Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt ÖGD„In einem modernen ÖGD wird Gesundheitsförderung zum Coachingprozess“

Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) erlebt durch den Pakt ÖGD eine enorme Aufwertung und die Chance, sich neu auszurichten. Die 21. BVPG-Statuskonferenz in Kooperation mit der BVPG-Mitgliedsorganisation Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf (AÖGW) widmet sich dieser Tatsache und beleuchtet, welche Bedeutung dem ÖGD als zentralem Akteur für die kommunale Prävention und Gesundheitsförderung zukommt.

Über die Weiterentwicklung des ÖGD haben wir mit Prof.in Dr. Dagmar Starke, kommissarische Leiterin der AÖGW und BVPG-Vorstandsmitglied, gesprochen. 

In der Gesundheitspolitik nimmt die Stärkung von Public Health oder Öffentlicher Gesundheit eine bedeutsame Rolle ein. Was heißt das für den ÖGD von Morgen, was sind die Herausforderungen und Möglichkeiten?

Die „neue“ Aufmerksamkeit der Politik gegenüber Public Health/Öffentlicher Gesundheit kann erst der Anfang einer Neuorientierung sein. Wir dürfen nicht aus dem Blick verlieren, dass diese insbesondere dadurch zustande gekommen ist, dass wir eine Pandemie haben mit einem Virus, dessen Eigenheiten anfangs noch recht unbekannt waren und damit ein großes Risiko für die Gesundheit der Bevölkerung darstellten.

Heute wissen wir mehr darüber und verfügen über wirksame Impfstoffe, die zumindest sehr schwere Krankheitsverläufe weitestgehend verhindern, dennoch dürfen wir das Bedrohungspotential nicht außer Acht lassen. Insbesondere sind die nicht intendierten Folgen absichtsvollen Handelns, etwa die starken Kontaktbeschränkungen in der ersten Welle der Pandemie und die Konsequenzen beispielsweise im Bereich häuslicher Gewalt, psychischer Beeinträchtigungen aber auch einer Zunahme von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen zu berücksichtigen.

Der ÖGD steht sowohl mit Blick auf die SARS-CoV-2-Pandemie als auch zusätzlichen Herausforderungen, etwa die Versorgung von Geflüchteten aus der Ukraine und anderen Teilen der Welt, vor großen Aufgaben, insbesondere die Verminderung ungleicher Gesundheitschancen aufgrund struktureller Benachteiligung sollten im Fokus kommunaler Prävention und Gesundheitsförderung stehen.

Hinzu kommen die Herausforderungen infolge der Klimakrise. Hier ist einerseits das Handeln auf politischer Ebene gefragt, national wie international. Gleichzeitig sind kommunal Entscheidungstragende gefragt, die Klimakrise ernst zu nehmen und ressort- und sektorübergreifend in allen Entscheidungsprozessen zu berücksichtigen.

Ein Gedanke wäre, nicht nur die Gesundheitsfolgenabschätzung als regelhaften Prozess für politische Entscheidungen zu institutionalisieren, sondern diese um eine Klimafolgenabschätzung zu erweitern. Der ÖGD als zahlenmäßig größter Public Health Akteur vor Ort kann zudem flankierende Maßnahmen auf kommunaler Ebene initiieren oder zumindest anregen – wie beispielsweise Wasserspender in Schulen, Schattenspender in Innenstädten und Hitzeaktionspläne. Darüber hinaus muss der ÖGD seine bereits jetzt vorhandenen Möglichkeiten nutzen, wie etwa im Rahmen des Städtebaus und der Stadtentwicklung, und auch dazu Stellung nehmen.


Der ÖGD ist prädestiniert dazu, einen partnerschaftlichen Prozess mit allen kommunalen Akteuren zu initiieren und zu koordinieren, um das Potenzial der Kommune als Dach-Setting voll auszuschöpfen und die Gesundheit vor Ort zu fördern. Welche Hürden müssen überwunden werden, damit der ÖGD diese Rolle vor Ort zukünftig noch besser ausfüllen kann?

Die wesentlichsten Hürden sind die gesetzliche Verankerung dieser Aufgaben in den Gesundheitsdienstgesetzen sowie die personelle Ausstattung. Nachdem Nordrhein-Westfalen lange Zeit das einzige Bundesland war, das kommunale Vernetzungsstrukturen in kommunalen Gesundheitskonferenzen gesetzlich verankert hatte, haben mittlerweile mit Baden-Württemberg und Hessen weitere Länder hier einen gesetzlichen Rahmen geschaffen. In anderen Bundesländern gibt es zwar teilweise vergleichbare Strukturen wie etwa die Gesundheitsregionen in Bayern und Niedersachsen, aber eben leider eher in Form von Projekten denn institutionalisiert.

Weitere Aspekte sind die Initiierung und Implementierung solcher Strukturen, deren politische Legitimation sowie die Verbindlichkeit von Handlungsempfehlungen. Dazu ist es gleichermaßen notwendig, dass die Kommunen eine entsprechende Gesundheitsberichterstattung aufbauen und damit in die Lage versetzt sind, daten- und bestenfalls evidenzbasiert Empfehlungen zu formulieren.

