Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt Arbeitswelt„Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit sind entscheidende Grundlagen allen Wirtschaftens“

Gesundheit und Arbeitsleistung hängen eng miteinander zusammen. Wie können Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit – und hier insbesondere die Prävention und Gesundheitsförderung – weiter verbessert werden? Mit dem Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit e.V. (Basi), Dr. Christian Felten, sprechen wir über Gesundheitsförderung im Homeoffice, den Erwerb von Gesundheitskompetenz und was es mit der „Vision Zero“ bei dem diesjährigen Kongress A+A, dem weltweit führenden Marktplatz für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit, auf sich hat.

In diesem Jahr findet wieder die A+A als größtes Treffen der Akteure des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und weltweit führender Marktplatz für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit statt. Um welche Themen wird es schwerpunktmäßig gehen?

Das Thema Corona-Pandemie wird auf dem A+A Kongress 2021 natürlich einen großen Raum einnehmen. Dabei geht es aber nicht nur um Infektionsschutz und Homeoffice. Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben hat sich als Folge der Corona-Pandemie insgesamt dramatisch verändert – ganze Branchen liegen zur Zeit nieder und es ist nicht abzusehen, wann sie sich wieder erholen. Aber eines ist in der Pandemie ganz deutlich geworden: Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit sind entscheidende Grundlagen allen Wirtschaftens.

Auf dem Kongress werden deshalb strategische Themen prominent zu finden sein: Wie sieht die Arbeit in Zukunft aus, was macht „Gute Arbeit“ aus und wie können wir Sicherheit, Gesundheit und Nachhaltigkeit auch innerhalb weltweiter Lieferketten gewährleisten? Eine wichtige Rolle kann in diesem Zusammenhang der Denkansatz der „Vision Zero“ spielen – einer umfassenden Präventionskultur mit dem erklärten Ziel, tödliche und schwere Arbeitsunfälle sowie Berufskrankheiten gänzlich zu vermeiden.  

In den Fachveranstaltungen wird der Kongress die ganze Breite des Themenspektrums Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit widerspiegeln. Das reicht von Fragen der technischen Sicherheit von Maschinen und Anlagen über die Einbettung des Arbeitsschutzes in betriebliche Managementsysteme, dem sicheren Umgang mit Gefahrstoffen bis zu Fragen der ergonomischen Gestaltung der Arbeit und der Betrieblichen Gesundheitsförderung. Nach wie vor von großer Bedeutung für die Betriebe ist der umfassende und konkrete Blick auf die Arbeitsbedingungen bei der Gefährdungsbeurteilung.


Durch die Pandemie verlagert sich das Arbeiten immer mehr ins Homeoffice. Was empfehlen Sie zur sicherheits- und gesundheitsgerechten Ausgestaltung des Arbeitsplatzes?

Nach der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung hat der Arbeitgeber den Beschäftigten im Fall von Büroarbeit oder vergleichbaren Tätigkeiten anzubieten, diese Tätigkeiten in deren Wohnung auszuführen, wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstehen. Arbeitgebende müssen in diesem Zusammenhang die mit der Tätigkeit im Homeoffice verbundenen Gefährdungen durch eine Gefährdungsbeurteilung ermitteln und entsprechende Maßnahmen treffen: Es darf als Endziel keine unterschiedlichen Standards für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit in Betrieb und Homeoffice, zwischen Großbetrieb und Kleinbetrieb geben.

Es beginnt bei der Schaffung guter Voraussetzungen mit der Beantwortung der Frage: Welche technischen und ergonomischen Bedingungen müssen aufgrund der Gefährdungsbeurteilung zunächst geschaffen werden? Zusätzlich sind insbesondere die psychischen Gefährdungen zu berücksichtigen, die sich bei der Arbeit zu Hause ergeben können. Weiterhin sollten gemeinsam klare Regelungen zu Arbeitszeiten, Arbeitspausen und Erreichbarkeit festgelegt werden. Ausführliche Hinweise zur ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung und Nutzung der Arbeitsmittel geben die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen.

Was ist dabei nach Altersgruppen und auch genderspezifisch zu berücksichtigen?

Es scheint so zu sein, dass die Beschäftigten mit zunehmendem Alter immer besser mit dem Arbeiten im Homeoffice zurechtkommen – oder salopp gesagt: je älter, desto Homeoffice. Laut einer repräsentativen Umfrage vom April 2020 geben rund 67 Prozent der über 50-Jährigen an, gut zu Hause arbeiten zu können. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es nur 30,1 Prozent, die nach eigenen Angaben gut klarkommen. Dieses Ergebnis verwundert, sagt man den Jüngeren doch eine deutlich höhere Affinität zu moderner Kommunikationstechnik nach. Aber offenbar ist der sichere und routinierte Umgang mit der Technik nur ein Faktor für gutes Arbeiten.

Junge Berufsanfänger wie zum Beispiel Auszubildende oder Trainees müssen ja erst noch lernen, was überhaupt zu erledigen ist und mit welcher Priorität.  Erfahrenen Mitarbeitenden fällt es erheblich leichter, eigenständig zu arbeiten – Stichwort Selbstmanagement. Insgesamt hilft Berufserfahrung sehr dabei, allein mit seinen Aufgaben klar zu kommen.

Bei jüngeren Mitarbeitenden sind zudem der Wunsch und die Erfordernisse nach Feedback meist deutlich stärker ausgeprägt. Führungskräfte und hilfsbereite, kompetente Kolleginnen und Kollegen sind weit weg.

Die fehlende Trennung von Berufs- und Privatleben ist laut einer Studie der TU Chemnitz für gut ein Viertel der im Homeoffice Arbeitenden eine Belastung. Vor allem Frauen mit kleinen Kindern erleben dies als sehr anstrengend und stressig, so dass hier die Burnout-Gefahr besonders hoch ist.

Besonders Führungskräfte sind in dieser Situation gefordert, Feedback in Einzelgesprächen oder Chats – wo immer möglich – zu geben und zu organisieren. Und, ganz wichtig: Bei solchen Gesprächen darf es nicht nur um die Arbeitsaufgaben gehen. Auch das persönliche Befinden soll angesprochen werden können, wenn dies gewünscht wird.


In einer für Deutschland repräsentativen Stichprobe wiesen 54 Prozent der Befragten eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz auf. Inwiefern kann das Setting „Arbeit“ durch entsprechende Angebote zu einer Verbesserung der Gesundheitskompetenz beitragen?

Grundsätzlich kann man sagen: Wer im Betrieb auf den Erhalt seiner Gesundheit achtet, wird dies auch eher in seiner Freizeit tun! Das Setting Arbeitswelt kann also erheblich zur Verbesserung der gesamten Gesundheitskompetenz beitragen.

Nun sind wir aber in einer Zeit großer Umbrüche in der Arbeitswelt. Es entstehen neue Arbeitsformen wie Smart Factory, automatisierte Logistik, Co-working Spaces, Homeoffice und Instant Offices – um nur einige zu nennen.

Zeitliche und örtliche Flexibilität wird von den Beschäftigten in immer größerem Umfang erwartet. Gleichzeitig können sie mit den klassischen Instrumenten des Arbeitsschutzes immer schlechter erreicht werden.

In diesen neuen Arbeitsstrukturen müssen die Beschäftigten eine grundlegende Sicherheits- und Gesundheitskompetenz besitzen, um für sich selbst sorgen zu können. Die Fähigkeiten und Möglichkeiten des Einzelnen müssen gestärkt werden, um im Arbeitsalltag im Sinne gesundheitsförderlicher Arbeit zu entscheiden und zu handeln. Dies umfasst die Sensibilisierung, die „Selbstachtsamkeit“, die handlungsorientierte Aktivierung für Fragen der Gesundheit sowie auch die Fähigkeit der Führungskräfte, entsprechend gesundheitsförderlich zu führen.


Gerade kleine und Kleinstunternehmen haben oft nicht die Möglichkeiten, präventive Maßnahmen umzusetzen. Was raten Sie ihnen?

Zunächst vorweg: Kleine und Kleinstunternehmen haben ja nicht per se schlechtere Arbeitsbedingungen.

Gerade im Handwerk ist die überschaubare Größe durchaus auch ein Vorteil. Die Betriebe sind oft flexibel, aus Tradition familiennah und weit anpassungsfähiger als andere. Damit bestehen gute Voraussetzungen, Arbeit gesundheitsgerecht zu organisieren. Andererseits haben sie häufig keine Personalabteilung und oft wenig zeitliche und personelle Ressourcen, um sich aktiv mit ihren Arbeitsprozessen zu beschäftigen und diese gesundheitsförderlich und innovativ zu gestalten. Sie haben schon genug damit zu tun, die Aufgaben des klassischen Arbeitsschutzes zu erfüllen, wie zum Beispiel eine sinnvolle Gefährdungsbeurteilung mit entsprechenden Maßnahmen durchzuführen.

Nicht jede präventive Maßnahme ist zwangsläufig mit großen Investitionen verbunden. Und sie sollte gut gewählt sein! Kleine Unternehmen wissen oft zu wenig über die Möglichkeiten, die zum Beispiel die Träger der Sozialversicherungen ihnen bieten. Dabei können die großen Institutionen wie Krankenkassen, Unfallversicherung, Kammern mit ihren ausgeprägten Beratungsstrukturen helfen.  

Ich rate den Unternehmen, sich an diese Institutionen zu wenden und sich beraten zu lassen. Sie helfen zum Beispiel auch schon bei der systematischen Bedarfserhebung oder auch ganz elementar durch praktische Einkaufsführer zu geprüften Produkten.


In der Arbeitswelt scheinen Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit und Gesundheitsförderung immer noch nicht so richtig zusammengefunden zu haben – trotz der durch das Präventionsgesetz vorgesehenen verbesserten Kooperationsmöglichkeiten. Was könnte helfen, die Situation weiter zu verbessern?

Beide waren in der Vergangenheit wie Schiffe auf See in der Nacht. Zwar waren die Lichter gesetzt, man sah sich aus der Ferne, aber es gab keinen weiteren Austausch und jeder fuhr seinen Kurs weiter. Mit dem Präventionsgesetz ist ein großer Anfangsschritt in Richtung Stärkung der Kooperation gemacht worden. Um im Bild zu bleiben: Man kann jetzt längsseits gehen und den Kurs gemeinsam fortsetzen.

Wir müssen den gegebenen gesetzlichen Rahmen nun weiter ausfüllen und die Institutionen mit ihren jeweiligen Stärken noch mehr in den Dienst der gemeinsamen Sache stellen. Auch wenn viele Akteure in ähnlicher Weise aktiv sind, glaube ich, dass über die Ziele, Methoden, Angebote und berechtigten Interessen der Institutionen immer noch vieles unbekannt ist.

Der Austausch und das „voneinander Lernen“ ist und bleibt der Schlüssel zu einer besseren Kooperation. Das gilt auch in den Betrieben: Hier ist eine weitere Zusammenarbeit zwischen den nach ASiG (Arbeitssicherheitsgesetz)-tätigen Akteuren und denjenigen der innerbetrieblichen Gesundheitsförderung erforderlich.

