Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt PsycheOffensive Psychische Gesundheit: #OffenheitHilft!

Im Oktober hat die Bundesregierung die Offensive Psychische Gesundheit (OPG) gestartet. Beteiligt sind das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und das Bundesministerium für Gesundheit. Ziel der Offensive ist es, die psychische Gesundheit in allen Lebensbereichen zu stärken: durch mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Belastungen und durch frühzeitige Hilfe über eine stärkere Vernetzung der Unterstützungs- und Hilfsangebote.

Warum dringender Handlungsbedarf besteht und wie die Umsetzung gelingen kann, erläutern die BVPG-Mitgliedsorganisationen: der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP), Vizepräsidentin Annette Schlipphak; die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), Präsident Dr. Dietrich Munz; die Deutsche Gesellschaft für Psychologie e.V. (DGPs), Präsident Prof. Dr. Markus Bühner und die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V. (DGVT), ehemaliges Vorstandsmitglied Prof. Dr. Bernd Röhrle.

Was ist das Besondere an der Offensive Psychische Gesundheit aus Sicht Ihrer Institution?

Annette Schlipphak, BDP: Das Besondere an der Offensive Psychische Gesundheit ist, dass sie explizit dazu dient, dass der gesellschaftliche Umgang mit psychischen Belastungen offener wird und auch die weichen Faktoren im Arbeitsalltag offen angesprochen werden. Dabei wird deutlich, dass nicht der Fokus auf die oder den Einzelnen zu einer Lösung führt, sondern ein systemischer und organisatorischer Ansatz zur Gestaltung gesunder Arbeit entscheidend ist. Damit bietet die Offensive eine Chance, nicht nur psychische Belastungen zu entstigmatisieren, sondern auch die Rahmenbedingungen von Arbeit als Einflussfaktoren auf psychische Gesundheit zu beleuchten.

Dr. Dietrich Munz, BPtK: Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt sind noch immer erheblich unterschätzt. Dabei kosten sie jährlich Milliarden Euro an Lohnfortzahlung und Krankengeld. Gerade in der Arbeitswelt gelten psychische Erkrankungen jedoch noch häufig als Leistungs- und Willensschwäche. Es fehlt ein offener und zugewandter Umgang mit psychisch belasteten Kolleginnen und Kollegen. Die Angst vor Stigmatisierung verhindert noch zu oft, dass psychische Beschwerden eingestanden werden und Hilfe in Anspruch genommen wird.

Genau hier setzt die Offensive Psychische Gesundheit an. Als breites Bündnis will sie den Umgang mit psychischen Belastungen normalisieren. Dies ist essenziell, denn Offenheit im Umgang mit psychischen Beschwerden ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Betroffene Hilfe in Anspruch nehmen. Doch dies allein reicht noch nicht aus. Grundlegend ist, dass Betroffene wissen, welche Unterstützung für sie in Betracht kommt. Hierfür braucht es eine enge und transparente Verzahnung von Hilfsangeboten, die nur dadurch entstehen kann, dass alle Player im Bereich der Prävention mit Expertinnen und Experten für psychische Gesundheit eng zusammenarbeiten. Die Offensive Psychische Gesundheit schafft diese bisher einmalige Kooperationsplattform.

Prof. Dr. Markus Bühner, DGPs: Psychische Störungen sind noch zu oft stigmatisiert, das Wissen über sie und wirksame Behandlungsformen in der Allgemeinbevölkerung ist begrenzt. Durch die gemeinsame Initiative dreier Bundesministerien kann die Bevölkerung effektiv erreicht und informiert werden. Außerdem können Behandlungsangebote und Zugangspfade besser gebündelt werden.

Die Zusammenarbeit der drei Ressorts ist aus unserer Sicht von zentraler Bedeutung, da so die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Lebensbereichen sichtbar gemacht werden. In der Praxis mangelt es häufig an der Betrachtung des gesamten Systems und wie sich Belastungen aus einem Bereich (z. B. der Arbeit) auf einen anderen auswirken (z. B. die Familie). Bedeutsam ist auch die breite Beteiligung von Akteuren des Gesundheitswesens, der Versorgung und der Wissenschaft: Dies ist ein wichtiges Zeichen, unterstreicht die Bedeutung der Thematik und wird sicher zum Erfolg der Offensive beitragen.

