Interview zum Weltgesundheitstag 2021 – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit„Die Chancen für ein gesundes Leben sind in Deutschland ungleich verteilt“

Im 19. Jahrhundert als Antwort auf die wachsende soziale Not der Menschen entstanden, setzen sich die Wohlfahrtsverbände für die Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit insbesondere von sozial benachteiligten Menschen ein. Anlässlich des diesjährigen Weltgesundheitstages mit dem Schwerpunkt „Gesundheitliche Chancengleichheit“ erläutern vier Vertreterinnen und Vertreter der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege – Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik, Deutscher Caritasverband, Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik Diakonie Deutschland und Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband – ihre Strategien zur Erreichbarkeit vulnerabler Zielgruppen und die Relevanz von Prävention und Gesundheitsförderung.

Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Strategien bzw. Maßnahmen, um vulnerable Zielgruppen erfolgreich zu erreichen?

Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes: Präventionsstrategien und -maßnahmen sollten als langfristig angelegte Vorhaben verstanden werden, die an individuellen Verhaltensweisen und gleichzeitig unbedingt auch an gesellschaftlichen Strukturen ansetzen. Ziel sollte die Gestaltung gesundheitsfördernder Lebens- und Wohnbedingungen sein. Um dies zu erreichen, müssen alle relevanten Akteurinnen und Akteure – die Sozialversicherungsträger, der Bund, die Länder und Kommunen – aber auch die Bürgerinnen und Bürger miteinbezogen werden.

Da gesundheitsfördernde Konzepte bei den Lebenswelten ansetzen müssen, um speziell benachteiligte Menschen zu erreichen, ist es aus Sicht der Arbeiterwohlfahrt (AWO) wirksam und zielführend, den Ansatz der Quartiersentwicklung, als Baustein sozialräumlicher Arbeit, mit dem Thema Prävention zu verknüpfen. Als Verband der Freien Wohlfahrtspflege ist die AWO mit ihren Einrichtungen und Diensten vor Ort tief in den Lebenswelten der Menschen verankert und setzt mit dem Ansatz der Quartiersentwicklung unmittelbar im Wohnumfeld an. So gelangt Unterstützung dorthin, wo sie benötigt wird.


Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik, Deutscher Caritasverband: Auffindbarkeit und Durchlässigkeit sind Eigenschaften, die ich hervorheben möchte, um erfolgreiche Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung für vulnerable Gruppen zu kennzeichnen. Gerade sie – Menschen in der Obdachlosigkeit, Menschen mit besonderen psychischen Belastungen, Menschen mit sehr geringen Bildungsvoraussetzungen – werden nicht erreicht, wenn der Nutzungsmöglichkeit des Angebots eine aufwändige Such- und Anmeldeprozedur vorausgeht.

Ein Erfolgsbeispiel sind für mich die Babylotsendienste. Sie sind in der Geburtsklinik „einfach da“, wenn das Baby zur Welt kommt und wenn sich die jungen Eltern in den Unterstützungsstrukturen zurechtfinden müssen. Ohne Einkommen und Belastungssituation detailliert erhoben zu haben, gehen sie auf die Mütter zu und öffnen ihnen die Tür in das System Früher Hilfen. Da-Seins-Vorsorge im allerbesten Wortsinn.


Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik, Diakonie Deutschland: Es sind sehr unterschiedliche Gruppen in unterschiedlichen Lebenslagen, die unter dem Begriff der vulnerablen Gruppen gefasst werden. Das macht allgemeine Aussagen schwer. Sie werden der Besonderheit der jeweiligen Gruppe nicht gerecht, insbesondere nicht den einzelnen Personen, die so zusammengefasst werden.