Um die gegenseitige Akzeptanz zu erhöhen, sollten sich die Akteure auf gemeinsame Kernkonzepte zur Orientierung am tatsächlichen Bedarf und – ganz wichtig – zur Qualitätssicherung der Angebote auf dem Gebiet der Gesundheitsförderung verständigen.

Die öffentliche Aufmerksamkeit für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit und der betrieblichen Gesundheitsförderung kann durch gemeinsame Botschaften und übergreifende kohärente Konzepte zum Nutzen aller Akteure und vor allem aller Beschäftigten in den Betrieben erhöht werden. Das gilt verstärkt für eine Zeit, in der sich die Grenzen des Arbeitens im Betrieb und mobil oder zu Hause langsam auflösen. Dabei sollte nach wie vor klar bleiben, von welcher Seite welche Kernkompetenzen zur Prävention beigesteuert werden.

Die Basi möchte mit dem alle zwei Jahre stattfindenden Kongress der A+A dazu einen attraktiven Rahmen bieten, diese Fragen zu diskutieren. Dabei können ganz sicher gangbare Wege einer weiteren Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen klassischer Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit und der betrieblichen Gesundheitsförderung gefunden werden.


Die Fragen stellten Dr. Beate Grossmann und Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung Schwerpunkt Arbeitswelt & Pflege. Interview mit Prof. Dr. Gudrun Faller und Prof. Dr. Tanja Segmüller, Hochschule für Gesundheit Bochum. 

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies, Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Dr. Christian Felten | Biochemiker; Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit e.V. (Basi). Zuvor leitete er u.a. das Kompetenzfeld „Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren & Vision Zero“ der Berufsgenossenschaft (BG) Verkehr. Dr. Felten ist Vizepräsident im Vorstand des „Besonderen Ausschusses für Prävention“ der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) und der „Internationalen Sektion für Prävention im Transportwesen“.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit e.V. (Basi) – engagiert für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. 86 Organisationen und Einrichtungen arbeiten zusammen, um Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu verbessern. Mit dem A+A Kongress, veranstaltet die Basi eine der wichtigsten Veranstaltungen zu aktuellen Themen rund um Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Deutschland und weltweit. Der A+A Kongress 2021 findet vom 26.-29. Oktober statt.

Prävention und GesundheitsförderungGemeinsam Gesundheit fördern: Der neue BVPG-Vorstand stellt sich vor

Der neue Vorstand der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) wurde am 4. November 2020 auf der Mitgliederversammlung gewählt. Elf Expertinnen und Experten aus der Prävention und Gesundheitsförderung prägen in den kommenden drei Jahren die Arbeit der BVPG – Grund genug, mehr darüber zu berichten: Mit diesem Blogbeitrag stellt sich das Vorstandsteam persönlich vor.

Ute Bertram; Präsidentin (1. Reihe, 1. v. l.), derzeit kommunalpolitisch und ehrenamtlich tätig, davor Mitglied im Deutschen Bundestages (2013-2017), Mitglied im Ausschuss für Gesundheit:

„Die BVPG stellt eine seit über 60 Jahren etablierte und bewährte Plattform dar, von der aus ein wirkungsvoller Beitrag für die Gesundheit unserer Bevölkerung geleistet werden kann. Ich sehe die Ziele meiner Präsidentschaft für die BVPG vorrangig darin, sowohl die Bundesvereinigung als Ratgeberin gegenüber dem Gesetzgeber zu stärken als auch als gesellschaftliche Akteurin Gesundheitsförderung und Prävention in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Wir sind eine Gesellschaft des langen Lebens, zugleich aber auch geprägt von sogenannten „westlichen Zivilisationskrankheiten“. Von daher gilt für mich: Stärkung des Grundsatzes „Prävention vor Rehabilitation vor Pflege“ und Stärkung der Gesundheitskompetenz in den Familien, Kitas und Schulen, denn schon im Kindesalter werden sehr oft die Präferenzen für eine gesunde oder ungesunde Lebensführung entwickelt.“


Oliver Blatt, Vizepräsident (1. Reihe, 2. v. l.), Leiter der Abteilung Gesundheit im Verband der Ersatzkassen e.V. (vdek):

„In meinem beruflichen Kontext setze ich mich dafür ein, dass sich die medizinische, rehabilitative und pflegerische Versorgung der GKV-Versicherten auf hohem Niveau weiterentwickelt. Leistungen zur Prävention und Gesundheitsförderung nehmen dabei einen immer wichtigeren Stellenwert ein.

Es gilt, Prävention in allen Bereichen und bei allen Zielgruppen „mitzudenken“. Besonders bei den vulnerablen Zielgruppen müssen präventive Leistungen besser und früher ankommen. Ich möchte mit meinem Engagement in der sehr gut vernetzten BVPG dazu beitragen, dass alle relevanten Player ihre Verantwortlichkeiten ernst nehmen, besser zusammenarbeiten und dabei vor allem die vulnerablen Zielgruppen stärker in den Fokus nehmen.“


Britta Susen, Vizepräsidentin (1. Reihe, 3. v. l.), Leiterin des Dezernats Versorgung und Bevölkerungsmedizin der Bundesärztekammer (BÄK):

„Die BVPG gibt mir wesentliche Impulse zur Unterstützung von Ärztinnen und Ärzten bei der Implementierung gesundheitsförderlicher und primärpräventiver Maßnahmen in der haus- und fachärztlichen Versorgung und zur interprofessionellen Zusammenarbeit mit Akteuren des Gesundheits- und Sozialbereichs auch außerhalb des SGB V.

Damit können wir gemeinsam einen gesellschaftlichen Beitrag zur Stärkung der Prävention von Erkrankungen und zur Senkung von Behandlungskosten leisten. Zugleich sehe ich in der BVPG eine wertvolle Plattform, um die Bedeutung sowie die Qualität von Prävention und Gesundheitsförderung weiter zu befördern.“


Thomas Altgeld, Schatzmeister (1. Reihe, 4. v.l.), Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. (LVG & AFS):

„Die BVPG kann und soll sich als Sprachrohr für mehr Gesundheit entwickeln und sich verstärkt für „Health in All Policies“ einsetzen – ein Politikverständnis, das es bislang schwer hat in Deutschland, aber die meisten Gesundheitspotenziale heben kann.

Wenn Gesundheit als Querschnittsanforderung an unterschiedliche Sektoren – z.B. Wirtschafts-, Verkehrs-, Landwirtschafts- oder Bildungspolitik – definiert wird und nicht nur teure Versorgung im Krankheitsfall organisiert wird mit einer kleinen Nebenspielwiese Prävention, dann lässt sich gesundheitliche Chancengerechtigkeit herstellen.“


Prof. Dr. Gudrun Faller, Beisitzerin (2. Reihe, 1. v. l.), Professorin für Kommunikation und Intervention im Kontext Gesundheit und Arbeit an der Hochschule für Gesundheit Bochum (hsg Bochum):

„Die BVPG zu erhalten und zu verbessern das Potenzial, sich gemeinsam mit ihren Mitgliedsorganisationen dafür einzusetzen, dass mehr gesundheitliche Chancengleichheit verwirklicht wird und die Kräfte in diesem Sinne gebündelt werden.

Als Gesundheitswissenschaftlerin ist es mir wichtig, diese Belange im Vorstand zu vertreten und die BVPG mit meinem Fachwissen, meinen Forschungserfahrungen und meiner Methodenkompetenz zu unterstützen.“


Dr. Mischa Kläber, Beisitzer (2. Reihe, 2. v. l.), Ressortleiter für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement beim Deutschen Olympischen Sportbund e.V. (DOSB):

„Durch meine langjährige Arbeit im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention sowohl in der Wissenschaft als auch im DOSB ist es zugleich zu meiner ganz persönlichen Mission geworden, Menschen in Bewegung zu bringen und besonders die Strukturvoraussetzungen für Gesundheitsförderung und Prävention zu verbessern.

Folglich ist mir – ganz im Sinne des Präventionsgesetzes – insbesondere an deutlich mehr Kooperation, Koordination und Vernetzung der relevanten Akteure bzw. Organisationen gelegen. Gemeinsam bringen wir Deutschland in Bewegung und sorgen für eine noch bessere Zusammenarbeit in der Gesundheitsförderung und Prävention!.“


Christine Kreider, Beisitzerin (2. Reihe, 3. v. l.), Referentin für Prävention bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS):

„Prävention ist erst dann richtig gut, wenn wir zusammen daran arbeiten und sie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstehen. Die BVPG bietet hierfür eine hervorragende Plattform. Gerade hinsichtlich verhältnispräventiver Bemühungen gibt der Verein den idealen Rahmen, um gemeinsam und somit stärker auftreten zu können.“


Dr. Andrea Lambeck, Beisitzerin (3. Reihe 1. v. l.), Geschäftsführerin BerufsVerband Oecotrophologie e.V. (VDOE):

„Gerne möchte ich den BVPG-Vorstand dabei unterstützen, die Mitglieder und Kooperationspartner aus Praxis, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zielgerichtet und im Sinne des optimalen Ressourceneinsatzes zu vernetzen, nicht nur im Bereich der Ernährung, sondern in allen Handlungsfeldern der Prävention und Gesundheitsförderung.

Hier sehe ich ein großes Potenzial für Synergien, welches ich gerne für die BVPG und ihre Mitglieder nutzen möchte, um letztlich weitere Strukturverbesserungen im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland zu erreichen.“


Sieglinde Ludwig, Beisitzerin (3. Reihe, 2. v. l.), Leiterin der Abteilung Gesundheit und Leiterin des Fachbereichs Gesundheit im Betrieb bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung e.V. (DGUV):

„Mir liegt es am Herzen, Prävention und Gesundheitsförderung gesamtgesellschaftlich voranzubringen, die Qualität der Gesundheitsförderungsmaßnahmen zu sichern sowie eine Kultur der Prävention in den verschiedenen Settings (KiTa‘s, Schulen, Berufsschulen, Hochschulen, Kommunen, Betrieben usw.) auf- bzw. auszubauen.

Es sollte – gerade vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Situation – wieder mehr Miteinander geben. Nur gemeinsam können wir nämlich das Ziel „Health in All Policies“ verwirklichen; und hierzu möchte ich mit der BVPG einen Beitrag leisten.“


Dr. Ute Teichert, Beisitzerin (3. Reihe, 3. v. l.), Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf; Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V. (BVÖGD):

„Prävention und Gesundheitsförderung sind als gesetzliche Aufgaben an kommunalen Gesundheitsämtern verankert. Sie haben direkten Zugang zu verschiedenen Lebenswelten, wie Kindertagestätten und Schulen, aber auch zu medizinischen Einrichtungen. Eine bessere Verzahnung verschiedener Akteure vor Ort erscheint mir sinnvoll.

Dabei spielt die BVPG eine wesentliche Rolle, da sie als bundesweit übergreifende Organisation multiprofessionell und auch sektorenübergreifend aufgestellt ist und damit wichtige Initiativen starten kann.