Die Zusammenarbeit in solchen vernetzten Strukturen muss dabei auf Augenhöhe erfolgen, und Partialinteressen sollten hinter gemeinsamen Zielen zurückstehen. Dies ist gleichsam verbunden mit einer hohen Kooperationsbereitschaft und einer qualifizierten Moderation der Netzwerke.

Auch müssen im ÖGD die Kompetenzen für ein Public Health Management sowie für die Strategieformulierung weiterentwickelt werden.


Bereits mit dem „Leitbild für einen modernen Öffentlichen Gesundheitsdienst“ aus dem Jahr 2018 wurden die Weichen für die zukünftige Ausrichtung des ÖGD gestellt. Der Pakt ÖGD setzt das fort: So soll der ÖGD nicht nur für den Infektionsschutz, sondern auch als kommunaler Akteur u. a. zur nachhaltigen Herstellung und Sicherung gesundheitlicher Chancengleichheit zuständig sein. Wie kann das gelingen?

Diese Zielsetzung ist an sich nicht neu, entsprechende Forderungen sind schon in der Ottawa Charta formuliert worden und leider nach wie vor aktuell.

Für diese Aufgaben sind zunächst einmal gute Kenntnisse der Bevölkerung notwendig sowie eine qualifizierte, kleinräumige Gesundheitsberichterstattung, die sich bestenfalls auf verschiedene Datenquellen stützen kann und nicht nur auf die amtlichen Statistiken.

Hinzu kommen entsprechende (digitale) Kompetenzen, diese Daten zu verknüpfen, auszuwerten und zu interpretieren. Zur Umsetzung sind ein kompetenter Umgang mit Planungsinstrumenten und die Bereitschaft, die Grundprinzipien der Gesundheitsförderung, namentlich Teilhabe, Empowerment und Partizipation ernst zu nehmen, unabdingbar.

Das heißt: Der ÖGD muss sich selbst eine anwaltschaftliche Rolle verschreiben und Communities in Veränderungsprozessen unterstützen. Gesundheitsförderung wird damit bestenfalls zu einem Coachingprozess.

Gleichzeitig müssen diese Prozesse flankiert werden von einer konsequenten Weiterentwicklung des Health in All Policies-Ansatzes innerhalb der Kommune, aber auch auf Landes- und Bundesebene. Das bedeutet, egal ob im Bildungsbereich, in der Stadtentwicklung oder mit Blick auf die Umwelt: Die Bedeutung von Gesundheit muss innerhalb von Planungsprozessen systematisch berücksichtigt werden!


Wie machen sich die Entwicklungen bezüglich des Paktes ÖGD in der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen bemerkbar?

Wir verzeichnen eine enorme Entwicklung der Teilnehmendenzahlen in allen Aus- und Weiterbildungen, vor allem in der Weiterbildung zur/zum Fach(zahn)ärzt:in für Öffentliches Gesundheitswesen, bei den Hygiene- und Lebensmittelkontrolleur:innen als auch bei der Weiterbildung zur sozialmedizinischen Assistent:in.

Gleichzeitig haben wir Anfang 2022 einen Run auf unser eLearning-Angebot „Impfen zum Schutz gegen COVID-19“ erlebt, weil die niedergelassenen Zahn- und Tiermedizinerinnen und -mediziner eine Fortbildung nachweisen mussten, um impfen zu dürfen.

Auch die Fachforen zum Pakt für den ÖGD mit unterschiedlichen Schwerpunkten, zum Beispiel im Bereich der Digitalisierung, hatten ebenfalls hohe Teilnehmendenzahlen und die Webseminare in Kooperation mit dem Robert Koch-Institut zu aktuellen Themen der Versorgung Geflüchteter aus der Ukraine oder Affenpocken haben ebenfalls Rekordzahlen erreicht.

Zugleich sind auch alle anderen Fortbildungsthemen nachgefragt, sodass wir schon jetzt deutlich über den Zahlen von 2019 liegen. Und last but not least tragen wir mit einer Reihe von Projekten zu unterschiedlichen Themenkomplexen dazu bei, die Wissenschaftsbasierung des ÖGD zu stärken.

Dies alles können wir nur bewältigen, weil wir ebenfalls über den Pakt ÖGD die Möglichkeit haben, unser Personal aufzustocken. So ist zur Sicherung der Qualität und Bewältigung der hohen Nachfrage unser Team stark angewachsen.


Welche Auswirkungen zeigen sich in der Praxis des ÖGD? Welche Rückmeldungen erhalten Sie?

Die Rückmeldungen sind sehr unterschiedlich: Im Vordergrund steht die Gewinnung qualifizierten Personals, wobei natürlich weder Fach(zahn)ärztinnen und -ärzte ÖGW noch Hygienekontrolleurinnen bzw. -kontrolleure auf dem freien Markt verfügbar sind. Sie alle müssen entsprechend aus- und weitergebildet werden, was die große Nachfrage bei der AÖGW mit sich bringt. Hinzu kommt, dass die Gesundheitsämter berichten, dass ein gegenseitiger Abwerbeprozess mit Unterstützung von Headhuntern und Beratungsfirmen von statten geht. Das ist ein Nebeneffekt, der alles andere als angenehm ist.

