Interview: Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt COVID-19„Gesundheitsfördernde Strukturen sind auch in Krisenzeiten handlungsfähig“

Gesellschaftlich Benachteiligte leiden häufiger an chronischen Erkrankungen und haben somit ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19. Zudem kommen sie wahrscheinlich häufiger mit dem Virus in Kontakt und sind ungleich stärker von den Maßnahmen zum Infektionsschutz betroffen. Die Corona-Pandemie droht also, die bestehenden sozialen Ungleichheiten zu verschärfen. Welchen Einfluss hat die Pandemie auf die gesundheitlichen Ungleichheiten? Was bedeutet das für die Arbeit in den Landesvereinigungen für Gesundheit? Diese Fragen beantwortet Thomas Altgeld, Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. und BVPG-Vorstandsmitglied. Auf den BVPG-Statuskonferenzen und gemeinsamen Präventionskongressen des Bundesministeriums für Gesundheit und der BVPG war Herr Altgeld als Moderator und Referierender tätig.

Welche Herausforderungen ergeben sich durch COVID-19-Pandemie für die Unterstützung vulnerabler Zielgruppen?

Bevor ich zur eigentlichen Antwort auf die Frage komme, finde ich auch es wichtig zu erwähnen, dass die COVID-19-Pandemie in Deutschland auch die unmittelbare Folge einer globalisierten Wirtschaft ist. Den Virus nach Deutschland getragen haben die Mitarbeitenden von Unternehmen, Urlaubende, die nach Asien gereist sind, auf Kreuzfahrtschiffen oder im Skiurlaub unterwegs waren. Also alles Menschen, die nicht sozial benachteiligt sind. Bei den notwendigen, wahrscheinlich erfolgreichen Bekämpfungsmaßnahmen der Pandemie ist dann schon die Verordnung, zuhause zu bleiben für die laut Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. etwa 650.000 Obdachlosen in diesem Land per se unerfüllbar gewesen.

Das gesamte Maßnahmenbündel inklusive des Homeschoolings ist von besser gestellten Gruppen mit einen höheren Bildungsniveau in größeren, komfortableren Wohnungen einfacher zu bewältigen gewesen. Auch hat die Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit viel mehr Berufstätige aus dem Billiglohnsektor etwa in der Gastronomie, Reinigung oder Taxigewerbe häufiger getroffen. Die Hotspots des Virus werfen aktuell auch einen erschütternden Eindruck auf die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie, in der modernes Sklaventum mit Werkverträgen und Massenunterkünften gepflegt wird. Die Politik hat mit dem Verbot von Werkverträgen eine erste Schlussfolgerung aus den Missständen gezogen. Auch die anderen deutlich gewordenen Herausforderungen liegen eher auf der Ebene der Sozialpolitik als der Gesundheitsförderung. Mehr Chancengerechtigkeit im Bildungswesen, gerechtere Entlohnung und effektive, unbürokratische Hilfen für Menschen in Notlagen haben auch unmittelbare Gesundheitseffekte. Das ist auch eine Lehre aus der Pandemie.


Welche Rolle spielt in diesen Zusammenhang die Arbeit der Landesvereinigungen für Gesundheit(sförderung)?

Die Herstellung gesundheitlicher Chancengleichheit spielte schon bei der Vereinsgründung der ältesten Landesvereinigung, nämlich der in Niedersachsen, eine zentrale Rolle. 1905 ging es da um Tuberkuloseprophylaxe in den unzumutbaren Arbeitersiedlungen in Hannover. Auch heute ist gesundheitliche Chancengleichheit das Thema, das alle Landesvereinigungen vorantreiben, deshalb sind auch dort die Koordinierungsstellen Gesundheitliche Chancengleichheit angesiedelt. Diese haben aktuell vor allem die Unterversorgungslagen von vulnerablen Bevölkerungsgruppen, etwa Obdachlosen oder Menschen mit Migrationshintergrund deutlich gemacht, Transparenz über Hilfsangebote in der Coronakrise hergestellt und Lobbyarbeit im Bereich der Landespolitik betrieben. Außerdem wurden Angebote auf die veränderten Shutdown-Rahmenbedingungen hin angepasst.


Inwiefern ändern sich, bedingt durch COVID-19, die bisherigen Ansätze zur Unterstützung vulnerabler Zielgruppen?

Die müssen sich nicht grundsätzlich ändern. Schon jetzt entwickeln die Landesvereinigungen Angebote für vulnerable Gruppen nicht von oben herab als quasi Volksbeglückung, sondern im Dialog mit ihnen. Wir in Niedersachsen lehnen auch den Begriff der „Zielgruppe“ deshalb ab, weil immer besser gebildete und besser gestellte Bevölkerungsgruppen dann auf benachteiligte Gruppen „zielen“. Wer will schon gerne selbst eine „Zielgruppe“ von irgendwas oder irgendwem sein. Da diese Top-down-Konzepte so gut wie nie erfolgreich sind, weil sie nicht angenommen werden, wird dann zu allem Überfluss die Schuld dafür bei den Menschen selber abgeladen und sie auch noch als „schwer erreichbare Zielgruppen“ diffamiert.