Prof. Dr. Bernd Röhrle, DGVT: Die Initiative ist insgesamt begrüßenswert, weil sie neben der bislang im Vordergrund stehenden physischen Gesundheit endlich der psychischen Gesundheit einen entsprechenden Stellenwert einräumt. Erfreulich ist dabei, dass nicht mehr nur an die Vermeidung psychischer Krankheiten gedacht wird, sondern auch die individuellen, kollektiven und verhältnisorientierten Risiken, aber auch die vielfältigen Formen des Wohlbefindens in ihrer Bedeutung erkannt werden.

Nicht zuletzt wird damit unausgesprochen mitgedacht, dass man dem Problem der psychischen Störungen nicht allein kurativ begegnen kann, um individuelles, kollektives Leid und auch wirtschaftliche Folgekosten in den Griff zu bekommen. Durch die salutogene Orientierung der Initiative ist zugleich ein Beitrag geleistet, der ein gesellschaftlich und individuell getragenes, respektvolles Zusammenleben fördern kann.


Warum spielt die Prävention eine entscheidende Rolle bei der Stärkung der psychischen Gesundheit – und inwiefern gerade jetzt in der Corona-Pandemie?

BDP: Psychische Gesundheit wird von vielen Faktoren beeinflusst. Durch die Pandemie werden bei vielen Menschen gewohnte Muster und Abläufe geändert: Homeschooling, Mobiles Arbeiten, Kurzarbeit, Angst vor Arbeitslosigkeit, Unsicherheit über das, was kommt. Diese Faktoren wirken sich auch auf das Verhalten am Arbeitsplatz bei Führungskräften und Beschäftigten aus. Auch unabhängig von Corona ist gesunde Arbeit im beruflichen Kontext die beste Prävention. Gerade jetzt in der Zeit der Pandemie sollte über die Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung genau analysiert werden, wo die Belastungs- und Beanspruchungsfaktoren liegen. Gute Präventionsarbeit wird letztlich dazu beitragen, dass die Menschen die Pandemie besser bewältigen können.

BPtK: Die Corona-Pandemie ist ein Paradebeispiel für das Potenzial von Präventionsmaßnahmen. Doch diese dürfen sich keinesfalls nur auf die körperliche Gesundheit beschränken. Denn die Pandemie stellt unsere Selbstheilungskräfte vor außergewöhnliche Herausforderungen. Je länger Krisen andauern, desto eher sind die psychischen Widerstands- und Regenerationskräfte überfordert und es kann zu psychischen Erkrankungen kommen.

Viele Menschen sind momentan unsicher, verängstigt und niedergeschlagen. Dies sind normale Reaktionen auf belastende Ereignisse. Doch diese Belastungen sind nicht gleich verteilt. Manche Menschen sind körperlich vorerkrankt und deshalb durch das Virus besonders gefährdet. Manche trifft die Pandemie härter, weil sie selbst oder Angehörige erkrankt sind oder weil sie beruflich ständigen Kontakt mit Erkrankten haben. Andere müssen vor allem mit dem Wegfall gewohnter Tagesstrukturen und Betreuungs- und Pflegeangebote klarkommen.

Im Moment ist es klarer denn je, dass wir langfristig für ein Leben mit dem Virus planen müssen. Um gefährdete Personengruppen vor den negativen psychischen und sozialen Konsequenzen der Pandemie zu schützen, müssen passende Schutz- und Präventionskonzepte entwickelt und flächendeckend implementiert werden.

DGPs: Wir betrachten Prävention zur Stärkung psychischer Gesundheit aus einer ganzheitlichen Perspektive. Maßnahmen sollten in allen Lebensbereichen, in beruflichen wie in privaten, ansetzen. Durch die Auswirkungen der Pandemie sind breite Bevölkerungsanteile zunehmend chronischem Stress ausgesetzt. Chronische Stressoren sind einer der wichtigsten Treiber für die Entstehung psychischer Störungen. Daher sollten wir zur Prävention psychischer Störungen in Folge der Corona-Krise zum Beispiel niederschwellige Hilfsangebote anbieten.