Bei einigen Ämtern sehen wir, dass neben Ärztinnen und Ärzten auch Gesundheitswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler und weitere Kolleginnen und Kollegen mit Public Health-Qualifikation eingestellt und gerade die weiter oben genannten Bereiche wie Gesundheitsberichterstattung, Planung und Koordination besetzt werden. Allerdings sind die Sorgen groß, da ein Großteil der neuen Stellen befristet ist. So könnte am Ende der Paktlaufzeit die Situation möglicherweise schlimmer sein als zuvor, denn wir haben zudem auch eine bedeutende demografische Entwicklung im ÖGD erwarten.

Ich denke, dass sich alle eine langfristige Perspektive wünschen und es nicht bei diesem „einen Pakt“ bleiben kann. Es wäre schön, wenn Bund und Länder hierzu bald ins Gespräch kommen könnten.


Die Fragen stellten Dr. Beate Grossmann und Linda Arzberger, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Weitere Informationen zur BVPG-Statuskonferenz „Die Bedeutung des ÖGD für die kommunale Prävention und Gesundheitsförderung“ erhalten Sie hier.

Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch: Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies.

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Prof.in Dr. phil. Dagmar Starke I Seit 2022 kommissarische Leiterin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf; Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Public Health e.V. (DGPH) und der BVPG; Arbeitsschwerpunkte: Öffentliches Gesundheitswesen, (Sozial-) Epidemiologie, Gesundheitsförderung, Public Health-Forschung.

Die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf ist eine öffentlich-rechtliche Bildungsinstitution, die von den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen finanziert wird. Sie wurde 1971 als bundesweit einzige länderübergreifende Einrichtung zur Aus-, Fort- und Weiterbildung aller Beschäftigten im Öffentlichen Gesundheitsdienst gegründet. Ferner gehört die angewandte Forschung im Bereich des Öffentlichen Gesundheitswesen zu ihren Aufgaben.

Prävention und Gesundheitsförderung - Erster Bericht des Beirates Pakt ÖGD„Den ÖGD stärken – Prävention und Gesundheitsförderung weiterdenken“

Der Beirat Pakt ÖGD (Beirat zur Beratung zukunftsfähiger Strukturen im Öffentlichen Gesundheitsdienst in Umsetzung des Pakts für den Öffentlichen Gesundheitsdienst), in dem auch die BVPG vertreten ist, spricht Empfehlungen dazu aus, wie der Öffentliche Gesundheitsdienst langfristig und zukunftsorientiert modernisiert werden kann. Die Stärkung der Rolle des ÖGD ist zudem auch eines der BVPG-Schwerpunktthemen. Nun liegt ein erster Bericht des Beirates Pakt ÖGD vor. Mit Dr. Ute Teichert, Vorsitzende des Beirates Pakt ÖGD, Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen und Vorstandsmitglied der BVPG, sprechen wir über die Ergebnisse und anstehenden Maßnahmen.

Frau Dr. Teichert, der Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst wurde mit einer Förderlaufzeit von sechs Jahren beschlossen. Der zur Umsetzung des Pakts einberufene „Beirat Pakt ÖGD“ hat nun erste Empfehlungen ausgesprochen.

Dies vorweg: Der Beirat Pakt ÖGD besteht aus drei Einzelsachverständigen und weiteren zwölf Sachverständigen, die als Mitglieder berufen wurden. Unter diesen Sachverständigen für Institutionen ist auch die BVPG mit einem Sitz im Beirat vertreten. Der Beirat hat auf seiner konstituierenden Sitzung im April 2021 insgesamt drei Arbeitsgruppen gegründet. Eine davon beschäftigte sich mit dem Thema Personal, Finanzierung und Digitalisierung in der Umsetzung des Paktes für den ÖGD, eine weitere mit den Themen Krisenmanagement, Risikokommunikation und Vernetzung. Die dritte Arbeitsgruppe schließlich befasste sich mit dem Thema Public Health inklusive Forschung und Wissenschaft sowie Medizin und inhaltliche Weiterentwicklung.


Was sind die wesentlichen Inhalte? Welche konkreten Maßnahmen stehen nun an?

Die genannten drei Arbeitsgruppen haben ihre Ergebnisse in einem zehn Kapitel umfassenden Bericht zusammengetragen. Er enthält konkrete Empfehlungen für Bund und Länder, wie der ÖGD-Pakt umgesetzt werden kann und soll. So empfiehlt der Beirat beispielsweise, dass die Stellen, die über den ÖGD-Pakt in den Gesundheitsämtern geschaffen werden, nicht an die Paktlaufzeit geknüpft, sondern unbefristet eingerichtet werden. Empfohlen werden überdies Maßnahmen zur Unterstützung von vulnerablen Bevölkerungsgruppen und eine grundsätzliche Stärkung der Gesundheitsberichterstattung als Grundlage von Gesundheitsplanung.