Eine dialogisch orientierte Gesundheitsförderung in Lebenswelten, muss sich auch nach der Krise nicht verändern, da ist eher die Frage, über welche Kanäle der Dialog organisiert wird. Was die Pandemie aber deutlich gemacht hat, ist, wie Health-in-all-Policies möglich ist, wie ernst die Politik gesundheitliche Herausforderungen nimmt. Das weiter zu fordern, auch in Richtung mehr Verhältnisprävention bei den großen Suchtthemen wie Alkohol, Tabak, Glücksspiel und Ernährung, ist eher die Aufgabe der Landesvereinigungen als Lehre aus dem aktuellen Geschehen!


In welchen Bereichen zeigt sich, dass mit den bisherigen Strategien zur Stärkung der Gesundheitlichen Chancengleichheit erfolgreich gearbeitet wurde und man nun, in der Pandemie, die bisherige Arbeit gezielt und effektiv fortführen kann?

In den Lebenswelten, also in der gesundheitsfördernden Arbeit im Quartier und in der Kommune. Die Entwicklung integrierter Handlungskonzepte auf dieser Ebene in Form von Präventionsketten für nachwachsende Generationen ist zu einem zentralen Arbeitsfeld der Landesvereinigungen geworden im letzten Jahrzehnt. Diese Netzwerke vor Ort haben auch in Zeiten der Krise funktioniert. Wenn vor Ort weniger Parallelaktivitäten heterogener Akteurinnen und Akteure stattfinden und eine gemeinsame Zielstellung wie die der Stärkung des Wohlbefindens von Kindern und Jugendlichen verfolgt werden, sind die Strukturen auch in Krisenzeiten handlungsfähig und können schnell auf veränderte Herausforderungen reagieren.


Können Sie uns dazu Beispiele nennen?

Ein weiteres erfolgreiches Beispiel ist auch das vom GKV Bündnis für Gesundheit geförderte Projekt der Verzahnung von Gesundheits- und Arbeitsmarktförderung. Hier wird die gesundheitsfördernde Angebotsentwicklung für Langzeitarbeitslose in Jobcentern vorangetrieben. Die Arbeit der Jobcenter hat sich völlig verändert durch die Krise und so bitter das auch ist, sie ist jetzt kundenfreundlicher geworden, weil die ganzen Einbestellungen und das Sanktionsregime erst mal wegfallen. Anträge per Telefon zu stellen, war vorher undenkbar in diesem Kontext. Es wurden durch die Landesvereinigungen Gesundheitsförderungsangebote für Langzeitarbeitslose, die mit diesen entwickelt worden waren, digitalisiert. Die Resonanz auf die Angebote in Rheinland-Pfalz und Niedersachsen beispielsweise ist gut. Wahrscheinlich ist eine Folge der Pandemie sowieso ein Digitalisierungsschub in den Behörden, aber auch in der Gesundheitsförderung. Das macht ganze neue Angebotsstrukturen möglich.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt COVID-19: Interview mit Dr. med. Ute Teichert, Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf und Vorstandsmitglied der BVPG.

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Thomas Altgeld | Diplompsychologe, Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V; Vorsitzender des Bundesforum Männer – Interessenverband für Jungen, Männer & Väter; langjähriges Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V., Leiter der Arbeitsgruppe 7 „Gesundheit aufwachsen“ und Arbeitsgruppe 13 „Gesundheit rund um die Geburt“ von gesundheitsziele.de; Mitglied im Gesundheitsbeirat des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB); Arbeitsschwerpunkte: Systemische Organisationsentwicklung und -beratung, gesundheitliche Chancengleichheit, Männergesundheit.

Die Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e. V. (LVG & AFS) ist ein gemeinnütziger Fachverband mit Sitz in Hannover und Bremen, gegründet 1905. Zu den Arbeitsfeldern gehören lebensweltbezogene und dialogisch orientierte Gesundheitsförderung, Beratung und Vernetzung von Akteurinnen und Akteuren aus dem Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich, Qualifizierungsangebote für Akteurinnen und Akteure sowie Öffentlichkeitsarbeit. Die LVG & AFS setzt neue Impulse für die Praxis, Forschung und Politik mit dem Ziel, zur Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit beizutragen.

Interview: Prävention und Gesundheitsförderung - Schwerpunkt COVID-19„Die Bedeutung der Gesundheitsförderung ist auch während der COVID-19-Pandemie groß“

Die COVID-19-Pandemie wirkt sich auf alle Aspekte unseres Lebens aus und hat tiefgreifende sozioökonomische Folgen für die gesamte Bevölkerung – doch besonders trifft sie die Schwächsten und Vulnerabelsten der Gesellschaft. Welche Veränderungen ergeben sich durch die Pandemie im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung? Welche Maßnahmen sind notwendig? Diese Fragen beantwortet uns Dr. med. Ute Teichert, Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf und langjähriges Vorstandsmitglied der BVPG. Auf den BVPG-Statuskonferenzen und den gemeinsamen Präventionskongressen des Bundesministeriums für Gesundheit und der BVPG war Frau Dr. Teichert als Moderatorin tätig.