Dabei ist es wichtig, Familien in den Blick zu nehmen. Fünfzig Prozent aller psychischen Störungen beginnen vor dem 14. Lebensalter und 75 Prozent vor dem 24. Lebensjahr. Das heißt, es hat den bestmöglichen Effekt, wenn Belastungen frühzeitig reduziert werden. Aus der Forschung zu Familien mit psychischen Erkrankungen wissen wir, dass die transgenerationale Weitergabe psychischer Störungen ein Hauptfaktor für die Entwicklung psychischer Erkrankungen ist. Insofern ist die Unterstützung von Eltern und Familien insbesondere in Zeiten von Homeoffice, Homeschooling und von Kontakteinschränkungen von herausragender Bedeutung.

DGVT: Dass diese Offensive bewusst oder auch zufällig in Coronazeiten gestartet wird, ist umso erfreulicher, weil damit nochmals mehr verdeutlicht wird, dass sich die Gefahren für die psychische Gesundheit von vielen mit der Pandemie einhergehenden Begleitumständen und schon vorab bestandenen Risiken und kollektive Belastungen verschärfen. Damit wird einmal mehr die Bedeutung verhältnisorientierter Prävention betont. Die DGVT hat zusammen mit dem German Network for Mental Health schon im Frühjahr in einem Statement festgehalten, welche Auswirkungen die Pandemie direkt, aber auch vermittelt durch eine Vielzahl von gesellschaftlichen Kräften auf Menschen mit psychischer Erkrankung und gesunde Personen.

Inzwischen haben viele Forschungsergebnisse zu den psychischen und sozialen Folgen der Pandemie diese ersten Eindrücke bestärkt: Die Belastung vulnerabler, auch psychisch kranker Personen, aber auch die gesunder Menschen ist durch die Pandemie erheblich verstärkt. Sozial benachteiligte Personen trifft es besonders hart. Konflikte verschärfen sich, wie beispielsweise innerfamiliäre Gewalt, aber auch durch Verschwörungstheorien getragene soziale Spaltungen. Sozialpolitische Engpässe gefährden nicht nur COVID-19-Patientinnen und -Patienten, sondern auch ihre formellen und informellen Helferinnen und Helfer. Die Pandemie macht deutlich, dass sich Prävention nicht allein auf mikrosoziale Zusammenhänge konzentrieren darf, sondern einen Plan braucht, Katastrophen geordnet zu begegnen. Die Förderung der psychischen Gesundheit muss ein Teil eines entsprechend zukünftigen Rettungsplans sein.


Mit welchen Maßnahmen unterstützt Ihre Organisation als First Starter die Offensive?

BDP: Als Berufsverband vertritt der BDP Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die angestellt oder freiberuflich arbeiten. Die Offensive Psychische Gesundheit unterstützen wir von Anfang an und bringen uns mit unserer Expertise ein. Als FirstStarter legen wir den Fokus auf den Schwerpunkt gesunde Arbeit. Der BDP stellt Materialien und Handreichungen zu Arbeit und Gesundheit über die Webseite unseres Verbandes kostenfrei zur Verfügung. Zudem können über das Portal des Berufsverbandes Expertinnen und Experten für diese Themen gefunden werden.

BPtK: Als Bundeskammer vertreten wir 52.000 Psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten. Es ist unser Anliegen, eine ausreichende psychotherapeutische Versorgung im kurativen, präventiven und rehabilitativen Bereich sicherzustellen. Deswegen bemühen wir uns seit jeher um Kooperationen mit unterschiedlichen Beteiligten in diesen Bereichen, um auf eine Stärkung der psychischen Gesundheit – ein zentrales Ziel der BPtK – hinzuwirken.

Als First Starter unterstützen wir die Offensive Psychische Gesundheit von Anfang an. Wir tragen die Botschaft der Offensive aktiv mit und beteiligen uns an ihrer fachlichen Konzeption und Umsetzung. In die Fachdialoge der Offensive Psychische Gesundheit bringen wir unsere Fachexpertise zum Umgang mit psychisch belasteten und erkrankten Menschen ein. Essenziell ist es für uns, die Gesellschaft für psychische Belastungen und Erkrankungen zu sensibilisieren und einen frühzeitigen und niedrigschwelligen Zugang zu Unterstützungsangeboten zu gewährleisten. Hierfür machen wir uns seit Jahren stark.