Außerdem war der Beirat beauftragt, in seinem ersten Bericht den Fokus auf Krisenmanagement zu legen. Hier bedarf es nach den Analysen der Expertinnen und Experten zum Beispiel unter anderem eines umfangreichen Qualifizierungsangebots für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, einer besseren Vernetzung mit den Katastrophenschutzbehörden und praktikabler Leitlinien in puncto Risiko- und Krisenkommunikation.


Die Empfehlungen des Beirates betreffen also in erster Linie das Management von Pandemien und gesundheitlichen Notlagen. Wie können denn Prävention und Gesundheitsförderung – auch und gerade auf kommunaler Ebene – im und durch den ÖGD befördert und gestärkt werden?

Im Pakt für den ÖGD ist keine Stellenkonzentration auf den Bereich der Pandemie vorgesehen. Der ÖGD soll insgesamt gestärkt werden. Das bedeutet, dass Prävention und Gesundheitsförderung natürlich auch analysiert und weitergedacht werden müssen. Die einzelnen Länder – und die Gesundheitsämter – erstellen für die Umsetzung des Pakts Personalaufwuchskonzepte. Dabei müssen die Bereiche Prävention und Gesundheitsförderung mit entsprechender personeller Verstärkung eingeplant werden.

Wichtig ist dabei unter anderem, dass bisherige Hürden für Neueinstellungen abgebaut werden. Das beginnt bei den Stellenausschreibungen. Hier muss künftig noch genauer und differenzierter geschaut werden, welche Berufsqualifikationen für den Bereich der Öffentlichen Gesundheit insgesamt wichtig sind beziehungsweise wie man Fachpersonal für den Öffentlichen Gesundheitsdienst kontinuierlich aus- und weiterbildet.


Dem ersten Beiratsbericht sollen weitere folgen. Welches werden die thematischen Schwerpunkte sein und wie sind die Verantwortlichkeiten aufgeteilt?

Der Expertenbeirat hat auf seiner ersten Sitzung nach Veröffentlichung des Berichts beschlossen, die Struktur der Arbeitsgruppen beizubehalten und zu erweitern. Deren genaue Zusammensetzung ist zurzeit noch in Abstimmung.

Da wir uns aber weiterhin in einer Pandemie befinden, wird der Themenbereich Risiko- und Krisenkommunikation auch in den kommenden Monaten im Fokus stehen. Hierzu wird es außerdem voraussichtlich einen eigenen Bericht mit Analysen und Empfehlungen des Expertenbeirats geben. Neu hinzugekommen ist eine Arbeitsgruppe zum Thema Digitalisierung im ÖGD, einem der Schwerpunkte für 2022. Geplant ist unter anderem, externe Expertinnen und Experten zu diesem Thema anzuhören.

Eine weitere Arbeitsgruppe wird sich mit dem Bereich Multiprofessionalität im ÖGD beschäftigen. Dazu gehören auch die Themen Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie Verbindung des ÖGD mit Wissenschaft und Forschung.

Für etwa Mitte 2022 ist eine zusätzliche neue Arbeitsgruppe geplant, die sich mit dem Thema „länderübergreifende Aufgaben des ÖGD“ beschäftigen wird.


Der zukünftige ÖGD soll bürgernah, multiprofessionell und vernetzt sein. Was muss sich denn in der Aus-, Fort- und Weiterbildung für Mitarbeitende im ÖGD und in der Forschung in Zukunft ändern, damit das erreicht werden kann?

Es geht darum, diese Kompetenzen zu verstärken und auszubauen. Die bereits bestehende Bürgernähe des ÖGD hat sich ja unter anderem während der Corona-Pandemie gezeigt. Die Gesundheitsämter wurden und werden als direkte Ansprechpartner wahrgenommen und genutzt. Außerdem gibt es die aufsuchenden Hilfen, etwa für behinderte und psychisch kranke Menschen sowie den kinder- und jugendpsychologischen Dienst. Auch die Sprechstunden für andere Bereiche werden intensiv genutzt.

Die ganze Bandbreite der vom ÖGD „beackerten“ Themen und Inhalte lässt sich auch am Veranstaltungsportfolio der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen ablesen, die Aus-, Fort- und Weiterbildungen für alle Berufsgruppen des ÖGD anbietet. Dazu gehören auch Trinkwasserkontrollen, Krankenhausbegehungen und vieles mehr. Dieses Spektrum umfasst explizit auch Prävention und Gesundheitsförderung. So bildet die Akademie beispielsweise kommunale Gesundheitsmoderatorinnen und -moderatoren aus.

Um darüber hinaus die Digitalisierung im ÖGD voranzubringen, hat die Akademie außerdem das Projekt „Digitale Tools im ÖGD“ eingerichtet, das vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert wird. Im Rahmen dieses Projekts werden digitale Lösungen durch ein strukturierteres und standardisiertes Prüfverfahren bewertet. Es geht darum, festzustellen, welche dieser Tools für den Einsatz im Öffentlichen Gesundheitsdienst geeignet sind. Eine entsprechende Auswahl wird dann beispielsweise den Gesundheitsämtern als Orientierungshilfe bei der Auswahl von digitalen Lösungen zur Verfügung gestellt.