Welchen Beitrag kann Gesundheitsförderung leisten, um wirksam mit der COVID-19-Pandemie umzugehen?

Die Bedeutung der Gesundheitsförderung ist auch während der Pandemie groß und kann an verschiedenen Punkten ansetzen:

Bei gesundheitsfördernden Angeboten ist zu berücksichtigen, dass sich die Bevölkerung voraussichtlich noch länger in einer Ausnahmesituation befinden wird. Insbesondere das Thema soziale Isolation und deren Folgen sind dabei in den Fokus zu nehmen. Soziale Isolation trifft Menschen in sehr verschiedenen Situationen und Settings.

Zu dem Thema soziale Isolation sind von dem Kompetenznetz Public Health zu COVID-19 bereits verschiedenen Policy Briefs und Fact Sheets veröffentlicht worden. Sie verweisen u.a. darauf, dass die soziale Isolation nicht nur durch die mittlerweile gelockerten Kontaktbeschränkungen zustande kommt, sondern beispielsweise auch für Personen im Homeoffice ein Risiko darstellt.


Durch die Pandemie ist derzeit die Durchführung der gesundheitsfördernden Angebote oft nicht möglich.

Genau – viele gesundheitsfördernde Angebote können aufgrund von Hygiene- und Abstandsregelungen nicht in gewohnter Art und Weise durchgeführt werden, beispielsweise sind gruppenbezogene Bewegungsangebote nur in eingeschränktem Maß möglich.

Gesundheitsförderung muss sich auf die veränderten Bedingungen einstellen und hierbei zu neuen Konzepten kommen, die digitale Angebotsformen mitberücksichtigen. Neben Beratungsangeboten sind auch Online-Schulungen zum Selbstmanagement in der Krise, zur gesundheitsförderlichen Gestaltung des Homeoffice etc. mit zu berücksichtigen. Zentrale Aspekte der Gesundheitsförderung wie Teilhabe/Partizipation, Capacity Building und Empowerment spielen auch bei digitalen Angebotsformen eine wichtige Rolle.


Über COVID-19 wird viel berichtet. Jeden Tag gibt es neue Informationen. Welche Bedeutung hat die Stärkung der Gesundheitskompetenz?

Die Gesundheitsförderung kann bei der Stärkung der Gesundheitskompetenz einen wichtigen Beitrag leisten. Die Bevölkerung ist in hohem Maße verunsichert. Dazu tragen zwei Aspekte bei. Menschen werden erstmals mit empirischer Forschung live konfrontiert. Die Prinzipien des empirischen Forschungsprozesses, also Hypothese, Antithese, Synthese, und des wissenschaftlichen Arbeitens sind in der Bevölkerung verständlicherweise kaum bekannt. Dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bei einer unbekannten Situation im Umgang mit einem neuartigen Virus zu unterschiedlichen Aussagen und Forschungsergebnissen kommen können, ist für die Bevölkerung nur schwer verständlich. Hier kann die Gesundheitsförderung einen Beitrag zur Steigerung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung leisten.

Zusätzlich tragen Falschnachrichten in hohem Maße zur Verunsicherung bei. Zum Umgang mit Falschnachrichten in den Medien ist ebenfalls ein Fact Sheet des Kompetenznetzes Public Health zu COVID-19 veröffentlicht worden. Einen wesentlichen Beitrag könnte hier beispielsweise die BZgA leisten, indem sie allgemeinverständliche und Informationen in leichter Sprache zu COVID-19 und zum Sars-CoV-2 bereitstellt.


Sozioökonomische Faktoren haben Einfluss darauf, ob man an COVID-19 erkrankt und wie die Krankheit verläuft. Was heißt das für die Gesundheitsförderung?

Gesundheitsfördernde Angebote müssen insbesondere Personen in den Blick nehmen, die aufgrund ihres sozioökonomischen Status in stärkerem Maße betroffen sind. Analysen aus USA und UK zeigen, dass es einen starken sozialen Gradienten in der Ausbreitung des Sars-CoV-2 gibt und die Mortalität um ein Vielfaches höher ist als bei nicht deprivierten Personen. Eine weitere Studie aus Schottland kommt zu einem ähnlichen Ergebnis.