DGPs: Die DGPs vertritt Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die in akademischen Berufen arbeiten. Hierzu zählen auch die universitären Hochschulambulanzen, die jährlich mehr als 50.000 Patientinnen und Patienten ambulant psychotherapeutisch versorgen. Unsere Einrichtungen leisten damit einen bedeutsamen Beitrag zur Entwicklung und Evaluation innovativer Psychotherapien, aber auch zur Patientenversorgung.

Sehr gerne bringen wir unsere klinische und wissenschaftliche Kompetenz in die Offensive ein. Auch auf dem Gebiet der Gestaltung und Evaluation von Präventionskampagnen bringen wir unsere Expertise mit ein. Die DGPs hat gleich zu Beginn der Pandemie gemeinsam mit ihren Mitgliedern eine Website zur psychologischen Coronahilfe erstellt. Diese Seite bietet für die Zielgruppen Kinder, Jugendliche, Familien, Erwachsene und Personen im Versorgungssystem Hilfestellungen. Im Rahmen dieser Initiative wurde auch das Projekt „Familien unter Druck“ entwickelt für das Franziska Giffey die Schirmherrschaft übernommen hat und das Teil der Offensive ist. In kurzen animierten Trickfilmen, deren Charakteren Prominente ihre Stimme geliehen haben, werden evidenzbasierte Tipps zum Umgang mit Belastungen gezeigt.


Was erhoffen Sie sich aus der Arbeit der Offensive – auch in Hinblick auf die Corona-Pandemie?

DGVT: Begrüßenswert ist die durch die Offensive vorgeschlagene Liste von präventiv bedeutsamen Hilfemöglichkeiten. Angesprochen wird dabei vornehmlich die berufliche und familiäre Welt. Nicht thematisiert werden allerdings andere gesellschaftliche Bereiche und Institutionen, wie die Welt der Ausbildung, der sozialen Netzwerke, Selbsthilfegruppen (mit Ausnahme der Betroffenenorganisationen), von Verbänden und Parteien.

Sich auf Beratungsangebote zu konzentrieren, kann nicht genügen, da in diesem Bereich der kurative Anteil überwiegt und wenig Platz für präventive Angebote bleibt. Für eine Vielzahl von kritischen Lebensereignissen gibt es in den Beratungsstellen und darüber hinaus zu wenig präventiv bedeutsame Angebote, wie z. B. für Kinder psychisch kranker Eltern. In gleichem Maße fehlt es auch an störungsspezifischen Angeboten wie beispielsweise Hilfen für Menschen, die zu Angststörungen, Depression, Essstörungen, Psychosen etc. neigen. Hier ist eine Verbesserung dringend erforderlich.


Die Fragen stellte Linda Arzberger, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies, Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Weitere Informationen zur Offensive Psychische Gesundheit erhalten Sie hier.

Annette Schlipphak | Vizepräsidentin des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V.; Personalentwicklung; Betriebliches Gesundheitsmanagement; Coaching; Arbeitsschwerpunkte: Gesundheit und Arbeit, Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung; Diplom-Psychologin.

Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP) vertritt die beruflichen Interessen der niedergelassenen, selbstständigen und angestellten/beamteten Psychologinnen und Psychologen aus allen Tätigkeitsbereichen. Als anerkannter Berufs- und Fachverband ist der BDP Ansprechpartner und Informant für Politik, Medien und Öffentlichkeit in allen Fragen der beruflichen Anwendung von Psychologie und Psychotherapie.

Dr. rer. nat. Ernst Dietrich Munz | Präsident des Vorstandes der Bundespsychotherapeutenkammer; Präsident der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg; Diplom-Psychologe, Diplom-Physiker, Psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalyse; Psychotherapeut an der Sonnenberg Klinik gGmbH in Stuttgart; Dozent am Psychoanalytischen Institut Stuttgart e.V.

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) ist die berufspolitische Vertretung der momentan rund 52.000 Psychologischen Psychotherapeut*innen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen in Deutschland. Als diese ist es ihr Anliegen, eine ausreichende psychotherapeutische Versorgung der Bevölkerung im kurativen, präventiven und rehabilitativen Bereich sicherzustellen.