Die Fragen stellten Dr. Beate Grossmann und Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Interview mit Dr. Katharina Böhm, Geschäftsführerin der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE) und Mitherausgeberin des ersten Standardwerks zum Thema Health in All Policies (HiAP) in Deutschland.

Interview zum Thema „Geschlechtersensible Prävention und Gesundheitsförderungmit Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione, Universität Bielefeld und Radboud Universität in Nijmegen (NL).

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Dr. med. Ute Teichert | MPH; Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf; Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst (BVÖGD); Vorsitzende des von Bund und Ländern eingesetzten Beirats zur Beratung zukunftsfähiger Strukturen im Öffentlichen Gesundheitsdienst in Umsetzung des Pakts für den ÖGD; Kommissionsmitglied im von der Bundesregierung und dem Deutschen Bundestag berufenen Sachverständigenausschuss nach § 5 Absatz 9 Infektionsschutzgesetz. Arbeitsschwerpunkte: Öffentliches Gesundheitswesen, Pakt für den ÖGD, Bevölkerungsmedizin und Krisenmanagement, Public Health-Forschung.

Die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen mit Sitz in Düsseldorf ist eine öffentlich-rechtliche Bildungsinstitution, die von den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Thüringen finanziert wird. Sie wurde 1971 als bundesweit einzige länderübergreifende Einrichtung zur Aus-, Fort- und Weiterbildung aller Beschäftigten im Öffentlichen Gesundheitsdienst gegründet. Ferner gehört die angewandte Forschung im Bereich des Öffentlichen Gesundheitswesens zu ihren Aufgaben.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Health in All Policies„Jetzt ist es wichtig zu sagen: Wir schaffen in Deutschland das modernste Öffentliche Gesundheitswesen der Welt!“

Das 5. Präventionsforum, das am 23. September 2020 in Berlin stattfand, legte in diesem Jahr den Schwerpunkt auf „Gesundheitsförderung und Prävention als gesamtgesellschaftliche und politikfeldübergreifende Herausforderungen“. Die weltweit renommierte Professorin im Feld der Gesundheitsförderung, Ilona Kickbusch, spricht in unserem Blogbeitrag zu Health in All Policies über die Relevanz von Co-Produktionen, die internationale Bedeutung und Umsetzung des Begriffes „Wellbeing“ und darüber, für wie bedeutsam sie es erachtet, jetzt in Deutschland das modernste Öffentliche Gesundheitswesen der Welt zu schaffen.

Frau Kickbusch, wir wissen seit Verabschiedung der Ottawa-Charta, also seit mehr als 30 Jahren: Gesundheit wird in den Lebenswelten der Menschen erzeugt und erhalten und ist vor allem von Faktoren abhängig, die nicht primär durch das Gesundheitssystem selbst beeinflussbar sind weshalb „Health in All Policies“ ein wichtiger Grundsatz der Gesundheitsförderung ist. Dennoch haben sich gesundheitsfördernde Gesamtpolitiken bislang noch nicht so richtig durchsetzen können – zumindest in Deutschland nicht. Woran liegt das?

Um dies zu beantworten, möchte ich zeitlich noch etwas früher anfangen. Die Ottawa-Charta hat ja eigentlich „nur“ Wissen zusammengetragen, das schon sehr lange vorhanden war. In Deutschland hat beispielsweise Rudolf Virchow anlässlich der Cholera-Epidemie in Schlesien ganz klar gesagt, dass es die Armut und die sozialen Ungleichheiten sind, die zu den extremen Cholera-Ausbrüchen geführt haben.

Es ist also ein Wissen, das wir in Public Health schon sehr lange haben, das aber in der Politik nur selten ernst genommen wurde und selten bewusst eingesetzt worden ist. Es war eine unserer Aufgaben, mit der Ottawa Charta gerade dieses Public Health-Wissen wieder in den Vordergrund zu bringen und zu zeigen, was dieses Wissen für die modernen Gesellschaften, also damals Mitte der 1980er Jahre, bedeutet. So lautete dann auch der Untertitel „Towards a new public health“.

Zudem hat Health in All Policies ja zwei Dimensionen: Wenn ein Staat „gut regiert ist“, wenn es soziale Absicherung und weniger soziale Ungleichheiten gibt, dann ist von vornherein eine bessere Gesundheit „garantiert“. Andererseits geht es aber auch um das bewusste Bemühen um Gesundheit in möglichst allen Politikbereichen. Diese zwei Aspekte muss man immer miteinander verbinden. Also anerkennen, wenn in anderen Politikbereichen etwas gemacht wird, das der Gesundheit dient und zum anderen proaktiv Co-Produktionen zu schaffen.

Die Relevanz dieser Co-Produktionen haben wir in dem südaustralischen Projekt zu Health in All Policies, an dem ich mitgearbeitet habe, versucht zu verdeutlichen. Es gilt also, gemeinsam zu arbeiten, also zum Beispiel ein Umweltministerium und ein Gesundheitsministerium oder ein Verkehrsamt mit einem Gesundheitsamt. Das heißt mit anderen Worten die Frage zu beantworten: Wo finden wir Politikansätze, durch die in der Zusammenarbeit jeder Bereich gewinnt?