Für Deutschland liegen hierzu noch keine gesicherten Erkenntnisse vor. In einem Hintergrundpapier des Kompetenznetzes Public Health zu COVID-19 über „Indirekte Gesundheitsfolgen der aktuellen Maßnahmen zum Infektionsschutz in Deutschland“ kommen die Autorinnen und Autoren zu dem Schluss, dass auch in Deutschland diese Menschen den „höchsten Preis“ zahlen werden. Ein kaum beachteter Personenkreis sind Wohnungs- und Obdachlose. Nicht nur, dass sie kein Zuhause haben, indem sie bleiben können, auch der größte Teil der Unterstützungsstrukturen wie Tafeln, Unterkünfte und Bahnhofsmissionen ist bzw. war weggebrochen.

Gesundheitsförderung für sozial Deprivierte muss auf einer anderen Ebene ansetzen. Hier stehen strukturelle und existenzsichernde Maßnahmen in Wahrsten Sinne des Wortes im Vordergrund. Das heißt Maßnahmen müssen hier direkt auf das Überleben der Personen abzielen.

Zusätzlich sind Familien in den Blick zu nehmen. Kita- und Schulschließungen, fehlende Betreuungsmöglichkeiten und Hilfen durch den Allgemeinen Sozialdienst, das Jugendamt und anderen Einrichtungen haben dazu beigetragen, dass insbesondere sozial deprivierte Familien aufgrund ihrer Wohn- und Arbeitssituation und die dadurch gegebenenfalls bedingte finanzielle Notlage in hohem Maße belastet sind.

Erste Erkenntnisse weisen auf zunehmende Zahlen von Kindesvernachlässigung und -misshandlung hin. Für diesen Personenkreis gilt ebenso, dass die Aufrechterhaltung bzw. Wiederinbetriebnahme der Angebote und Betreuungen sowie weiterführende Hilfen zum Lebensunterhalt zentral sind. Gesundheitsförderung muss hier auf eine strukturelle Änderung hinwirken, um dadurch mittelbar die Gesundheit dieser Familien zu schützen.

Ebenfalls in den Blick zu nehmen sind systemrelevante Berufsgruppen sowie Akteurinnen und Akteure kritischer Infrastrukturen, kurz KRITIS, hier insbesondere Angehörige der Gesundheitsberufe, die ein extrem hohes und belastendes Arbeitsaufkommen haben sowie diejenigen, die infolge der Krise in Not geraten sind.

Wichtig ist auch der Fokus auf Familien und deren Lebensalltag. Durch den Wegfall der Betreuung der Kinder in Kindertagestätten und Schulen, konzentriert sich das Zusammenleben im Setting „Familie“. Hier müssen ad hoc viele verschiedene Anforderungen erfüllt werden. Neben der Organisation des Alltags, müssen auch die Aufgaben der Schule bei gleichzeitig stattfindendem Home Office gestemmt werden. Hier könnte die Gesundheitsförderung ansetzen, um Familien in der Krise zu stärken. Zu prüfen ist etwa, in welchem Rahmen erfolgreich aufgebaute Präventionsketten ihre Arbeit wieder aufnehmen können.


Inwiefern könnte man die Pandemie als Weckruf bezeichnen, die den Blick auf die Prävalenz und die Beeinflussbarkeit für das Entstehen von nichtübertragbaren Krankheiten (non-communicable diseases, NCDs) wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und deren Risikofaktoren nochmals schärft?

Dieser Weckruf ist leider noch nicht überall angekommen. Dass erst die Pandemie dazu beiträgt, den Blick auf die seit Jahren zunehmende Prävalenz von NCDs zu schärfen, ist an sich schon ein Umstand, der zu bedauern ist. Gleichzeitig deutet dies darauf hin, dass viele der bisher vorhandenen Maßnahmen wenig wirksam und nachhaltig waren.


Woran liegt das?

Mit verhaltensbezogenen Präventionsangeboten wird seit Jahrzehnten versucht, Menschen zu einem anderen Lebensstil zu bewegen. Tatsächlich ist es so, dass auch hier die sozialen Bedingungen unter denen Menschen leben, wohnen und arbeiten, einen bedeutenden Anteil daran haben. Das Institute of Health Equity des University College London unter Leitung von Prof. Sir Michael Marmot hat dazu verschiedene Berichte veröffentlicht. Insbesondere unter der Überschrift „The causes of the causes“ wird seit langem betont, dass Risikoverhaltensweisen am Ende eines Pfades liegen und alleine deren Veränderung nicht zu einer nachhaltigen Verbesserung der gesundheitlichen Chancen führen kann.


Das Konzept der Gesundheitsförderung baut auf Prinzipien wie Autonomie, Empowerment, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Intersektoralität auf. Müssen wir diese Prinzipien im Lichte von COVID-19 überdenken oder neu ausrichten?

Nein, meines Erachtens müssen diese Prinzipien nicht neu ausgerichtet werden. Sie sollten nur ihre konsequente Anwendung finden. Das bedeutet zum Beispiel auch, dass Akteurinnen und Akteure der Gesundheitsförderung in einer Pandemie Berührungspunkte mit der Infektionsepidemiologie haben und sich diese wiederum mit den Auswirkungen sozialer Determinanten auf Gesundheit und Krankheit auseinandersetzen muss. In diesen Bereichen müssen dann Berührungsängste abgebaut werden. Das birgt die Chance neuer Netzwerke und Konstellationen, die wir unbedingt nutzen sollten.