Prof. Dr. Markus Bühner | Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie; seit 2011 Lehrstuhlinhaber der Professur für Psychologische Methodenlehre und Diagnostik an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Er forscht zur Vorhersage von Persönlichkeitseigenschaften durch mobile Daten, zur Vorhersage von Ausbildungs- und Berufserfolg durch Persönlichkeitstests, Leistungstests, Assessment-Center-Übungen und strukturierten Interviews sowie Auswirkungen der Fragenformulierung auf psychometrische Eigenschaften eines Fragebogens.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie e.V. (DGPs) ist die Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen. Die über 4.800 Mitglieder der DGPs erforschen das Erleben und Verhalten des Menschen. Sie publizieren, lehren und beziehen Stellung in der Welt der Universitäten, in der Forschung, der Politik und im Alltag.

Prof. Dr. Bernd Röhrle | Professor für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Gemeindepsychologie i.R., Supervisor, Psychotherapeut, Leiter des German Network for Mental Health (GNMH), Schwerpunkt seiner politischen und wissenschaftlichen Tätigkeiten: Prävention psychischer Störung und Förderung psychischer Gesundheit.

Die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V. (DGVT) ist mit rund 9.880 Mitgliedern der größte verhaltenstherapeutische Fachverband in Europa. Seit 1968 tritt die DGVT für eine bedarfsgerechte psychosoziale und psychotherapeutische Versorgung ein. Zum DGVT-Verbund gehört die DGVT-AusbildungsAkademie, der DGVT-Berufsverband Psychosoziale Berufe (DGVT-BV) e.V., die DGVT- Fort- und Weiterbildung und der DGVT-Verlag.

Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt COVID-19„Die Schule ist ein Schlüsselbereich für präventive und gesundheitsfördernde Maßnahmen“

Wochenlanges Homeschooling, strenge Kontaktbeschränkungen, völlig neue Tagesstrukturen – welche Auswirkungen hatten diese Veränderungen auf die Familien? Welche gesundheitsfördernden Maßnahmen haben sich in der Krise als wirksam erwiesen? Welche Chancen ergeben sich für das Setting Schule durch die Pandemie? Ein Interview mit dem langjährigen BVPG-Vorstandsmitglied und Psychologen Professor Dr. Reiner Hanewinkel, Leiter des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord) in Kiel.

Herr Professor Hanewinkel, welche Auswirkungen hatte das Homeschooling auf die Familien?

In den Familien waren oftmals die Mütter stärker belastet als die Väter. Eine repräsentative Bevölkerungsbefragung durch das Marktforschungsinstitut Forsa im Auftrag der DAK-Gesundheit, in der Anfang Mai 2020 über 1.000 Elternteile und jeweils ein zugehöriges Kind im Alter von zehn bis 17 Jahren befragt wurden, ergab folgende, beunruhigende Ergebnisse: Etwa 90 Prozent der Eltern waren wegen der Auswirkungen der Krise besorgt. Fast jedes zweite Elternteil fühlte sich oft oder sehr oft gestresst. In jeder vierten Familie gab es Streit. Etwa die Hälfte der Eltern fühlte sich während der Schulschließung fast täglich erschöpft. Jeweils etwa drei von zehn Befragten berichteten von psychosomatischen Beschwerden wie Schlafproblemen oder Schmerzen. Mütter berichten häufiger von fast täglichen Bauch-, Rücken- oder Kopfschmerzen. Auch von Traurigkeit sind sie in der Zeit des Lockdowns stärker betroffen als Väter.

Aber auch bei Kindern und Jugendlichen machte sich der Lockdown bemerkbar, vor allem bei jüngeren Kindern: Vier von zehn Elternteilen nahmen in der Befragung bei ihren Zehn- bis Zwölfjährigen ein verringertes Wohlbefinden im Lockdown wahr. 37 Prozent der jüngeren Kinder berichten selbst von häufigen Stresserfahrungen und 27 Prozent von Traurigkeit.


Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen?