In unserer Arbeit zu Health in All Policies haben wir festgestellt: Je näher die Politikbereiche an den Menschen sind, wie zum Beispiel im Kommunalbereich, umso besser und schneller ist Health in All Policies umsetzbar und umso häufiger ist auch ein größerer politischer Wille dafür vorhanden. Man ist einfach näher an den Menschen und die Menschen sind näher an der Politik.


Wie gelingt die Umsetzung auf der nationalen Ebene?

Auf nationaler Ebene ergeben sich zwei Anknüpfungspunkte: Zum einen gibt es die sogenannten Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die Sustainable Development Goals (SDG), die ganz klar in allen Bereichen, auch in Bezug auf Gesundheit, ein Modell entwickelt haben, mit dem Ziel, dass alle Politikbereiche in Co-Produktion zusammenarbeiten müssen, damit wir eine nachhaltige Gesellschaft schaffen können. Dadurch hat sich für Health in All Policies auf nationaler Ebene mehr getan, wie wir in verschiedenen SDG-Analysen festgestellt haben.

Zum anderen hat sich teilweise unter einer anderen Terminologie etwas getan – und das ist hier sehr wichtig zu erwähnen: Wir sehen, dass vor allem im englisch-sprachigem Raum und dort, wo es ins Englische übersetzt wird, der Begriff Wellbeing sehr viel häufiger benutzt wird. Wir sehen auch in der Umsetzung von Health in All Policies, wie eingangs genannt in Australien oder auch aus anderen Bereichen, dass der Wellbeing-Begriff sehr viel anschlussfähiger ist.

„Health“ klingt ja häufig so: Jetzt kommen die Gesundheitsleute und wollen so eine Art Gesundheitsimperialismus einführen, wobei Gesundheit als Wert über alles andere gestellt wird. Das Konzept der Gesundheitsförderung hat zwar immer wieder betont, dass Gesundheit als gesellschaftlicher Wert wichtig ist, nicht aber der höchste Wert, hinter dem alles andere zurücksteht. Wellbeing scheint ein Begriff zu sein, der sehr viel besser auch in die Co-Produktion passt. So ist SDG 3 zum Beispiel ja auch Health and Wellbeing.


Wie haben andere Länder ähnliche Herausforderungen bewältigt? Und wo sind die Anknüpfungspunkte in Deutschland?

Ein ganz wichtiger Bereich der Entwicklung sind hier die Diskussionen zur „Wellbeing Economy“, zu der es viele interessante Politikansätze gibt. Schottland ist ein Beispiel, wo es auch dazu eine Beratungsgruppe der Regierung gibt. Es ist ein Denken – wir hätten es vor zehn Jahren Health in All Policies genannt – man nennt es heute Wellbeing Economy – das teilweise aufbaut auf einer neuen Art, ökonomisch zu denken. Kate Raworth hat dazu die sogenannte „doughnutnut economy“ entwickelt, die darauf abzielt, unsere Nachhaltigkeits- und Wohlbefindensgedanken unter anderem mit Ökonomie und Gesundheit zusammen zu bringen.

Und Finnland, eines der führenden Länder in Health in All Policies, hat das Verständnis von Health in All Policies auf nationaler Ebene ausgeweitet und dazu beigetragen, auch in der Europäischen Union eine Diskussion über die Wellbeing Economy einzuführen. In dieser Wellbeing Economy spielen Gesundheit und Wohlbefinden als wichtige Indikatoren des Erfolgs staatlicher Politik eine bedeutende Rolle.

Bis zur Coronakrise haben wir beobachtet, dass einige Staaten diesen Gedanken aufgegriffen haben. Beispielsweise hat Neuseeland ein sogenanntes Wellbeing-Budget eingeführt. Das dortige Buttosozialprodukt ist nicht nur über ökonomisches Wachstum definiert, sondern muss auch alle anderen Nachhaltigkeitsziele beinhalten, so auch Gesundheit.

Dies ist ein wichtiges Signal auch für Deutschland. Es gibt ja bereits einen Deutschen Nachhaltigkeitsrat und den Staatssekretärsausschuss für nachhaltige Entwicklung. Wo immer in der deutschen Regierung über Nachhaltigkeit diskutiert wird, muss man sehr dahinter sein und sehr viel mehr Druck ausüben, dass Co-Produktionen entstehen und die Gesundheit im Sinne von Health in All Policies ganz signifikant verankert wird. Denn auch der engere Begriff der Nachhaltigkeit, also der der Umwelt, ist nicht mehr von Gesundheit zu trennen.

Es gibt außerdem derzeit sehr viel Bewegung in Politik und Gesellschaft. So sind zum  Beispiel die Vier-Tage-Woche oder der Zugang zu Kitas bereits Diskussionsthemen der Gesundheitsförderung, weil sie einiges bewirken – sowohl für die Gesundheit von Kindern wie von Müttern. Wir müssen als Gesundheitsförderer kreativer sein, wo und wie wir uns wegen dieser Co-Produktion einbringen. Und wir müssen auch ein bisschen mehr die Gesundheit vor die Parteipolitik stellen – das ist mir sehr wichtig.