Gesundheit muss in allen Politikbereichen eine Rolle spielen. Der Health in All Policies- Ansatz impliziert die Verankerung bzw. Berücksichtigung gesundheitlicher Belange in allen Politikbereichen. Hierbei geht es um ein sich gegenseitig ergänzendes und nicht widerstreitendes Miteinander.


Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Ein wirklich gutes Beispiel ist die Stadt Utrecht in den Niederlanden. Dort wird konsequent eine Gesundheitsfolgenabschätzung, also ein Health Impact Assessment, bei neuen Projekten durchgeführt. Dadurch hat sich beispielsweise das Fachpersonal im Öffentlichen Gesundheitsdienst um ein Vielfaches erhöht.


Der Gesetzgeber hat erst kürzlich mit dem „Zweiten Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ zentrale Punkte im Infektionsschutzgesetz angepasst und dabei den Öffentlichen Gesundheitsdienst gestärkt. Erwarten Sie dadurch Veränderungen in der nationalen Gesundheitsförderungs- und Präventions-“Landschaft“?

Ja, das erwarte ich, denn die Veränderungen sind dringend notwendig. Es ist dringend erforderlich, dass die personelle Stärkung durch Fachkräfte im ÖGD dauerhaft umgesetzt wird und nicht nur auf die Zeit der Pandemie beschränkt bleibt. Nur Hilfskräfte in der Pandemie in die Gesundheitsämter zu schicken, reicht nicht aus.

Schon zu normalen Zeiten sind die Gesundheitsämter personell so schlecht aufgestellt, dass sie ihre originären Aufgaben nicht erfüllen können. Deswegen ist die im Gesetz vorgesehene Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes dringend notwendig. Ich würde mir aber wünschen, dass dies noch deutlich erweitert wird, denn das ist nur „ein Tropfen auf dem heißen Stein“.

Gesundheitsförderung und Prävention sind als Aufgabenbereiche des Öffentlichen Gesundheitsdienstes in den letzten Wochen völlig aus dem Blickfeld gerutscht, was ich sehr bedauere. Gerade während der Pandemie wäre es unheimlich wichtig, das Hygieneverhalten und die Gesundheitskompetenz aller zu stärken. Wenn mit Blick auf Hygiene sich alle Bevölkerungsgruppen an präventive Verhaltensmaßnahmen halten würden, bräuchten wir über so drastische Einschnitte wie Lockdown nicht mehr zu sprechen.

Insofern fände ich es wichtig, dass sich alle Akteurinnen und Akteure in diese Richtung aufstellen. Dabei erscheint es mir von zentraler Bedeutung, „Schubladen“ im Kopf zu überwinden. Prävention und Gesundheitsförderung funktionieren auch im Bereich Infektionsschutz, man muss nur den Horizont erweitern und anders denken. Dem Ziel des Gesundheitsschutzes der Bevölkerung können wir uns alle gemeinsam verpflichten. Ein guter Ansatz dazu ist die Initiative „Hygienetipps für Kids“, die zahlreiche Angebote für diesen Bereich enthält.


Die Fragen stellten Dr. Beate Grossmann und Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Dr. med. Ute Teichert | Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen und Gesundheitswissenschaftlerin; Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf; Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V.; Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.; seit 1998 ist im Öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.

Die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen mit Sitz in Düsseldorf ist eine öffentlich-rechtliche Bildungsinstitution, die von den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein finanziert wird. Sie wurde 1971 als bundesweit einzige länderübergreifende Einrichtung zur Aus-, Fort- und Weiterbildung aller Beschäftigten im Öffentlichen Gesundheitsdienst gegründet. Ferner gehört die angewandte Forschung im Bereich des Öffentlichen Gesundheitswesen zu ihren Aufgaben.

Interview: mHealth in der Prävention und Gesundheitsförderung – Reflexion des digitalen Wandels„Ethik von mHealth ist mehr als die Diskussion von Daten und Datenschutz“

Regelmäßig werden ethische Bedenken hinsichtlich mHealth geäußert – insbesondere mit Blick auf den Datenschutz, die Intransparenz und den möglichen Bias der Algorithmen. Eine kritisch reflektierende Betrachtung von mHealth stößt jedoch darüber hinaus auf weitere Fragen, die mit der Vulnerabilität der Nutzenden zusammenhängt. Unsere Interviewpartnerin ist Dr. med. Verina Wild, stellvertretende Direktorin am Institut für Ethik, Theorie und Geschichte der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Leiterin der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsgruppe „META“ zu ethischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Aspekten mobiler Gesundheitstechnologien. Auf der 18. BVPG-Statuskonferenz „Digitalisierung und Gesundheitsförderung: Schwerpunkt mHealth“ hat sie zum Thema „mHealth: Refexion des digitalen Wandels“ referiert.