Die „COPSY“-Studie des Universitätskrankenhauses Eppendorf hat aufgezeigt, dass von den psychischen Belastungen vor allem Kinder aus sozial schwächeren Familien betroffen sind. Es zeigte sich in dieser Studie, dass ein geringes Einkommen der Eltern und beengter Wohnraum das Auftreten psychischer Auffälligkeiten bei Kindern während des Lockdowns förderten. Um ein Beispiel zu bringen: Einer Familie bestehend aus einer alleinerziehenden Mutter, einem Kindergartenkind und einem schulpflichtigen Kind im Grundschulalter, die in einer kleinen 2,5-Zimmer-Etagenwohnung ohne Balkon leben müssen, hat der Lockdown einiges abverlangt. Die Situation wurde zusätzlich dadurch verschärft, dass das gesamte Hilfesystem, das den Menschen ja gerade in Krisenzeiten Unterstützung bieten soll, ebenfalls vom Lockdown betroffen war. Das hat z. B. Beratungsstellen, Sozialarbeit, Tagestreffs usw. vor große Probleme gestellt.


Wo können Prävention und Gesundheitsförderung ansetzen? Welche Maßnahmen haben sich als wirksam erwiesen?

Mangelnde Rückzugsmöglichkeiten und fehlende Tagesstruktur können besonders in Krisenzeiten wie dem Lockdown zu Streit und Konflikten innerhalb der Familien führen. Eine geregelte Tagesstruktur mit Arbeits-, Freizeit-, aber auch Schlafenszeiten können nicht nur dazu beitragen, Konflikte innerhalb der Familien zu vermeiden, sondern tragen auch zu einem erhöhten Wohlbefinden bei.


Welche Rolle kommt der Bewegungsförderung zu?

„Der Junge muss an die frische Luft“ ist der Titel der Autobiographie von Hape Kerkeling. In dieser Aussage steckt viel Wahrheit. Eine Vielzahl von Untersuchungen zeigt auf, dass sportliche Aktivitäten einen präventiven Effekt im Hinblick auf das Auftreten von Depressionen und Ängsten haben können. Insbesondere Kinder und Jugendliche haben einen „natürlichen“ Bewegungsdrang, der bei jüngeren Kindern ausgeprägter ist als bei älteren Heranwachsenden. Dieser sollte nicht unterbunden werden. Zur Zeit des Lockdowns war dies natürlich nicht ganz einfach, da auch die Sportvereine und Fitnesscenter geschlossen waren und auch der tägliche Weg zur Schule, hoffentlich zu Fuß oder mit dem Fahrrad, nicht stattfand. Daher musste teilweise auf Indoor-Aktivitäten ausgewichen werden, wobei Apps und Videokanäle durchaus unterstützend genutzt wurden.


… und welche Rolle spielt die Ernährung?

Eine gesunde Ernährung mit viel Obst, Gemüsen, Salaten, Vollkornprodukten, magerem Fleisch und vorzugsweise Fisch und eine reichliche, zuckerfreie Flüssigkeitsaufnahme haben nicht nur viele positive Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit. Wer sich gesund ernährt, fühlt sich besser, steigert sein Wohlbefinden und seine psychische Stabilität.


Welche Lehren können wir aus dem Lockdown ziehen?

Der Lockdown war für uns alle neu und potentiell angstauslösend. Generell gilt, dass angstauslösende Situationen unser Bindungssystem aktiviert: Wir suchen die Nähe vertrauter Personen, bei denen wir Geborgenheit erlebt haben. Wenn gleichzeitig soziale Kontakte zur Durchbrechung von Ansteckungsketten auf ein Minimum reduziert oder ganz unterbunden werden wie im Lockdown, liegt hier wahrscheinlich die größte Herausforderung. Bei Kindern, insbesondere Kleinkindern kommt noch hinzu: Kinder brauchen unbedingt Kinder. Andere Kinder sind vor allem im Kindergarten- und Grundschulalter wichtige Partner, um Sozialverhalten zu erlernen und Problemlöse-Fähigkeiten zu erwerben. Persönliche Kontakte sind hier unerlässlich.

Für ältere Kinder und Jugendliche ergeben sich durchaus Chancen durch die Nutzung moderner Medien. Ich habe selbst bei meiner 14-jährigen Tochter beobachtet, wie hilfreich WhatsApp und Co. für das Aufrechterhalten von sozialen Kontakten im Klassen- und Freundeskreis sein können. Aber auch hier gilt: Klare Regeln zum Umgang mit dem Handy sind hilfreich, um ein Ausufern erst gar nicht aufkommen zu lassen.