Worauf kommt es also an, wenn wir die Politik von „Health in All Policies“ nachhaltig überzeugen wollen?

Wichtig ist, Gesundheitsförderung an gesellschaftliche Innovationen und Bewegungen für ein besseres Leben anzubinden. Man müsste noch mehr „eintauchen“ in die digitale Transformation wie beispielsweise im Hinblick auf Kindergesundheit und die Regulierung von Werbung im digitalen Bereich. Man müsste sich vielleicht auch so „heißen“ Themen wie „Pornografie im digitalen Bereich“ aussetzen und klar machen, dass wir Gesundheitsförderer in der Mitte der Gesellschaft sind und wissen, wo es brennt und wo Co-Produktionen viel bewirken könnten.

Aber genauso wichtig ist auch eine valide Datenlage. Wenn ich zum Beispiel die Verkehrspolitik von Kopenhagen nehme, so muss ich als Gesundheitsförderer in der Lage sein, benennen zu können: Die Tatsache, dass eine bestimmte Anzahl x von Menschen mit dem Fahrrad zu Arbeit fährt, hat den folgenden Gesundheitsimpact y durch Rückgang an Herzinfarkten, Atemwegserkrankungen, Autounfällen und bringt ökonomisch gesehen für unsere Stadt den Betrag z.

Das ist natürlich eine Motivation für die Gesundheitsfachleute, noch enger mit den Verkehrs- und anderen Expertinnen und Experten zusammenzuarbeiten.

Ich glaube, diese ständige Interaktion, dieser Austausch von Daten, ist für die Co-Produktion sehr bedeutsam. Deshalb ist auch die internationale Zusammenarbeit so wichtig. Denn dort kann man immer wieder Beispiele finden und wir können dann sagen: Lasst uns das bei uns auch anwenden! Ich halte diese Art von Evidenz, die politisch eingebracht werden kann, die einen ökonomischen Faktor und einen Gesundheitsfaktor hat, für sehr wichtig.


Die Corona-Pandemie hat ja „Gesundheit“ tatsächlich in allen Politikbereichen zu einem bedeutsamen Thema gemacht. Wird es also jetzt die Chance für „Health in All Policies“ geben?

Es wurde immer gesagt: Das Virus macht keine Unterschiede. Aber es trifft auf eine Gesellschaft mit großen Unterschieden und es hat diese verstärkt. Es hat aufgezeigt, dass verschiedenen Determinanten der Gesundheit in den Vordergrund treten, wie sozialer Wohnungsbau oder soziale Ungleichheit. Wir haben in Amerika gesehen, dass soziale Determinanten, die bislang weniger beachtet worden sind, wie Gender und Rassismus, in den Vordergrund getreten sind.

Was wir jetzt bei der Arbeit bei der Weltgesundheitsorganisation sehr stark betonen, ist, dass es keine Gesundheitssicherheit ohne soziale Sicherheit geben kann. Man sieht ja derzeit weltweit, dass ein Wohlfahrtsstaat und eine Wellbeing-Economy tatsächlich auch einen Unterschied machen. Es wurde plötzlich deutlich: Man kann keine Gesundheitspolitik ohne Wirtschaftspolitik machen. Und ich glaube, dass dies eine nachhaltige Erkenntnis ist.


Das erscheint plausibel und nachvollziehbar. Aber selbst wenn die Gesundheitsförderungs-Community noch so überzeugt ist vom „Health in all Policies“-Ansatz – wenn die Akteurinnen und Akteure der anderen Politikbereiche nicht mitziehen, bringt das wenig. Was sind aus Ihrer Sicht die überzeugendsten Argumente, mit denen man zu einem gemeinsamen Vorgehen motivieren kann?

Es geht nur mit Co-Produktionen, es geht nur, wenn man das gemeinsam angeht. Man muss sich also zusammenraufen und das kann auch tatsächlich lange dauern, wie wir es in dem eingangs genannten südaustralischen Projekt gesehen haben.

Man muss die Evidenzen zusammensuchen, es bedeutet natürlich auch, produktiv streiten zu können, man muss Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler herbeiziehen – es ist ein herausforderndes Unterfangen! Das heißt, man muss lernen, Gesundheitsdiplomatie anzuwenden, zu verhandeln, zuzuhören und auch mal dem anderen die Erfolge zuschreiben. Es ist etwas, das man bis zu einem gewissen Grad lernen kann. Bei der Weltgesundheitsorganisation haben wir Kurse und Trainingshandbücher dazu entwickelt.


Und was können wir konkret in Deutschland tun?

Die Bundesregierung hat vor Kurzem einen Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst verabschiedet, der die Gesundheitsämter in den nächsten Jahren auf vielen Ebenen stärken soll. Jetzt also muss die Gesundheitsförderung bereitstehen und benennen können, was Öffentliche Gesundheit heißt.


Das heißt?