Für mHealth-Angebote gibt es derzeit kein einheitliches Gesetz. Wo liegt das Problem?

Zunächst einmal möchte ich auf die neue Digitale-Gesundheitsanwendungen-Verordnung (DiGAV) hinweisen, die derzeit als Referentenentwurf vom Bundesministerium für Gesundheit vorliegt. Hier werden die Technologien reguliert, deren Kosten in Zukunft durch das ebenfalls neue Digitale Versorgung-Gesetz (DGV) rückerstattet werden können. Es tut sich also einiges im gesetzlichen Bereich. 

Aber Sie haben Recht, es ist nicht so einfach. Zu Beginn unseres BMBF-geförderten Forschungsprojektes „META“ (mHealth: Ethische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte im technologischen Zeitalter) baten wir eine angehende Juristin, für uns die Gesetzeslage zu mHealth zusammenzustellen. Das war sehr anspruchsvoll, da mHealth-Angebote viele verschiedene juristische Bereiche betreffen. Das erstreckt sich von Haftungs- und Patentfragen über IT-Recht bis hin zu Regelung von Prävention, Medizin, Medizinprodukten und biomedizinischer Forschung. Wenn man an Datenmissbrauch und an bestimmte Formen von Hacking denkt, wird auch das Strafrecht relevant. Es sind also verschiedene Rechtsgebiete betroffen, das erschwert die Regulierung von mHealth-Angeboten. 

Bei dem Nachdenken über Gesetze ergeben sich außerdem definitorische Schwierigkeiten: Wie grenzt man zum Beispiel Wellness- und Lifestyle- von Medizinprodukten ab? Eine der zentralen Fragen dahinter ist: Was ist denn Gesundheit, was ist Krankheit? Eigentlich bräuchten wir die Klärung dieser Fragen, um bestimmen zu können, welches mHealth Angebot für welches Ziel steht und wie es jeweils reguliert werden sollte. Aber wir haben in unserer Forschung festgestellt, dass die verschiedenen Anwendungsbereiche (z.B. Wellness, Prävention, Gesundheitsförderung, Krankheitsmanagement) sowohl praktisch als auch theoretisch schwierig voneinander abgrenzbar sind.

Ein zusätzliches Problem ist der geographische Fokus: Ist es überhaupt möglich, etwas national zu regulieren, was nicht auf Deutschland begrenzbar ist? Schließlich sind ja die mHealth-Angebote, die Entwickler, die Anbieterplattformen, die weiterführenden Interessengruppen aus dem Bereich Social Media oder Marketing häufig international aufgestellt. Nutzende laden sich Apps aus aller Welt herunter und vernetzen sich auf Social Media völlig selbstverständlich unabhängig geographischer Grenzen. 

Weitere Herausforderungen liegen unter anderem in der Schnelligkeit und Dynamik der Entwicklungszyklen und in der Adaptierbarkeit, die mHealth ja gerade so attraktiv machen. Wollen wir beispielsweise Qualitätsstandards festlegen – was wir ja derzeit vielerorts versuchen zu tun – müssen wir diese Dynamik mitberücksichtigen. Es ist aber noch nicht klar, wie. Wie gehen wir mit Apps um, die anhand bestimmter Qualitätsstandards zertifiziert wurden, an denen aber regelmäßig Softwareupdates vorgenommen werden?


Gesundheitsethiker sehen neben dem Datenschutz auch den Umgang mit den Unmengen an erhobenen Daten kritisch. Welche Probleme gibt es aus Ihrer Sicht in diesem Bereich?

Es wäre gut, wenn die „Unmengen an Daten“ einen Sinn und Nutzen für die Allgemeinheit haben könnten, wenn ihre Auswertung zum Beispiel zu epidemiologischem Erkenntnisgewinn führen würde oder zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung oder auch zur besseren Erhebung und Evaluation von Nebenwirkungen von Medikamenten, usw. Allerdings ist es nicht klar, wie der Zugang zu diesen Daten und ihre sinnvolle vernetzte Analyse organisiert werden könnte. Die Daten sind kompartimentalisiert, das heißt, Teile der „Unmengen an Daten“ gehören einem, Teile einem anderen. Sie sind nicht frei verfügbar. Wenn wir uns vorstellen, dass die Daten in einem open access-Verfahren z.B. für Forschende und Gesundheitsorganisationen zugänglich sein sollen, dann müssten die einzelnen Anbieter, die sie sammeln, sie auch bereitstellen. Die Daten sind aber ihr höchstes Gut. Jemand, der mit Daten Profit macht, ist vielleicht nicht so einfach bereit, sie zur Verfügung zu stellen. 

