vorsitzende des Global Health Centre am Graduate Institute in Genf. Sie ist Mitglied im Global Preparedness Monitoring Board, in der WHO High Level Independent Commission zu NCDs, Co-Chair von UHC 2030 und Council Chair des World Health Summits. Ilona Kickbusch war in deutsche Aktivitäten zu G7 und G20 eingebunden sowie in die Entwicklung der deutschen Strategie für globale Gesundheit. Sie initiierte @wgh300, eine Liste von führenden Frauen in der globalen Gesundheit. Ilona Kickbusch ist Co-Vorsitzende einer Lancet FT Kommission zu “Governing health futures 2030: growing up in a digital world.” Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt COVID-19„Diese COVID-19-Pandemie ist ein Weckruf“

Auch wenn die COVID-19-Pandemie auf den ersten Blick nicht als ein Kernanliegen der Gesundheitsförderung erscheinen mag, so könnte sich Gesundheitsförderung doch als wichtiger denn je erweisen. Worin besteht ihre Funktion? Und welche Rolle nehmen die Akteurinnen und Akteure der Gesundheitsförderung ein? Diese Fragen beantwortet Dr. Rüdiger Krech, Direktor für Gesundheitsförderung bei der Weltgesundheitsorganisation mit Sitz in Genf.

Herr Dr. Krech, können wir schon Lehren aus der COVID-19-Pandemie ziehen?

Diese COVID 19-Pandemie ist ein Weckruf für uns alle und möglicherweise sogar der letzte, den wir bekommen können.

Um einer nächsten Pandemie vorzubeugen, müssen wir in Deutschland, Europa und weltweit drastische, umfängliche Veränderungen vornehmen – und zwar in der Art und Weise, wie wir unsere Gesellschaften gestalten und wie wir Gesundheit in Entscheidungen unterschiedlicher Sektoren einbeziehen.

Wir haben jetzt gesehen: die letzten Epidemien entstanden alle durch Entscheidungen und Vorgänge außerhalb des Gesundheitssektors – angefangen bei der Vogelgrippe über die Schweinegrippe und Ebola bis hin eben jetzt zu SARS-CoV-2. Diese Epidemien hatten alle etwas damit zu tun, wie wir Urbanisierung vorantreiben, wie wir die Distanz zwischen der Tierwelt und uns Menschen immer stärker eingeschränkt haben. Das führt dazu, dass Viren vom Tier auf den Menschen überspringen.

Darüber hinaus gibt es etliche andere Risiken auf der Welt, die zu einer Epidemie oder Pandemie führen können. Wenn wir diese nicht ursächlich in den Griff bekommen, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer nächsten Pandemie, die möglicherweise noch viel schlimmer ist, hoch.


Kommen wir noch einmal auf die Ursachenbekämpfung zurück: Welchen Beitrag kann die Gesundheitsförderung leisten? Wird in der Folge von COVID der Health in All Policies-Ansatz gestärkt? Oder könnte es nicht vielmehr eine rollback-Bewegung geben, die gerade angesichts der Bedeutung von Infektionskrankheiten auf den medizinischen Ansatz der Prävention, z.B. Impfungen, setzt?

Zunächst mal verweisen Sie ja ganz richtigerweise auf die Instrumente, die wir in der Gesundheitsförderung seit Ottawa, also seit fast 35 Jahren, haben, also gesundheitsfördernde Gesamtpolitiken, die wir heute vielleicht „Gesundheit in allen Politikbereichen“ oder aber auch „joined-up government“ nennen, also eine sektorübergreifende Politikgestaltung, die die Bedürfnisse der Menschen einbezieht. Ein solcher Ansatz, der von der Gesundheitsförderung entwickelt worden ist, wurde nun auch von UN-Generalsekretär Antonio Gutterres gefordert und gerade auf der UN-Generalversammlung verabschiedet.

Unsere langjährige Erfahrung in der Gesundheitsförderung, die nun bei der Aufgabe wichtig ist, wie wir unsere Gesellschaften nach der Krise umbilden, zeigt: Es wird auch bei einer sektorübergreifenden Politikgestaltung nicht so sein, als hätten wir in solchen Verfahren oder mit mehr Bürgerbeteiligung keine Interessenskonflikte mehr. Aber die Entscheidungsträger wissen genauer, auf was sie sich einlassen, was die möglichen Konsequenzen ihres Handelns sind; wie man Kompromisse schließen und wertgeleitete „trade-offs“ herbeiführen kann – und das ist so, wie wir in der Gesundheitsförderung seit 35 Jahren mit unseren Partnern arbeiten und zusammen lernen.

Nehmen wir das Beispiel der Eingrenzung und Bekämpfung des Ebola-Virus. Da haben wir festgestellt, dass ohne Bürgerbeteiligung die Akzeptanz von Gesundheitsfachkräften von außen extrem gering war. Also haben wir dort mit den Gesundheitshelfern vor Ort wirklich „klassisches“ Sozialengagement angewendet – und das hat dann dazu geführt, dass die Akzeptanz größer wurde, dass eben zum Beispiel Quarantäne-Maßnahmen umgesetzt werden konnten.