Durch mehrere Kooperationsveranstaltungen in den letzten Jahren zwischen der BVPG und der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen konnten bereits erste Impulse in diese Richtung gesetzt werden.“


Dr. med. Gabriele Windus, Beisitzerin (3. Reihe, 4. v. l.), Leiterin des Referats Gesundheitsförderung, Humangenetik, Arzneimittel, Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung :

„In die Vorstandsarbeit für die BVPG möchte ich meine Erfahrungen in der Gesundheitsverwaltung bzw. Politikberatung einbringen. Gesundheitsförderung benötigt neben Committment und guten Ideen vor allem verlässliche Kooperationsstrukturen und Netzwerke, damit verbindliche Absprachen auch effizient greifen und für erfolgsversprechende Vorhaben genutzt werden können.“

Primär- und Sekundärprävention gerade der nicht übertragbaren Krankheiten sind mit kurzfristigen Anstrengungen nicht wirksam zu leisten. Dies kommt besonders zum Tragen, wenn aktuelle dramatische Ereignisse wie derzeit die Pandemie viele andere Probleme in den Hintergrund drängen. Gezielte Ansprache der richtigen Adressaten und mit ganzheitlichem Blick vorbereitete politisch tragfähige Vorschläge sind mein persönliches Anliegen.“


Lesen Sie dazu auch:

Weitere Informationen zum BVPG-Vorstandsteam erhalten Sie hier.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies, Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung (BVPG) mit Geschäftsstelle in Bonn wurde 1954 gegründet und ist ein gemeinnütziger, politisch und konfessionell unabhängiger Verband. 132 Organisationen sind zur Zeit Mitglieder der BVPG, darunter vor allem Bundesverbände des Gesundheitswesens (wie z.B. die Bundesärztekammer, die Spitzenverbände der Sozialversicherungsträger sowie Verbände der Heil- und Hilfsberufe), aber auch Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Bildungseinrichtungen und Akademien, die einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich „Prävention und Gesundheitsförderung“ aufweisen. Die BVPG ist „Brückeninstanz“ zwischen den Kooperationspartnern aus Praxis, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik und ab 2016 gemäß § 20e (2) des Präventionsgesetzes mit der Durchführung des Präventionsforums beauftragt.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt COVID-19„Diese COVID-19-Pandemie ist ein Weckruf“

Auch wenn die COVID-19-Pandemie auf den ersten Blick nicht als ein Kernanliegen der Gesundheitsförderung erscheinen mag, so könnte sich Gesundheitsförderung doch als wichtiger denn je erweisen. Worin besteht ihre Funktion? Und welche Rolle nehmen die Akteurinnen und Akteure der Gesundheitsförderung ein? Diese Fragen beantwortet Dr. Rüdiger Krech, Direktor für Gesundheitsförderung bei der Weltgesundheitsorganisation mit Sitz in Genf.

Herr Dr. Krech, können wir schon Lehren aus der COVID-19-Pandemie ziehen?

Diese COVID 19-Pandemie ist ein Weckruf für uns alle und möglicherweise sogar der letzte, den wir bekommen können.

Um einer nächsten Pandemie vorzubeugen, müssen wir in Deutschland, Europa und weltweit drastische, umfängliche Veränderungen vornehmen – und zwar in der Art und Weise, wie wir unsere Gesellschaften gestalten und wie wir Gesundheit in Entscheidungen unterschiedlicher Sektoren einbeziehen.

Wir haben jetzt gesehen: die letzten Epidemien entstanden alle durch Entscheidungen und Vorgänge außerhalb des Gesundheitssektors – angefangen bei der Vogelgrippe über die Schweinegrippe und Ebola bis hin eben jetzt zu SARS-CoV-2. Diese Epidemien hatten alle etwas damit zu tun, wie wir Urbanisierung vorantreiben, wie wir die Distanz zwischen der Tierwelt und uns Menschen immer stärker eingeschränkt haben. Das führt dazu, dass Viren vom Tier auf den Menschen überspringen.

Darüber hinaus gibt es etliche andere Risiken auf der Welt, die zu einer Epidemie oder Pandemie führen können. Wenn wir diese nicht ursächlich in den Griff bekommen, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer nächsten Pandemie, die möglicherweise noch viel schlimmer ist, hoch.


Kommen wir noch einmal auf die Ursachenbekämpfung zurück: Welchen Beitrag kann die Gesundheitsförderung leisten? Wird in der Folge von COVID der Health in All Policies-Ansatz gestärkt? Oder könnte es nicht vielmehr eine rollback-Bewegung geben, die gerade angesichts der Bedeutung von Infektionskrankheiten auf den medizinischen Ansatz der Prävention, z.B. Impfungen, setzt?

Zunächst mal verweisen Sie ja ganz richtigerweise auf die Instrumente, die wir in der Gesundheitsförderung seit Ottawa, also seit fast 35 Jahren, haben, also gesundheitsfördernde Gesamtpolitiken, die wir heute vielleicht „Gesundheit in allen Politikbereichen“ oder aber auch „joined-up government“ nennen, also eine sektorübergreifende Politikgestaltung, die die Bedürfnisse der Menschen einbezieht. Ein solcher Ansatz, der von der Gesundheitsförderung entwickelt worden ist, wurde nun auch von UN-Generalsekretär Antonio Gutterres gefordert und gerade auf der UN-Generalversammlung verabschiedet.

Unsere langjährige Erfahrung in der Gesundheitsförderung, die nun bei der Aufgabe wichtig ist, wie wir unsere Gesellschaften nach der Krise umbilden, zeigt: Es wird auch bei einer sektorübergreifenden Politikgestaltung nicht so sein, als hätten wir in solchen Verfahren oder mit mehr Bürgerbeteiligung keine Interessenskonflikte mehr. Aber die Entscheidungsträger wissen genauer, auf was sie sich einlassen, was die möglichen Konsequenzen ihres Handelns sind; wie man Kompromisse schließen und wertgeleitete „trade-offs“ herbeiführen kann – und das ist so, wie wir in der Gesundheitsförderung seit 35 Jahren mit unseren Partnern arbeiten und zusammen lernen.

Nehmen wir das Beispiel der Eingrenzung und Bekämpfung des Ebola-Virus. Da haben wir festgestellt, dass ohne Bürgerbeteiligung die Akzeptanz von Gesundheitsfachkräften von außen extrem gering war. Also haben wir dort mit den Gesundheitshelfern vor Ort wirklich „klassisches“ Sozialengagement angewendet – und das hat dann dazu geführt, dass die Akzeptanz größer wurde, dass eben zum Beispiel Quarantäne-Maßnahmen umgesetzt werden konnten.

Die Gefahr einer „Rückwärtsrolle“ sehe ich nicht. Denn wir erkennen ja jetzt: Es dauert, ehe ein Impfstoff für die Welt entwickelt und zugänglich gemacht werden kann. Wir sehen gerade, das geht alles nicht im Handumdrehen. Die Entwicklung von Impfstoffen ist eine unglaublich komplizierte Angelegenheit. Die Weltgemeinschaft lernt gerade, dass dieses Virus ohne Einbeziehung der Menschen in die Bekämpfung, ohne gemeindeorientiertes Handeln, ohne Akteursanalysen, ohne Gesundheitskompetenz, also ohne die klassischen Gesundheitsförderungs-Instrumente, nicht einzudämmen ist.


Das sind ja dann auch die Instrumente, die auch in Deutschland anzuwenden wären und greifen müssten…

Ja, genau. Wenn wir uns jetzt anschauen, wie Deutschland nach der Krise aussehen könnte, dann ist es nicht nur wichtig, dass wir Gesundheit sehr viel stärker in den Blick nehmen und Risiken bewerten, die durch ein globalisiertes Handeln in Deutschland auch für mögliche Pandemien existieren, sondern auch genauer darauf achten, wie wir unsere Städte, unser Zusammenleben oder unsere Mobilität gestalten.

Wir sehen auch noch etwas anderes: Wenn wir auf den Planeten besser achten, hat das auch immense positive Auswirkungen auf die Gestaltung unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens.


In welcher Rolle sehen Sie denn dann die Gesundheitsförderer? Sind sie die Treiber dieser gesellschaftlichen Veränderungen?

Es sind ganz konkrete Funktionen, die die Gesundheitsförderung nicht nur in der Pandemie ausübt und auch für die Politikgestaltung hat. Epidemiologen stellen die Daten zur Verfügung und bereiten Quarantänemaßnahmen vor, aber beispielsweise die Akzeptanz dafür herzustellen oder die unterschiedlichen Interessen zusammenzubringen, das sind Aufgaben der Gesundheitsförderung.

Nehmen wir mal die widerstreitenden Vorschläge, die Wirtschaft schnell wieder in Gang zu bringen, oder auch die Mobilität, insbesondere den Flugverkehr, wieder schnell hochzufahren und das mit den möglichen Risiken für eine zweite und dritte COVID-19-Welle abzuwägen. Diese Interessen zusammenzubringen, zu kommunizieren, mit unterschiedlichen Interessensgruppierungen zu interagieren, das sind alles Rollen der Gesundheitsförderung, für die sie geeignete Instrumente entwickelt hat.

Gesundheitskompetenz gehört auch dazu, also dass Menschen gesundheitliche Risiken richtig einzuschätzen wissen und eigenverantwortlich handeln können. Das ist in Deutschland ja bisher mit Hilfe der großen Mehrheit der Bevölkerung herausragend gelungen. Natürlich gibt’s „Ausreißer“, aber wenn ich das mit vielen anderen Ländern vergleiche, haben in Deutschland die Menschen bis jetzt dazu beigetragen, viele Menschenleben zu retten. Das ist ein riesiger Erfolg – für das ganze Land, für dessen Zusammenhalt und die Gesundheit in Deutschland. Ob dies auch so bleibt, wird wieder davon abhängen, ob die Entscheidungsträger die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in ihre Entscheidungen einbeziehen, ob diese Entscheidungen für die Menschen nachvollziehbar sind und ihnen angemessen erscheinen. Um das zu erreichen, brauchen sie wiederum die Instrumente der Gesundheitsförderung.


Die Akteurinnen und Akteure der Gesundheitsförderung leisten also bereits einen spezifischen Beitrag zur Bewältigung der Krise….

Ja genau, das kann man für eine Phase danach in Deutschland, Europa und global wertschätzen: Wir können diesen Instrumentenkasten der Gesundheitsförderung für das Design unserer Gesellschaften nochmals neu anbieten.


Und dieser Instrumentenkasten umfasst, was wir schon aus der Ottawa Charta kennen?

Exakt, wir müssen das jetzt natürlich übertragen, und zwar nicht nur sprachlich von der Ausdrucksweise der 80er Jahre auf heute, sondern vor allem im Hinblick auf die gewaltigen Umwandlungsprozesse, in denen wir uns im Moment schon befinden und die noch auf uns zukommen.


A propos Transitionsprozesse: Die Digitalisierung gehört untrennbar dazu bzw. löst diese aus und verstärkt sie. Welche Auswirkungen hat das denn auf die Gesundheitsförderung?