Durch die COVID-19-Pandemie können auch neue Chancen erwachsen. Wo sehen Sie diese für die Prävention und Gesundheitsförderung im Setting „Schule“, insbesondere im Handlungsfeld „psychische Gesundheit“?

Die Schule ist seit jeher ein Schlüsselbereich für präventive und gesundheitsfördernde Maßnahmen – insbesondere, weil dort im Prinzip alle Kinder und Jugendlichen erreicht werden. Leider konnte sich die Gesundheitsförderung und Prävention bisher nicht an vielen Schulen neben Deutsch oder Erdkunde als Unterrichtsfach etablieren, sondern bestenfalls Nischenplätze besetzen. Hier könnte sich die COVID-19-Pandemie in der Tat als Chance für die Prävention und die Gesundheitsförderung entpuppen. Eine Krise – als ein Wendepunkt verstanden – lässt eben auch Neues entstehen.

Menschen können Krisen umso konstruktiver bewältigen, je stabiler ihr „psychisches Fundament“ ist. Wie wichtig dieses Fundament ist, zeigt uns die derzeitige Situation. Mithilfe gezielter Programme zur Lebenskompetenzförderung, Resilienz und psychischen Gesundheit kann eine Schule sich am Bau dieses Fundaments beteiligen.


Was hieße das konkret?

Die Chance zu nutzen hieße also, die Schule zukünftig stärker in ihrer Bedeutung für das physische, soziale und psychische Wohlbefinden ihrer Beteiligten zu betrachten. Und zwar sowohl „schulintern“ von Lehrkräften, Eltern und Schülerschaft als auch in der gesellschaftlichen Erwartungshaltung an die Schule. 

Ob die Verarbeitung der Corona-Krise gelingt, hängt auch davon ab, wie die Schule mit dem Erlebten umgeht. Hier sollte nicht einfach ein „Schlussstrich“ gezogen werden, sondern Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte müssen die Möglichkeit erhalten, ihre Erfahrungen angemessen zu reflektieren, um dann zu bewerten, was davon für die Zukunft Bedeutung haben soll.


Welche Empfehlungen haben Sie für Kinder und Jugendliche zum Start in das neue Schuljahr?

Da muss man natürlich nach Alter differenzieren. Insgesamt erfahren die Schülerinnen und Schüler durch den Online-Unterricht auch ein neues Maß an Selbstbestimmung und Eigenverantwortung für den eigenen Lernprozess. Das ist durchaus positiv. Zu welchen Uhrzeiten möchte ich heute zu Hause lernen? Welche Tools möchte ich dafür nutzen? Wie teile ich mir die Aufgaben ein? Wenn die neue Eigenverantwortung keine Überforderung darstellt, kann sie auch Spaß machen!

Allgemein kann man sagen, dass Kinder und Jugendliche statt der „social distance“ lieber eine „physical distance“ halten sollten. Also: „Nutzt die digitalen Möglichkeiten, um mit euren Freunden und Freundinnen aus der Schule, dem Sportverein und den anderen Gruppen, in denen ihr euch bewegt, in Kontakt zu bleiben.“ Freundschaft zu erfahren, ist für die psychische Gesundheit ein wichtiger Faktor. Aber vor dem Hintergrund der gestiegenen Mediennutzungszeiten von Kindern und Jugendlichen während der Pandemie lautet die zweite Empfehlung: „Habt eure Medienzeiten im Blick und bestimmt feste Zeiten, in denen ihr Offline seid. Körper und Geist brauchen Bewegung und – medienfreie – Entspannung.“


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt COVID-19: Interview mit Dr. Rüdiger Krech, Direktor für Gesundheitsförderung bei der Weltgesundheitsorganisation.

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Prof. Dr. Reiner Hanewinkel | Medizinpsychologe; psychologischer Psychotherapeut; apl. Professor für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universität Kiel; Leiter des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord); Mitbegründer des Aktionsbündnis Nichtrauchen (ABNR); Mitglied des wissenschaftlichen Kuratoriums der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen; ehemaliges BVPG-Vorstandsmitglied.