Aus diesem Sachverhalt kann man meines Erachtens schon drei Dinge ableiten:

Erstens ist es wichtig, gemeinsam mit den betroffenen Menschen zu arbeiten und nicht über sie zu bestimmen. Am Beispiel der gesundheitlichen Versorgung von sehr alten Menschen, die oftmals mehrere chronische Krankheiten haben, vielleicht in ihrer Selbständigkeit eingeschränkt oder auch sozial isoliert leben, kann man die Situation deutlich machen: Je nach Kontext, je nach Problemkonstellation und vor allen Dingen je nach den Wünschen der betroffenen Menschen stehen ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Maßnahmen im Vordergrund. Oftmals ist es auch etwas anderes als eine medizinische Untersuchung. Es ist vielleicht die Teilnahme an einem Gesprächskreis, einem Gottesdienst oder der Besuch der Stadtteilbücherei. Begegnung und Teilhabe sind gerade bei eingeschränkter Selbstständigkeit wichtig und zugleich ein Anliegen von Prävention.

Zweitens kommt dem öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) eine wichtige Rolle zu. Meines Erachtens sollte es die Aufgabe eines gut aufgestellten ÖGDs sein, auch die Bedarfe von Gruppen zu identifizieren, die am Rande des gesundheitlichen und sozialen Regelsystems stehen.

Drittens, um vulnerable Gruppe erfolgreich zu erreichen, brauchen wir Dienste, die die Lebenswirklichkeit der Menschen kennen und sie auch in ihren „Settings“ aufsuchen. Im Bereich der Arbeit mit suchtabhängigen Menschen kann das etwa die Straßensozialarbeit sein. Wenn wir bei der Gruppe hochaltriger Menschen bleiben, wäre der präventive Hausbesuch ein gutes Instrument, um in einem ersten Gespräch zu informieren, zu beraten und gemeinsam Leistungen zu erschließen.


Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband: Die Chancen für ein gesundes und langes Leben sind in Deutschland extrem ungleich verteilt. Die sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen folgt dabei der sozialen Schichtung von Gesellschaft – Einkommen, Bildung, Stellung im Beruf. Versuche, das Gesundheitsverhalten durch Information, Erziehung, Kurse, Kampagnen und Aufklärung zu verändern, führen zu nur geringen und meist auch nicht nachhaltigen Erfolgen. Und auch Verbesserungen der medizinischen Versorgung können dieses Problem nur geringfügig vermindern.

Wir wissen, dass wir vor allem nicht-medizinische Interventionen und Strategien der Prävention und Gesundheitsförderung brauchen, die insbesondere bei sozial benachteiligten Menschen Erkrankungen verhüten oder zeitlich verschieben. Bei den Bemühungen um Schaffung von gesundheitlicher Chancengleichheit sind partizipative Lebenswelt-Interventionen, also der Setting-Ansatz, eine Schlüsselstrategie. Diese sind bislang der beste Zugang, um Verhältnisse und Verhaltensanreize zu verändern, Gesundheitsbelastungen zu senken und gleichermaßen Gesundheitsressourcen zu steigern.

Solche Interventionen entfalten erst dann ihre Wirksamkeit, wenn sie nicht nur auf die Veränderung der Lebensweise bzw. des Verhaltens abzielen, sondern auch materielle und sozial belastende ebenso wie stärkende Faktoren und Anreize der physischen und sozialen Umwelt einbeziehen. Kontextkenntnisse sowie aktive Mitwirkung von Zielgruppen sind dabei unerlässlich. Damit wird an den tatsächlichen Bedürfnissen der Zielgruppe angesetzt und direkte Partizipation bei der Gestaltung der eigenen Lebensbedingungen ermöglicht. Die Wohlfahrtsverbände als Träger von Lebenswelten für sozial benachteiligte Menschen sind ein unverzichtbarer Akteur, der dazu beitragen kann, diese Zielgruppen zu erreichen.



Für wie relevant erachten Sie Ansätze der Prävention und Gesundheitsförderung, um gesundheitlichen Ungleichheiten frühzeitig und effizient entgegenzuwirken?

Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes: Der Gesundheitszustand wird neben dem Gesundheitsverhalten, sprich unserer individuellen Lebensweise, auch maßgeblich über die Lebensverhältnisse beeinflusst. In zahlreichen Studien konnten gravierende Auswirkungen von erschwerten Lebenslagen auf den Gesundheitszustand nachgewiesen werden: Menschen in schwieriger sozialer Lage sterben früher und verbringen wesentlich weniger Jahre bei guter Gesundheit als jene mit höherem sozioökonomischem Status. Deshalb sollten insbesondere sozial benachteiligte Menschen frühzeitig in den Fokus von Gesundheitsförderung und Prävention treten.