Wenn man sich anschaut, wie Zukunftsforscher und Makroökonomen Veränderungsprozesse deuten, dann sagen viele, dass ein Innovationszyklus, also der Zeitraum, um eine gesamte neue Technologie zu entwickeln, in den 90er Jahren noch 20 Jahre betrug, derzeit fünf und demnächst nur drei Jahre. Wir leben in einer immer schneller werdenden Zeit des technischen Wandels. Insofern werden wir zukünftig viele Veränderungen erleben, die unser Alltagsleben vollständig verändern.

Denken Sie nur mal, wie unser Alltagsleben vor dem Smartphone aussah – und das sind gerade etwas über zehn Jahre her. Versetzen wir uns jetzt mal in die Zukunft, 20 Jahre weiter. Was heißt das für uns, wenn die Innovationszyklen immer schneller werden? Dann brauchen wir eine erhöhte Adaptationsfähigkeit, so dass wir uns mit gutem Mut auf diesen Wandel einlassen können.

Aber bedenken wir auch: Nicht jeder Wandel ist auch gesundheitsförderlich. Die Frage ist: Wie bringen wir da Gesundheit mit hinein? Welchen Wandel lassen wir zu? Welchen sollten wir besser nicht zulassen? Das ist aus unserer Sicht derjenige, der uns nicht mehr Gesundheit und Wohlbefinden ermöglicht und nicht mit dem Wohl und den Heilungschancen unseres Planeten im Einklang ist.

Das heißt für unseren Instrumentenkasten, dass wir ihn anpassen müssen. Wir brauchen zum Beispiel bessere Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen, und zwar nicht nur welche, bei denen wir ex post Effekte nachvollziehen, sondern Verträglichkeitsprüfungen, die die möglichen gesundheitlichen Effekte für solche Technologien begutachten oder bewerten, die technisch möglich wären oder jetzt im Moment in der Entwicklung sind.

Dann braucht es dafür natürlich auch stärkere Mechanismen der Regierungsführung, die gesundheitsförderliche Entwicklungen befürworten.


Was erneut bedeutet, die gesündere Wahl zur leichteren Wahl zu machen…

Ja, ganz genau, darauf kommen wir immer wieder zurück. Das ist so aktuell wie nie zuvor.


D.h. Instrumentenkasten an Transformationsprozesse anpassen, ohne dass wir unsere Werte und das humanistische Ideal oder besser: Erbe aufgeben?

Ja, auch da wieder, so wie zuvor: Wir sind wirklich an einem Scheideweg. Wenn wir es nicht schaffen, Chancengleichheit herzustellen, wenn immer mehr Menschen aus diesen Transitionsprozessen herausfallen, nicht teilhaben können und wir nicht die Solidarität in unseren Gesellschaften stärken, dann werden immer mehr Menschen extreme Verhaltensweisen zeigen.

Das beobachten wir ja im Moment in solchen Ländern, die eben nicht auf Chancengleichheit setzen. Eine solche Gesundheitskrise wie COVID-19 ist ein Lackmustest, der zeigt, wo Schwächen in den Gesellschaften sind. Wenn Sie sich die Infiziertenzahlen angucken, ist das die Rechnung, die man dafür bekommt. Das zeigt auch wieder, dass Menschenrechte, Chancengleichheit, universeller Zugang zu Gesundheits- und Sozialleistungen und Bildung und Förderung von Gendergleichheit entscheidend sind.

Das sind keine abstrakten politischen Forderungen, sondern diese Werte müssen Eckpfeiler eben dieses Handelns sein. Wenn man Politik nicht auf diesen Pfeilern aufbaut, sieht man nun allzu deutlich, welche Auswirkungen es hat.

Insofern ist Gesundheit „Seismograph für Entwicklung“ und so wichtig wie nie zuvor. Das hat Deutschland sehr, sehr gut verstanden – und nicht nur in der Krise.

Schauen Sie sich an, welches Land das Thema „Gesundheit“ in die G7- und G20-Agenden aufgenommen hat und wie das bei den Vereinten Nationen gelaufen ist. Da kommt Deutschland eine Führungsposition zu. Dem haben sich zum Glück viele andere Länder angeschlossen, um Globalisierung auf diesem Wertekanon, den wir gerade angesprochen haben, aufzubauen. Das ist doch der Weg, den Deutsche und Europäer weiter gehen sollten.


Die Fragen stellte Dr. Beate Grossmann, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies, Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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Dr. Rüdiger Krech | Seit 2019 Abteilungsleiter für Gesundheitsförderung bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf. Dr. Krech leitet die Arbeit der WHO zu Risikofaktoren wie Tabakkonsum und schädlichen Konsum von Alkohol und verantwortet die Arbeit zu gesundheitsförderlichen Settings sowie Programme zu mehr Bewegung. Zuvor Direktor für Gesundheitssysteme und allgemeine Gesundheitsversorgung (Universal Health Coverage) und Direktor für Soziale Determinanten von Gesundheit und Chancengleichheit bei der WHO; Erziehungs- und Gesundheitswissenschaftler.

Interview zum Weltgesundheitstag 2020 „Wir vergeuden vielfach das Potenzial der Pflegefachpersonen“

Im Mai 2019 beschloss die World Health Assembly, das Jahr 2020 als weltweites Jahr der Pflegekräfte und Hebammen, dem „International Year of the Nurses and the Midwives“ auszurufen, und auch den Weltgesundheitstag am 7. April, Gründungstag der Weltgesundheitsorganisation (WHO), diesen beiden Gesundheitsberufen zu widmen. Zu der ohnehin schon angespannten Situation in der Pflege ist durch die COVID-19-Pandemie eine neue, immense Herausforderung hinzugekommen.

Im Interview zum Weltgesundheitstag 2020: Dr. h.c. Franz Wagner, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe e.V. (DBfK), und Präsident des Deutschen Pflegerates e.V. (DPR).

Welches sind Ihre drei wichtigsten Botschaften für Deutschland am diesjährigen Weltgesundheitstag?

Das Motto des diesjährigen Weltgesundheitstages ist „Unterstützt Pflegefachpersonen und Hebammen“. Damit soll der Beitrag dieser beiden Berufsgruppen zur Gesundheit und Lebensqualität unterstrichen werden. Gerade aktuell werden insbesondere die Pflegeberufe zu den „systemkritischen“ Berufen gezählt. Ich würde mir wünschen, dass das nicht nur bei einer Pandemie so eingeschätzt wird.

Für Deutschland bedeutet das Motto des Weltgesundheitstages 2020 Folgendes:

Unterstützt die Pflegefachpersonen und die Hebammen, indem ihr
1. ihre Kompetenzen sich uneingeschränkt entfalten lasst,
2. ihnen gute Arbeitsbedingungen gebt, sie entsprechend auch materiell honoriert und
3. sie gut ausgebildet – und zwar an Hochschulen.


Wo sind wir in Deutschland auf einem guten Weg? 

Das Bild hierzu ist gemischt. Bei den Hebammen ist es aus meiner Sicht in einigen Bereichen besser als in der Pflege. Für Hebammen wird – in Umsetzung der Berufsanerkennungsrichtlinie der EU – die Ausbildung komplett an Hochschulen verlagert. Die Gesetzgebung dazu ist gut gelungen – und es gab auch nicht genügend Opposition, um diese Entwicklung aufzuhalten. Ganz anders bei den Pflegefachpersonen. Dazu herrscht in vielen Köpfen ein noch völlig undifferenziertes Bild vor von Pflege als freundliche Unterstützung vor allem bei den Alltagsaktivitäten wie Körperpflege oder eine Tätigkeit auf der Basis ärztlicher Anweisungen. Warum dazu ein Studium erforderlich sein soll, erschließt sich vielen Entscheidungsträgern nicht. Und dazu kommt noch die riesige Zahl von Menschen, die in einem Pflegeberuf arbeiten. Jegliche Veränderung multipliziert sich vielfach und sorgt dann für Kosten, die man nicht zu tragen bereit ist.

Dass es in der Pflege durchaus unterschiedliche Qualifikationsniveaus gibt und noch mehr geben muss, wird verkannt. So wird „pflegen kann doch jeder“ zum politisch nicht korrekten, aber doch verbreiteten Meinungsbild. Es reflektiert auch die stereotype Geringschätzung gegenüber einem klassischen Frauenberuf.

Wir vergeuden vielfach das Potenzial der Pflegefachpersonen in Deutschland. Pflegefachpersonen können viel mehr als unser System ihnen zutraut und erlaubt. Bürokratische und regulatorische Hürden schränken den Nutzen pflegerischer Fachkompetenzen für Patientinnen und Patienten, Pflegebedürftige, aber auch gesunde Menschen ein.

Zudem werden Pflegende werden nicht wertgeschätzt, wenn es um ihre Arbeitsbedingungen geht. Das beginnt bei der Organisation pflegerischer Arbeit: Zum Beispiel sind Dienstpläne oft nicht zuverlässig, und endet bei der unterdurchschnittlichen Vergütung, die in keiner Weise den Anforderungen entspricht.


Was können wir in Deutschland von anderen Ländern in puncto Anerkennung und Wertschätzung dieser beiden Gesundheitsberufe lernen?

Andere Länder – wie zum Beispiel unsere Nachbarn im Norden oder die Niederlande – sind viel besser darin, Pflegefachpersonen in der Gesundheitsversorgung einzusetzen. Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“ ist dort selbstverständlich. Damit ist gemeint, dass die pflegerische Perspektive gleichwertig neben der medizinischen, psychologischen oder sozialarbeiterischen Perspektive steht und berücksichtigt wird. Pflegefachpersonen können dort viel autonomer in ihrem Kompetenzbereich arbeiten und teilen sich Kompetenzen und Zuständigkeiten mit anderen situativ. Dort erfolgt die Qualifizierung seit vielen Jahren über ein Studium, was die Zusammenarbeit der Gesundheitsprofessionen deutlich verbessert.

Zudem werden den Pflegefachpersonen Arbeitsbedingungen geboten, die ihnen Raum für den Einsatz ihrer Kompetenzen geben – was zugleich die Berufszufriedenheit fördert. Auch das Ansehen ist anders als bei uns. Bei uns gelten Pflegefachpersonen als besonders vertrauenswürdig. Da belegen wir seit vielen Jahren einen Spitzenplatz unter den Top 3. Aber in anderen Ländern werden Pflegefachpersonen auch als hochspezialisierte Expertinnen und Experten gesehen.


Welche Bedeutung haben „Prävention und Gesundheitsförderung“ bei diesen beiden Gesundheitsberufen?

Gerade bei diesen beiden Berufsgruppen liegt ein großes Potenzial für Prävention und Gesundheitsförderung. Denn sie kommen dem Alltagsleben der betreuten Menschen sehr nahe und erhalten dadurch Einblicke in das tägliche Verhalten und können dabei Risiken, aber auch Potenziale für gesundheitsförderndes Verhalten identifizieren und entsprechende Angebote machen.  