Als eine weitere Möglichkeit zur Nutzung von Daten wird die Datenspende diskutiert. Hier soll also jemand, dessen Daten erhoben werden, sie für einen allgemein sinnvollen Zweck (wie epidemiologische Forschung) zur Verfügung stellen. Auch hier ist es nicht klar, ob und wie eine solche Spende ethisch einzuschätzen ist – vorausgesetzt, es besteht Interesse daran, sie umzusetzen und sie ist technisch und juristisch möglich. Kann man die Menge und Art der erhobenen Daten einschätzen, wenn man kein Experte für Datenanalyse ist? Eigentlich müsste man als Datenspender ja verstehen, welche Daten wie erhoben werden und was mit ihnen gemacht wird. Das ist einerseits so komplex, dass wir hier wahrscheinlich noch viel mehr Aufklärung und Bildung brauchen. Andererseits ist heute teilweise noch gar nicht bekannt, was in Zukunft mit Daten und Vernetzung von Datensätzen überhaupt möglich sein wird und ob Anonymität langfristig gewährleistet sein kann – viele meinen wahrscheinlich eher nicht. Es müsste also sehr genau definiert sein, an wen die Daten zu welchem Zweck gespendet werden und wie der Schutz der spendenden Person auch langfristig gewährleistet ist. 

Ein anderer Aspekt sind mögliche Biases in den zunehmend riesigen Datensätzen. Wir wissen heute ja, dass sich zum Beispiel der Herzinfarkt bei Frauen anders auswirkt als bei Männern, aber lange Zeit wurde das in der Medizin ignoriert. Es gibt auch heute noch zahlreiche Beispiele solcher „Biases“ in Hinblick auf Geschlecht, Hautfarbe oder anderes. Diese Fehler in der Medizin werden heutzutage teilweise in die Algorithmen von mHealth-Technologie eingeschrieben. Bei der Nutzung dieser von vorneherein gebiasten Technologie werden dann Nutzerdaten gesammelt. Diese Daten dienen dazu, die sogenannten “lernenden” Algorithmen weiter zu füttern und eigentlich zu verbessern. Wenn dieser Prozess aber von vorneherein falsch angelegt ist, kann sich ein solcher Fehler immer tiefer in die Algorithmen einschreiben und letztendlich nur noch schwer zu korrigieren sein. Es gibt einerseits noch viel zu wenig Sensibilität für diese Biases, die vermieden werden sollten und andererseits wissen wir, dass Daten und Graphiken gerne geglaubt wird. So sehr übrigens, dass manche der App und ihren Angaben mehr glauben als empirischen Befunden oder komplexeren Erklärungsansätzen für die „Wirklichkeit“.


In der für Deutschland repräsentativen Stichprobe wiesen 54,3 % der Befragten eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz auf. Was bedeutet dies für die Nutzung von mHealth-Anwendungen? Oder anders gefragt: Wie beeinflusst mHealth das Verhältnis von Eigenverantwortung für Gesundheit und Gerechtigkeit?

Im öffentlichen Diskurs über mHealth (zum Beispiel im Bereich von Politik, Medien, Beschreibung und Marketing von mHealth) sehe ich eine sehr positive Auslegung der Begriffe Empowerment, Partizipation, Eigenverantwortung für Gesundheit. Es ist auch aus ethischer Sicht auf den ersten Blick gut, wenn gesunde oder kranke Nutzende beteiligt sind an ihrem Gesunderhaltungs- oder Genesungsprozess oder in ihrem Krankheitsmanagement, wenn sie sich damit identifizieren, wenn sie motiviert sind, wenn sie verstehen, was passiert und sich selbst gestärkt und gehört fühlen. All dies steckt in den Begriffen Empowerment, Partizipation und Eigenverantwortung für Gesundheit. 

Diese Begriffe dürfen aber nicht nur als positiver Effekt von mHealth schlagwortartig behauptet werden, sondern es muss auch belegbar so stattfinden, um wirklich als „gut“ bewertet zu werden. Hier ist u.a. die von Ihnen angesprochene Gesundheitskompetenz ganz zentral. Nur jemand, der weiß, worum es geht, kann auch wirklich eigenverantwortlich und „empowered“ entscheiden und handeln. Manche Nutzende verstehen aber nicht, was mit den Daten passiert oder wie Algorithmen geschrieben werden und funktionieren. Sie fühlen sich vielleicht durch die Technologien überfordert, unter Druck, überwacht oder kontrolliert. Das wäre dann gar kein Empowerment, im Gegenteil. Wie und ob Empowerment und Partizipation sich tatsächlich einstellt und auch als positiv empfunden wird, muss die Forschung erst noch besser herausfinden. 

Aber auch gesamtgesellschaftlich müssen wir uns fragen, was sinnvoll ist und wo womöglich Grenzen der Eigenverantwortung liegen. Die Frage, ob mHealth „gerecht“ ist, hört häufig beim Zugang schon auf: Wer hat Zugang zu den Technologien und können alle sie gleichermaßen gut nutzen? 