Die Gefahr einer „Rückwärtsrolle“ sehe ich nicht. Denn wir erkennen ja jetzt: Es dauert, ehe ein Impfstoff für die Welt entwickelt und zugänglich gemacht werden kann. Wir sehen gerade, das geht alles nicht im Handumdrehen. Die Entwicklung von Impfstoffen ist eine unglaublich komplizierte Angelegenheit. Die Weltgemeinschaft lernt gerade, dass dieses Virus ohne Einbeziehung der Menschen in die Bekämpfung, ohne gemeindeorientiertes Handeln, ohne Akteursanalysen, ohne Gesundheitskompetenz, also ohne die klassischen Gesundheitsförderungs-Instrumente, nicht einzudämmen ist.


Das sind ja dann auch die Instrumente, die auch in Deutschland anzuwenden wären und greifen müssten…

Ja, genau. Wenn wir uns jetzt anschauen, wie Deutschland nach der Krise aussehen könnte, dann ist es nicht nur wichtig, dass wir Gesundheit sehr viel stärker in den Blick nehmen und Risiken bewerten, die durch ein globalisiertes Handeln in Deutschland auch für mögliche Pandemien existieren, sondern auch genauer darauf achten, wie wir unsere Städte, unser Zusammenleben oder unsere Mobilität gestalten.

Wir sehen auch noch etwas anderes: Wenn wir auf den Planeten besser achten, hat das auch immense positive Auswirkungen auf die Gestaltung unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens.


In welcher Rolle sehen Sie denn dann die Gesundheitsförderer? Sind sie die Treiber dieser gesellschaftlichen Veränderungen?

Es sind ganz konkrete Funktionen, die die Gesundheitsförderung nicht nur in der Pandemie ausübt und auch für die Politikgestaltung hat. Epidemiologen stellen die Daten zur Verfügung und bereiten Quarantänemaßnahmen vor, aber beispielsweise die Akzeptanz dafür herzustellen oder die unterschiedlichen Interessen zusammenzubringen, das sind Aufgaben der Gesundheitsförderung.

Nehmen wir mal die widerstreitenden Vorschläge, die Wirtschaft schnell wieder in Gang zu bringen, oder auch die Mobilität, insbesondere den Flugverkehr, wieder schnell hochzufahren und das mit den möglichen Risiken für eine zweite und dritte COVID-19-Welle abzuwägen. Diese Interessen zusammenzubringen, zu kommunizieren, mit unterschiedlichen Interessensgruppierungen zu interagieren, das sind alles Rollen der Gesundheitsförderung, für die sie geeignete Instrumente entwickelt hat.

Gesundheitskompetenz gehört auch dazu, also dass Menschen gesundheitliche Risiken richtig einzuschätzen wissen und eigenverantwortlich handeln können. Das ist in Deutschland ja bisher mit Hilfe der großen Mehrheit der Bevölkerung herausragend gelungen. Natürlich gibt’s „Ausreißer“, aber wenn ich das mit vielen anderen Ländern vergleiche, haben in Deutschland die Menschen bis jetzt dazu beigetragen, viele Menschenleben zu retten. Das ist ein riesiger Erfolg – für das ganze Land, für dessen Zusammenhalt und die Gesundheit in Deutschland. Ob dies auch so bleibt, wird wieder davon abhängen, ob die Entscheidungsträger die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in ihre Entscheidungen einbeziehen, ob diese Entscheidungen für die Menschen nachvollziehbar sind und ihnen angemessen erscheinen. Um das zu erreichen, brauchen sie wiederum die Instrumente der Gesundheitsförderung.


Die Akteurinnen und Akteure der Gesundheitsförderung leisten also bereits einen spezifischen Beitrag zur Bewältigung der Krise….

Ja genau, das kann man für eine Phase danach in Deutschland, Europa und global wertschätzen: Wir können diesen Instrumentenkasten der Gesundheitsförderung für das Design unserer Gesellschaften nochmals neu anbieten.


Und dieser Instrumentenkasten umfasst, was wir schon aus der Ottawa Charta kennen?

Exakt, wir müssen das jetzt natürlich übertragen, und zwar nicht nur sprachlich von der Ausdrucksweise der 80er Jahre auf heute, sondern vor allem im Hinblick auf die gewaltigen Umwandlungsprozesse, in denen wir uns im Moment schon befinden und die noch auf uns zukommen.


A propos Transitionsprozesse: Die Digitalisierung gehört untrennbar dazu bzw. löst diese aus und verstärkt sie. Welche Auswirkungen hat das denn auf die Gesundheitsförderung?