Aber auch die Hebammen und die Pflegefachpersonen selbst sind wichtige Adressaten für Gesundheitsförderung und Prävention. Denn gerade in der Pflege gibt es ein überdurchschnittlich hohes Auftreten von berufsbedingten Gesundheitsstörungen und Erkrankungen. Das Bewusstsein für eigenes gesundheitsbewusstes Verhalten zu fördern, muss schon in der Ausbildung beginnen und sich am Arbeitsplatz fortsetzen.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Auf dem 9. gemeinsamen Präventionskongress des Bundesministeriums für Gesundheit und der BVPG „Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege“ hat Dr. h.c. Franz Wagner zum Thema „Prävention und Gesundheitsförderung in Pflegeeinrichtungen aus der Sicht der Pflegeberufe“ referiert.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege – Interview mit Prof. Dr. Corinna Petersen-Ewert, Professorin für Gesundheits- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.

Betriebliche Gesundheitsförderung in der Pflege – Interview mit Prof. Dr. Gudrun Faller, Professorin für Kommunikation und Intervention im Kontext von Gesundheit und Arbeit und Prof. Dr. Tanja Segmüller, Professorin für Alterswissenschaft; beide Hochschule für Gesundheit – hsg Bochum.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege erfahren Sie hier.

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Dr. h.c. Franz Wagner | Bundesgeschäftsführer des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe e.V. (DBfK); Präsident des Deutschen Pflegerates e.V. (DPR); langjährige Erfahrung in nationalen und internationalen Gremien zu Gesundheit und Pflege Arbeitsschwerpunkte: Pflegepolitik, Pflegebildung, Internationale Aspekte von Pflege und Gesundheit; Pflegefachmann.  

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe e.V. (DBfK) ist die berufliche Interessenvertretung der Gesundheits- und Krankenpflege, der Altenpflege und der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege. Der DBfK ist deutsches Mitglied im International Council of Nurses (ICN) und Gründungsmitglied des Deutschen Pflegerates (DPR).

Der Deutsche Pflegerat e.V. (DPR) wurde 1998 gegründet, um die Positionen der Pflegeorganisationen einheitlich darzustellen und deren politische Arbeit zu koordinieren. Als Bundesarbeitsgemeinschaft des Pflege- und Hebammenwesens und Partner der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen vertritt der Zusammenschluss aus 15 Verbänden heute die Interessen von insgesamt 1,2 Millionen Beschäftigten der Pflege.

Interview: Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Bewegung und Bewegungsförderung„Bewegungsförderung ist in Deutschland dringend notwendig“

Welche Evidenz und welche Rahmenbedingungen bestehen zur Implementierung von Bewegung und Bewegungsförderung und wie sieht die Um­setzung von Bewegungsförderung in der Praxis aus? Wo besteht Entwicklungsbedarf? Diesen Fragen widmete sich die BVPGStatuskonferenz „Bewegung und Bewegungsförderung“, die Anfang März 2020 in Kooperation mit dem Deutschen Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie e.V. (DVGS) und dem Deutschen Olympischen Sportbund e.V. (DOSB) stattgefunden hat. Unsere Interviewpartner sind Angelika Baldus, hauptamtlicher Vorstand des DVGS, und Dr. Mischa Kläber, Ressortleiter für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement beim DOSB.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Errungenschaften der letzten Jahre für die Bewegungsförderung? Welchen Beitrag leistet der DVGS bzw. DOSB?

Angelika Baldus: Für mich sind es vor allem zwei Dinge, die ich hier hervorheben möchte: zum Einen die auf Basis der hervorragenden Evidenz für körperliche Aktivität, Bewegung und Bewegungsförderung entwickelten Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung. Und zum Zweiten die strukturierte Identifikation der Akteurinnen und Akteure, Berufsgruppen und Multiplikatoren, die für die Bewegung und Bewegungsförderung in Deutschland relevant sind. Der DVGS leistet an dieser Stelle in Kooperation mit der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) und seinen 30 kooperierenden Hochschulen eine wesentliche Arbeit zur Wissenschaftsbegründung und hat mit der SAMBA-Analyse in Kooperation mit den Universitäten Karlsruhe und Heidelberg eine Basis zum Wissenstransfer in die Anwenderorientierung gelegt. 

SAMBA steht für eine „systematische Erfassung relevanter Akteurinnen und Akteure, Berufsgruppen sowie künftiger Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in der Bewegungsförderung zur Analyse und Entwicklung eines interdisziplinären Netzwerks zur nachhaltigen Bewegungsförderung“. Mit SAMBA wurden die bereits vorhandenen Strukturen analysiert und ein interdisziplinäres Netzwerks zur nachhaltigen Bewegungsförderung aufgebaut. Wir als DVGS erstellen Konzepte für biopsychosozial ausgerichtete Bewegungsangebote, die epidemiologisch fundiert und evidenzbasiert sind. Die darauf aufbauenden Maßnahmen werden dann in Kooperation mit den sport-und bewegungswissenschaftlichen Instituten und den rund 3.000 natürlichen und juristischen DVGS Mitgliedern bundesweit flächendeckend umgesetzt und evaluiert.

Mischa Kläber: Die Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung sind in der Tat eine Errungenschaft für die Bewegungsförderung in Deutschland. Sie verweisen u.a. auf das große Potenzial des Sports und bezeichnen die Sportvereine unter den Zielgruppen „Kinder & Jugendliche“, „Erwachsene“ und „Ältere Menschen“ als wichtige Kooperationspartner. Auch die genannte SAMBA-Studie belegt die Schlüsselrolle der Sportverbände. Neben den Bewegungsempfehlungen und den Erkenntnissen aus der SAMBA-Studie und der u.a. damit einhergehenden Evidenzgrundlage hat nicht zuletzt auch das 2015 in Kraft getretene Präventionsgesetz viel Dynamik in die Handlungsfelder der Gesundheitsförderung und Prävention gebracht. Davon profitieren natürlich auch die Bewegungsförderung und der gemeinnützige Sport: Sportvereine und der DOSB werden im Präventionsgesetz genannt. Im Begründungsteil wird auf unser Qualitätssiegel SPORT PRO GESUNDHEIT und das Rezept für Bewegung von DOSB und Bundesärztekammer verwiesen.

Die Bundesrahmenempfehlungen der Nationalen Präventionskonferenz (NPK) geben eine gute Orientierung für Umsetzungsmaßnahmen: Sportvereine werden als wichtige Partner herausgestellt. Länder und Kommunen haben die Vereine beim Ausbau von Bewegungsangeboten zu unterstützen. Auch die Sport- und Gesundheitsministerkonferenz (SMK/GMK) haben sich mit Bewegungsförderung auseinandergesetzt; hier sei auf die SMK/GMK-Beschlussfassung „Unterstützung gesundheitsfördernder körperlicher Aktivitäten“ verwiesen. Der gemeinnützige Sport ist integraler Bestandteil – und SPORT PRO GESUNDHEIT wird explizit als zu unterstützendes Instrument benannt. Alle entsprechenden Prozesse wurden vom DOSB fachlich begleitet und unterstützt.

Welcher Erfolg konnte denn insbesondere für vulnerable Zielgruppen erreicht werden?

Mischa Kläber: Man merkt, dass auch die Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) die Notwendigkeit einer intensiveren Befassung mit vulnerablen Zielgruppen verinnerlicht haben. Das zeigt sich auch an den Schwerpunktsetzungen des GKV-Bündnisses Gesundheit.

Angelika Baldus: Vulnerable Gruppen sind als wichtige Zielgruppe erkannt worden und sind u.a. durch das 2015 verabschiedete Präventionsgesetz und den in dessen Rahmen von den Kostenträgern verabschiedeten Bundesrahmenempfehlung endlich in den Fokus gerückt worden.

Aber lassen Sie mich an der Stelle hinzufügen: Bewegung hat trotz der eindeutigeren Evidenzgrundlage gegenüber der Ernährung einen geringeren politischen Stellenwert.


Woran liegt das?

Angelika Baldus: Dies liegt meines Erachtens daran, dass der „Sport“ im Bundesinnenministerium zwar eine eindeutige ministerielle Zuordnung hat, die Volkskrankheit „körperliche Inaktivität“ bzw. die „Bewegung und Bewegungsförderung“ aber in keinem Ministerium verankert ist. Für den Bereich Ernährung gibt es das Bundeszentrum für Ernährung, das zur Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gehört und die Arbeit des Bundesministeriums für Ernährung unterstützt. Eine vergleichbare Institution gibt es für die Bewegung bisher nicht. Erfreulicherweise hat sich die Arbeitsgruppe „Bewegungsförderung im Alltag“ im Bundesministerium für Gesundheit (BMG) verorten können, was unter anderem auch zu den beiden eben genannten Errungenschaften führte. Aber die politische Unterstützung für die Bewegung fehlt in dem Maße, wie sie für die Ernährung gewährleistet ist.


Mischa Kläber: Ich kann Frau Baldus nur zustimmen: Bewegungsförderung hat keine ministeriale Heimat wie etwa Ernährung. Es gibt für Bewegung und gesundheitsorientierten Sport keine/n unmittelbar zuständige/n Minister/in. Auch bei IN FORM – Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung – lässt sich ein Schiefstand zuungunsten des Bewegungsthemas feststellen. Lediglich das BMG und hier die IN FORM-AG „Bewegungsförderung im Alltag“, unter der langjährigen Leitung von Frau Dr. Ute Winkler, setzt sich seit Jahren für das Bewegungsthema auf der Bundesebene ein. Daher gilt Frau Winkler auch unser besonderer Dank!


Und wo sehen Sie Entwicklungsbedarf?

Mischa Kläber: Ein nationales Gesundheitsziel „Bewegungsmangel reduzieren“ würde aus Sicht des DOSB einen ersten richtigen und wichtigen Schritt darstellen, um bezüglich der dringend notwendigen Bewegungsförderung in Deutschland zu mehr Verbindlichkeit zu kommen.

Angelika Baldus: Dem kann ich zustimmen: Es gibt genügend Evidenz, um Bewegung und Bewegungsförderung als ein eigenes Gesundheitsziel zu begründen. Eine weitere Forderung ist sicherlich ein beim BMG angesiedeltes „Bundeszentrum für Bewegung und Bewegungsförderung“. Ein solches Zentrum müsste, um erfolgreich arbeiten zu können, paritätisch aus Wissenschaft und Anwenderorientierung besetzt sein sowie mit Akteurinnen und Akteure, die in der SAMBA-Analyse identifiziert und benannt wurden. 


Wie bewerten Sie denn die Entwicklung der E-Health-Angebote zur Bewegungsförderung?

Angelika Baldus: Digitale Medien und telemedizinische Verfahren können „echte“ Bewegungsangebote im biopsychosozialen Kontext ergänzen – aber nicht ersetzen. So können im Sinne der „Bewegungsbezogenen Gesundheitskompetenz“ Bewegungs-, Steuerungs- und Selbstregulationskompetenzen hervorragend durch digitale Medien begleitet werden wie zum Beispiel Messenger, Apps, Snack Contents, Sprechstunden, Onlineprogramme. Sie alle sollten aber durch Expertinnen und Experten oder ausgebildete Fachkräfte begleitet werden, um die Qualität der Anwendung zu sichern.