Aber ich glaube, es gibt hier auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Beispielsweise ist es ja belegt, dass nicht nur das eigene Verhalten die Gesundheit beeinflusst. Es gibt auch soziale Determinanten und strukturelle Faktoren, die die Gesundheit beeinflussen. Das kann mit Bildung, Arbeitsbedingungen, Einkommen und Erziehung zu tun haben. Oder mit der jeweiligen Wohn- und Lebensumgebung und speziellen klimatischen Bedingungen. Diese Faktoren und Bedingungen führen dazu, dass manche Gruppen eine höhere Krankheitswahrscheinlichkeit haben als andere. Selbst wenn alle Bevölkerungsgruppen nun gleichen Zugang zu mHealth haben, profitieren einige Gruppen vielleicht mehr als andere davon, weil sie aufgrund von Bildung, Einkommen, Lebensbedingungen, Umwelt bessere Möglichkeiten haben, Eigenverantwortung und Partizipation für sich auch sinnvoll umzusetzen. Wenn wir unser Gesundheitssystem nun tatsächlich vermehrt auf Apps und Wearables umstellen (z.B. mit Anreiz- und Bonussystemen bei Krankenkassen) muss uns bewusst sein, was mit diesem Shift vielleicht auf problematische Weise aus dem Blick gerät. Es können sich Fragen der sozialen Gerechtigkeit ergeben, die über die Verantwortung des Einzelnen und über Zugang zu Technologie hinaus gehen und politisch und gesellschaftlich gelöst werden müssten.


Und was macht das Bestreben nach verbesserten „getrackten“ Gesundheitsdaten mit dem eigenen Verständnis von Gesundheit und der Beziehung zum eigenen Körper?

MHealth bietet wirklich interessante und attraktive Möglichkeiten, ein besseres Verständnis für den eigenen Körper, die Körpervorgänge und Gesundheit und Krankheit zu bekommen. Wir lesen und hören von positiven Erfahrungen, weil Nutzende besser schlafen, regelmäßiger Sport treiben, ihr Blutzuckerprofil besser unter Kontrolle haben, aufgehört haben zu rauchen oder anderes, weil sie Hilfe durch eine gute App oder einen digitalen Sensor oder ähnliches haben. Das ist aus ethischer Sicht sinnvoll und gut, denn es kann zu besserer Gesundheit und Lebensqualität führen. 

Aber auch hier gibt es eine Kehrseite. Wir wissen, dass das konstante Tracking, das Wissen um Körpervorgänge und die Möglichkeit, sich mit anderen zu vergleichen, auch belastend sein kann. Es kann zu Gefühlen der ständigen Überwachung und Kontrolle und zu Schuldgefühlen kommen. Lustbetonte Aktivitäten zum Beispiel im Bereich von Ernährung oder Sexualität fühlen sich für manche auf einmal belastet und beschwert an. Es kann zu Suchtverhalten kommen, wenn die Anforderungen z.B. von einer Fitness-App zu ernst genommen werden und die graphische Darstellbarkeit der eigenen Leistung zu immer weiteren Leistungssteigerungen animiert. Es gibt auch Berichte, dass Personen sich erst dann schwach oder krank fühlen, wenn die App ihnen „schlechte“ Werte mitteilt. Was passiert da also mit unserem Körpergefühl? Manche Jugendliche, die ihre getrackten Werte untereinander teilen, berichten auch von einer zunehmenden Minderung des Selbstwertgefühls, je mehr sie digitale Angebote nutzen.

Ich denke, wir sollten hier ganz genau hinschauen, um gerade bei Kindern und Jugendlichen oder anderen solcher „vulnerablen Gruppen“ Probleme zu erkennen und sie bestmöglich im Umgang mit den Technologien zu unterstützen. Es gibt dazu bereits kritische philosophische, soziologische und sozialempirische Forschung, die einiges aufdeckt, was zum Nachdenken anregt. Hier ist aber noch viel mehr Forschung nötig. Ich fände es außerdem gut, wenn es dazu mehr Diskussion in der Bevölkerung gäbe. Denn es wird immer wieder deutlich: Ethik von mHealth ist mehr als die Diskussion von Daten und Datenschutz. In meiner Forschungsgruppe arbeiten wir deshalb gerade an einer Webseite, die bald online geht (about-mHealth.net), auf der wir viele dieser Aspekte auf hoffentlich ansprechende Weise für einen intensiven Austausch zur Verfügung stellen möchten.


Die Fragen stellte Inke Ruhe, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Mehr zu Digitalisierung in Prävention und Gesundheitsförderung erfahren Sie hier.

PD Dr. med. Verina Wild | Forschung und Lehre im Bereich Medizinethik, Bioethik, Public Health Ethik, Global Health Ethics; Stellvertretende Direktorin Institut für Ethik, Theorie und Geschichte der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München; Leitung der BMBF-geförderten Forschungsgruppe „META“ zu ethischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Aspekten mobiler Gesundheitstechnologien (www.meta.med.uni-muenchen.de); Mitglied des Ausschuss „Digitalisierung der Gesundheitsversorgung“ der Bundesärztekammer.