Wenn man sich anschaut, wie Zukunftsforscher und Makroökonomen Veränderungsprozesse deuten, dann sagen viele, dass ein Innovationszyklus, also der Zeitraum, um eine gesamte neue Technologie zu entwickeln, in den 90er Jahren noch 20 Jahre betrug, derzeit fünf und demnächst nur drei Jahre. Wir leben in einer immer schneller werdenden Zeit des technischen Wandels. Insofern werden wir zukünftig viele Veränderungen erleben, die unser Alltagsleben vollständig verändern.

Denken Sie nur mal, wie unser Alltagsleben vor dem Smartphone aussah – und das sind gerade etwas über zehn Jahre her. Versetzen wir uns jetzt mal in die Zukunft, 20 Jahre weiter. Was heißt das für uns, wenn die Innovationszyklen immer schneller werden? Dann brauchen wir eine erhöhte Adaptationsfähigkeit, so dass wir uns mit gutem Mut auf diesen Wandel einlassen können.

Aber bedenken wir auch: Nicht jeder Wandel ist auch gesundheitsförderlich. Die Frage ist: Wie bringen wir da Gesundheit mit hinein? Welchen Wandel lassen wir zu? Welchen sollten wir besser nicht zulassen? Das ist aus unserer Sicht derjenige, der uns nicht mehr Gesundheit und Wohlbefinden ermöglicht und nicht mit dem Wohl und den Heilungschancen unseres Planeten im Einklang ist.

Das heißt für unseren Instrumentenkasten, dass wir ihn anpassen müssen. Wir brauchen zum Beispiel bessere Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen, und zwar nicht nur welche, bei denen wir ex post Effekte nachvollziehen, sondern Verträglichkeitsprüfungen, die die möglichen gesundheitlichen Effekte für solche Technologien begutachten oder bewerten, die technisch möglich wären oder jetzt im Moment in der Entwicklung sind.

Dann braucht es dafür natürlich auch stärkere Mechanismen der Regierungsführung, die gesundheitsförderliche Entwicklungen befürworten.


Was erneut bedeutet, die gesündere Wahl zur leichteren Wahl zu machen…

Ja, ganz genau, darauf kommen wir immer wieder zurück. Das ist so aktuell wie nie zuvor.


D.h. Instrumentenkasten an Transformationsprozesse anpassen, ohne dass wir unsere Werte und das humanistische Ideal oder besser: Erbe aufgeben?

Ja, auch da wieder, so wie zuvor: Wir sind wirklich an einem Scheideweg. Wenn wir es nicht schaffen, Chancengleichheit herzustellen, wenn immer mehr Menschen aus diesen Transitionsprozessen herausfallen, nicht teilhaben können und wir nicht die Solidarität in unseren Gesellschaften stärken, dann werden immer mehr Menschen extreme Verhaltensweisen zeigen.

Das beobachten wir ja im Moment in solchen Ländern, die eben nicht auf Chancengleichheit setzen. Eine solche Gesundheitskrise wie COVID-19 ist ein Lackmustest, der zeigt, wo Schwächen in den Gesellschaften sind. Wenn Sie sich die Infiziertenzahlen angucken, ist das die Rechnung, die man dafür bekommt. Das zeigt auch wieder, dass Menschenrechte, Chancengleichheit, universeller Zugang zu Gesundheits- und Sozialleistungen und Bildung und Förderung von Gendergleichheit entscheidend sind.

Das sind keine abstrakten politischen Forderungen, sondern diese Werte müssen Eckpfeiler eben dieses Handelns sein. Wenn man Politik nicht auf diesen Pfeilern aufbaut, sieht man nun allzu deutlich, welche Auswirkungen es hat.

Insofern ist Gesundheit „Seismograph für Entwicklung“ und so wichtig wie nie zuvor. Das hat Deutschland sehr, sehr gut verstanden – und nicht nur in der Krise.

Schauen Sie sich an, welches Land das Thema „Gesundheit“ in die G7- und G20-Agenden aufgenommen hat und wie das bei den Vereinten Nationen gelaufen ist. Da kommt Deutschland eine Führungsposition zu. Dem haben sich zum Glück viele andere Länder angeschlossen, um Globalisierung auf diesem Wertekanon, den wir gerade angesprochen haben, aufzubauen. Das ist doch der Weg, den Deutsche und Europäer weiter gehen sollten.


Die Fragen stellte Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies, Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Dr. Rüdiger Krech | Seit 2019 Abteilungsleiter für Gesundheitsförderung bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf. Dr. Krech leitet die Arbeit der WHO zu Risikofaktoren wie Tabakkonsum und schädlichen Konsum von Alkohol und verantwortet die Arbeit zu gesundheitsförderlichen Settings sowie Programme zu mehr Bewegung. Zuvor Direktor für Gesundheitssysteme und allgemeine Gesundheitsversorgung (Universal Health Coverage) und Direktor für Soziale Determinanten von Gesundheit und Chancengleichheit bei der WHO; Erziehungs- und Gesundheitswissenschaftler.