In anwaltschaftlicher Funktion für sozial benachteiligte Menschen setzt sich die AWO mit Nachdruck für gleiche Gesundheitschancen ein. Alle Menschen müssen die gleichen Chancen auf eine gute gesundheitliche Versorgung haben – unabhängig von Herkunft, Alter, Behinderung oder Geldbeutel.

Eine gerechte Gesundheitsversorgung ist ein wesentlicher Baustein für ein starkes Miteinander der Menschen innerhalb der Gesellschaft. Um gesundheitlichen Ungleichheiten frühzeitig entgegen zu wirken, müssen lokale Strategien der Gesundheitsförderung und Prävention partizipativ mit den Menschen entwickelt und umgesetzt werden. Es geht vor allem darum, die Voraussetzungen für Beteiligung zu schaffen, damit Menschen ermächtigt werden, ihre gesundheitsbezogenen Belange wahrzunehmen und mitzugestalten.


Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik, Deutscher Caritasverband: Soziale Ungleichheit und gesundheitliche Risiken sind vielfältig miteinander verbunden und verstärken sich gegenseitig. Das hat zuletzt die Corona-Pandemie überdeutlich sichtbar gemacht. Daher müssen Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut und Maßnahmen präventiver Gesundheitsförderung als zusammengehörige Bausteine einer ganzheitlichen Teilhabechancenpolitik verstanden werden – Stichwort „gesundheitsfördernde Gesamtpolitik“, „Health in All Policies“.

Konkret heißt das aus der Perspektive der Wohlfahrtsverbände: Vor Maßnahmen der Verhaltensprävention, die beim einzelnen Menschen ansetzen, müssen dringend die Verhältnisse in den Blick genommen werden, in denen die Menschen leben. Um die gesundheitliche Chancengleichheit zu ermöglichen, ist die Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse dringend notwendig – die Angebote der sozialen Daseinsvorsorge müssen ein dichtes Netz bilden, keinen Flickenteppich.


Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik, Diakonie Deutschland: Der Abbau von gesundheitlicher Ungleichheit ist ein wichtiges Ziel und ein wesentliches Kriterium für die Beurteilung von präventiven Maßnahmen. Präventive Maßnahmen, die in den diversen Handlungsfeldern zum Tragen kommen, können oftmals die soziale Ungleichheit nur etwas kompensieren. Aber auch dann lohnen sie sich.

Drei Aspekte müssen wir im Blick behalten, wenn wir das Ziel – gesundheitliche Ungleichheit abzubauen – verfolgen:

Erstens müssen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Wie groß die Bedeutung von Arbeit, Einkommen, Wohn- und Lebensbedingungen sind, wurde in der Corona-Epidemie eklatant deutlich. Deswegen ist Präventionspolitik unbedingt in eine übergreifende Politik der Verbesserung von Lebenslagen einzubetten.

Zweitens und drittens folgt aus dieser Erkenntnis: Einerseits müssen Prävention und Gesundheitsförderung die Mündigkeit der Menschen stärken, auch dann, wenn Expertinnen und Experten das Ergebnis des mündigen Handelns nicht angemessen finden. Andererseits ist eine Überforderung der Menschen zu vermeiden, wie sie in Zeiten der Selbstoptimierung leicht geschieht. Dabei wird das soziale Geflecht, in dem wir eingebunden sind, oftmals ausgeblendet.

Eine lebenslagenbezogene Prävention erfolgt im besten Fall in der Tradition der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung: Sie kann zum gemeinsamen Handeln aller Politikbereiche anregen und die Förderung von Gesundheit besser gestalten.


Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband: Im lebensweltbasierten Präventionsansatz liegen große Potenziale für die Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung, die konsequente Umsetzung in der Praxis ist jedoch mit Schwierigkeiten verbunden. Dies liegt nicht nur daran, dass die konsequente Umsetzung des Setting Ansatzes mit viel Einsatz und Arbeit verbunden ist. Viel schwerer wiegt der Umstand, dass es bislang immer noch an der Verankerung eines systematischen Ansatzes zur Sicherung und Förderung von Gesundheit mangelt. Bevölkerungsbezogene Gesundhaltung und insbesondere die Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen muss als eigenständiges Politikziel nicht nur benannt, sondern auch multisektoral und nachhaltig umgesetzt werden.

Prävention und Gesundheitsförderung alleine können sozial bedingte Ungleichheit und die ungleichen Gesundheitschancen, die daraus resultieren, jedoch nicht heilen. Gesundheit betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche und kann deshalb nur gesamtgesellschaftlich bewältigt werden. Wir wissen mittlerweile aus zahlreichen Studien, dass ökonomische Ungleichheit den sozialen Zusammenhalt schwächt und Gesellschaften auf vielen Ebenen schadet. Maßnahmen müssen also eine gerechtere Gesellschaft zum Ziel haben und deshalb auch die Verringerung der großen und wachsenden Ungleichheit von Einkommen, Bildungschancen, Arbeits- und Wohnqualität etc. einschließen.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit. Interview mit Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

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Brigitte Döcker | Seit 2010 Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes e.V. Die Diplom-Erziehungswissenschaftlerin ist vor allem für die Themen Gesundheit und Pflege, Migration und das Qualitätsmanagement zuständig. Das langjährige AWO-Mitglied Döcker war zuvor bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW)  sowie langjährig bei der AWO in Berlin tätig. Sie ist Mitglied im Präsidium des Deutschen Vereins sowie der Mitgliederversammlung und Vorsitzende der Sozialkommission I der BAGFW.

Die Arbeiterwohlfahrt wird bundesweit von über 312.000 Mitgliedern, 82.000 ehrenamtlich engagierten Helferinnen und Helfern sowie rund 237.000 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern getragen. Seit einem Jahrhundert kämpft sie für Gerechtigkeit und Solidarität, Vielfalt und Frauenrechte und macht sich stark für eine solidarische Gesellschaft, in der Menschen in Notlagen auf die Unterstützung der Gemeinschaft zählen können.

Eva M. Welskop-Deffaa | Seit 2017 Vorständin Sozial- und Fachpolitik des Deutschen Caritasverbandes e.V. Die Diplom-Volkswirtin war zuvor Leiterin der Abteilung Gleichstellung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (bis 2012) und 2013-2017 Mitglied im ver.di-Bundesvorstand, dort zuständig für Sozialpolitik, Arbeitsschutz und Migration. Eva M. Welskop-Deffaa ist Mitglied im Präsidialausschuss des Deutschen Vereins, im Aufsichtsrat der Aktion Mensch und Vorsitzende des Beirats der Stiftung Digitale Chancen.

Der Deutsche Caritasverband e.V. ist der Dachverband der organisierten Caritas und der größte Wohlfahrtsverband in Deutschland. Knapp 700.000 Menschen arbeiten bundesweit beruflich in den rund 25.000 Einrichtungen und Diensten. Mehrere hunderttausend Ehrenamtliche unterstützen dabei. Die Caritas ist weltweit in mehr als 200 Ländern vertreten. Hier macht sie sich stark für Solidarität und soziale Gerechtigkeit: gegen Diskriminierung, Gewalt und Armut.

Maria Loheide | Seit 2012 Vorständin Sozialpolitik der Diakonie Deutschland e.V. und verantwortet die Arbeit der sozialpolitischen Zentren. Maria Loheide nimmt Funktionen in den Netzwerkorganisationen, in denen die Diakonie mitarbeitet, wahr. Sie hat den Vorsitz der Sozialkommission II der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege inne und ist Vizepräsidentin des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge.