Mischa Kläber: Das kann eine gute Ergänzung sein, geht aber – wie alles im Leben – sicherlich auch mit Beschränkungen und Risiken einher. Der DOSB hat daher dazu eine Unterarbeitsgruppe „Online“ eingesetzt, die sich dezidiert mit dieser Thematik beschäftigt.


Welchen positiven Effekt erhoffen Sie sich aus dem 2019 eingerichteten Förderschwerpunkt des BMG „Bewegung und Bewegungsförderung“?

Angelika Baldus: Wir erhoffen uns eine evidenzbasierte und evaluierte Modulsammlung zur biopsychosozial orientierten „bewegungsbezogenen Gesundheitskompetenz“. Diese Modulsammlung soll dann als Basis dienen für die Konzeption, Realisation und Evaluation von bewegungsbezogenen Versorgungsketten unter Einbezug von Lebensphasen und Lebenswelten. Es wäre schön, wenn die Einzelprojekte miteinander vernetzt würden als Versorgungsketten für die Prävention und Gesundheitsförderung und daraus nicht wieder eine „Projektitis“ entstünde. Der DVGS ist im Beirat des BMG-Förderschwerpunktes und wird sich dafür einsetzen, die Ergebnisse der Einzelprojekte in einen Gesamtbaukasten zu überführen.

Mischa Kläber: Auch der DOSB ist in den Projektbeirat des BMG berufen worden. Für uns ist angesichts des Ausschreibungsschwerpunkts „Implementierungsforschung“ ausschlaggebend, was nun von der klaren empirischen Evidenz auch wirklich für die Praxis nutzbar gemacht wird. Es muss also um den Praxistransfer gehen. Wir haben eine Studie nach der anderen und zugleich einen drastisch zunehmenden Umsetzungsstau; es müssen nun endlich die vorhandenen PS aus den unterschiedlichsten Bereichen koordiniert und im Hinblick auf möglichst viele Synergien auf die Straße gebracht werden. Alle schönen Studien dieser Welt bringen nichts, wenn die produzierten Erkenntnisse nicht in der Praxis umsetzbar sind. Hier zu nennen sind u.a. die Stichworte „Nachhaltigkeit“ und „Verstetigung“.

Warum haben sich zwei Mitgliederorganisationen der BVPG gemeinsam für eine Statuskonferenz BVPG engagiert?

Angelika Baldus: DVGS und DOSB bilden die in SAMBA identifizierten wichtigen Schlüsselakteurinnen und -akteure für Bewegung und Bewegungsförderung. Beide Kooperationspartner möchten ein Signal für Interaktion und Vernetzung setzen – trotz Wettbewerb. Die Kooperation von Wissenschaft und Anwenderorientierung ist bei beiden Partnern besonders sinnvoll. Wir wollten zeigen, wie aktiv und engagiert Mitglieder der BVPG Themen in der BVPG voranbringen können. Besonders schön wäre, wenn mit solchen Aktivitäten auch politische Botschaften verknüpft werden könnten. Das würde vielleicht auch andere Mitglieder der BVPG ermutigen, aktiver zu werden. 

Mischa Kläber: Das hat Frau Baldus so schön formuliert, dass es von meiner Seite aus nichts hinzuzufügen gibt. Lediglich noch eines: vielen herzlichen Dank an den DVGS und die BVPG für die sehr gute Zusammenarbeit!


Die Fragen stellten Inke Ruhe und Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Weitere Informationen zur BVPG-Statuskonferenz „Bewegung und Bewegungsförderung“ erhalten Sie hier.

Mehr zur Prävention von nichtübertragbaren, chronischen Krankheiten erfahren Sie hier.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit. Interview mit Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik Deutscher Caritasverband, Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik Diakonie Deutschland und Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband.

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Angelika Baldus  | Seit 2018 Hauptamtlicher Vorstand des Deutschen Verbands für Gesundheitssport und Sporttherapie e.V. (DVGS), seit 1990 Geschäftsführerin des DVGS; Studium Lehramt mit 1. und 2.  Staatsexamen für Sport und Geschichte Sek. I und II; Qualitätsauditorin TÜV.

Der Deutsche Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie e.V. (DVGS); für die Förderung der öffentlichen Gesundheit durch Bewegung. Als Fachverband qualifiziert er Bewegungsfachkräfte und vertritt deren Interessen in Öffentlichkeit und Politik. Er fördert die Wissenschaft und sorgt für die Umsetzung der Ergebnisse in der Praxis, indem er qualitätsgesicherte Bewegungsprogramme konzipiert und diese den Akteuren im Gesundheitssystem zur Verfügung stellt.

Dr. Mischa Kläber | Seit 2012 Ressortleiter für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Zudem ist er Lehrbeauftragter für Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft der TU Darmstadt und für das Themenfeld Bewegung und Gesundheit an der FAU Erlangen-Nürnberg. Zuvor war er von 2009 bis 2012 Wissenschaftlicher Assistent (Habilitand) an der TU Darmstadt und von 2006 bis 2009 Promotions­stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes. 2009 erfolgte die Promotion in der Sportwissenschaft.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit Sitz in Frankfurt am Main ist ein eingetragener Verein (e.V.) und die größte Personenvereinigung Deutschlands. Mit seinen 100 Mitgliedsorganisationen, in denen über 27 Millionen Mitglieder in mehr als 90.000 Sportvereinen organisiert sind, ist der DOSB der größte Bewegungsanbieter in Deutschland und versteht sich zugleich als „Anwalt für Bewegung“. Daher bringt sich der DOSB seit Jahrzehnten in entsprechenden Netzwerken und Bundesgremien ein.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt mHealth„Ethik von mHealth ist mehr als die Diskussion von Daten und Datenschutz“

Immer Regelmäßig werden ethische Bedenken hinsichtlich mHealth geäußert – insbesondere mit Blick auf den Datenschutz, die Intransparenz und den möglichen Bias der Algorithmen. Eine kritisch reflektierende Betrachtung von mHealth stößt jedoch darüber hinaus auf weitere Fragen, die mit der Vulnerabilität der Nutzenden zusammenhängt.  Unsere Interviewpartnerin zum Thema Ethik von mHealth ist Dr. Verina Wild, stellvertretende Direktorin am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Leiterin der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsgruppe „META“ zu ethischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Aspekten mobiler Gesundheitstechnologien. Auf der 18. BVPG-Statuskonferenz „Digitalisierung und Gesundheitsförderung: Schwerpunkt mHealth“ hat sie zum Thema „mHealth: Refexion des digitalen Wandels“ referiert.

Für mHealth-Angebote gibt es derzeit kein einheitliches Gesetz. Wo liegt das Problem?

Zunächst einmal möchte ich auf die neue Digitale-Gesundheitsanwendungen-Verordnung (DiGAV) hinweisen, die derzeit als Referentenentwurf vom Bundesministerium für Gesundheit vorliegt. Hier werden die Technologien reguliert, deren Kosten in Zukunft durch das ebenfalls neue Digitale Versorgung-Gesetz (DGV) rückerstattet werden können. Es tut sich also einiges im gesetzlichen Bereich. 

Aber Sie haben Recht, es ist nicht so einfach. Zu Beginn unseres BMBF-geförderten Forschungsprojektes „META“ (mHealth: Ethische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte im technologischen Zeitalter) baten wir eine angehende Juristin, für uns die Gesetzeslage zu mHealth zusammenzustellen. Das war sehr anspruchsvoll, da mHealth-Angebote viele verschiedene juristische Bereiche betreffen. Das erstreckt sich von Haftungs- und Patentfragen über IT-Recht bis hin zu Regelung von Prävention, Medizin, Medizinprodukten und biomedizinischer Forschung. Wenn man an Datenmissbrauch und an bestimmte Formen von Hacking denkt, wird auch das Strafrecht relevant. Es sind also verschiedene Rechtsgebiete betroffen, das erschwert die Regulierung von mHealth-Angeboten. 

Bei dem Nachdenken über Gesetze ergeben sich außerdem definitorische Schwierigkeiten: Wie grenzt man zum Beispiel Wellness- und Lifestyle- von Medizinprodukten ab? Eine der zentralen Fragen dahinter ist: Was ist denn Gesundheit, was ist Krankheit? Eigentlich bräuchten wir die Klärung dieser Fragen, um bestimmen zu können, welches mHealth Angebot für welches Ziel steht und wie es jeweils reguliert werden sollte. Aber wir haben in unserer Forschung festgestellt, dass die verschiedenen Anwendungsbereiche (z.B. Wellness, Prävention, Gesundheitsförderung, Krankheitsmanagement) sowohl praktisch als auch theoretisch schwierig voneinander abgrenzbar sind.

Ein zusätzliches Problem ist der geographische Fokus: Ist es überhaupt möglich, etwas national zu regulieren, was nicht auf Deutschland begrenzbar ist? Schließlich sind ja die mHealth-Angebote, die Entwickler, die Anbieterplattformen, die weiterführenden Interessengruppen aus dem Bereich Social Media oder Marketing häufig international aufgestellt. Nutzende laden sich Apps aus aller Welt herunter und vernetzen sich auf Social Media völlig selbstverständlich unabhängig geographischer Grenzen. 

Weitere Herausforderungen liegen unter anderem in der Schnelligkeit und Dynamik der Entwicklungszyklen und in der Adaptierbarkeit, die mHealth ja gerade so attraktiv machen. Wollen wir beispielsweise Qualitätsstandards festlegen – was wir ja derzeit vielerorts versuchen zu tun – müssen wir diese Dynamik mitberücksichtigen. Es ist aber noch nicht klar, wie. Wie gehen wir mit Apps um, die anhand bestimmter Qualitätsstandards zertifiziert wurden, an denen aber regelmäßig Softwareupdates vorgenommen werden?


Gesundheitsethiker sehen neben dem Datenschutz auch den Umgang mit den Unmengen an erhobenen Daten kritisch. Welche Probleme gibt es aus Ihrer Sicht in diesem Bereich?

Es wäre gut, wenn die „Unmengen an Daten“ einen Sinn und Nutzen für die Allgemeinheit haben könnten, wenn ihre Auswertung zum Beispiel zu epidemiologischem Erkenntnisgewinn führen würde oder zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung oder auch zur besseren Erhebung und Evaluation von Nebenwirkungen von Medikamenten, usw. Allerdings ist es nicht klar, wie der Zugang zu diesen Daten und ihre sinnvolle vernetzte Analyse organisiert werden könnte. Die Daten sind kompartimentalisiert, das heißt, Teile der „Unmengen an Daten“ gehören einem, Teile einem anderen. Sie sind nicht frei verfügbar. Wenn wir uns vorstellen, dass die Daten in einem open access-Verfahren z.B. für Forschende und Gesundheitsorganisationen zugänglich sein sollen, dann müssten die einzelnen Anbieter, die sie sammeln, sie auch bereitstellen. Die Daten sind aber ihr höchstes Gut. Jemand, der mit Daten Profit macht, ist vielleicht nicht so einfach bereit, sie zur Verfügung zu stellen. 