Eben nicht nur  Gesundheitssicherheit und Epidemiologie. Und wenn Epidemiologie, dann auf jeden Fall Sozialepidemiologie, so wie sie uns Michael Marmot gelehrt hat. Politische Ökonomie gehört dazu, denn wir sehen ja gerade bei COVID-19, wie politisch öffentliche Gesundheit ist, wie sie angegriffen wird, auf welche politischen Auseinandersetzungen sie vorbereitet sein muss. Und auch hier helfen besonders Zahlen und Daten anstatt Vermutungen. Aber gleichzeitig muss man vermitteln können, was Zahlen überhaupt bedeuten – den Politikern wie auch der Bevölkerung.


Und was empfehlen Sie für die Umsetzung?

Ich bin überzeugt, es braucht einen Ausbildungsschub und die Beantwortung der Fragen wie: Wer soll in den Gesundheitsämtern arbeiten? Welche Art von Kompetenz benötigt das Personal? Wie beschreibt man die Aufgabe eines Gesundheitsamtes? Als eine Aufgabe, die Health in All Policies und Wellbeing auf lokaler Ebene beinhaltet? Soll das Gesundheitsamt auch eine Art Gesundheitstreff werden, wie wir es beispielsweise bei der Gesunde Städte-Bewegung ausprobiert haben? Es gibt sehr viel da draußen, es gibt viele kleine Initiativen, die gerne einen „Haken“ hätten, an dem sie sich andocken könnten.

Gerade jetzt, wo man sozusagen durch COVID-19 die Bedeutung des Public Health in den Gesundheitsämtern neu entdeckt hat, jetzt ist es wichtig, die Gesundheitsförderungs-Stimme zu erheben und zu sagen: Erinnert euch, es gibt eine Ottawa-Charta, es gibt neue Erkenntnisse, es gibt neue Evidenzen, es gibt neue Konzepte. Und jetzt schaffen wir in Deutschland das modernste öffentliche Gesundheitswesen der Welt, das aufbaut auf einem Health in All Policies-, auf einem Wellbeing-Ansatz und einem Nachhaltigkeitsdenken.“


Auch das „Präventionsforum“ beschäftigte sich in diesem Jahr mit Prävention und Gesundheitsförderung als gesamtgesellschaftliche und politikfeldübergreifende Herausforderungen – beispielhaft diskutiert an den Schwerpunktthemen „Pflege“ und „Psychische Gesundheit“. Wie erfolgversprechend ist es aus Ihrer Sicht, mit einzelnen Schwerpunktthemen in die Umsetzung von gesundheitsfördernden Gesamtpolitiken einzusteigen?

Ich halte das Schwerpunktthema, das gesetzt wurde, für außerordentlich bedeutsam, auch aus der Frauenperspektive. Ein Großteil der pflegenden Kräfte ist weiblich. Sie brauchen auch zunehmend Gesundheitsförderungskompetenzen, sie sind sehr viel näher dran an vielen der sozialen Determinanten als manchmal die Medizin und sie leiden selber außerordentlich unter dem Arbeitsdruck. Viele dieser Belastungen sowohl bei dem Patienten wie bei dem Betreuenden sind im Bereich des Mental Health, der psychischen und der sozialen Gesundheit. Ich halte das für eine sehr wichtige Diskussion.

Ich glaube aber auch, dass das Präventionsforum genutzt werden müsste, um beispielsweise eine Arbeitsgruppe einzurichten, die sich dem Thema „New Public Health“ in Deutschland annimmt. Wenn jetzt diese historische Situation gegeben ist, dass etwas, für das wir so lange gekämpft haben – bessere Ausbildung, bessere Gesundheitsämter, interdisziplinäres Robert Koch-Institut, und so weiter – wahr wird, muss man eingreifen. Trotz Präventionsgesetz ist ja vieles nicht geschafft worden. Jetzt aber gilt es, auf Bundes- und auf Länderebene Allianzen und Koalitionen für eine neuen Öffentlichen Gesundheitsdienst zu bilden.


Die Fragen stellte Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health In All Policies: Interview mit Dr. Katharina Böhm, Geschäftsführerin der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V. (HAGE) und Mitherausgeberin des ersten deutschsprachigen Standardwerks zu Health in All Policies („Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Das Konzept Health in All Policies und seine Umsetzung in Deutschland“).

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt COVID-19: Interview mit Dr. Rüdiger Krech, Direktor für Gesundheitsförderung bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit: Interview mit Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit: Interview mit Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik Deutscher Caritasverband, Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik Diakonie Deutschland und Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Prof. Dr. Dr. (mult.) llona Kickbusch | Gründerin und Vorsitzende des Global Health Centre am Graduate Institute in Genf. Sie ist Mitglied im Global Preparedness Monitoring Board, in der WHO High Level Independent Commission zu NCDs, Co-Chair von UHC 2030 und Council Chair des World Health Summits. Ilona Kickbusch war in deutsche Aktivitäten zu G7 und G20 eingebunden sowie in die Entwicklung der deutschen Strategie für globale Gesundheit. Sie initiierte @wgh300, eine Liste von führenden Frauen in der globalen Gesundheit. Ilona Kickbusch ist Co-Vorsitzende einer Lancet FT Kommission zu “Governing health futures 2030: growing up in a digital world.” Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.