Die Diakonie Deutschland e.V.  ist die soziale Arbeit der evangelischen Kirchen. Bundesweit sind etwa 599.282 hauptamtliche Mitarbeitende in rund 31.600 ambulanten und stationären Diensten der Diakonie wie Pflegeheimen und Krankenhäusern, Beratungsstellen und Sozialstationen mit 1,18 Millionen Betten/Plätzen beschäftigt. Der evangelische Wohlfahrtsverband betreut und unterstützt jährlich mehr als zehn Million Menschen. Etwa 700.000 freiwillig Engagierte sind bundesweit in der Diakonie aktiv.

Prof. Dr. rer. pol. Rolf Rosenbrock | Seit 2012 ehrenamtlicher Vorsitzender des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband e.V. Seine Themen sind sozial bedingte Ungleichheiten von Gesundheitschancen, Präventionspolitik sowie Steuerung und Finanzierung der Krankenversorgung. Der Wirtschafts-, Sozial- und Gesundheitswissenschaftler betreibt seit den 70er Jahren Gesundheitsforschung und Politikberatung.

Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e.V.  ist Dachverband für über 10.000 rechtlich selbstständige Mitgliedsorganisationen, die in vielen Sozial- und Gesundheitsbereichen tätig sind. Mit seinen 15 Landesverbänden und mehr als 280 Kreisgeschäftsstellen unterstützt der Paritätische die Arbeit seiner Mitglieder.
Er repräsentiert und fördert seine Mitgliedsorganisationen in ihrer fachlichen Zielsetzung und ihren rechtlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Belangen. Durch verbandseigene Institutionen trägt er bei zur Erhaltung, Zusammenarbeit und Neugründung von Organisationen und Einrichtungen der Sozialarbeit.

Interview zum Weltgesundheitstag 2021 - Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit„Gesundheitliche Chancengleichheit ist unabhängig von Status, Herkunft und Geschlecht“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzt mit dem Motto „Building a fairer, healthier world“ zum diesjährigen Weltgesundheitstag am 7. April den Schwerpunkt auf gesundheitliche Chancengleichheit. Zum Weltgesundheitstag 2021 haben wir mit Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit, ein Interview geführt. Der Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit ist im Jahr 2003 von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gegründet worden. Heute gehören dem Verbund deutschlandweit 74 Organisationen an. Er verfolgt die Leitziele: Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit in Deutschland und Unterstützung der Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Gruppen.

Herr Bräunling, auf welche Erfolge des Kooperationsverbundes sind Sie besonders stolz?

Grundsätzlich erst einmal: Der Kooperationsverbund setzt sich dafür ein, dass jeder Mensch, unabhängig von Einkommen oder sozialem Status, die besten Möglichkeiten bekommen soll, um gesund zu sein und zu bleiben. Seit seiner Gründung vor knapp zwanzig Jahren konnte der Verbund wichtige Beiträge zum Strukturaufbau und zur Verbesserung der Qualität in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung leisten.

Nennen möchte ich den Good Practice-Ansatz zur Qualitätsentwicklung. Hier konnten zwölf allgemein anerkannte Kriterien für soziallagenbezogene Gesundheitsförderung entwickelt und bereits eine große Anzahl von Good Practice-Beispielen in allen Handlungsbereichen ausgezeichnet werden. Die Kriterien wie beispielsweise Zielgruppenbezug, niedrigschwellige Arbeitsweise, Vernetzung oder Qualitätsmanagement bedingen sich stets gegenseitig. Sie helfen, Maßnahmen besser zu planen und umsetzen zu können.

In allen Bundesländern wurden im Rahmen des Kooperationsverbundes Koordinierungsstellen Gesundheitliche Chancengleichheit (KGC) aufgebaut. Sie tragen wesentlich zur Koordination und Unterstützung von Aktivitäten zur soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung vor Ort, also in den Kommunen, Quartieren und Lebensräumen der Menschen, bei.

Und drittens: Im kommunalen Partnerprozess, der den Titel „Gesundheit für alle” trägt, entwickeln immer mehr Kommunen integrierte Strategien, sogenannte Präventionsketten, zur Förderung der Gesundheit und setzen diese vor Ort um.