Als eine weitere Möglichkeit zur Nutzung von Daten wird die Datenspende diskutiert. Hier soll also jemand, dessen Daten erhoben werden, sie für einen allgemein sinnvollen Zweck (wie epidemiologische Forschung) zur Verfügung stellen. Auch hier ist es nicht klar, ob und wie eine solche Spende ethisch einzuschätzen ist – vorausgesetzt, es besteht Interesse daran, sie umzusetzen und sie ist technisch und juristisch möglich. Kann man die Menge und Art der erhobenen Daten einschätzen, wenn man kein Experte für Datenanalyse ist? Eigentlich müsste man als Datenspender ja verstehen, welche Daten wie erhoben werden und was mit ihnen gemacht wird. Das ist einerseits so komplex, dass wir hier wahrscheinlich noch viel mehr Aufklärung und Bildung brauchen. Andererseits ist heute teilweise noch gar nicht bekannt, was in Zukunft mit Daten und Vernetzung von Datensätzen überhaupt möglich sein wird und ob Anonymität langfristig gewährleistet sein kann – viele meinen wahrscheinlich eher nicht. Es müsste also sehr genau definiert sein, an wen die Daten zu welchem Zweck gespendet werden und wie der Schutz der spendenden Person auch langfristig gewährleistet ist.


In der für Deutschland repräsentativen Stichprobe wiesen 54,3 % der Befragten eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz auf. Was bedeutet dies für die Nutzung von mHealth-Anwendungen? Oder anders gefragt: Wie beeinflusst mHealth das Verhältnis von Eigenverantwortung für Gesundheit und Gerechtigkeit?

Im öffentlichen Diskurs über mHealth (zum Beispiel im Bereich von Politik, Medien, Beschreibung und Marketing von mHealth) sehe ich eine sehr positive Auslegung der Begriffe Empowerment, Partizipation, Eigenverantwortung für Gesundheit. Es ist auch aus ethischer Sicht auf den ersten Blick gut, wenn gesunde oder kranke Nutzende beteiligt sind an ihrem Gesunderhaltungs- oder Genesungsprozess oder in ihrem Krankheitsmanagement, wenn sie sich damit identifizieren, wenn sie motiviert sind, wenn sie verstehen, was passiert und sich selbst gestärkt und gehört fühlen. All dies steckt in den Begriffen Empowerment, Partizipation und Eigenverantwortung für Gesundheit. 

Diese Begriffe dürfen aber nicht nur als positiver Effekt von mHealth schlagwortartig behauptet werden, sondern es muss auch belegbar so stattfinden, um wirklich als „gut“ bewertet zu werden. Hier ist u.a. die von Ihnen angesprochene Gesundheitskompetenz ganz zentral. Nur jemand, der weiß, worum es geht, kann auch wirklich eigenverantwortlich und „empowered“ entscheiden und handeln. Manche Nutzende verstehen aber nicht, was mit den Daten passiert oder wie Algorithmen geschrieben werden und funktionieren. Sie fühlen sich vielleicht durch die Technologien überfordert, unter Druck, überwacht oder kontrolliert. Das wäre dann gar kein Empowerment, im Gegenteil. Wie und ob Empowerment und Partizipation sich tatsächlich einstellt und auch als positiv empfunden wird, muss die Forschung erst noch besser herausfinden. 

Aber auch gesamtgesellschaftlich müssen wir uns fragen, was sinnvoll ist und wo womöglich Grenzen der Eigenverantwortung liegen. Die Frage, ob mHealth „gerecht“ ist, hört häufig beim Zugang schon auf: Wer hat Zugang zu den Technologien und können alle sie gleichermaßen gut nutzen?


Und was macht das Bestreben nach verbesserten „getrackten“ Gesundheitsdaten mit dem eigenen Verständnis von Gesundheit und der Beziehung zum eigenen Körper?

MHealth bietet wirklich interessante und attraktive Möglichkeiten, ein besseres Verständnis für den eigenen Körper, die Körpervorgänge und Gesundheit und Krankheit zu bekommen. Wir lesen und hören von positiven Erfahrungen, weil Nutzende besser schlafen, regelmäßiger Sport treiben, ihr Blutzuckerprofil besser unter Kontrolle haben, aufgehört haben zu rauchen oder anderes, weil sie Hilfe durch eine gute App oder einen digitalen Sensor oder ähnliches haben. Das ist aus ethischer Sicht sinnvoll und gut, denn es kann zu besserer Gesundheit und Lebensqualität führen. 

Aber auch hier gibt es eine Kehrseite. Wir wissen, dass das konstante Tracking, das Wissen um Körpervorgänge und die Möglichkeit, sich mit anderen zu vergleichen, auch belastend sein kann. Es kann zu Gefühlen der ständigen Überwachung und Kontrolle und zu Schuldgefühlen kommen. Lustbetonte Aktivitäten zum Beispiel im Bereich von Ernährung oder Sexualität fühlen sich für manche auf einmal belastet und beschwert an. Es kann zu Suchtverhalten kommen, wenn die Anforderungen z.B. von einer Fitness-App zu ernst genommen werden und die graphische Darstellbarkeit der eigenen Leistung zu immer weiteren Leistungssteigerungen animiert. Es gibt auch Berichte, dass Personen sich erst dann schwach oder krank fühlen, wenn die App ihnen „schlechte“ Werte mitteilt. Was passiert da also mit unserem Körpergefühl? Manche Jugendliche, die ihre getrackten Werte untereinander teilen, berichten auch von einer zunehmenden Minderung des Selbstwertgefühls, je mehr sie digitale Angebote nutzen.

Ich denke, wir sollten hier ganz genau hinschauen, um gerade bei Kindern und Jugendlichen oder anderen solcher „vulnerablen Gruppen“ Probleme zu erkennen und sie bestmöglich im Umgang mit den Technologien zu unterstützen. Es gibt dazu bereits kritische philosophische, soziologische und sozialempirische Forschung, die einiges aufdeckt, was zum Nachdenken anregt. Hier ist aber noch viel mehr Forschung nötig. Ich fände es außerdem gut, wenn es dazu mehr Diskussion in der Bevölkerung gäbe. Denn es wird immer wieder deutlich: Ethik von mHealth ist mehr als die Diskussion von Daten und Datenschutz. In meiner Forschungsgruppe arbeiten wir deshalb gerade an einer Webseite, die bald online geht (about-mHealth.net), auf der wir viele dieser Aspekte auf hoffentlich ansprechende Weise für einen intensiven Austausch zur Verfügung stellen möchten.


Die Fragen stellte Inke Ruhe, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt mHealth. Interview mit Dr. Florian Fischer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Ravensburg-Weingarten.

Mehr zu Digitalisierung in Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

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PD Dr. med. Verina Wild | Forschung und Lehre im Bereich Medizinethik, Bioethik, Public Health Ethik, Global Health Ethics. Seit 2020 Professorin für Ethik der Medizin, Universität Augsburg; zuvor stellvertretende Direktorin am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München; Leitung der BMBF-geförderten Forschungsgruppe „META“ zu ethischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Aspekten mobiler Gesundheitstechnologien (www.meta.med.uni-muenchen.de); Mitglied des Ausschuss „Digitalisierung der Gesundheitsversorgung“ der Bundesärztekammer.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt mHealth„mHealth-Anwendungen müssen zielgruppenspezifisch und evidenzbasiert sein“

Immer Immer mehr digitale Anwendungen zur Prävention von Erkrankungen und zur Gesundheitsförderung stehen Nutzerinnen und Nutzern von Smartphones und anderen mobilen Geräten zur Verfügung. Welche Chancen und Risiken bietet mHealth in der Prävention und Gesundheitsförderung? Dr. Florian Fischer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Ravensburg-Weingarten und Referent bei der 18. BVPG-Statuskonferenz „Digitalisierung und Gesundheitsförderung: Schwerpunkt mHealth“, gibt dazu Antworten.

Herr Dr. Fischer, eine Definitionsfrage zu Beginn: Was versteht man unter mHealth?

Der Begriff mHealth steht für „mobile Health“ – es geht also um den Einsatz mobiler Informations- und Kommunikationstechnologien in der Prävention und Gesundheitsförderung sowie in der Gesundheitsversorgung. Insofern kann man mHealth auch in dem breiteren Kontext von eHealth verorten. eHealth wiederum stellt einen sehr breiten Anwendungsbereich von digitalen Technologien innerhalb des Gesundheitswesens bzw. zu gesundheitsbezogenen Themen dar. Die Abgrenzung liegt somit darin, dass sich mHealth vor allem durch den Einsatz mobiler Endgeräte auszeichnet, wobei aber mit Blick auf den technischen Fortschritt mittlerweile fast alle Endgeräte so klein sind, dass sie auch als mobil bezeichnet werden können.

Einige mHealth-Angebote nutzen wir heute schon völlig automatisch, da sie teilweise ein Begleiter in unserem Alltagsleben geworden sind. Beispiele dafür lassen sich in Apps finden, die unseren Gesundheitszustand, zum Beispiel in Form unseres Bewegungsverhaltens oder auch unsere Herzfrequenz in Ergänzung mit anderen Devices, messen und kontinuierlich dokumentieren. Ergänzt werden solche Angebote durch die Möglichkeit der Einbindung interpersonaler Kommunikation und interaktiver Elemente. mHealth ermöglicht somit eine maßgeschneiderte und hochfrequente Zielgruppenansprache. Ein weiterer zentraler Vorteil ist, dass sich mHealth vielfach direkt in die Lebenswelt integrieren lässt und für Nutzerinnen und Nutzer einfach zugänglich ist. Dies zeigt sich in der hohen Durchdringungsrate mobiler Medien.


Und wer nutzt mHealth-Angebote? Gibt es genderspezifische Unterschiede?

Aufgrund der Heterogenität und auch Komplexität von mHealth-Angeboten lässt sich diese Frage leider noch nicht so einfach beantworten – zumindest nicht pauschal. Wenn man zum Beispiel auf gesundheitsbezogene Apps schaut, weisen Befragungsergebnisse darauf hin, dass Männer und Frauen nahezu gleich häufig solche Apps nutzen. Es gibt aber deutliche Unterschiede hinsichtlich der Themenfelder: So werden Ernährungs-Apps deutlich häufiger von Frauen als von Männern genutzt. Demgegenüber haben Männer eine höhere Affinität für Angebote, die therapieunterstützend sind bzw. eher in dem Bereich der medizinischen Apps verortet werden können. Dies ist sowieso eine wichtige Unterscheidung, denn neben den ganzen Lifestyle-Angeboten, zu denen eben auch Gesundheits-Apps gehören, gibt es auch mobile Anwendungen, die einen direkten medizinischen Bezug haben, also für Diagnostik und Therapie unterstützend eingesetzt werden können.

Für Männer, die überhaupt eher den Kontakt zu Ärztinnen und Ärzten scheuen und auch weniger bereits sind, an Maßnahmen der Prävention oder Gesundheitsförderung teilzunehmen, können solche Anwendungen unter Einbezug der Digitalisierung sicherlich einen gewinnbringenden Zugangsweg darstellen. Einmal deshalb, da solche Angebote eine gewisse Anonymität gewährleisten und zum anderen, da Männer mit einer Technikaffinität dadurch auch für gesundheitsbezogene Themen interessiert werden können.