Seit Beginn der Corona-Pandemie, die vor über einem Jahr auch Deutschland erreichte, sind die Herausforderungen größer geworden – oft wird von einer Verstärkung der sozialen Ungleichheiten durch COVID-19 gesprochen. Wie haben Sie Ihre Arbeit an die aktuelle Situation angepasst?

Gerade im ersten Lockdown sind viele kreative Ansätze entstanden, um mit der Pandemie und ihren Folgen umzugehen. Der Kooperationsverbund hat auf dem Austauschportal inforo die vielfältigen Aktivitäten sichtbar gemacht, die sich an Menschen in schwieriger sozialer Lage richteten. So konnte eine soziale Nähe trotz physischer Distanz hergestellt werden. Das hat sehr ermutigend gewirkt!

Mittlerweile liegt nun unser Augenmerk darauf, Forschungsergebnisse, die Auswirkungen der Pandemie insbesondere auf vulnerable Gruppen belegen, bekannt zu machen und in die Diskussion zu bringen.


Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft wagen. Wie könnte die Vision für das Motto „Building a fairer, healthier Germany“ erreicht werden, also eine Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit in Deutschland?

Der Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit teilt die Vision der WHO von einer solidarischen Gesellschaft, in der alle Menschen das Grundrecht auf ihren bestmöglichen Gesundheitsstatus genießen. Dieser ist unabhängig von sozialem Status, Herkunft, Alter und Geschlecht!

In einer solchen Gesellschaft wird die Förderung der Gesundheit und des Wohlergehens der Menschen nicht alleinige Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) sein. Es ist eine Aufgabe für alle Fachbereiche, die dann übergreifend zusammenarbeiten. Auch die Zivilgesellschaft wird stärker denn je mit einbezogen. Die prioritären Gesundheitsziele sind die Förderung des sozialen Zusammenhalts und die Beteiligung aller am Leben in der Gemeinschaft.

Grafische Darstellung der Lebenswelt "Quartier/Stadtteil"

Konkret sieht das so aus: Vielfältige Angebote und Initiativen unterstützen wohnortnah und koordinierende Netzwerke werden in allen Kommunen eine Selbstverständlichkeit. Vermittelnde Hilfen, die wir heute noch als wunderbare Pilotprojekte kennenlernen, beispielsweise die „Stadtteilmütter“ oder Gesundheitsfachkräfte in Lebenswelten, werden dann – in der Stadt ebenso wie in ländlichen Räumen – Regelangebote sein.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

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Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Gesundheitliche Chancengleichheit. Interview mit Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied des AWO Bundesverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorständin Sozial- und Fachpolitik Deutscher Caritasverband, Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik Diakonie Deutschland und Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband.

Prävention und Gesundheitsförderung – Schwerpunkt Health in All Policies. Interview mit Prof. Dr. Ilona Kickbusch.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten erfahren Sie hier.

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Stefan Bräunling | Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit, die bei Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. angesiedelt ist. Arbeitsschwerpunkte Gesundheitsförderung im Quartier, Gesundheitsförderung bei Erwerbslosen. Publikation: Böhm, K. et al. (Hrsg.): Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Konzept Health in All Policies und seine Umsetzung in Deutschland. Springer VS, 2020.; Dipl.-Psych. und MPH.

Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit | Gesundheitliche Chancengleichheit in Deutschland verbessern und die Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Gruppen unterstützen – das sind die Leitziele des bundesweiten Kooperationsverbundes. Dem von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) initiierten Verbund gehören 74 Organisationen an. Der Verbund fördert vorrangig die Qualitätsentwicklung in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung und die ressortübergreifende Zusammenarbeit.

Interview zum Weltgesundheitstag 2020 „Wir vergeuden vielfach das Potenzial der Pflegefachpersonen“

Im Mai 2019 beschloss die World Health Assembly, das Jahr 2020 als weltweites Jahr der Pflegekräfte und Hebammen, dem „International Year of the Nurses and the Midwives“ auszurufen, und auch den Weltgesundheitstag am 7. April, Gründungstag der Weltgesundheitsorganisation (WHO), diesen beiden Gesundheitsberufen zu widmen. Zu der ohnehin schon angespannten Situation in der Pflege ist durch die COVID-19-Pandemie eine neue, immense Herausforderung hinzugekommen.

Im Interview zum Weltgesundheitstag 2020: Dr. h.c. Franz Wagner, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe e.V. (DBfK), und Präsident des Deutschen Pflegerates e.V. (DPR).

Welches sind Ihre drei wichtigsten Botschaften für Deutschland am diesjährigen Weltgesundheitstag?

Das Motto des diesjährigen Weltgesundheitstages ist „Unterstützt Pflegefachpersonen und Hebammen“. Damit soll der Beitrag dieser beiden Berufsgruppen zur Gesundheit und Lebensqualität unterstrichen werden. Gerade aktuell werden insbesondere die Pflegeberufe zu den „systemkritischen“ Berufen gezählt. Ich würde mir wünschen, dass das nicht nur bei einer Pandemie so eingeschätzt wird.

Für Deutschland bedeutet das Motto des Weltgesundheitstages 2020 Folgendes:

Unterstützt die Pflegefachpersonen und die Hebammen, indem ihr
1. ihre Kompetenzen sich uneingeschränkt entfalten lasst,
2. ihnen gute Arbeitsbedingungen gebt, sie entsprechend auch materiell honoriert und
3. sie gut ausgebildet – und zwar an Hochschulen.


Wo sind wir in Deutschland auf einem guten Weg? 

Das Bild hierzu ist gemischt. Bei den Hebammen ist es aus meiner Sicht in einigen Bereichen besser als in der Pflege. Für Hebammen wird – in Umsetzung der Berufsanerkennungsrichtlinie der EU – die Ausbildung komplett an Hochschulen verlagert. Die Gesetzgebung dazu ist gut gelungen – und es gab auch nicht genügend Opposition, um diese Entwicklung aufzuhalten. Ganz anders bei den Pflegefachpersonen. Dazu herrscht in vielen Köpfen ein noch völlig undifferenziertes Bild vor von Pflege als freundliche Unterstützung vor allem bei den Alltagsaktivitäten wie Körperpflege oder eine Tätigkeit auf der Basis ärztlicher Anweisungen. Warum dazu ein Studium erforderlich sein soll, erschließt sich vielen Entscheidungsträgern nicht. Und dazu kommt noch die riesige Zahl von Menschen, die in einem Pflegeberuf arbeiten. Jegliche Veränderung multipliziert sich vielfach und sorgt dann für Kosten, die man nicht zu tragen bereit ist.

Dass es in der Pflege durchaus unterschiedliche Qualifikationsniveaus gibt und noch mehr geben muss, wird verkannt. So wird „pflegen kann doch jeder“ zum politisch nicht korrekten, aber doch verbreiteten Meinungsbild. Es reflektiert auch die stereotype Geringschätzung gegenüber einem klassischen Frauenberuf.

Wir vergeuden vielfach das Potenzial der Pflegefachpersonen in Deutschland. Pflegefachpersonen können viel mehr als unser System ihnen zutraut und erlaubt. Bürokratische und regulatorische Hürden schränken den Nutzen pflegerischer Fachkompetenzen für Patientinnen und Patienten, Pflegebedürftige, aber auch gesunde Menschen ein.

Zudem werden Pflegende werden nicht wertgeschätzt, wenn es um ihre Arbeitsbedingungen geht. Das beginnt bei der Organisation pflegerischer Arbeit: Zum Beispiel sind Dienstpläne oft nicht zuverlässig, und endet bei der unterdurchschnittlichen Vergütung, die in keiner Weise den Anforderungen entspricht.


Was können wir in Deutschland von anderen Ländern in puncto Anerkennung und Wertschätzung dieser beiden Gesundheitsberufe lernen?