Natürlich haben jüngere Menschen eine höhere Affinität zu digitalen Angeboten, trotzdem sehen wir immer mehr, dass solche Technologien auch in höheren Alterslagen genutzt werden. Dies ist auch vom genauen Zweck der mHealth-Anwendung abhängig, also ob es eher um eine Lifestyle-App geht oder um ein kontinuierliches Monitoring von Vitalparametern im Kontext einer chronischen Erkrankung. Dies geht einher mit der sogenannten „Quantified Self“-Bewegung. Zentrales Element dieses Trends zur Selbstvermessung ist die Sammlung und Analyse von gesundheitsbezogenen Daten. So nutzen bereits Millionen Menschen Fitnessarmbänder und übermitteln Daten auf ihr Smartphone. Vielfach werden solche Daten auch mit dem Kalorienverbrauch oder Informationen zur Überwachung des Schlafs verknüpft. Dadurch entstehen sehr individuelle Profile, welche die Nutzerinnen und Nutzer wiederum anspornen, sich zum Beispiel noch mehr zu bewegen. Insofern können solche Angebote eine motivationale Komponente beinhalten.


Die Erwartungen an die digitalen Anwendungen in der Prävention und Gesundheitsförderung sind hoch. Die Hoffnung ist, insbesondere vulnerable Zielgruppen besser zu erreichen. Kann diese Zielgruppe denn durch die Anwendung von mHealth-Anwendungen zu einer verstärkten Prävention und Gesundheitsförderung motiviert werden? 

Es ist tatsächlich kritisch zu hinterfragen, ob mHealth die Lösung des Präventionsdilemmas darstellen kann. Denn meist sind es die eher gesundheitsbewussten Personen, die mHealth-Anwendungen nutzen. Trotzdem bieten digitale Anwendungen Möglichkeiten, auch andere Zielgruppen zu erreichen, sofern die Angebote entsprechend aufbereitet und gut zugänglich sind. Man darf aber nicht vergessen, dass man bestimmte Personengruppen, zum Beispiel ältere Personen, mit solchen Angeboten teilweise nicht erreicht – insofern sollte es nicht zu einer Verstärkung sozialer Ungleichheit kommen. In diesem Kontext wurde mittlerweile der Begriff „Digital Health Divide“ geprägt. Im Kontext des Quantified Self ist darauf hinzuweisen, dass insbesondere gesundheitsbewusste oder sportlich affine Personen solche Technologien benutzen – und eben nicht jene Personen, bei denen Maßnahmen zur Bewegungsförderung besonders notwendig sind.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, wirklich alle – oder zumindest alle relevanten – Gruppen an den Vorteilen von mHealth teilhaben zu lassen und diese Angebote nutzerinnen- und nutzerorientiert zu entwickeln. Und das möglichst in partizipativen Prozessen, also mit einer frühen und sehr starken Einbindung der späteren Nutzerinnen und Nutzer. Denn hier sollte eher zählen, was technisch nötig ist – und weniger das, was technisch möglich ist. Dabei sind auch die Kompetenzen der Nutzerinnen und Nutzer zu berücksichtigen. Unter dem Begriff der „eHealth Literacy“ wird mittlerweile ein Bereich zusammengefasst, der sich damit beschäftigt, welche Fähigkeiten und Kenntnisse für die Anwendung von technologiebasierten Gesundheitsangeboten wesentlich sind – und was das Versorgungssystem tun kann, um die potenziellen Nutzerinnen und Nutzer auf einen adäquaten Einsatz solcher Anwendungen vorzubereiten. Dazu gehört eben auch Empowerment – eine zentrale Zielsetzung der Prävention und Gesundheitsförderung, aber auch digitaler Technologien mit Gesundheitsbezug.

Auch wenn es immer einen gewissen Hype gibt, sobald neue Technologien auf den Markt kommen, sollte man sich darüber bewusst sein, dass die Möglichkeiten natürlich begrenzt sind. Es gilt somit, die Potenziale von mHealth auszuschöpfen, dadurch gegebenenfalls anderweitig schwierig erreichbare Zielgruppen zu adressieren und die Vorteile digitaler Technologien zu nutzen. Dies erfordert aber einen sehr strukturierten und zielgerichteten Prozess. Bislang ist es leider noch so, dass die Innovationen sehr stark technikgetrieben sind. Teilweise mangelt es an der Qualität oder Evidenzbasierung. Dies wiederum macht es schwieriger für potenzielle Nutzerinnen und Nutzer; zumal wenn darüber hinaus noch Unklarheiten bestehen, wie man gute von weniger guten Angeboten unterscheiden kann. Deshalb sollte der Fokus zukünftig darauf liegen, zielgruppenspezifische Angebote zu entwickeln, welche sich gegebenenfalls explizit an vulnerable Gruppen richten. Diese müssen qualitätsgesichert und evidenzbasiert – und natürlich für die potenziellen Nutzerinnen und Nutzer leicht zugänglich sein. 


Inwiefern können mHealth-Anwendungen denn zu einer verbesserten Prävention beitragen? Wo liegen bereits gute Ergebnisse vor – und wo sehen Sie noch Nachholbedarf?

Verbesserungen im Kontext der Tertiärprävention lassen sich vor allem darin erkennen, dass zum Beispiel über Erinnerungssysteme die Therapieadhärenz und Compliance erhöht wird. Diese Angebote richten sich sehr spezifisch an bestimmte Zielgruppen, zum Beispiel an chronisch Erkrankte. Es bestehen aber auch weitere Anwendungen, die sich an Angehörige oder aber Fachleute aus Medizin und Pflege richten. Die Verortung von digitalen Angeboten im Kontext der Primär- und Sekundärprävention fällt manchmal etwas schwieriger, da entsprechende Angebote nicht immer ganz trennscharf sind.

Nachholbedarf sehe ich dahingehend, dass ein Großteil der mHealth-Anwendungen auf Verhaltensprävention ausgerichtet ist. Obwohl digitale Anwendungen, wie bereits erwähnt, vielfach in den Lebensalltag integriert sind, kommt die Verhältnisprävention deutlich zu kurz. Es gibt einzelne Ausnahmen, in denen zum Beispiel das betriebliche Setting genutzt wird – diese Maßnahmen und Strategien kennt man somit aus dem Digitalen Betrieblichen Gesundheitsmanagement. 

Wissenschaftliche Belege zur Wirksamkeit von mHealth liegen vor allem dann vor, wenn entsprechende Anwendungen evaluiert wurden, die auf eine konkrete medizinische Indikation ausgerichtet sind. Es ist grundsätzlich auch wichtig, dass man hier dezidiert betrachtet, welche Zielgruppe über welches Medium mit welchen kommunikativen Maßnahmen zu welchem Thema erreicht werden kann, um somit die Wirksamkeit – aber auch möglicherweise bestehende Schadenspotenziale – zu betrachten. mHealth selbst ist eine sehr komplexe Intervention. Daher können Ergebnisse nicht verallgemeinert werden. Aber insgesamt bedarf es einer stärkeren Evidenzbasierung, die jedoch im Kontext der digitalen Angebote vor besonderen Herausforderungen steht.


Welche besonderen Herausforderungen bestehen denn im Kontext der Evidenzgenerierung von mHealth-Anwendungen in der Prävention und Gesundheitsförderung?

Bisherige Studien in diesem Themenfeld haben Aspekte rund um Akzeptanz und Usability fokussiert. Wirksamkeitsnachweise liegen hauptsächlich zu jenen Interventionen vor, die einen direkten Bezug zu der Gesundheitsversorgung aufweisen – hierin geht es also vor allem um mHealth-Angebote, die diagnostische oder therapeutische Interventionen beinhalten.

Die bisherige Evidenzlage zu digitalen Interventionen in Prävention und Gesundheitsförderung weist jedoch noch einige Lücken auf. So sind die Prinzipien der Evidenzbasierung bei der Ergebnisevaluation stärker zu berücksichtigen. Während randomisiert-kontrollierte Studien den Goldstandard des Wirksamkeitsnachweises darstellen, sind diese nicht zwingend immer bei der Evaluation von mHealth-Anwendungen einsetzbar. Herausforderungen bestehen insbesondere dahingehend, dass digitale Angebote kontinuierlich weiterentwickelt werden. Daher ist es teilweise schwierig, eine Intervention zu bewerten, die eine Konstanz aufweist, um somit zu einem bestimmten Zeitpunkt evaluiert zu werden. Vielfach beruhen bisherige Ergebnisse auf kleinen oder sehr selektiven Stichproben. Unterschiedliche Settings und sozial benachteiligte Gruppen werden in den Studien wenig bis gar nicht beachtet. Vielfach stellt die Studienpopulation ein Convenience Sample dar – das bedeutet, dass Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer mehr oder weniger willkürlich aus einer Grundgesamtheit gezogen werden bzw. sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bewusst für eine solche digitale Intervention entscheiden. Eine Randomisierung wurde nicht immer oder nur unzureichend vorgenommen, und es fehlen häufig Informationen über Gründe für Non-Response oder den Abbruch einer Intervention. 

Die Bedeutung für ebensolche Wirksamkeitsnachweise wird zukünftig noch zunehmen, da in dem Digitale-Versorgung-Gesetz festgehalten ist, dass ab 2020 Apps auf Rezept ausgegeben werden dürfen. Nachdem die App vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte auf Sicherheit, Funktionstauglichkeit, Qualität, Datensicherheit und Datenschutz geprüft wurde, wird sie ein Jahr lang vorläufig von den gesetzlichen Krankenversicherungen erstattet. In dieser Zeit muss der Hersteller nachweisen, dass die App zu einer Verbesserung der Patientenversorgung führt. 
Es ist daher an der Zeit, ein System zu etablieren, in welchem die Evidenzbasierung und Qualität von mHealth-Anwendungen im Vordergrund stehen. Neben den klassischen Wirksamkeitsparametern sollten wir aus dem Blickwinkel von Public Health aber auch immer betrachten, welche gesellschaftlichen und ethischen Implikationen digitale Interventionen in Prävention und Gesundheitsförderung mit sich bringen. Dabei sollte unter anderem werden, ob die Intervention zu einer Verringerung oder gar einer Verstärkung der gesundheitlichen Ungleichheit führt. Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, ob die digitale Intervention zu einer Reduktion des Präventionsdilemmas führen kann, dass also auch jene Zielgruppen erreicht werden, die sonst keine präventiven oder gesundheitsförderlichen Angebote in Anspruch nehmen.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt m-Health. Interview mit Prof. Dr. Verina Wild, Professorin für Ethik der Medizin, Universität Augsburg.

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Dr. Florian Fischer | Gesundheitswissenschaftler; wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Ravensburg-Weingarten; Institut für Gerontologische Versorgungs- und Pflegeforschung; Mitglied im Programmkomitee „Digitalisierung“ des Kongresses Armut und Gesundheit; Arbeitsschwerpunkte: Evidenzbasierung in Public Health, Digitalisierung und Gesundheit, Gesundheitskommunikation, Global Public Health.