Andere Länder – wie zum Beispiel unsere Nachbarn im Norden oder die Niederlande – sind viel besser darin, Pflegefachpersonen in der Gesundheitsversorgung einzusetzen. Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“ ist dort selbstverständlich. Damit ist gemeint, dass die pflegerische Perspektive gleichwertig neben der medizinischen, psychologischen oder sozialarbeiterischen Perspektive steht und berücksichtigt wird. Pflegefachpersonen können dort viel autonomer in ihrem Kompetenzbereich arbeiten und teilen sich Kompetenzen und Zuständigkeiten mit anderen situativ. Dort erfolgt die Qualifizierung seit vielen Jahren über ein Studium, was die Zusammenarbeit der Gesundheitsprofessionen deutlich verbessert.

Zudem werden den Pflegefachpersonen Arbeitsbedingungen geboten, die ihnen Raum für den Einsatz ihrer Kompetenzen geben – was zugleich die Berufszufriedenheit fördert. Auch das Ansehen ist anders als bei uns. Bei uns gelten Pflegefachpersonen als besonders vertrauenswürdig. Da belegen wir seit vielen Jahren einen Spitzenplatz unter den Top 3. Aber in anderen Ländern werden Pflegefachpersonen auch als hochspezialisierte Expertinnen und Experten gesehen.


Welche Bedeutung haben „Prävention und Gesundheitsförderung“ bei diesen beiden Gesundheitsberufen?

Gerade bei diesen beiden Berufsgruppen liegt ein großes Potenzial für Prävention und Gesundheitsförderung. Denn sie kommen dem Alltagsleben der betreuten Menschen sehr nahe und erhalten dadurch Einblicke in das tägliche Verhalten und können dabei Risiken, aber auch Potenziale für gesundheitsförderndes Verhalten identifizieren und entsprechende Angebote machen.  

Aber auch die Hebammen und die Pflegefachpersonen selbst sind wichtige Adressaten für Gesundheitsförderung und Prävention. Denn gerade in der Pflege gibt es ein überdurchschnittlich hohes Auftreten von berufsbedingten Gesundheitsstörungen und Erkrankungen. Das Bewusstsein für eigenes gesundheitsbewusstes Verhalten zu fördern, muss schon in der Ausbildung beginnen und sich am Arbeitsplatz fortsetzen.


Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Funke, Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V.

Auf dem 9. gemeinsamen Präventionskongress des Bundesministeriums für Gesundheit und der BVPG „Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege“ hat Dr. h.c. Franz Wagner zum Thema „Prävention und Gesundheitsförderung in Pflegeeinrichtungen aus der Sicht der Pflegeberufe“ referiert.

Lesen Sie dazu auch:

Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege – Interview mit Prof. Dr. Corinna Petersen-Ewert, Professorin für Gesundheits- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Betriebliche Gesundheitsförderung in der Pflege – Interview mit Prof. Dr. Gudrun Faller, Professorin für Kommunikation und Intervention im Kontext von Gesundheit und Arbeit und Prof. Dr. Tanja Segmüller, Professorin für Alterswissenschaft; beide Hochschule für Gesundheit – hsg Bochum.

Mehr zu Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege erfahren Sie hier.

Hier erhalten Sie weitere Informationen zum Weltgesundheitstag.

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Dr. h.c. Franz Wagner | Bundesgeschäftsführer des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe e.V. (DBfK); Präsident des Deutschen Pflegerates e.V. (DPR); langjährige Erfahrung in nationalen und internationalen Gremien zu Gesundheit und Pflege Arbeitsschwerpunkte: Pflegepolitik, Pflegebildung, Internationale Aspekte von Pflege und Gesundheit; Pflegefachmann.  

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe e.V. (DBfK) ist die berufliche Interessenvertretung der Gesundheits- und Krankenpflege, der Altenpflege und der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege. Der DBfK ist deutsches Mitglied im International Council of Nurses (ICN) und Gründungsmitglied des Deutschen Pflegerates (DPR).

Der Deutsche Pflegerat e.V. (DPR) wurde 1998 gegründet, um die Positionen der Pflegeorganisationen einheitlich darzustellen und deren politische Arbeit zu koordinieren. Als Bundesarbeitsgemeinschaft des Pflege- und Hebammenwesens und Partner der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen vertritt der Zusammenschluss aus 15 Verbänden heute die Interessen von insgesamt 1,2 Millionen Beschäftigten der Pflege.